Verzweifelte Lage
Familien berichten von ihrer Wohnungssuche in Münster

Münster -

Familien haben es in Münster schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Die Wohnungsnot spitzt sich gerade für Familien zu. Zwei betroffene Paare erzählen von ihren Erfahrungen.

Sonntag, 24.12.2017, 11:00 Uhr
Zur Not mit Belohnung:In Großstädten wird die Wohnungssituation prekär – und macht manche Verzweifelte erfinderisch.
Zur Not mit Belohnung:In Großstädten wird die Wohnungssituation prekär – und macht manche Verzweifelte erfinderisch. Foto: imago

Erstes Beispiel: Kerstin und Sebastian Klute nehmen einen Besichtigungstermin wahr. Zum Verkauf steht ein in den 1950er Jahren gebautes Haus an einer Ausfallstraße in Münster mit beträchtlichem Verkehrsaufkommen. Das Haus befindet sich noch im Originalzustand, was charmant klingt, tatsächlich aber bedeutet, dass Heizungen, Rohre und Elektroleitungen mehr als 60 Jahre alt sind. Den Kaufpreis könnte man als ambitioniert bewerten – 430 000 Euro für einen akuten Sanierungsbedarf.

Zweites Beispiel: Christine und Sascha Döpke besichtigen eine Wohnung, die in Kürze vermietet werden soll. Dass sie sich noch auf dem Markt befindet, wundert das Paar schon nach wenigen Minuten nicht mehr. Winzige Räume, gruppiert um einen unbegreiflich ausladenden dunklen Flur – ganz gewiss nicht das Ergebnis einer Architekten-Sternstunde.

Vergebliche Wohnungssuche

Zwei Paare in Münster, stellvertretend vorgestellt und beispielhaft für Hunderte von Menschen, die derzeit vergeblich eine Wohnung in Münster suchen. Kerstin und Sebastian Klute erwarten demnächst ihr zweites Kind und suchen nach einer 4-Zimmer-Wohnung. Christine und Sascha Döpke möchten für ihre Tochter gern ein eigenes Zimmer einrichten – auf ihren 58 Quadratmetern Wohnfläche ist das kaum möglich. Ihr Wunsch ist eigentlich bescheiden: eine 3-Zimmer-Wohnung mit Wohnküche.

_q4b1021

Suchen eine 4-Zimmer-Wohnung: Kerstin und Sebastian Klute mit ihrem Sohn Jannik Foto: Wilfried Gerharz

Es gibt Menschen, die Noma Hajar vom Mieterschutzverein fragen, wie sie den Wohnungsmarkt in Münster einschätze. „Meinen Sie das ernst?“, fragt sie dann gelegentlich zurück. Der Markt sei wie in so vielen deutschen Großstädten so angespannt, dass Wohnraum für immer mehr Verdienstklassen nicht mehr bezahlbar sei.

Ihre Erfahrung: „Auf den Markt kommt alles, was ein Dach hat.“ Entsprechend häufig wenden sich Mieter an den Verein und zeigen ihnen Fotos von nicht beseitigtem Schimmel und schlecht schließenden Fenstern und oft genug auch Briefe der Vermieter mit der Ankündigung von Mieterhöhungen, die in ihrem Fall so gar nicht erlaubt sind.

Gravierende Formfehler

Das gilt beispielsweise bei bestehenden Mietverhältnissen. „Zurzeit darf die Miete maximal um 15 Prozent in einem Zeitraum von drei Jahren erhöht werden“, erklärt Jutta Pollmann. Die Geschäftsführerin des Mietervereins für Münster und Umgebung unter dem Dach des Deutschen Mieterbundes erhält immer wieder Briefe mit gravierenden Formfehlern, die Vermieter ihren Mietern geschickt haben.

Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.

Lukas 2,7

In Münster beispielsweise sind Immobilienbesitzer verpflichtet, bei einer Mieterhöhung die ortsübliche Vergleichsmiete aus dem qualifizierten Mietspiegel mitzuteilen. Der Mietspiegel ist „qualifiziert“, weil er nach wissenschaftlichen Kriterien ermittelt worden ist und ihm alle Beteiligten von der Stadt Münster über die Interessenverbände der Mieter und Vermieter bis zu Vertretern der Wohnungswirtschaft zugestimmt haben.

Eine Schere der Ungleichheit

Was vielen Beteiligten Sorgen macht, ist die Schere der Ungleichheit, die sich immer weiter öffnet. In Münster finden nicht nur Bürger mit einem geringen Einkommen keine Wohnungen mehr. „Betroffen ist längst auch die Mittelschicht“, stellt Noma Hajar immer häufiger fest.

Kerstin und Sebastian Klute und Sascha und Christine Döpke sind gute Beispiele für diese Entwicklung. Beide Familien verfügen über ein gutes Einkommen. „Es kann doch nicht sein, dass man nur arbeitet, um die Miete und die Kita zu bezahlen“, sagt Sascha Döpke. Kerstin Klute wiederum hat bisherige Wohnungen nach einem klaren Prinzip ausgesucht: „Die Miete muss so sein, dass sie auch mit einem einzigen Gehalt bezahlt werden kann.“

004

Suchen eine 3-Zimmer-Wohnung mit Wohnküche: Sascha und Christine Döpke mit Tochter Lina Foto: ash

Explodierende Neuvermietungskosten machen das für immer mehr Familien längst unmöglich. Kaltmieten von 1500 Euro für 4-Zimmer-Wohnungen: Welche Familie kann das bezahlen?

Ausweichen ins Umland

Bislang galt die Regel, dass ein Haushalt nicht mehr als 30 Prozent seines Einkommens für die Miete aufbringen soll. Dieser Wert ist in Großstädten nicht mehr realistisch. Die Berliner Humboldt-Universität hat kürzlich ermittelt, dass vier von zehn Haushalten mehr ausgeben müssen. 5,6 Millionen Haushalte mit etwa 8,6 Millionen Menschen seien betroffen.

Wer keine Wohnung in der Stadt seiner Wahl findet, muss zwangsläufig ins Umland ausweichen. Freunde von Sascha und Christine Döpke sind nach Lüdinghausen und Steinfurt umgezogen. Kerstin Klute fragt sich, ob es einer Stadt guttun kann, wenn es immer weniger Familien möglich ist, darin bezahlbare Wohnungen zu finden. „Stadtteile“, sagt Noma Hajar, „verändern sich immer zwangsläufig. Wenn sie aber nur noch Wohnraum für bestimmte Verdienstklassen bieten, dann ist das zu einseitig.“

Christine und Sascha Döpke überlegen, ob sie, sollten sie keine Wohnung finden, das Wohnzimmer zu ihrem Schlafzimmer machen sollen, damit ihre Tochter ihr eigenes Zimmer bekommt. Ihr Familienleben würde sich dann auf die Küche konzentrieren. Das wäre eine mögliche, aber sehr beengte Lösung.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5376936?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F
Schlüsselübergabe an den Prinzen findet früher statt – Rahmenprogramm gestrichen
Sturmwarnung für Sonntag: Schlüsselübergabe an den Prinzen findet früher statt – Rahmenprogramm gestrichen
Nachrichten-Ticker