Fehlende Baumschutzsatzung
„Es wird zu viel rumgesägt“

Münster -

Die Platanen am Hansaring und Bäume an der Prinz-Eugen-Straße: Fällaktionen sorgen derzeit für emotionale Debatten. Dr. Carsten Trappmann vom Nabu Münster fordert im Interview eine Baumschutzsatzung für die Stadt.

Samstag, 03.03.2018, 13:40 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 03.03.2018, 13:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 03.03.2018, 13:40 Uhr
Fehlende Baumschutzsatzung: „Es wird zu viel rumgesägt“
Baumfällaktionen wie hier am Hauptbahnhof haben in den letzten Wochen die Gemüter in Münster erregt. Foto: Kalitschke

Dr. Carsten Trappmann ist seit seiner Jugend beim Naturschutzbund (Nabu) aktiv. Der stellvertretende Vorsitzende des Nabu-Stadtverbands Münster hat sich im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Anna Spliethoff vor allem für eine Baumschutzsatzung ausgesprochen.

Wie beurteilen Sie das Vorhaben am Hansaring?

Dr. Carsten Trappmann: Das ist schwierig. Bei größeren Sachen bekommen wir als Nabu immer die Planungsunterlagen, mit der Bitte um eine Stellungnahme. Bei kleineren Planungen werden wir nicht involviert.

Wie steht es denn prinzipiell um solche Aktionen?

Trappmann: Bäume haben einen ganz wichtigen Wert für das Stadtklima und den Menschen. Auch als Lebensraum für Insekten, Vögel, Fledermäuse und andere Tiere haben sie einen hohen ökologischen Wert. Und für die Luftreinhaltung sind Bäume ebenfalls wichtig. Es gibt aber Planungsvorhaben, die notwendig sind, und das muss man dann gegeneinander abwägen.

Und wie wägt man das ab?

Trappmann: Ich sag mal: Es wird generell zu wenig auf Bäume geachtet. Am Hansaring ist es so, dass die Autofahrer nicht so sehr belastet werden sollen. Ich kenne den Zustand dort nicht ganz genau. Man hätte im Vorfeld aber vielleicht glücklicher verhandeln können. Dann hätte man die Platanen schonen und möglicherweise die Privatstraßen nutzen können.

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Carsten Trappmann, Vorsitzender des Nabu Münster. Foto: Matthias Ahlke

Am Hauptbahnhof wurden auch zahlreiche Bäume gefällt. Ist das ein ähnlicher Fall?

Trappmann: Wenn Hotels gebaut werden und die Fläche überplant wird, können wir da wenig machen. Es ist unangenehm, wenn Bäume fallen, aber hier geschieht ja was. Es muss gebaut werden, die Umgestaltung der Bahnhofs-Ostseite ist notwendig. Ich möchte aber auch dafür werben, genau zu gucken, wie man Alternativen plant. Es ist aber auch viel, was in letzter Zeit in Münster überplant worden ist.

Was bedeutet es für eine Stadt, wenn so viele Bäume fallen?

Trappmann: Es wird eine stärkere Abgasbelastung geben, weil der Filtereffekt verschwindet. Das Stadtbild wird sich verändern. Münster hat mit der Promenade einen einzigartigen Grüngürtel. Der muss erhalten bleiben, um Münster, wie man es kennt, zu erhalten. Die Stadt wird sich im Sommer auch stärker aufheizen. Und es wird weniger Vogelgesang geben.

Andererseits ist der Wohnraum gerade hier in Münster sehr knapp. Sind Grün und Wohnbebauung überhaupt vereinbar?

Trappmann: Das ist ganz schwierig zu sagen. Münster ist in den letzten 20 Jahren extrem gewachsen. Es ist notwendig, dass man nachverdichtet. Aber es muss nicht jede Grünfläche überplant werden. Man kann bestehenden Wohnungsbau durch moderneren mit mehr Wohneinheiten ersetzen. Andererseits ist das Wachsen ins Umland auch nicht gut. Insofern sind wir an einem Punkt, wo wir uns als Stadt entscheiden müssen: Wollen wir weiter wachsen oder wollen wir eine einigermaßen grüne Stadt bleiben?

Welche Alternativen gibt es denn?

Trappmann: Versiegelte Flächen entsiegeln. Es gibt viele Industrieflächen, die brachliegen. Die könnte man entweder begrünen oder für die Planungen nutzen. Das hat man ja zum Beispiel mit dem ehemaligen TÜV-Gelände am Ring gemacht.

Die Verwaltung hat sich gegen eine Baumschutzsatzung ausgesprochen. Woran ist das gescheitert?

Trappmann: Die Verwaltung hat die Argumente, dass drei neue Stellen geschaffen werden müssen. Das zweite ist, dass vorsorgliche Fällungen stattfinden könnten. Das sehe ich nicht so. Der freiwillige Verzicht klappt zudem nicht mehr. Früher waren wir als Nabu auch kritisch, aber jetzt brauchen wir eine Baumschutzsatzung. Und die sollte zügig eingeführt werden.

Sie haben als Nabu jetzt einen Antrag gestellt . . .

Trappmann: Der ist sogar schon datiert von Anfang 2017. Das zieht sich aber leider etwas.

Was erhoffen Sie sich?

Trappmann: Wir hoffen, dass Menschen, die Bäume fällen wollen, noch einmal darüber nachdenken. Man kann trotzdem Bäume fällen, aber man muss einen Antrag stellen und Ersatz leisten. Das ist eine Hürde.

Für wie realistisch halten Sie es, dass die Baumschutzsatzung kommt?

Trappmann: Das ist die Frage. Wir haben aus der Verwaltung keine Rückmeldung bekommen. Deshalb muss man auch immer wieder den Finger in die Wunde legen und sagen, dass zu viel rumgesägt wird. Den Bäumen geht es bei uns sehr stark ans Leder.

Sind einige Bäume schützenswerter als andere?

Trappmann: Ökologisch gesehen sind heimische Bäume für Tiere und Insekten wertvoller. Auf einer heimischen Eiche leben Hunderte Insektenarten. Auf einer amerikanischen Eiche sind das deutlich weniger. Lebensbäume sind nicht von so hohem ökologischen Wert, sie haben aber, was Klimaaspekte betrifft, die gleiche Funktion. Wenn man neue Bäume pflanzen möchte, sollten es schon heimische Bäume sein, im Idealfall Laubbäume.

Bei all den Emotionen: Manche Bäume müssen gefällt werden. In welchen Fällen ist das sinnvoll?

Trappmann: In solchen, wo die Sicherheit gefährdet ist. Die Standfestigkeit der Bäume ist in dem Bereich wichtig, wo Menschen laufen und wo Verkehr fließt. Oder aber, wenn es Planungen gibt, die genehmigt worden sind. Die Bäume müssen weichen, wenn es eine Planung des öffentlichen Interesses ist. Dann ist das leider so. Aber dann muss in der Regel Ausgleich geschaffen werden.

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