Nachruhm für Frau Westermann
Kurioses Handorfer Verbotsschild geistert durchs Internet

Münster-Handorf -

Münster ist vermutlich die einzige Stadt, in der man berühmt werden kann, wenn man nur ungern vom Fahrrad steigt. Klara Westermann (1908-2004), die langjährige Küsterin an St. Petronilla in Handorf, hat das Kunststück jedenfalls fertiggebracht: Sie wurde posthum prominent, zum Internetphänomen und zur Stilikone.

Freitag, 28.07.2017, 11:38 Uhr

Münsters einziges Verbotsschild, das zugleich eine Gedenktafel ist: Neben der St.-Petronilla-Kirche gilt immer noch die Ausnahmeregelung für die längst verstorbene Küsterin Klara Westermann. In den Medien trifft die Geschichte auf große Resonanz.
Münsters einziges Verbotsschild, das zugleich eine Gedenktafel ist: Neben der St.-Petronilla-Kirche gilt immer noch die Ausnahmeregelung für die längst verstorbene Küsterin Klara Westermann. In den Medien trifft die Geschichte auf große Resonanz. Foto: Oliver Werner

„Frau Westermann hat’s geschafft“, „Keiner hat‘s geschafft, aber Frau Westermann“, „Je suis Frau Westermann“, „Frau Westermann like a Boss“, „Wir sind alle Frau Westermann!“ – das sind nur ein paar der Kommentare auf Twitter, reddit, huffduffer, drlima oder ­article.zip.

Anlass ist ein kleines Blechschild, das seit Jahren neben der St.-Petronilla-Kirche hängt: „Radfahrer absteigen! ausgen. Frau Westermann“, steht da in roter Schrift auf weißem Grund. Irgendjemand hat das Schild vor Kurzem fotografiert und ins Internet gestellt. Und seitdem geht’s ab. Für die Verbreitung dieser Botschaft sorgt zudem seit über einem Jahr Ruppe Koselleck. Der münsterische Künstler hat das Schild in seine Serie „Fundstücke“ einverleibt und verbreitet das Motiv über Postkarten und Aufkleber – im Skulptur-Projekte-Jahr besonders intensiv.

Die Aufmerksamkeit wurde noch einmal größer, weil zuletzt auch das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ die blecherne Ausnahmeregelung entdeckt hat – über die auch in unserer Zeitung schon mehrfach berichtet wurde. Die Inschrift ist jedem Handorfer bekannt und springt jedem Handorf-Besucher sofort ins Auge. Seit 1991.

Die tollkühnste Radfahrerin

Damals wurde die selbstbewusste Frau Westermann an ihrem 83. Geburtstag mit der Enthüllung des Schildes überrascht. Der schmale Durchgang zwischen Kirche und Pfarrhaus sollte für tollkühne Radfahrer gesperrt werden – aber es war klar, dass die tollkühnste Radfahrerin, Frau Westermann nämlich, sich niemals an das Verbot halten würde. Das Schild ist also beides: Eine ernst gemeinte Warnung – und eine witzig-respektvolle Verbeugung vor der patenten Küsterin, der man nichts vorschreiben wollte, weil sie sich sowieso nichts vorschreiben ließ. Neun Jahre lang durfte Klara Westermann ihr Privileg genießen, dann erst musste sie aus Altersgründen auf die Leeze verzichten.

Medienbericht über Frau Westermann

Medienbericht über Frau Westermann Foto: Lukas Speckmann

Jürgen Streuer, der Pfarrer von St. Petronilla, beobachtet immer wieder, wie sich Spaziergänger über das Schild wundern oder Einheimische ihre Gästen die Sehenswürdigkeit zeigen. Ab und zu werden auch Nichtabsteiger bei der Durchfahrt ertappt – die geben sich lächelnd als Frau Westermann aus. Und wenn die Gemeinde mal zur Fahrradfahrt in Richtung Boniburger Wald einlädt? „Dann sind wir eben alle Frau Westermann!“, sagt der Pfarrer.

Münsters Fahrrad-ABC: Von A wie Ampel bis Z wie Zeit

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  • Alle Jahre wieder, zum Start des Wintersemesters, ist die Zeit der Frischlinge auf den Radwegen. Mit den neuen Studentinnen und Studenten erobern Tausende Neumünsteraner für sich die deutsche Fahrradhauptstadt. Für viele eine mitunter abenteuerliche Begleiterfahrung des Studienstarts. Hier für die Anfänger auf den Radwegen und alle Leezenliebhaber ein kleines Alphabet des Radverkehrs in Münster von unserer Redakteurin Karin Völker.

    Foto: dpa
  • A wie Ampel: Unbedingt beachten! Ampeln haben in Münster für Fahrradfahrer nicht bloß Empfehlungscharakter. Bei Rot also besser stehenbleiben. Erstens, weil alles andere gefährlich sein kann. Zweitens, weil als Strafe ein Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei und 100 Euro Strafe drohen. Sehr empfindlich fürs studentische Portemonnaie.

    Foto: Colourbox.de
  • B wie Bürgersteig: Er ist in Münster den Fußgängern vorbehalten. Es gibt ja auch meistens Radwege.

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  • C wie cholerische Anfälle: Sie sind trotz des hier verbreiteten gemäßigten westfälischen Temperaments bei diversen Verkehrsteilnehmern bisweilen zu beobachten. Gilt das Geschimpfe einem selbst, am besten die Ruhe bewahren.

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  • D wie Diskussionen: Sollte man als Fahrradfahrer besser mit anderen Verkehrsteilnehmern nicht anfangen, erst recht nicht mit Polizisten. Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Verkehrsregeln sind zwecklos.

