Schulden für das Studium
So läuft die Bafög-Rückzahlung

Mit Bafög finanzieren viele junge Leute zumindest Teile von Studium oder Ausbildung. Geschenkt gibt es das Geld aber nicht: Fünf Jahre später will der Staat bis zu 10.000 Euro davon zurück. Und dann sollte man reagieren - sonst wird es teurer.

Mittwoch, 17.01.2018, 07:01 Uhr

Schulden für das Studium: So läuft die Bafög-Rückzahlung
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44.100 Euro. Mehr Bafög gibt es zurzeit nicht. Der Höchstsatz liegt nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz bei 735 Euro pro Monat, die maximale Dauer sind in der Regel 60 Monate. Doch das bedeutet nicht, dass Bafög-Empfänger mit gut 40.000 Euro Schulden ins Berufsleben starten. „Bafög wird zur Hälfte als Darlehen und zur Hälfte als Zuschuss gezahlt“, sagt Bernhard Börsel, Experte für das Thema beim Deutschen Studentenwerk in Berlin. Und wenn es an die Rückzahlung geht, ist der Betrag gedeckelt: Maximal 10.000 Euro müssen an das Bundesverwaltungsamt überwiesen werden, längstens über 20 Jahre - wenn die Förderung nach dem 28. Februar 2001 begonnen hat.

Diese Studenten gibt es an jeder Uni

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  • Party-Tier oder karrierefixiert?

    Der eine würde dem Professor gerne den Beamer hinterhertragen, der andere nutzt die Zeit in den Seminaren, um mal wieder Ordnung in seine Apps zu bringen. Zum Semesterstart treffen auf dem Campus die verschiedensten Studenten aufeinander. Die Semesterferien sind vorbei, es wird wieder voll im Hörsaal. Doch wer drängt sich da eigentlich auf den Holzbänken? Vom Streber bis zum Senioren-Student - eine Typologie.

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  • DER/DIE STREBSAME

    Er kommt extra früh zur Vorlesung, um sich auf den Platz am Gang zu setzen. Dass er damit die ganze Reihe blockiert, ist ihm egal. Schließlich kann er so schnell aufstehen, um mit dem Professor zu reden, sobald dieser den Raum betritt. Ein bisschen Netzwerken kann schließlich nicht schaden. Deswegen hat er auch damals diesen Job als studentische Hilfskraft angenommen - obwohl ihn die Bezeichnung eigentlich stört. Der Strebsame studiert vorzugsweise BWL. Sein Handy hat er immer im Blick. Dort blinken nicht nur Wirtschaftsnachrichten auf, sondern er wird auch daran erinnert, wann er das Sakko aus der Reinigung holen kann.

    Lieblingssatz: „Kann ich die Prüfung schon vorziehen?“

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  • DER/DIE GELANGWEILTE

    Den Text fürs Seminar hat er nicht gelesen, der war ihm zu „lame“. Weil er deshalb nicht mitreden kann, muss sich der Gelangweilte anders beschäftigen. Dazu legt er das Handy betont lässig auf den Tisch und wischt auf der Dating-App Tinder herum. Bei Professoren und Dozenten macht sich dieser Typ nicht beliebt. Das ist ihm aber egal, schließlich weiß er eh noch nicht, ob er sich das Ganze noch lange antun will.

    Lieblingssatz: „Der Dozent hat uns nicht richtig vorbereitet. Jetzt muss ich wegen dem die Prüfung wiederholen.“

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  • DER/DIE ALTE

    Sein natürliches Refugium ist die Uni nicht. Dennoch wagt sich der Seniorenstudent immer öfter in neues Terrain vor. Über 14 000 Menschen ab 65 Jahren teilten sich im vergangenen Semester mit jüngeren Studenten den Hörsaal - zwei Drittel mehr als vor 20 Jahren. Am liebsten besucht der Seniorenstudent Vorlesungen in Politik und Geschichte. Dort fungiert er gerne als Zeitzeuge. Ob zur Wiedervereinigung oder zum Rücktritt Bismarcks - zu jedem historischen Ereignis hat er eine sehr persönliche Geschichte zu erzählen.

