Tagesschau berichtete vor 40 Jahren über "gefährliche Rollbretter"
Skateboard-Pionier Titus Dittmann im Interview

Münster -

Ein kurioser Tagesschau-Beitrag wird 40 Jahre alt. Damals warnte ein Sprecher das Fernsehpublikum vor dem Umgang mit „gefährlichen Rollbrettern“. Kaum vorstellbar, ist das Skateboardfahren doch mittlerweile längst gesellschaftlich voll etabliert. Redaktionsmitglied Mirko Heuping sprach mit Skateboard-Pionier Titus Dittmann über die Anfänge und die Entwicklung des Sports in Münster.

Dienstag, 09.05.2017, 11:33 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 09.05.2017, 11:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 09.05.2017, 11:33 Uhr
Titus Dittmann hat die Leitung seines Unternehmens mittlerweile an seinen Sohn übertragen. Dadurch hat der 68-Jährige mehr Zeit für die Stiftung Skate-Aid und seine Dozententätigkeit.
Titus Dittmann hat die Leitung seines Unternehmens mittlerweile an seinen Sohn übertragen. Dadurch hat der 68-Jährige mehr Zeit für die Stiftung Skate-Aid und seine Dozententätigkeit. Foto: Cengiz Sentürk

Du gilst als Vater der deutschen Skateboard-Szene. Wie stehst Du dazu?

Titus Dittmann: Ich fühle mich natürlich geschmeichelt und inzwischen erdulde ich solche Titel auch. Was den Wahrheitsgrad angeht ist das so eine Sache. Wenn die Leute sagen „Er hat das Skateboard nach Deutschland geholt“, dann stimmt das natürlich nicht. Es war schon länger überall auf der Welt vorhanden. Ich habe mich um das Skaten in Deutschland gekümmert, da bin ich auch stolz drauf. Aber das andere ist Populismus, mit dem ich leben kann.

Wie und wo war Deine erste Begegnung mit Skateboards?

Titus Dittmann: Das war am Aasee-Hügel am Zoo. Dort habe ich damals die ersten Skateboarder gesehen. Als angehender Sportlehrer bin ich natürlich mit pädagogischen Antennen durch die Gegend gelaufen. Mit dieser Sensibilität habe ich gespürt, dass irgendwas komplett anders ist. Da brannten Herzen, die Jugendlichen konnten gar nicht genug von diesen Skateboards bekommen. Es war einfach eine unglaublich positive Energie darin. Deswegen habe ich mir ein Skateboard geliehen, es ausprobiert und die Faszination gespürt. Es stand plötzlich nicht „höher, schneller, weiter“ im Vordergrund, sondern der Kampf mit sich selbst. Es ging darum, eigene Ziele selbstbestimmt zu erreichen.

Zur selben Zeit warnte ein Tagesschau-Beitrag vor den Gefahren des Skateboard-Fahrens . . .

Titus Dittmann: Das war ein Grund, warum ich anfangs negativ gegenüber Skateboarding eingestellt war. Die Journalisten haben das Thema aus Sicht der Erwachsenen betrachtet und diese Jugendkultur nicht verstanden. Da ich damals im letzten Studiensemester auf die 30 Jahre zuging, hatte ich zunächst dieselbe Denke. Dann hatte ich das Erlebnis am Aasee-Hügel und die ganzen Vorurteile waren innerhalb von wenigen Sekunden weg. Das war eine große Erfahrung für mich, die mein Leben sehr geprägt hat. Seitdem habe ich Normen immer hinterfragt und daran gekratzt.

Wie ist aus der Skateboard-AG am Hittorf-Gymnasium die Marke „Titus“ geworden?

Titus Dittmann: Eigentlich habe ich nichts in die Richtung geplant, ganz im Gegenteil. Ich hab 1968 Abitur gemacht und war von dem Zeitgeist geprägt. Unternehmertum war damals das schlimmste, worüber man auch nur nachdenken konnte. Diese Vorurteile gegen Unternehmer hatte ich voll übernommen. Am Hittorf-Gymnasium ging es in der Schülersportgemeinschaft dann vorrangig um den Spaß. Als der erste Skateboard-Boom komplett vorbei war, waren wir die letzten Mohikaner dieser Republik, die überhaupt noch Lust darauf hatten. Deswegen kann man das als Urzelle hier in Münster bezeichnen. Und da der Bedarf groß war, bin ich in die USA gereist, habe Skateboards und Ersatzteilte mitgebracht und diese den Schülern zum gleichen Geld verkauft. Da das natürlich die Hammerpreise waren, hat sich das schnell rumgesprochen. Plötzlich war es nicht nur die Schülergruppe, die Interesse hatte. Es kamen Anfragen von der Schule, dann von halb Münster und schließlich von den übrig gebliebenen Skateboarder aus Deutschland. Die Situation war supergünstig für mich, weil ich einen Markt abgedeckt habe, der ganz, ganz klein war. Deswegen hatte ich fast 100 Prozent des Marktes. Als das dann irgendwann größer wurde, haben die Mitbewerber das erst gar nicht bemerkt, weil alle Interessenten zuerst zu mir gekommen sind. Dadurch hatte ich irgendwann so einen Vorsprung, dass ich professionell reagiert habe und meinen Job als Oberstudienrat aufgegeben habe.