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  • E wie E-Bike: Das Fahrrad mit Batterieverstärkung ist auf Münsters Radwegen schwer im Kommen. Vorsicht vor dem beachtlichen Tempo – wenn sportliche junge Menschen von älteren Herrschaften überholt werden, ist oft ein Akku im Spiel.

    Foto: Oliver Werner
  • F wie Fußgänger: Sie verdienen Rücksicht und Freundlichkeit – auch wenn es mitunter erscheint, die Fußgänger liefen prinzipiell auf Radwegen.

    Foto: Colourbox.de
  • G wie Geschwindigkeit: Tempo 30 in Wohngebieten gilt auch für Radler!

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  • H wie Hamburger Tunnel: Er ist während des Bahnhofsumbaus zentrale Verkehrsachse von und zum Gleis und Ort der friedlichen Koexistenz zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern.  Skeptiker staunen: Es funktioniert.

    Foto: Matthias Ahlke
  • I wie Irren: Es ist menschlich und kommt bei allen Verkehrsteilnehmern vor. Auch wenn das Fahrrad bewegungsfördernder und umweltfreundlicher ist als das Auto: Auch Autofahrer haben im Verkehr manchmal Recht.

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  • J wie Jugend: Das Radfahren in Münster ist keineswegs nur ihr Privileg. In Münster strampeln  auch viele über 80-Jährige noch durch die Stadt. Fahrradfahren ist hier eine generationsübergreifende Angelegenheit – mit vielen Geschwindigkeiten.

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  • K wie Klauen: Der Fahrradklau ist in Münster ein verbreitetes Übel, das die Stadt in der Kriminalitätsstatistik regelmäßig schlecht aussehen lässt. Ein wenig helfen solide Schlösser.

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  • L wie Ludgerikreisel: Für viele Radler ein neuralgischer Punkt. Die Polizei empfiehlt: beherzt auf der Mitte der Spur fahren. Autos kommen meistens auch nicht schneller vorwärts als Radler.

    Foto: Oliver Werner
  • M wie Meimel: Ein münsterischer Ausdruck für Regen – und zwar dessen langanhaltende Form, und damit einer der natürlichen Feinde des Fahrradfahrers. Trotz häufiger Meimelgefahr lässt man sich in Münster nicht so leicht aus dem Sattel vertreiben. Viele auch nicht durch Schnee und Frost: Es gibt hier extra Streufahrzeuge für die Radwege.

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  • N wie Nase: Sie hat der Radfahrer immer im Wind. Nicht ausgeschlossen, dass im Winter dabei mal eine Erkältung rauskommt. Aber was gibt es Schöneres, als im Frühling unter den blühenden Silberlinden auf der Promenade herzuradeln? 

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  • O wie Ordnungshüter: Die Kräfte von Stadt und Polizei schenken dem Radverkehr sehr viel Aufmerksamkeit, besonders zu Semesterbeginn. 

    Foto: Klaus Wiedau
  • P wie Parken: In Münster bisweilen auch für Fahrradfahrer nicht unproblematisch. Merke: Bürgersteige  gehören nicht zugestellt und immer merken, wo das Rad steht. Es soll Studenten geben, die ihre Leezen semesterlang gesucht haben.

    Foto: Colourbox.de
  • Q wie Quälerei: Kommt sogar im Fahrradparadies Münster vor – vor allem immer dann, wenn man Pannen hat.  Zum Glück gibt es an fast jeder Ecke einen Fahrradladen, der helfen kann.

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  • R wie Rücklicht: Sollte unbedingt ebenso wie das Vorderlicht funktionieren. Wenn man nicht selbst kontrolliert, ob es brennt – die Polizei tut es ohnehin und verteilt gegebenenfalls Knöllchen.

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  • S wie Stau: Gibt es in Münster, speziell während der Semesterzeiten auch auf Radwegen. Hier hilft nur Geduld.

    Foto: Colourbox.de
  • T wie Trunkenheit: Auch wer sich noch mit 1,6 Promille Alkohol im Blut für fahrtüchtig hält: Lieber das Rad schieben! Denn auch Fahrradfahrer erwarten Alkoholkontrollen durch die hiesige Polizei. Kein Scherz: Im Extremfall werden Fahrradfahrverbote verhängt.

    Foto: Colourbox.de
  • U wie Unfälle: Sie passieren leider – trotz vieler Maßnahmen der Verkehrsplaner und Polizei immer noch zu häufig. Ein Helm kann manchmal das Schlimmste verhindern. 

    Foto: Colourbox.de
  • V wie Vorsicht: Auch defensive Radfahrer kommen ans Ziel, mitunter sogar schneller als die Draufgänger.

    Foto: Colourbox.de
  • W wie Waschanlage: Luxus, wenn man seinem Drahtesel mal was Gutes will. Gibt es tatsächlich speziell für Fahrräder – im Fahrradparkhaus am Bahnhof.

    Foto: Presseamt/Joachim Busch
  • X&Y sind die Unbekannten und stehen für das Unerwartete beim Radfahren – zum Glück ist das nicht nur der plötzliche Plattfuß. Es gibt auch den Flirt beim Warten an der roten Fahrradampel. . .

    Foto: Colourbox.de
  • Z wie Zeit: Wer in Münster Rad fährt, spart meistens kostbare Minuten. Faustregel: Je näher man sich im Stadtkern bewegt, desto größer die Zeitersparnis. Autofahrer kommen fast immer langsamer ans Ziel.

    Foto: Colourbox.de
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