    Lieblingssatz: „Ich weiß das. Ich war dabei.“

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  • DER/DIE SOZIALE

    Das Willkommensgrillen für die Erstsemester oder der Papierflieger-Flashmob mitten in der Vorlesung: Ohne den Sozialen geht nichts. Plant jemand im Fachbereich eine Veranstaltung, sitzt er mit Sicherheit im Organisationskomitee. Auch bei der Studentenvertretung ist er dabei. Zwischendurch sein Studium zu beenden, fällt da schwer, ist aber für den Sozialen trotzdem nicht unmöglich. Seit er den Getränkestand beim letzten Bodenmechanik-Symposium aufgebaut hat, hat er schließlich die Nummer seines Professors im Handy gespeichert. Eine Nachricht, und schon steht ein neuer Abgabetermin für die Hausarbeit fest.

    Lieblingssatz: „Jemand noch ein Bierchen?“

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  • DER/DIE POLITISCHE

    Ob Strafgesetzbuch oder Eiskunstlauf - für diesen Studententypen spielt jedes Thema auf einer höheren politischen Ebene. Um seine Kommilitonen aus den Geisteswissenschaften von seinen Ansichten zu überzeugen, holt er gerne weit aus. Meist mit selbst gedrehter Zigarette in der einen und frisch aufgebrühtem Mate-Tee in der anderen Hand. Der Politische gendert nicht nur seine Hausarbeitstexte, sondern benutzt die geschlechtsneutrale Sprache auch in Diskussionen.

    Lieblingssatz: „Ich würde mir wünschen, dass alle StudentInnen dazu Stellung beziehen.“

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Rund 500.000 Menschen müssen zurückzahlen

Zurückzahlen müssen alle, die als Studenten Bafög bezogen haben und an einer Hochschule, einer höheren Fachschule oder einer Akademie eingeschrieben waren. Derzeit sind das rund 500.000 Menschen. Ähnlich verhält es sich beim Meister-Bafög, nur das Schüler-Bafög wird als sogenannter Vollzuschuss gewährt - ganz ohne Rückzahlung also. Die Studentenwerke zahlen das Geld für eine Höchstdauer. Sie richtet sich nach der Regelstudienzeit, die in der Studien- oder Prüfungsordnung des jeweiligen Studienfachs festgelegt ist.

Bafög-Amt über Umzug informieren

Nach den Prüfungen ist aber erstmal Ruhe. Niemand muss direkt mit der Abschlussfeier die erste Rate abstottern: Erst viereinhalb Jahre nach Ende des ersten Studiums, also in der Regel nach dem Bachelor-Examen, bekommen die Absolventen einen Brief aus Köln. Das dortige Bundesverwaltungsamt (BVA) ist in Deutschland die zentrale Stelle für die Rückzahlung des zinslosen Darlehens.„Und das kann auch schon das erste Problem sein“, sagt der dortige Bafög-Experte Thorsten Rolfes. Denn nicht selten sind die Studierenden unbekannt verzogen. „Wenn wir sie erst ermitteln müssen, fällt gleich eine Gebühr von 25 Euro an“, sagt er. Darum rät er Bafög-Empfängern, das Amt immer über die aktuelle Adresse zu informieren.

Darlehenssumme überprüfen

Gegen den Feststellungsbescheid können die Empfänger einen Monat lang Widerspruch einlegen. Machen sie das nicht, ist er gültig. „Die Absolventen sollten vom Bafög-Antrag an alle ihre Bescheide abheften und dann die Darlehenssumme überprüfen, wenn der Brief aus Köln kommt“, rät Börsel.

Wann es einen Nachlass gibt:

Und dann gibt es verschiedene Varianten, das Geld zurückzuzahlen. Am günstigsten fährt, wer die maximal 10.000 Euro auf einen Schlag zurückzahlen kann. Denn dann gewährt das BVA einen Nachlass von 28,5 Prozent. „Auch bei kleineren Beträgen wird in 500-Euro-Schritten ein Nachlass gewährt. Der Tilgungsplan und ein Angebot zur vorzeitigen Tilgung liegen dem Feststellungsbescheid bei“, erklärt Rolfes.

