Parteien stoßen neue Diskussion an
Wozu Kriegerdenkmäler?

Münster -

Dutzende Kriegerdenkmäler stehen im münsterischen Stadtgebiet. Sie erinnern an Kriege und vermeintlichen „Heldentod“. Wie soll man mit ihnen umgehen? CDU, SPD und Grüne wollen mit einem gemeinsamen Antrag eine neue Diskussion anstoßen.

Samstag, 17.02.2018, 12:00 Uhr
 Viel nackte Haut ist auf dem Kriegerdenkmal am Mauritztor zu sehen. Als es Anfang des 20. Jahrhunderts eingeweiht wurde, bekam es von den Münsteranern den Namen „Schinken-Denkmal“ verpasst. Heute steht das Monument unter Denkmalschutz.
 Viel nackte Haut ist auf dem Kriegerdenkmal am Mauritztor zu sehen. Als es Anfang des 20. Jahrhunderts eingeweiht wurde, bekam es von den Münsteranern den Namen „Schinken-Denkmal“ verpasst. Heute steht das Monument unter Denkmalschutz.

Dutzende Kriegerdenkmäler stehen in Münster. Man hat sich an sie gewöhnt, fährt mit dem Auto oder Fahrrad vorbei, ohne von ihnen Notiz zu nehmen. Sie sind Relikte aus einer vergangenen Zeit, die oft nur dann etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie mal wieder mit Graffiti besprüht wurden.

Oder wenn jemand ganz bewusst darauf aufmerksam macht, warum man sie einst aufgestellt hat.

So wie Lara Favaretto. Die Künstlerin bezog ihren Beitrag für die Skulptur-Projekten 2017 am Ludgeriplatz ganz bewusst auf das nur wenige Meter entfernt stehende Train-Denkmal, das eingeweiht wurde, als Deutschland noch Kolonien hatte und deutsche Soldaten in China und „Deutsch-Südwest“ – dem heutigen Namibia – Aufstände der heimischen Bevölkerung niederschlugen. Was einst als „Heldentod“ gefeiert wurde, gilt heute – im Falle der Herero – als Völkermord.

Müssen solche Monument in einer modernen, toleranten Stadt wie Münster immer noch stehen?

Über diese Frage ist nun eine neue Diskussion entbrannt. In seltener Einmütigkeit fordern die Fraktionen von CDU , SPD und Grünen in der Bezirksvertretung (BV) Mitte in einem gemeinsamen Antrag, ein Konzept für den künftigen Umgang mit Kriegsdenkmälern zu erarbeiten. Die Linke kann sich sogar vorstellen, umstrittene Monument zu schleifen und, irgendwo im Stadtgebiet, auf einem „Friedhof der Denkmäler“ endzulagern.

Kriegerdenkmäler in Münster

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  • Der Adler, der die Kanone verteidigt

    Ein kubischer Sockel mit einem Tier als Bekrönung: Ein Adler hockt auf dem Ehrenmal für Gefallene des Königlich Preußischen 4. Lothringer Feldartillerie-Regiments am Hörster Platz („Adler-Denkmal“) – und zwar auf einer zertrümmerten Kanone. Der Adler verteidigt das letzte Geschütz bis zum letzten Atemzug, so die Aussage des Denkmals, das 1930 eingeweiht wurde. Es soll an Mitglieder des Regiments erinnern, die während des Ersten Weltkrieges fielen. Hermann Kissenkoetter hatte es entworfen.

    Foto: Oliver Werner
  • Gegen Herero in Kolonie gekämpft

    Das „Train-Denkmal“ am Ludgerikreisel wurde 1925 eingeweiht und erinnert an 855 Soldaten der in Münster stationierten Versorgungseinheit „Trainabteilung Nr. 7“, die im Ersten Weltkrieg fielen. Platten am Denkmal erinnern zudem an ein Mitglied der Trainabteilung, das in China während der Niederschlagung des Boxeraufstandes (1901) starb, sowie an zwei Train-Soldaten, die 1905/1906 bei der Niederschlagung von Herero-Aufständen gegen die deutsche Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika starben.

    Foto: Oliver Werner
  • „Heldengrab“ am Mauritztor

    Als „Heldengrab“ ist das 1909 eingeweihte Kriegerdenkmal am Mauritztor konzipiert worden. Formal ähnelt es dem Kuppelrund des Leipziger Völkerschlachtdenkmals. 23 Meter beträgt der Umfang, auf den Reliefs sind Krieger, trauernde Frauen, Löwen, Fackeln, Kranz, Schwert und Reichsadler zu sehen. Hier wird an die Gefallenen der deutschen Einigungskriege von 1864, 1866 und 1870/71 erinnert. Das Denkmal soll die Zeit der Reichseinigung mythisieren. Von der Bevölkerung wurde es nicht begeistert aufgenommen.

