Aloys Goesen
Der Mann, der das Zuchthaus auf Trab brachte

Münster -

Vor rund 200 Jahren ging es im münsterischen Zuchthaus drunter und drüber. Es gab keine Arbeit für die Gefangenen, deren Verhalten ließ daher zu wünschen übrig. Doch dann wurde Aloys Goesen Anstaltsleiter – und plötzlich war alles anders.

Samstag, 03.02.2018, 14:02 Uhr

Nach Plänen von Johann Conrad Schlaun wurde das alte Zuchthaus 1734 erbaut. Es befand sich an der Lotharingerstraße. Das Foto aus dem Besitz des Stadtarchivs entstand 1914 – wohl während des Abbruchs des Gemäuers.
Nach Plänen von Johann Conrad Schlaun wurde das alte Zuchthaus 1734 erbaut. Es befand sich an der Lotharingerstraße. Das Foto aus dem Besitz des Stadtarchivs entstand 1914 – wohl während des Abbruchs des Gemäuers. Foto: Stadtarchiv Münster

2024, so der Plan, soll die neue Justizvollzugsanstalt (JVA) in Wolbeck eröffnet werden. Das Gefängnis an der Gartenstraße wird damit nach mehr als eineinhalb Jahrhunderten seine Funktion verlieren.

Doch bereits vor seiner Errichtung um 1850 gab es in Münster ein Zuchthaus. Dessen Leiter, Aloys Goesen, leistete Beeindruckendes bei der Umsetzung von Recht, Ordnung und Wirtschaftlichkeit – und wurde dafür sogar von keinem Geringeren als dem König geehrt.

Zucht und Ordnung litten

Aloys Goesen wurde am 31. August 1777 geboren, später heiratete er eine Tochter von Christoph Hüffer (1755-1792) und Sophia Aschendorff (1760-1848). Er studierte an den Universitäten Münster, Göttingen und Wien Rechtswissenschaften, wurde Friedensrichter, dann Tribunalrichter – und übernahm schließlich das Inquisitoriat.

Chronologie: JVA Münster: Von der Räumung bis zum neuen Standort

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    Im Juli 2016 muss das Gefängnis an der Gartenstraße wegen seines baufällige Gebäudes innerhalb eines Tages geräumt werden. Eineinhalb Jahre später wird bestätigt, dass die neue Justizvollzugsanstalt in Münster im Südosten der Stadt neu gebaut wird.

    Foto: Matthias Ahlke
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    1853 wird das Gefängnis an der Gartenstraße in Betrieb genommen: das älteste in NRW und zweitälteste in Deutschland. Im September 2013 feiert die JVA 160-jähriges Bestehen.

    Foto: Matthias Ahlke
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    Seit 2010 wird über einen Neubau diskutiert. Dass die JVA ein Sanierungsfall ist, ist allerdings schon länger bekannt.

    Foto: Friso Gentsch dpa/lnw
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    Am 30. August 2012 gibt das NRW-Justizministerium bekannt, dass Münster ein neues Gefängnis bekommt. Das Gebäude an der Gartenstraße soll aufgegeben werden . (Hier im Bild die damalige JVA-Chefin Maria Look.)

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    34 Grundstücke werden als Standort für den geplanten Neubau des Gefängnisses überprüft.

    Foto: Matthias Ahlke
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    Im Mai 2013 werden die Pläne für eine JVA auf dem Gelände des  Standortübungsplatzes in Handorf vorgestellt. Aber das Vorhaben scheitert . Im Jahr darauf erklärt der damalige NRW-Finanzminister Dr. Norbert Walter-Borjans , dass der Umzug in einen Neubau nicht vor 2020 erfolgen kann.

    Foto: Martin Kalitschke
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    Was aus dem sternförmigen Gebäude an der Gartenstraße wird, bleibt dennoch unklar. Das Gebäude steht zwar unter Denkmalschutz, gilt aber als baufällig. Ein Erhalt dürfte daher schwierig sein , heißt es bereits 2012.

    Foto: Luftbildkontor Fischer
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    Während es im Mai 2016 zunächst noch heißt, dass die 163 Jahre alte Justizvollzugsanstalt Münster stark marode sei, aber aus Sicht des Justizministeriums keine akute Einsturzgefahr bestehe, wird ein Notfallplan beschlossen , falls sich der Zustand des Gebäudes weiter verschlechtere.

    Foto: Jürgen Peperhowe
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    Dann geht es Schlag auf Schlag. Am 6. Juli 2016 verfügt der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, dass das Gebäude wegen Einsturzgefahr innerhalb von 48 Stunden zu räumen sei. 

