Verkehrsplanung
Millionen für rote Fahrradstraßen

Münster -

Die Fahrradstraßen in Münster sollen rot markiert und weitere Straßen in Fahrradstraßen umgewandelt werden. Dafür nimmt die Verwaltung eine Menge Geld in die Hand.

Freitag, 23.02.2018, 17:46 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 22.02.2018, 20:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 23.02.2018, 17:46 Uhr
In den nächsten fünf Jahren sollen alle Fahrradstraßen rot markiert werden – so ähnlich wie der Radweg am Lütkenbecker Weg, allerdings dann auf kompletter Straßenbreite.
In den nächsten fünf Jahren sollen alle Fahrradstraßen rot markiert werden – so ähnlich wie der Radweg am Lütkenbecker Weg, allerdings dann auf kompletter Straßenbreite. Foto: kal

Die Stadt will in den kommenden fünf Jahren nicht nur die Zahl der Fahrradstraßen annähernd verdoppeln. Sämtliche Fahrradstraßen sollen zudem nach dem Vorbild der Niederlande eine rote Fahrbahndecke erhalten. Dafür will die Verwaltung fast sechs Millionen Euro in die Hand nehmen.

Nebeneinander fahren erlaubt

Aktuell sind unter anderem Teilbereiche von Schillerstraße, Bismarckallee, Annette-Allee und Frauenstraße als Fahrradstraßen ausgewiesen. Zwar weisen Verkehrsschilder und Fahrrad-Piktogramme auf den besonderen Status der Straßenabschnitte hin – doch von vielen Autofahrern werden sie überhaupt nicht wahrgenommen, hat die Verwaltung beobachtet. So werden Radfahrer, die nebeneinander fahren, immer wieder angehupt – obwohl dies in Fahrradstraßen ausdrücklich erlaubt ist, berichtet Gerhard Rüller vom städtischen Tiefbauamt.

Regeln auf Fahrradstraßen

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  • Was ist denn eine Fahrradstraße? Mit diesem Schild können viele Verkehrsteilnehmer wenig anfangen. 1997 wurden durch die sogenannte Fahrrad-Novelle der Straßenverkehrsordnung die Regeln für Fahrradstraßen festgelegt:

    Foto: dpa
  • Als Fahrradstraßen werden Straßen bezeichnet, die vorrangig für den Radverkehr vorgesehen sind.  Sie sollen Vorteile gegenüber dem Kfz-Verkehr schaffen und so auch zu mehr Sicherheit für Radfahrer führen.

    Foto: Jan Hullmann
  • In Deutschland ist die Nutzung einer solchen Fahrradstraße dem Radverkehr vorbehalten. Radfahrer dürfen hier auch nebeneinander fahren.

    Foto: Michael Grottendieck
  • Soll die Straße auch durch andere Fahrzeuge befahren werden, muss dies durch Zusatzzeichen ausgeschildert sein. So kann zum Beispiel der Autoverkehr für Anlieger oder nur in eine Richtung erlaubt sein.

    Foto: Jan Hullmann
  • Radfahrer haben auf einer Fahrradstraße Vorrang vor Autos und anderen Fahrzeugen, welche diese Straße benutzen. Doch dies bedeutet nicht, dass Fahrradfahrer auch an Kreuzungen Vorfahrt haben, hier gilt – sofern nichts anderes ausgeschildert wurde – „rechts vor links“.

    Foto: Jan Hullmann
  • Andere Kraftfahrer müssen sich auf der Fahrradstraße dem Radverkehr anpassen, sodass ein Behinderung oder Gefährdung der Radfahrer vermieden wird. Das gilt insbesondere auch für Überholvorgänge. Dabei muss ein ausreichender Seitenabstand - laut Rechtsprechung mindestens  1,5 Meter - eingehalten werden.

    Foto: Tobias Denne (Archiv)
  • Auf einer Fahrradstraße muss die Geschwindigkeit von Kraftfahrzeugen  immer angepasst sein. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf Fahrradstraßen beträgt darüber hinaus immer 30 km/h. Darauf weist auch dieses Schild am Lindberghweg in Münster hin.

    Foto: Stadt Münster (Archiv)
  • Zu den zwölf bestehenden Fahrradstraßen in Münster sollen noch zehn weitere hinzukommen.

    Foto: Martin Kalitschke, Grafik: Jürgen Christ

Kostspielige Markierungsarbeiten

Stimmt der Rat am 14. März den Plänen der Verwaltung zu, soll die Markierung der Fahrradstraßen schon bald angegangen werden. Dabei gibt es mehrere Alternativen – von einer einfachen roten Markierung über einen roten Dünnschichtbelag, die jeweils zehn Jahre halten, bis zu einer roten Asphaltschicht, die 20 Jahre halten soll. Welche umgesetzt wird, werde im Einzelfall entschieden, betont Rüller.
Roter Asphalt wäre übrigens die teuerste Alternative, da seine Produktion wegen der in Deutschland geringen Nachfrage deutlich aufwendiger ist, berichtet die Verwaltung. Ungeachtet der Kosten sollen aber auf jeden Fall sämtliche Fahrradstraßen rot markiert werden, unterstreicht der Tiefbauamt-Mitarbeiter: „Ganz oder gar nicht. Halbe Sachen würden die Autofahrer nicht verstehen.“

Bundesweit Vorreiterrolle

Zu den zehn neuen Fahrradstraßen zählen Abschnitte der Schulstraße, der Südstraße, der Wienburg- und der Salzmannstraße, der Wilhelmstraße und der Gasselstiege. Sie sollen nach und nach bis 2025 eingerichtet werden. „Mit rot markierten Fahrradstraßen würde Münster bundesweit eine Vorreiterrolle einnehmen“, betont Rüllers Kollege Ludger Reloe.

