Turbo-Triple in der Halle Münsterland
Atze Schröder spielt hintergründig den Proll

Münster -

Dreimal nacheinander volle Hütte in Münster, ein Tourneeplan so lang wie der Kölner Rosenmontagszug und ein Ömmelfaktor, der auch nach über zwanzig Jahren noch durch die Decke geht. Seit Jahren sorgt Atze Schröder mit seinen Sprüchen für tobende Mengen – bei seinen Münster-Auftritten am Wochenende nicht anders.

Sonntag, 11.02.2018, 10:02 Uhr

Turbo-Triple in der Halle Münsterland: Atze Schröder spielt hintergründig den Proll
Comedian Atze Schröder begeisterte das Publikum in der voll besetzten Halle Münsterland. Foto: Markus Lehmann

Bevor die Show beginnt, läuft auf zwei Leinwänden Reklame für die Fanartikel des prolligen Lockenkopfs: Tassen, Schlüsselanhänger und T-Shirts. Und was steht drauf? „Ja nee, is klar!“ Kaum steht, nein fährt der Sprücheklopfer aus, nun ja, Essen-Kray, ganz Minipli, blau getönte Brille und Uralt-Jeans, mit einem aufgepeppten Bonanza-Rad auf die Bühne in der Halle Münsterland, wirft er den Turbo an und wirbt – oha! – für Gelassenheit und Entschleunigung.

Der Macker mit dem Lockenhelm hält, so will es die alte Narrentradition, der Gesellschaft den Spiegel vor, ätzt gegen Turbo-Abi, Turbo-Kapitalismus, Turbo-Sex und Turbo-Kommunikation und weiß, wie wir da wieder auf einen Nenner kommen: „Nehmt doch mal den Fuß vom Gas und bleib als Mutter morgens liegen – das Kind muss doch zur Schule und nicht du!“ Seine Tipps: Auf dem Weg ins Büro einfach mal zehn Minuten vor einer grünen Ampel stehen bleiben. „Was meint ihr, wie viele Leute ihr da kennenlernt?“ Genervten Müttern rät er, wenn die Kinder in der Schule sind, schnell mal den DHL-Boten zu vernaschen. Und darum lieben die Menschen Deutschlands bekanntesten Mainstream-Proll?

Prollig, aber das lieben seine Fans

„Turbo“, so heißt das Programm, mit dem er das ganze Jahr unterwegs ist. Atze Schröder wirkt authentisch spontan und gewohnt redegewandt und bedient mit dem nur ihm eigenen Humor die breiten Massen. Sein Publikum liebt in vor allem für seine grenzenlos fantasievollen Wortschöpfungen besonders für die banalsten Dinge. Mit lustvoller Bildhaftigkeit und dem Comedy-typischen Blick fürs Absurde haut er immer auf die Zwölf. Und die Halle johlt – wenn Atze austeilt und die dicke Kassiererin aus dem Lidl oder die Asis im Freibad aufs Korn nimmt und seine Gags ohne Rücksicht auf Political Correctness vom syrischen Flüchtling über Cristiano Ronaldo („hat weniger Haare am Körper als Flipper“) bis zu Rod Steward und Max Giesinger aneinanderreiht.

Der 52-jährige Ruhrpott-Proll mit dem Porsche-Tick macht zwar immer gern auf dicke Hose, aber an einer Stelle des Programms wird er ungewohnt eindringlich und ernst und fordert alle über 50-Jährigen auf, „mal an die Prostata zu denken. Und geht zum Urologen, egal, wie peinlich das auch ist.“

Atze Schröder "Turbo-Tournee": Dreimal volles Haus

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  • Foto: Markus Lehmann / photo-by-ml.com
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Das Leben ist zu kurz für lange Gesichter

Aber noch mal die Frage: Was sind denn das für Leute, die sich die Ellbogen in die Seiten stupsen, prusten, gackern und johlen? Frauen wie „Biene“, die naive Lebensgefährtin aus der Kult-Serie „Alles Atze“? Oder die Männer? Cowboystiefel und Röhrenjeans? Ja nee: In der Halle sitzt der Durchschnitt der Gesellschaft, irgendwo zwischen 20 und 70, brave Schuhe, Stoffhose statt zerschlissener Jeans, und freut sich darüber, wie Atze mit Wortwitz, Ulk und Zoterei der Härte des Lebens eine Nase dreht. In den Niederungen des Alltags schärft dieser robuste Humor den Blick für das Lächerliche, Skurrile, Bizarre im kleinen und großen Weltgetriebe und verschafft uns willkommene Entlastung vom ewigen Rollenspiel um Gewohnheit, Eitelkeit und Zwang.

Das Publikum genießt es, zwei Stunden lang den Fuß vom Gas zu nehmen, um sich auf die wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren: Lachen und Spaß haben, denn „das Leben ist zu kurz für lange Gesichter“. Und nach zwei Zugaben ruft Atze seinen Fans noch zu: „Am Ende des Tages geht es immer nur um Freundschaft, und Atze ist euer Freund.“ Ja nee, is' klar.

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