Aufklärung nötiger denn je
„Meine Generation kennt keine Aidspanik mehr“

Münster -

Einerseits schützen sich so viele über 16-Jährige wie nie mit Kondomen vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Gleichzeitig steigt die Zahl der HIV-Infizierten in Deutschland und NRW. Wie passt das zusammen?

Montag, 31.07.2017, 14:37 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 28.07.2017, 12:13 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 31.07.2017, 14:37 Uhr
Aufklärung nötiger denn je : „Meine Generation kennt keine Aidspanik mehr“
Die Freiwilligen von Jugend gegen Aids gehen auf Festivals wie das Parookaville in Weeze und klären dort über Sex und alles, was damit zu tun hat, auf. Foto: Ben Hammer

Das „HIV-Schutzverhalten“ sei so hoch wie nie, schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. 91 Prozent der über 16-Jährigen würden immer, häufig oder gelegentlich Kondome benutzen. "Das ist der höchste Wert seit Beginn der Repräsentativbefragung ‚AIDS im öffentlichen Bewusstsein‘, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) seit 1988 in regelmäßigen Abständen durchführt.“ Damals habe der Wert bei 54 Prozent gelegen, im Jahr 2000 bei 79 Prozent, so die Behörde im Mai.

Gleichzeitig steigt seit Jahren die Zahl der HIV-Erstdiagnosen sowohl deutschlandweit wie auch in NRW. Zählte das Robert-Koch-Institut 2001 noch 314 positive Laborbefunde in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland, waren es 2015 mit 795 mehr als doppelt so viele.

Die steigende Zahl an HIV-Erstdiagnosen hat etwas mit Aufklärung zu tun.

Ärztin Monika Brosda

Spricht das für mehr Nachlässigkeit beim Thema „Safer Sex“? Ganz im Gegenteil, sagt Monika Brosda vom Gesundheitsamt der Stadt Münster. „Die steigende Zahl an HIV-Erstdiagnosen hat etwas mit Aufklärung zu tun“, so die Ärztin. Denn je mehr Menschen sich testen ließen, desto mehr Neudiagnosen gebe es. Die Botschaft „Bitte lasst euch testen“, dringt offenbar durch. Es gebe eine hohe Sensibilität gerade in Münster, so die Koordinatorin für Aids und andere sexuell übertragbare Krankheiten (STI) der Stadt.

Tausende wissen nichts von ihrer HIV-Infektion

„In der Tat bedeutet eine steigende Zahl von Diagnosen erstmal nur, dass mehr getestet wird, vermutlich aufgrund des wachsenden Bewusstseins, vielleicht auch aufgrund vieler Aufforderungen“, sagt die Pressesprecherin des Robert-Koch-Instituts, Susanne Glasmacher. In jedem Fall eine gute Entwicklung, denn je früher die Diagnose, desto früher kann die lebenslange und lebensverlängernde Therapie einsetzen und die Zahl des HI-Virus‘ im Körper so eindämmen, dass auch das Ansteckungsrisiko für andere sinkt. Wer sich behandeln lässt, kann mittlerweile mit einer beinahe normalen Lebenserwartung rechnen, schreibt die Deutsche Aids-Hilfe. Doch Tausende Deutsche wissen nichts von ihrer Infektion.

Und die Zahl steigt. Ebenso die Zahl der Menschen mit HIV. Ende 2015 lebten rund 84.700 Menschen in Deutschland mit der Immunschwächekrankheit, die im Schnitt erst nach zehn Jahren auffällige Symptome zeigt. Deshalb wissen 12.600 nichts davon - es sei denn, sie ließen sich testen. Schätzungsweise 3200 Neuinfizierte kommen jedes Jahr dazu. Die Zahl sei gegenüber den Vorjahren unverändert, so das Robert-Koch-Institut.

Dass die Zahl der Menschen steigt, die nichts von ihrer Infektion wissen, liegt daran, dass auch die Zahl die Menschen steigt, die überhaupt infiziert sind.

Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut

„Dass die Zahl der Menschen steigt, die nichts von ihrer Infektion wissen, liegt daran, dass auch die Zahl die Menschen steigt, die überhaupt infiziert sind“, sagt Pressesprecherin Susanne Glasmacher. Grund seien weniger Todesfälle aufgrund einer Aidserkrankung dank guter Behandlungsmöglichkeiten. 3200 Neuinfektionen stehen 460 Todesfälle im Jahr gegenüber.