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ein solcher Vorgang dürfte in der jüngeren Justizgeschichte wohl einmalig sein: Am 07. Juli 2016 muss das Gefängnis in Münster - mit zu dem Zeitpunkt 513 Häftlingen - an einem Tag geräumt werden. Gegen 10.30 Uhr hat ein erster Bus mit Insassen das Gelände verlassen. Bis Freitagmittag soll die Räumung abgeschlossen sein. 

    Unser Liveticker von der Räumung zum Nachlesen.

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    Die rund 270 Beschäftigten der JVA Münster sind zum Zeitpunkt der Räumung fast alle noch vor Ort. Wo sie anschließend tätig sein werden, ist da noch ungewiss.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Es folgen Diskussionen über die Zukunft des Gebäudes. Im August 2016 rückt das Land dann von seiner Absicht, das Gefängnis komplett abzureißen , offenbar ab. Denkbar sei ein Teilabriss, Außenmauer und Eingangspforte könnten hingegen stehen bleiben.

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    Dem Vernehmen nach befindet sich das Areal im südöstlichen Bereich Münsters unweit der Stadtgrenze.

    Ende September 2017 ist die fast fünfjährige Suche nach einem Standort für einen Gefängnisneubau in Münster auf der Zielgeraden: Der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) des Landes hat den Kauf eines Grundstücks auf dem Stadtgebiet auf den Weg gebracht, um dort den Bau einer Justizvollzugsanstalt (JVA) zu verwirklichen. Gerüchten zufolge befindet sich das Areal in Wolbeck unweit der Stadtgrenze.

    Dort reagieren viele Menschen verunsichert , weil sie einen Gefängnis-Bau vor ihrer Haustür befürchten.

    Foto: Markus Lütkemeyer
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    Die neue Justizvollzugsanstalt (JVA) in Münster wird nach Einschätzung des Bau- und Liegenschaftsbetriebs (BLB) des Landes frühestens „in fünf bis sechs Jahren“ fertiggestellt sein: also 2022. Deshalb wird die Einrichtung an der Gartenstraße noch gebraucht.

    Foto: Martin Kalitschke
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    Am 23. Januar 2018 ist es dann offiziell: Nach jahrelanger Suche wird  der Standort für das neue Gefängnis in Münster präsentiert. Läuft alles nach Plan, soll das Gefängnis 2024 bezugsfertig sein - falls Anwohner den Bau nicht mit Klagen verzögern: im Stadtteil Wolbeck soll bis 2024 das neue Gebäude für 640 männliche Häftlinge entstehen. Das 18 Hektar große Areal in unmittelbarer Nähe zum Flughafen Münster-Telgte sei dafür am besten geeignet, sagt Markus Vieth, Niederlassungsleiter des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW in Münster, bei der Standort-Präsentation.

1818, also vor 200 Jahren, übernahm er zudem die Leitung des münsterischen Zuchthauses, der Vorgängereinrichtung der JVA an der Gartenstraße. Die Anstalt befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer „misslichen Lage“, heißt es in zeitgenössischen Quellen. Die Gefangenen hatten nichts zu tun, worunter auch Zucht und Ordnung litten. Goesen brachte jedoch neuen Schwung in die Angelegenheit, er holte Arbeitsaufträge ein, die sich zum Teil als so lohnend herausstellten, dass der Staat mit der Zeit immer geringere Zuschüsse an das Gefängnis zahlen musste.

33 Jahre glücklich verheiratet

Wie die Quellen weiter vermerken, hatte die Entwicklung positiven Einfluss auf das Verhalten der Gefangenen. Über die Grenzen von Münster sprach sich die große Leistung von Goesen herum. 1821 bekam er die Aufgabe, sich auch um das Gefängnis in Herford zu kümmern, es folgten Anstalten in Werden und den Rheinprovinzen. Schließlich begutachtete er auch noch die Anstalten im Osten. „Überall wurden seine neuen Einrichtungen und Vorschläge mit dem größten Beifall gekrönt“, hieß es.

Der König verlieh ihm schließlich den „Roten Adlerorden IV. Klasse“. Am Karfreitag 1840 verstarb Aloys Goesen an einer Lungenentzündung. Er hinterließ seine Frau, mit der er 33 Jahre glücklich verheiratet war, sowie fünf Kinder.

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Sein Leben lang, so die damaligen Würdigungen, wirkte er rastlos zum Wohle der Mitbürger – und ließ niemanden, der Hilfe benötigte, „je ungetröstet“.

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