Gendergerechte Sprache
"Es ist ein Unterschied, ob man Kundin oder Kunde sagt"

Münster -

Die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium, Kristin Rose-Möhring, will eine gendergerechte deutsche Nationalhymne. Unterdessen verhandelt der Bundesgerichtshof über die Klage einer Sparkassenkundin, die in Formularen mit der weiblichen Form angesprochen werden will. Im Interview erklärt Dr. Katrin Späte, Soziologin an der Universität Münster mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung, welche Rolle Sprache für die Gleichberechtigung spielt.

Donnerstag, 08.03.2018, 10:03 Uhr

Gendergerechte Sprache: "Es ist ein Unterschied, ob man Kundin oder Kunde sagt"
Die Welt der Formulare ist männlich. Mehr als 1600 Kreditinstitute in Deutschland, so auch die Sparkasse Saarbrücken, arbeiten mit dem verallgemeinernden bzw. generischen Maskulinum. Damit sollen alle Personen angesprochen sein, ohne etwas über das natürliche Geschlecht aussagen zu wollen. Foto: Gunnar A. Pier

Eine Sparkassen-Kundin aus dem Saarland will sich in unpersönlichen Vordrucken als „Kundin“ oder „Kontoinhaberin“ wiederfinden - und ist dafür vor den Bundesgerichtshof gezogen. Werden Frauen benachteiligt, wenn nur vom „Kunden“ oder „Kontoinhaber“ die Rede ist? 

Dr. Katrin Späte: Vorneweg: Ich hätte mir gewünscht, dass die Banken auf Wünsche von Kunden und Kundinnen reagieren und selbständig aktiv werden, ohne dass die Justiz eingeschaltet werden muss. Die Sparkasse hätte auch von selbst darauf kommen können, gendergerechte Sprache einzuführen. Das ist heute doch selbstverständlich. Ich höre sie in den Medien, insbesondere bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, und auch jeder Politiker und jede Politikerin schafft es, gendergerecht zu formulieren. Es nicht zu tun, finde ich rückständig. Das verallgemeinernde Maskulinum begegnet Ihnen aber nicht nur bei der Sparkasse, sondern zum Beispiel auch bei Ärzten und Ärztinnen. Da mache ich oft auf den Fragebögen aus "Patient" die "PatientIn". Das sehen die Leute nicht gerne, dass man in ihren Formularen rumfuscht.

Marlies Krämer bezeichnet sich selber als "bekennende Feministin". Seit Jahrzehnten kämpft die 80-Jährige gegen die Benachteiligung der Frau in der Sprache, der "Schlüssel zur Gleichberechtigung", wie sie sagt. Jetzt hat sie die Saarbrücker Sparkasse verklagt.

Marlies Krämer bezeichnet sich selber als "bekennende Feministin". Seit Jahrzehnten kämpft die 80-Jährige gegen die Benachteiligung der Frau in der Sprache, der "Schlüssel zur Gleichberechtigung", wie sie sagt. Jetzt hat sie die Saarbrücker Sparkasse verklagt. Foto: dpa

Würde die Seniorin Marlies Krämer vor Gericht am 13. März Recht bekommen, dann hätten mehr als 1600 Kreditinstitute in Deutschland ein Problem. Und viele andere Institutionen und Firmen auch, die der Einfachheit halber mit dem verallgemeinernden Maskulinum arbeiten. Ist dieser Aufwand aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Späte: Ich finde, das ist kein Aufwand. Das ist eine Kleinigkeit, wir leben im Computerzeitalter. Alles ist digitalisiert und ruckzuck geändert. Man könnte die alten Formulare aufbrauchen und dann in den neuen "Kundin" hinzufügen. Oder man wählt einen Begriff, der sowohl Männer als auch Frauen einschließt. Statt "Kontoinhaber" und "Kontoinhaberin" könnte man "Kontoninhabende" schreiben. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man "Kundin" oder "Kunde" sagt. In der Sozialpsychologie geht man davon aus, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Sprache und der persönlichen Identifikation gibt.

BGH-Urteil zur weiblichen Anrede in Formularen am 13. März

Der Bundesgerichtshof (BGH) wird am 13. März sein mit Spannung erwartetes Urteil zur weiblichen Anrede in Formularen verkünden. Die obersten deutschen Zivilrichter prüfen die Klage einer Sparkassen-Kundin aus dem Saarland. Mehr zum Thema

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Die Frau beklagt, dass sie als Frau totgeschwiegen werde. Es sei ihr Recht, als Frau in Sprache und Schrift erkennbar zu sein. Wie sehen Sie das als Soziologin?