Der Rückgang der HIV-Erstdiagnosen im Jahr 2016 um 7,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr spricht für den Erfolg der Therapien, sagt Monika Brosda. "Die Fachmeinung zum Rückgang der Diagnosen ist, dass immer mehr Menschen mit einer HIV-Infektion in Deutschland mittlerweile gut behandelt werden und das Virus so gut wie nicht mehr weitergeben können."

Testen lassen

Anonyme und kostenlose Beratung zu HIV und anderen STI kann jeder beim Gesundheitsamt in Münster nach Terminvereinbarung in Anspruch nehmen. Die Kosten für HIV-Tests übernimmt das Land NRW. Untersuchungen auf andere Geschlechtskrankheiten werden kostenpflichtig angeboten. Frauenärzte und Urologen führen diese Tests ebenfalls kostenpflichtig durch. Frauen bis 25 Jahre können sich einmal jährlich kostenlos auf Chlamydien untersuchen lassen.

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Daniel Nagel, Vorsitzender von Jugend gegen Aids, hat den Verein mitgegründet, weil er findet, dass Jugendliche in Deutschland nicht ausreichend aufgeklärt werden.

Daniel Nagel, Vorsitzender von Jugend gegen Aids, hat den Verein mitgegründet, weil er findet, dass Jugendliche in Deutschland nicht ausreichend aufgeklärt werden. Foto: Deniz Saylan

„Meine Generation kennt keine Aidspanik mehr“

Darin besteht aber auch die Notwendigkeit für mehr Aufklärung. Für viele scheint das Thema ganz weit weg, denn es ist in den vergangenen Jahren immer mehr aus den Medien und dem öffentlichen Raum verschwunden. „Meine Generation kennt keine Aidspanik mehr“, sagt Daniel Nagel von Jugend gegen Aids. Unter Verhütung verstünde die zwischen 13 und 24 Jahren alte Zielgruppe des Vereins heute Schwangerschaftsverhütung, nicht aber Verhütung von HIV, Syphilis, Hepatitis, Gonorrhö (Tripper) und Chlamydien.

"Der medizinische Fortschritt macht es notwendig, über andere STI und die Folgen der Aids-Therapie zu sprechen", so der Vereinsvorsitzende. Denn die Diagnose "HIV-positiv" bedeute zum einen, mit einem Stigma leben zu müssen. Zum anderen haben die Medikamente natürlich Nebenwirkungen. "Man altert zum Beispiel schneller. Aber so eine Entwicklung ist vermeidbar."

Er und seine 500 ehrenamtlichen Mitstreiter setzen sich bei Jugend gegen Aids ein, weil sie finden, dass Jugendliche in Deutschland nicht richtig über das Thema aufgeklärt werden. Obwohl seine Generation auf mehr Information und sexuelle Inhalte zugreifen kann als jede Generation zuvor, ist sie nicht klüger. Es überrascht ihn nicht. Denn „es ordnet keiner für einen ein, es fehlen Ansprechpartner“. In den Schulen gebe es keine und die Eltern würden denken, das Kind wisse ohnehin schon alles.

Am weitesten verbreitete Geschlechtskrankheit fast unbekannt

Doch dem ist nicht so, wie Zahlen belegen. Nur 14 Prozent der über 16-Jährigen in Deutschland kennt überhaupt Chlamydien - die am weitesten verbreitete Geschlechtskrankheit in der Gesamtbevölkerung. Sie verbreitet sich in Industrieländern seit Ende der 1990er Jahre. Die Bakterien können sowohl Männer als auch Frauen unfruchtbar machen. Sie sind besonders tückisch, denn sie verursachen häufig keine Beschwerden. Gemeldet werden muss eine Infektion nur in Sachsen. Syphilis und Gonorrhö (Tripper) zeigen dagegen oft akute Symptome wenige Tage oder Wochen nach Ansteckung. Immerhin fast die Hälfte der Deutschen über 16 Jahren kennt diese Krankheiten.

Sag ich es jetzt oder bin ich dann ein Spielverderber?

