Von Münster nach Prag
Nachtwächter zwischen Krieg und Frieden

Münster/Prag -

David Merten begann seine Nachtwächter-Karriere in Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens. Nun lebt er in Prag, der Stadt, in der einst der Dreißigjährige Krieg ausbrach – und führt dort Touristen durch die Stadt.

Montag, 25.12.2017, 10:12 Uhr

Rückblick: Das Bild zeigt David Merten auf dem weihnachtlichen Prinzipalmarkt in Münster.
Rückblick: Das Bild zeigt David Merten auf dem weihnachtlichen Prinzipalmarkt in Münster. Foto: Jürgen Peperhowe

Der Nachtwächter hat die Stadt des Westfälischen Friedens von 1648 verlassen und ist dorthin gezogen, wo 1618 der Dreißigjährige Krieg mit einem Fenstersturz begann: nach Prag. In Münster traten schnell andere Nachtwächter in die Fußstapfen von David Merten , der vier Jahre lang in historischer Kleidung und mit Laterne und Hellebarde durch die Stadt führte. In Prag ist er bis heute der einzige Nachtwächter, der Rundgänge für Touristen anbietet.

Prag in der Vorweihnachtszeit: Wie in Münster liegt kein Schnee, und wie in Münster soll es an den Feiertagen auch keinen geben. Überall blinken bunte Lichter, es dudelt Musik. „Münster hat in den Wochen vor dem Fest mehr Charme“, sagt Merten. „Weniger Glitter, mehr Romantik.“

Ausgleich zum Arbeitsalltag

Dabei wäre er ohne Romantik gar nicht in Prag. Merten, der vom Möhnesee stammt und an der Fachhochschule Münster Sozialpädagogik studierte, verliebte sich vor ein paar Jahren in eine Frau aus Tschechien. Er folgte ihr, inzwischen ist er verheiratet. Bei einem Energieunternehmen leitet er ein 30-köpfiges Team – doch nach Feierabend ist er auch in seiner Wahlheimat als Nachtwächter unterwegs.

„Das ist mein Hobby – und ein Ausgleich zu meinem Arbeitsalltag“, sagt Merten, dessen Touren man über das Internet buchen kann. Regelmäßig führt er Gruppen durch Prag, abends und am Wochenende. Dabei hat er vor allem Deutsche im Schlepptau, denn die kennen Nachtwächter-Rundgänge bereits.

Erinnerungsstücke aus Münster

Aber auch englischsprachige Touristen buchen ihn. Die beste Werbung für Merten sind gute Bewertungen im Internet – und die kann er reichlich vorweisen. Immerhin konkurriert er mit 500 weiteren Fremdenführern – unter denen allerdings kein weiterer Nachtwächter ist. Dabei gab es die auch in Prag bis ins 20. Jahrhundert – „doch das wissen heute nur noch die Älteren“, sagt Merten.

Münster und Prag

1618 wurde durch den Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg ausgelöst – jenes Weltereignis, das erst 1648 mit dem Westfälischen Friedensschluss von Münster Osnabrück sein Ende finden sollte. 2018 jährt sich der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges zum 400. Mal.

Es ist daher kein Zufall, dass der 101. Katholikentag, der in Münster stattfindet, das Motto „Suche Frieden“ hat. Ein weiterer Höhepunkt ist 2018 eine gemeinsame Ausstellung von Landesmuseum, Picasso-Museum, WWU-Archäologiemuseum und Stadtmuseum zum Thema Frieden.

...

Mit seinen Gruppen verlässt er gerne die touristischen Rennstrecken, biegt in eine Seitengasse, wo es still und dunkel ist und sich Geschichten anschaulich erzählen lassen. Das Gebäude, in dem sich einst der Prager Fenstersturz ereignete, sieht man bei seinen Rundgängen übrigens nur aus der Ferne – „es ist zu weit weg“.

Dafür führt er die Gruppen am Haus des Reformators Jan Hus vorbei und erzählt von der letzten Pestepidemie im 18. Jahrhundert. „Die Hälfte der Sachen, die ich dabei trage, hatte ich auch schon in Münster an“, sagt der 37-Jährige – darunter eine Robe aus Schafsfell. Merten hofft, demnächst in die europäische Zunft der Nachtwächter aufgenommen zu werden und sich damit noch besser zu vernetzen.

Neue Heimat

Die Feiertage verbringt er erst bei den Schwiegereltern in Tschechien – und dann bei seiner Familie am Möhnesee. Danach wird der Nachtwächter in Prag gebraucht: Direkt nach Weihnachten ist er dort wieder mit Touristen unterwegs.

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