Wer sich aufgrund seiner Einkommenssituation für eine Rückzahlung in Raten entscheidet, hat dafür bis zu 20, in besonderen Fällen sogar bis zu 30 Jahre Zeit. Arbeitslosigkeit, ein geringes Einkommen oder Kinder sind mögliche Gründe, aus denen ein Bafög-Empfänger die Zahlungen für einen befristeten Zeitraum aussetzen oder reduzieren kann. Wer in Insolvenz gehen muss, ist zudem verpflichtet, das Bundesverwaltungsamt in die Gläubigerliste aufzunehmen.

Normalerweise verlangt das Amt Raten von 105 Euro pro Monat - 315 Euro im Quartal also. Wer mit seinen Zahlungen in Verzug ist, muss sich auf deftige Verzugszinsen einstellen. „Dann werden sechs Prozent Zinsen fällig, und zwar auf die Gesamtschuld des Darlehens“, sagt Rolfes.

Studentenklischees

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  • „In unserem Studiengang sind überwiegend Mädels“, geben die Pädagogik-Studentinnen Melina Leser und Lena Nau zu. „Die Jungs kenne ich alle“, berichtet Lena Nau, die schon im Master studiert. Die beiden Freundinnen sind sich einig: Es gibt nicht den typischen Erziehungswissenschaftler: „Die laufen rum, wie alle anderen auch: Dutt, enge Jeans – Mainstream eben“, findet Melina Leser, die sich im dritten Bachelorsemester befindet.

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  • Unauffällig, Frauenfach und Faulenzer? „Oft bezeichnet man uns Pädagogen als die Faulen oder auch als die Muttis“, lacht Lena Nau. Dadurch, dass das Fach von Frauen dominiert wird, erklärt sich auch das Pädagogik-Studentinnen-Klischee: „Kinder sind doch so süß, deswegen studiere ich das“. Laut Lena Nau denken immer noch viele so, „aber wer einmal in einer unserer Vorlesungen war, der weiß, dass das durchaus mehr ist.“

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  • Bei dem Wort Jura, als anspruchsvolles Studium bekannt, denken viele sofort an Aktentasche, Förmlichkeit und steifes Auftreten.  Ines Mittermeier und Jonas Bamberger bestätigen: „Ja, das Juraklischee von Poloshirt und Segelschuhen stimmt schon. Das passt zu etwa 50 Prozent in unserem Studiengang“. Sie haben gerade das erste Staatsexamen in ihrem Jurastudium erreicht und kennen sich mittlerweile gut aus, was diese Vorurteile angeht.

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  • Doch auch wenn sie diese  teilweise bestätigt sehen, so gibt es auch hier viele Ausnahmen: „Wenn bei uns auch niemand in Jogginghose im Hörsaal sitzt, so gibt es doch trotzdem Leute mit Dreadlocks und lässigerem Kleidungsstil.“ Obwohl es hier keine offizielle Kleiderordnung gebe, fänden sich manche Klischees mit 50-prozentiger Trefferquote doch bestätigt.

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  • Thomas Günther studiert evangelische Theologie und Französisch im Zwei-Fach- Bachelor. Klischees findet er schwierig einzuschätzen, denn gerade auf Studierende der Sprachwissenschaften würden keine einschlägigen Kategorien zutreffen: „Rein äußerlich sind die kaum von anderen zu unterscheiden.“

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  • Was Äußerlichkeiten betrifft, so erkenne man einen Volltheologen hauptsächlich am Kleidungsstil, so Günther: „Die meisten kleiden sich locker und achten wenig auf ihr überzeugendes Äußeres wie Lehramtsstudenten. Man könnte die zwei Rubriken Fachwissenschaftler und Praktiker schaffen, aber das stimmt natürlich auch nie zu 100 Prozent.“

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  • Untereinander ist das Verhältnis allerdings nicht diskriminierend. Im Gegenteil, beide Gruppen gehen entspannt mit den Klischees um: „Die einen blicken lächelnd auf die anderen sowie andersherum.“

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  • Dem Studienfach Mathematik haftet ein ganz eigener Ruf an: „Viele Menschen denken, dass Mathematikstudenten stille, unscheinbare Einzelgänger sind und wenig Sozialleben haben“, so Dinah Heilmann. Dabei sei das völlig fern der Wirklichkeit, denn „gerade in Mathematik ist Gruppenarbeit das A und O“. Als Studentin im sechsten Bachelorsemester ist sie schon so manchen Vorurteilen begegnet.