    Foto: Oliver Werner
  • Umstrittene „Treue um Treue“

    Das Dreizehnerdenkmal an der Promenade wurde 1925 eingeweiht. Es war dem Infanterieregiment Herwarth von Bitterfeld Nr. 13 gewidmet, das unter anderem beim Boxer-Aufstand und bei den Herero-Aufständen eingesetzt wurde. Der Spruch „Treue um Treue“ wurde später um „Ehre den Toten beider Weltkriege“ ergänzt. Seit den 1950er-Jahren fanden hier Gedenkfeiern statt. Vor allem „Treue um Treue“ ist umstritten. Kritiker meinen, dass diese Formulierung den Soldatentod als Ehre und Vorbild ansieht.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Lebensgroßer Soldat mit Lorbeer

    Im Schlossgarten befindet sich das Kriegerdenkmal „Stehender Soldat“ der Artillerie-Regimenter. 1923 wurde es nach Plänen des Bildhauers Alexander Frerichmann eingeweiht. Das Ehrenmal mahnt zu Pflichterfüllung und Opferwillen. Der lebensgroße Soldat mit Stahlhelm, Uniform, Mantel und Schwert, der stilisierte Lorbeerkranz und das Eiserne Kreuz verkörpern die Enttäuschung über den verlorenen Krieg und Heldenverehrung. Kritisch reflektiert wird es durch ein Skulptur-Projekt der Künstlerin Jenny Holzer, zwei Steinbänke.

    Foto: Stadt Münster

Doch darf man so mit Geschichte umgehen?

„Uns geht es ja nicht darum, sie unbedingt zu vernichten“, sagt Rüdiger Sagel , Fraktionschef der Linkspartei, die auf ihrer Homepage fordert, die „imperiale Kriegsverherrlichung“ zu beenden. Indem man die Denkmäler an einem gemeinsamen Ort konzentriere, könne man sie zugleich in einen historischen Kontext stellen. Den Antrag „Münsters Kriegsdenkmäler kritisch aufzuarbeiten“, habe man übrigens schon 2016 gestellt, sagt Sagel. „Bis heute haben wir nichts von der Verwaltung gehört.“

Das dürfte sich spätestens mit dem nun vorliegenden Vorstoß von CDU, SPD und Grünen ändern. Auf dem Weg zu einem Konzept, wie es mit den Monumenten weitergeht, soll neben Experten die breite Öffentlichkeit gehört werden.

Peter Fischer-Baumeister (Grüne), Karl-Heinz Hülsmann (CDU) und Marita Otte (SPD) setzen auf eine ergebnisoffene Diskussion. Nur so viel steht für sie schon jetzt fest: „Es geht nicht darum, Denkmäler abzureißen“, so Fischer-Baumeister. Sondern darum, sie in den historischen Zusammenhang zu stellen. Durch Führungen, Vorträge, künstlerische Aktionen – was auch immer. Auch für Otte ist klar: „Ein Abriss kann keine Option sein.“ Stattdessen ist für sie sogar der Bau eines weiteren, zentralen Erinnerungsortes denkbar – „der den tatsächlichen Opfern gerecht wird“. Oder Gegendenkmäler neben umstrittenen Originaldenkmälern, was sich im Übrigen auch die Linke vorstellen kann.

Aufarbeiten, abreißen, ergänzen: Es liegen viele Optionen auf dem Tisch. Nun kann die Diskussion beginnen.

Kommentar: Abriss ist keine Lösung

Sie stehen im gesamten Stadtgebiet und sollen – das sagt schon ihr Name – zum Nachdenken anregen: Münsters Kriegerdenkmäler. Nur sieht das mit dem Nachdenken heute natürlich ganz anders aus als zu jener Zeit, als sie aufgestellt wurden. Die Zeiten, in denen „die Obrigkeit“ den Bürgern vorgab, was sie zu denken haben, sind – zum Glück – vorbei. Sie bilden sich lieber selbst ein Urteil.

Und dies fällt – zumindest bei den meisten Menschen – längst anders aus als zu jener Zeit, als die Denkmäler eingeweiht wurden. Nur: Würden die Menschen auch Stellung beziehen, wenn es diese Erinnerungsstellen im öffentlichen Raum überhaupt nicht gäbe?

Die Mehrheit wohl kaum. Insofern ist es gut, dass die Kriegerdenkmäler dort stehen, wo sie nun einmal stehen. Sie zu verlegen oder gar zu entfernen, würde bedeuten, gleichzeitig einen Teil der Geschichte zu tilgen. Wohl nur noch eine kleine Gruppe interessierter Bürger würde sich danach mit den Ereignissen auseinander setzen, für die sie einst aufgestellt wurden. Für alle anderen würde dann gelten: Aus den Augen – aus dem Sinn.

Insofern sollten die Denkmäler dort bleiben, wo sie sind – auch wenn der Erinnerungsgrund zuweilen schwer erträglich ist. Allein indem sie einfach nur „da sind“, ermahnen sie zu einer permanenten kritischen Auseinandersetzung. Martin Kalitschk

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