Alte und neue Fahrradstraßen in Münster

Alte und neue Fahrradstraßen in Münster Foto: kal, Grafik: Jürgen Christ

 

Fahrradstraßen in Münster

Bestand
1 Schillerstraße (von Bremer Straße bis Hansaring), Fläche: 3.949 m²
2 Hittorfstraße (von Hüfferstraße bis Einsteinstraße), 4.065 m³
3 Frauenstraße/Katthagen (von Rosenplatz bis Schlossplatz), 2.650 m²
4 Goldstraße (von Piusallee bis Bohlweg), 3.115 m²
5 Max-Winkelmann-Straße (von Glasuritstraße bis Schulzentrum), 2.950 m²
6 Bismarckallee (von Körnerstraße bis Kardinal-von-Galen-Ring), 3.480 m²
7 Annette-Allee (von Adenauerallee bis Haus Nr. 50), 3.415 m²
8 Heisenbergstraße/Busso-Peus-Straße (von Corrensstraße bis Busso-Peus-Straße), 2.962 m²
9 Waldeyerstraße/Schmeddingstraße (von Kardinal-von-Galen-Ring bis Roxeler Straße), 7.056 m²
10 Westenkamp/Am Hof Hesselmann/Schlautstiege/Ossenkampstiege (von Meckmannweg bis Echelmeyerstraße), 7.481 m²
11 Kanalpromenade (von Osttor bis Vahlbusch), 3.324 m²
12 Lindberghweg/Lütkenbecker Weg (von Heumannsweg bis Theodor-Scheiwe-Straße), 11.170 m²
Geplant
13 Schulstr./Marientalstr./Uppenbergstr./Kanonierstr./Kinderhauser Str. (von Lazarettstraße bis Nienkamp), 19.818 m²
14 Hermannstraße/Dahlweg (von Moltkestraße bis Friedrich-Ebert-Straße), 12.127 m²
15 Südstraße (von Hafenstraße bis Friedrich-Ebert-Straße), 5.712 m²
16 Wienburgstraße/Salzmannstraße (von Cheruskerring bis Meßkamp), 4.505 m²
17 Prinz-Eugen-Straße/Weißenburgstraße/ElsässerStraße/Werlandstraße (von Am Krug bis Düesbergweg), 8.715 m²
18 Rektoratsweg (von Im Moorhock bis Kristiansandstraße), 6.265 m²
19 Brandhoveweg (von Twenhövenweg bis Sportanlage), 3.367 m²
20 Wilhelmstraße (von Einsteinstraße bis Apffelstaedtstraße), 4.939 m²
21 Gasselstiege (von Steinfurter Straße bis Catharina-Müller-Straße), 1.170 m²
22 Stettiner Straße (von Mecklenburger Straße bis Markweg), 2.029 m²

...

Regeln für Fahrradstraßen

Seit 1997 sieht die Straßenverkehrsordnung die Einrichtung solcher Strecken vor. Zuvor waren sie in Bremen, Bonn und Münster erfolgreich getestet worden. Mittlerweile gibt es in vielen Städten Fahrradstraßen. Radfahrer haben hier Vorrang, sie dürfen auch nebeneinander fahren. Pkw – die diese Straßen nur dann benutzen dürfen, wenn dies ausdrücklich erlaubt ist – müssen sich der Geschwindigkeit der Radfahrer anpassen. Für alle Verkehrsteilnehmer gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern.

Kommentar: Das Geld ist gut angelegt

Die Situation kennt fast jeder Radfahrer in Münster: Man fährt durch eine Fahrradstraße – und plötzlich schiebt sich ein Pkw vorbei. Radfahrer, die nebeneinander fahren, werden zudem gerne mal per Hupe aufgefordert, den Weg frei zu geben. Dass sie sich gerade auf einer Fahrradstraße befinden, scheinen viele Pkw-Fahrer überhaupt nicht zu wissen. Sofern ihnen überhaupt bekannt ist, was auf einer Fahrradstraße erlaubt ist – und was nicht.
Sicher, es gibt Verkehrszeichen und Piktogramme auf der Straße. Doch die Erfahrungen, nicht nur in Münster, zeigen, dass sie oft überhaupt nicht wahrgenommen werden.
Daher ist der Verstoß der Verwaltung richtig – zumal andere Länder bei der Markierung von Fahrradstraßen schon viel weiter sind. Sicher, fast sechs Millionen Euro sind viel Geld. Doch angesichts des hohen Fahrradanteils am gesamtstädtischen Verkehrsaufkommen – das in den kommenden Jahren weiter wachsen wird – ist es gut angelegt. Zumal sich die Nachteile für den Pkw-Verkehr in Grenzen halten: Er ist auf den aktuellen bzw. geplanten Fahrradstraßen bereits jetzt in der Minderheit.
Martin Kalitschke

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