Daniel Nagel

Zu „geballtem Unwissen“ geselle sich Unsicherheit, so Daniel Nagel. Wer aber unsicher ist, traue sich auch nicht, für seine Gesundheit einzustehen und explizit über Sexualität zu reden. „Sag ich es jetzt oder bin ich dann ein Spielverderber?“, sei eine typische Frage gerade in der ersten Beziehung. „Die Leute finden keine Sprache.“

Der Umgang mit Sexualität muss natürlicher werden

Der Umgang mit dem Thema müsse natürlicher werden, sagt der Vorsitzende des Freiwilligennetzwerkes Jugend gegen Aids. Denn eigentlich sei Sexualität ein spaßiges, interessantes und vor allem aufregendes Thema, gerade für junge Leute, das nicht nur nur in die Arztpraxen gehöre, sondern überall dahin, wo Jugendliche und junge Erwachsene sind.Troztdem werde es auch im Jahr 2017 noch in der Schmuddelecke verortet.

Für einen entspannteren Umgang spricht sich auch Ärztin Monika Brosda aus. Niemand sollte aus Angst vor Ansteckung auf eine sexuelle Beziehung verzichten müssen. Immerhin ist Sexualität eine „zentrale Lebensäußerung“, wie das Robert-Koch-Institut schreibt. Doch das Thema sexuell übertragbarer Krankheiten einfach zu verdrängen und zu hoffen, dass nichts passiert, kommt immer noch viel zu häufig vor. „Wir müssen darüber reden, wie es dazu kommt, dass Menschen keine Kondome benutzen“, sagt Daniel Nagel.

Jugend gegen Aids auf Festivals: "Da geht es erstmal darum, dass die Leute Kondome in der Tasche haben", sagt Vereinsvorsitzender Daniel Nagel.

Jugend gegen Aids auf Festivals: "Da geht es erstmal darum, dass die Leute Kondome in der Tasche haben", sagt Vereinsvorsitzender Daniel Nagel. Foto: Ben Hammer

Gründe, kein Kondom zu benutzen

„Es gibt Tausende von Gründen“, weiß Monika Brosda aus den rund 2500 Beratungsgesprächen jedes Jahr in der Aids-Beratungsstelle in Münster. Es war gerade kein Kondom zur Hand, es war nicht gefühlsecht, man kennt und vertraut sich oder geht in eine feste Beziehung über. „Manchmal kann es auch sein, dass jemand nicht wusste, dass es Kondome in unterschiedlichen Größen gibt, so dass sie nicht platzen oder abrutschen.“ Allein die Information, Kondome zu benutzen, würde längst nicht reichen.

Das zeigen auch die seit 2010 deutlich steigenden Zahlen von Syphilis, ebenfalls eine meldungspflichtige Geschlechtskrankheit mit teils lebensbedrohlichen Folgen, wenn sie unbehandelt bleibt. Dem Robert-Koch-Institut zufolge hat sich die Zahl der Syphilis-Erkrankungen in NRW zwischen 2001 und 2016 vervierfacht (von 409 auf 1697). Damit lag NRW 2016 leicht über dem Bundesdurchschnitt. In der Stadt Münster hat sich die Zahl verzehnfacht von drei Diagnosen im Jahr 2001 auf 36 im Jahr 2016. 2012 und 2013 waren es sogar 52 und 54 Fälle. Insbesondere Großstädte sind betroffen. Von Entwarnung kann also keine Rede sein, weder bei HIV noch bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten.

STI mit besonderer Bedeutung in Deutschland

Folgende sexuell übertragbare Krankheiten haben in Deutschland dem Robert-Koch-Institut zufolge eine besondere Bedeutung: HIV-Infektionen/AIDS, Syphilis (Lues), Hepatitis-B-Infektionen, Infektionen durch Humane Papillom-viren (HPV), Chlamydien-Infektionen, Gonorrhö (Tripper), Herpes genitalis und Trichomoniasis. Neben großen Auswirkungen für die Gesellschaft (hohen Kosten wegen Arbeitsausfalls, für Diagnostik, Therapie, Prävention und Forschung) treten psychosoziale Begleiterscheinungen stärker als bei vielen anderen Infektionskrankheiten in Erscheinung. 

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