In den 1980er-Jahren ist auf Ihr Betreiben das Münster Monster Mastership entstanden, die spätere Skateboard-Weltmeisterschaft. Wie stolz sind Sie darauf?

Titus Dittmann: Ich bin unglaublich stolz darauf, dass Münster eineinhalb bis zwei Jahrzehnte der Nabel der Skateboard-Welt war. Nach 2005 war das dann vorbei, weil wir aufgrund der Fußball-WM keine Sponsoren mehr gefunden haben. Leider war es der Stadt Münster keinen einzigen Euro wert, die Weltmeisterschaft in Münster zu halten. Ich persönlich befand mich zum selben Zeitpunkt in einer tiefen geschäftlichen Krise mit Millionen-Verlusten. Man kann also sagen, dass bei uns weiter die Bereitschaft, aber kein Geld da war, während die Stadt das Geld hatte, aber nicht die Bereitschaft, es in dieses Projekt zu stecken. Deswegen gibt es heute in Deutschland keine Skateboard-WM mehr.

Im nächsten Jahr wirst du 70 Jahre alt. Wie oft stehst du eigentlich selbst noch auf dem Board?

Ich stehe fast jedes Wochenende auf dem Board, vorausgesetzt es meimelt nicht gerade in Strömen oder ich bin auf wichtiger Mission. Dann benutze ich es, um in Handorf zum Bäcker zu fahren und die Brötchen zu holen. Mein Lieblingstrick ist übrigens, auf dem Rückweg keine Brötchen zu verlieren - und das klappt auch ganz gut. Aber nicht immer: Mit ist es auch schon passiert, dass ein kleines Steinchen da lag und ich mit meinen 68 Jahren noch auf der Nase gelandet bin. Zur Freude aller, die es gesehen haben. Doch man lernt in keinem anderen Sport so gut wieder aufzustehen und es erneut zu probieren.

Welchen gesellschaftlichen Stellenwert hat das Skaten heute?

Titus Dittmann: Der Stellenwert des Skateboardens hat - auch wenn das vielleicht in der Wahrnehmung der erwachsenen Nicht-Skateboarder anders aussieht - über die letzten 40 Jahre kontinuierlich zugenommen. Aus einer Jugendkultur ist Mainstream geworden. Dadurch wird immer weniger über das Skateboarden berichtet. In der subjektiven Wahrnehmung vieler Leute hat es daher in den 80ern eine größere Rolle gespielt. Das stimmt aber nicht. Es ist nur nicht mehr so etwa Perverses, Exotisches und Abgefahrenes, was kaum einer versteht.

Mit Deiner Stiftung Skate-Aid nutzt Du das Skateboard als Integrationsmittel. Was ist die Idee dahinter?

Die Idee bei Skate-Aid ist es, Kinder stark zu machen. Das ist eigentlich die wichtigste Aufgabe einer Gesellschaft. Je stärker wir die Kinder machen, desto mehr Zukunft haben wir. In der heutigen Zeit stürzen sich alle auf die Kinder und wollen ihnen erzählen, wie das Leben funktioniert und ihnen ihr Wertesystem vermitteln: Schule, Eltern, Erwachsene. Diese Fremdeinflüsse sind in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker geworden. Dadurch haben die Kinder heute kaum noch Langeweile. Dabei ist das die Grundvoraussetzung, um Kreativität zu entwickeln. Und das ist das Starke am Skateboarden: Es ist so selbstbestimmt, wodurch sich die Persönlichkeit gerade in der Pubertät erheblich schneller entwickeln kann.

Vor 40 Jahren gab es die Warnung vor den Rollbrettern. Wo siehst Du das Skateboarden noch einmal 40 Jahre weiter?

40 Jahre in die Zukunft blicken ist für mich wie in eine Glaskugel zu gucken. Das widerspricht meinem Naturell und meinem Wertesystem.  Aber ich habe keine Angst vor der Zukunft. Ich habe mich daran gewöhnt, dass es da keine Sicherheit gibt. Der Kölner hat dem Münsteraner da etwas voraus: Ett kütt wie et kütt.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4821244?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F
War ein Flugmanöver der Auslöser für Suchaktion nach Flugobjekt?
Ralf Kötter – hier bei einem Flug über Epe – ist ein erfahrener Paraglider. Was am Sonntag geschehen ist, darüber kann aber auch er nur Vermutungen anstellen.
Nachrichten-Ticker