Späte: Das kann man so sehen. Es gibt ja keinen vernünftigen Grund, die sprachlichen Mittel, wenn sie vorhanden sind, nicht zu verwenden. Die deutsche Sprache bietet die Mittel an und dann kann man das doch machen. Anders als zum Beispiel die französische  Sprache, in der es weniger Möglichkeiten gibt, das körperliche Geschlecht zum Ausdruck zu bringen. Wieder das Beispiel Arzt: Französisch heisst es "le médecin", man kann aber nicht einfach "la médecine" bilden, weil das schon die Medizin allgemein oder das Medikament meint. Also wird von "médecin femme" (Medizin Frau) gesprochen. Aber im Deutschen ist das so einfach. Da sagt man auch besser direkt "Doktorin" als "Frau Doktor", "Professorin" statt "Frau Professor" und so weiter. Es ist mir unverständlich, warum man das nicht nutzen sollte.

Das Landgericht Saarbrücken argumentierte in der Vorinstanz, dass schwierige Texte durch die Nennung beider Geschlechter nur noch komplizierter würden.

Späte: Das finde ich nicht. In öffentlichen Einrichtungen wie an der Uni muss bereits in der Schriftsprache geschlechtergerecht formuliert werden. Da verwendet man dann andere Begriffe. Anstelle von "Mitarbeiter" und "Mitarbeiterinnen" schreibt man "Beschäftigte", statt „Lehrer“ und "Lehrerinnen" verwendet man "Lehrkräfte" oder „Studenten“ und „Studentinnen“ nennt man eben "Studierende". Dann muss man nicht immer beides schreiben. Es gibt viele Möglichkeiten. In meiner Wahrnehmung hat sich da schon enorm viel getan und es wäre schlicht nicht zeitgemäß, wenn der Klage der Frau nicht entsprochen würde.

Die Soziologin Dr. Katrin Späte

Die Soziologin Dr. Katrin Spät Foto: kb

Das Landgericht verwies der dpa zufolge auch darauf, dass die männliche Form schon „seit 2000 Jahren“ im allgemeinen Sprachgebrauch bei Personen beiderlei Geschlechts als Kollektivform verwendet werde. Wie sehen Sie das als Soziologin?

Späte: Das dauert, bis sich veränderter Sprachgebrauch durchsetzt. Der Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch zufolge gibt es in dem Bereich zwei Bremsen gegen den Fortschritt: Einerseits sprechen wir lieber und besser, wenn wir uns der Sprache beim Sprechen nicht bewusst sind, sonst muss ich ganz viel reflektieren, was für Wörter ich wähle und was ich eigentlich sagen will. Ein anderer wichtiger Aspekt: Wie wir jeweils sprechen, gehört zum Intimbereich. Da lassen wir uns ungern hineinreden. Niemand von uns wird gerne korrigiert. Niemand von uns macht gerne Fehler. Ich glaube, dass die Widerstände, die weibliche und die männliche Form zu verwenden, so groß sind, weil das wieder eine Regelung mehr ist. Das ist dann wieder anstrengend, muss es aber gar nicht sein. Solche Reformen sollte man nicht mit der Brechstange durchsetzen, sondern den Leuten erklären, warum das wichtig ist.

Warum ist Sprache denn für das Weiterkommen in der Geschlechtergerechtigkeit wichtig?

Späte: Sprache war eine der wichtigsten Forderungen der zweiten deutschen Frauenbewegung in den 70er Jahren. Wie schwierig das durchzusetzen ist, sehen Sie daran, worüber wir jetzt diskutieren. Man muss es einfach machen. In der Uni schaffen wir es jetzt langsam. Die Leute sind grundsätzlich auch bereit, neue Begriffsschöpfungen aufzunehmen. Denken Sie mal daran, wie schnell sich "googeln" eingebürgert hat. Insofern bildet unsere Sprache unseren sozialen Wandel ab und spiegelt ihn wider. Oder nehmen Sie Hape Kerkelings Ausdruck "ich habe Rücken". Der hat sich durchgesetzt, obwohl es sprachlich nicht korrekt ist. Wenn den Leuten etwas gefällt, nehmen sie es auch auf. Sprache lebt und wandelt sich, wird von unten verändert und hängt von dem Bewusstsein der Menschen ab. Es darf aber kein Zwang sein und die Menschen müssen es auch nachvollziehen können, dass es wichtig ist.

Apropos sozialer Wandel: Feminismus wird immer mehr Mainstream und ist allgegenwärtig. Da würde man meinen, dass der Vorstoß von der Gleichstellungsbeauftragten des Bundesfamilienministeriums, Kristin Rose-Möhring, die deutsche Nationalhymne geschlechtsneutral zu gestalten, genau zur richtigen Zeit kommt.

