Erstes Wochenende der Skulptur-Projekte
Zwischen Party und Magie

Münster -

Ganz allein sein mit sich und den Skulptur-Projekten? Solche Momente sind an diesem kulturberauschten Wochenende sehr selten, aber es gibt sie.

Sonntag, 11.06.2017, 18:06 Uhr

Massenhaft strömten die Menschen am Wochenende zum Stadthafen, um auf dem Kunstwerk „On Water“ durch das Wasser zu schreiten.
Massenhaft strömten die Menschen am Wochenende zum Stadthafen, um auf dem Kunstwerk „On Water“ durch das Wasser zu schreiten. Foto: hpe

Mathilde und Christiane Närmann erleben die Magie der Ruhe am Sonntagmorgen im Sternpark, der zwischen Berg Fidel und der Bahntrasse liegt. Die beiden Schwestern bestaunen ein hochglanzpoliertes Haus-Skelett aus Edelstahl, das der Künstler Hreinn Fridfinnsson inmitten einer verwilderter Wiese installiert hat. „Es ist schön, wenn man das Kunstwerk erst suchen muss“, hat der abgelegenen Standort für die Frauen einen besonderen Charme.

Skulturprojekte offiziell eröffnet

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  • Foto: Oliver Werner
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  • Foto: Helmut P. Etzkorn
  • Foto: Oliver Werner
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  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
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  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
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  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner
  • Volles Haus im Landesmuseum bei der Eröffnung der Skulpturprojekte. Foto: Oliver Werner

Das heißt aber nicht, dass Mathilde und Christiane Närmann, die eine aus Münster, die andere aus Neukirchen-Vluyn, dem Trubel aus dem Weg gehen. Sechs Projekte haben sie sich für Sonntag vorgenommen, neun haben sie bereits am Samstag „abgearbeitet“.

Vielleicht sind sie dabei auch auf Thea Wulfert gestoßen, die am Samstagnachmittag auf dem Vorplatz des Erbdrostenhofes für die Aufsicht zuständig ist. Immer wieder muss die Architekturstudentin dafür sorgen, dass nicht zu viele Fahrräder auf dem Platz abgestellt werden. Immer wieder muss sie Kinder davon abhalten, auf der Skulptur von Nairy Baghramian herumzuklettern. „Ja, hier ist richtig was los“, freut sich Wulfert gleichwohl über großes Interesse, lebhafte Gespräche und Anfragen, oft auch in englischer Sprache.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Etwa zu dieser Zeit findet die offizielle Eröffnung im LWL-Museum am Domplatz statt. Der Andrang ist so groß, dass der Platz im Foyer nicht reicht. Hunderte Zuschauer erleben die Eröffnungsreden draußen beim Public Viewing, was bei allen Nachteilen auch einen gravierenden Vorteil hat: Die Luft ist hier nicht so stickig.

Auch draußen vor der Tür brandet Applaus auf, als Kasper König , der „Vater“ der Skulptur-Projekte , seinen langjährigen Weggefährten Prof. Klaus Bußmann begrüßt.

Kommentar: Erst schauen – dann jubeln

Vordergründig kann man die Skulptur-Projekte 2017 bereits jetzt zum Erfolg erklären. Die Stadt ist voll, die Münsteraner sind wie berauscht von den kunstsinnigen Massen, die zu den Kunstwerken strömen.

Aber stopp! Die Skulptur-Projekte sind nicht einfach eine spektakuläre Ausstellung, sondern eine seit 40 Jahren währende Langzeitstudie zur Kunst im öffentliche Raum. Die ausgestellten Werke sind somit nicht zu trennen von ihrer Umgebung und ihrer Wirkung. Kollektive Abneigung ist dabei ebenso kontraproduktiv wie unreflektierte Euphorie.

Es ist ein Unterschied, ob man begeistert ist, weil man so viele begeisterte Menschen trifft – oder ob einen die Kunst begeistert. Die Skulptur-Projekte gehen bis zum 1. Oktober. Bis dahin ist viel Zeit, um Lob (oder Tadel) auch begründen zu können. Diese Mühe ist man den Künstlern schuldig.

Klaus Baumeister

...

Um 17.58 Uhr soll dann der feierliche Moment kommen. Die Moderatorin Frauke Burgdorff bittet König, die Ausstellung zu eröffnen. Der wiegelt ab: „Nein, das machen wir am Hawerkamp“, verweist er auf die Party, die abends auf dem alternativen Kulturgelände starten soll.

Das ist im Sinne der Kuratorin Britta Peters, für die der Beginn der Ausstellung wie eine Erleichterung wirkt, weil „wir jetzt nicht mehr so viel darüber reden müssen“.

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