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  • So auch dem Klassiker, dass Mathematik ein typisches Männerfach sei. „Klar, die Frauenquote ist hier nicht so hoch“, lacht sie. Mit dem Vorurteil, dass Jungen schon seit Schulzeiten mehr mathematisches Verständnis haben, werde allerdings schon im ersten Semester aufgeräumt. Eine Überraschung hat sie desweilen noch parat: „Was eigentlich niemand vermutet, wir bestreiten ganz altmodisch jede Vorlesung mit Tafel und Kreide.“

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  • Laut Carolin Klapperich, Studentin im zweiten Bachelorsemester, halten sich so manche Klischees über das Studium des Grundschullehramtes hartnäckig. „Viele denken, dass wir den ganzen Tag nur Mandalas malen und mit Buntstiften durch die Gegend laufen, so ein Quatsch“, sagt Klapperich.

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  • Von anderen Studierenden, die das Fach für wenig anspruchsvoll halten, werden sie häufig nicht ganz ernst genommen. Gerade angehende Gymnasiallehrer belächeln sie gerne. Die Unterstellung, dass sie „in Mathematik nur das kleine Einmaleins wiederholen“, bekomme sie immer wieder zu hören. „Auch wenn viele meinen, dass das mit links zu schaffen ist, ist unser Studium alles andere als einfach. Der Fokus liegt eben mehr auf Didaktik.“

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Kein Teilerlass mehr für besonders schnelle und gute Studierende

Streitfälle gibt es so gut wie nicht mehr, weil in den vergangenen Jahren zahlreiche Sonderregelungen abgeschafft wurden. „Die Teilerlässe für besonders schnelle oder besonders gute Studierende gibt es nicht mehr“, sagt Wilhelm Achelpöhler, der als Rechtsanwalt auf Fälle der Ausbildungsförderung spezialisiert ist. Auch dass der Brief vom Bundesverwaltungsamt tatsächlich nicht ankommt, ist recht unwahrscheinlich - selbst wenn die Studentenwerke keine korrekte Adresse mehr haben.

Wann Studierende nicht zurückzahlen müssen:

Streit um die finanzielle Unterstützung der Ausbildung gibt es inzwischen eher zwischen Eltern und Kindern - nämlich dann, wenn erstere sich als nicht unterhaltspflichtig ansehen. „Das haben wir gar nicht so selten, vor allem wenn Vater und Mutter getrennt sind“, sagt Achelpöhler. Für Studierende gibt es dann die Möglichkeit, sogenanntes Bafög im Wege der Vorausleistung zu beantragen. „Damit wird der Unterhaltsanspruch an die Eltern dem Bundesland übertragen“, erläutert der Anwalt. Zurückzahlen müssen Studenten dieses Bafög dann eventuell nicht.

Der Grund: Das Amt für Ausbildungsförderung versucht in solchen Fällen, den Unterhaltsanspruch gegen die Eltern durchzusetzen, erklärt Achelpöhler. Gelingt das, reduziert sich automatisch auch die Darlehensschuld - die Vorausleistung müssen Studierende später also nicht zurückzahlen. Ist das Amt allerdings zurückhaltend beim Durchsetzen des Unterhaltsanspruchs, könne der Student dies dem Rückforderungsanspruch entgegenhalten. „Dafür muss er natürlich gegen den Festsetzungsbescheid Widerspruch einlegen.“

Bafög als Darlehen zinslos

Alles ganz einfach also? Für Studierende offenbar nicht: Noch immer scheuen sich junge Leute, Schulden für ein Studium aufzunehmen. Das hat die aktuelle Sozialerhebung des Studentenwerks ans Licht gebracht. Doch das braucht beim Bafög niemand, betont Börsel. Die Rückzahlung der Ausbildungsförderung unterliege klaren, transparenten Regeln - und hat nur noch wenig Streitpotenzial. Und nach wie vor ist das Bafög als Darlehen zinslos. „So günstig bekommt man nirgendwo sonst eine Finanzierung, wenn man sie braucht.“

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