Späte: Absolut. Ich denke, der Herr von Fallersleben würde sich darüber freuen und wäre damit einverstanden.

Ein Faksimile, das die dritte Strophe des Deutschlandliedes von Heinrich Hoffmann von Fallersleben zeigt, aufgenommen im Berliner Reichstagsgebäude.

Ein Faksimile, das die dritte Strophe des Deutschlandliedes von Heinrich Hoffmann von Fallersleben zeigt, aufgenommen im Berliner Reichstagsgebäude. Foto: dpa

Also aus „Vaterland“ „Heimatland“ zu machen und die Zeile „brüderlich mit Herz und Hand“ umzuformulieren in „couragiert mit Herz und Hand“ finden Sie gut?

Späte: Courage ist doch ein schönes Wort. Ich denke, man sollte da nicht so große Widerstände gegen so kleine Änderungen auffahren.

Aber die gibt es. Viele fragen, ob wir keine anderen Probleme haben.

Natürlich haben wir auch andere Probleme. Aber man kann ja nicht sagen: Nur weil wir andere Probleme haben, kümmern wir uns darum nicht mehr. Das wäre wenig demokratisch. In einer Demokratie sind die Menschen frei. Das heißt auch, dass wenn jemand nicht gendergerecht oder -neutral sprechen möchte, spricht er eben nicht so. Man bleibt flexibel und muss den Menschen die Angst davor nehmen, dass da ständig jemand mit einem Rotstift hinter ihnen steht. Niemand wird gezwungen, so zu sprechen. Selbst auf der Website des Bundesgerichtshofes ist manchmal von "Richtern und Richterinnen" und dann wieder nur von "Richtern" die Rede. Aber man sollte nach möglichen Formulierungen suchen, Menschen nicht auszugrenzen. Das gilt neben dem Geschlecht auch für "Menschen mit Migrationshintergrund" oder "Menschen mit Behinderung". Das sind Wortungetüme, mit dem die Leute nicht zufrieden sind.

Gendergerechte Änderungen in den Hymnen von Kanada und Österreiche

In Kanada hat der Senat in Ottawa erst Ende Januar die „O Canada“ genannte Nationalhymne leicht geändert. Der Passus „True patriot love in all thy sons command“ (Erwecke Vaterlandsliebe in all deinen Söhnen) wurde geändert „... in all of us command“ (in uns allen). Premierminister Justin Trudeau schrieb auf Twitter von einem „weiteren positiven Schritt in Richtung Geschlechtergleichheit“. Die Hymne wurde 1908 vom Richter und Dichter Robert Stanley Weir komponiert. Die fragliche Passage hatte er nach dem Ersten Weltkrieg hinzugefügt, um an die gefallenen Soldaten zu erinnern.In Österreich werden Frauen in der Bundeshymne seit Januar 2012 nicht mehr übergangen. Bis dahin tönte zu allen großen Anlässen: „Heimat bist du großer Söhne, Volk, begnadet für das Schöne.“ Nach jahrzehntelangen Debatten wurde die Passage in der ersten Strophe geändert: „Heimat großer Töchter und Söhne, Volk, begnadet für das Schöne“, heißt es dort nun. Geändert wurde auch die dritte Strophe der von Paula Preradovic gedichteten Bundeshymne: Statt „Einig lass in Bruderchören, Vaterland dir Treue schwören“ wird nun am Anfang der Strophe „Jubelchöre“ gesungen. Das von manchen bevorzugte „Heimatland“ statt „Vaterland“ konnte aber sich nicht durchsetzen. (von dpa)

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Was bedeutet Ihnen persönlich der internationale Frauentag?

Das ist selbst im 21. Jahrhundert immer noch ein ganz wichtiger Tag, um darauf aufmerksam zu machen, dass Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer und dass es immer noch viele, viele Bereiche gibt, in denen Politik für Frauen gemacht werden muss.

Finden Sie, dass wir gleichberechtigt sind?

Wer ist "wir"? So pauschal kann man das nicht sagen. Es ist ein Fortschritt aus der Geschlechterforschung gewesen, zu erkennen, dass es die homogene Masse Frauen nicht gibt. Sondern jede im Grunde etwas anderes will. Darum ist es auch so schwer, eine Politik zu machen, die für alle gut ist. Darum wird auch so viel unter Frauen über frauenpolitische Inhalte gestritten. Kanzlerin Angela Merkel ist eine Frau, sieht bei der Nationalhymne aber keinen Bedarf für eine Änderung. So unterschiedlich ist das!

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