Integration mit der Nähnadel
Studenten und syrische Flüchtlinge betreiben gemeinsames Modelabel

Münster -

Studierende haben mit syrischen Geflüchteten ein Modelabel gegründet. "Bayti hier" ist aber weit mehr als ein integratives Wirtschaftsmodell. 

Montag, 19.03.2018, 07:16 Uhr aktualisiert: 19.03.2018, 17:19 Uhr
Täglich in der Schneiderei: Ilan Hasan und Muhammad Ali Alnamons machen das, womit sie schon in Damaskus beschäftigt waren – sie nähen Mode. Das Team empfindet sich als überzeugte Gruppe von Idealisten. Idealisten, die nicht nur träumen, sondern auch handeln.
Täglich in der Schneiderei: Ilan Hasan und Muhammad Ali Alnamons machen das, womit sie schon in Damaskus beschäftigt waren – sie nähen Mode. Das Team empfindet sich als überzeugte Gruppe von Idealisten. Idealisten, die nicht nur träumen, sondern auch handeln. Foto: Wilfried Gerharz

Wenn er nicht auf Mallorca gewesen wäre. Und wenn Michael Kortenbrede dort nicht die Boulevardzeitung gekauft hätte, die er sonst nur selten zur Hand nimmt. Und wenn er darin nicht gelesen hätte, dass die AfD in Mecklenburg-Vorpommern zur zweitstärksten politischen Kraft geworden war. Ja, wenn all das nicht geschehen wäre, gäbe es „Bayti hier“ nicht, dieses ganz besondere Modelabel.

Weil sich alles jedoch genau so gefügt hat, surren in einer früheren Lagerhalle in Münster an jedem Werktag die Nähmaschinen und gelingt es von Monat zu Monat immer besser, sich im Team zu verständigen.

Dieses Team besteht aus dem 27-jährigen Michael Kortenbrede, seiner Cousine Pia Brillen, befreundeten Kommilitonen und aus einem jungen Paar, das in Damaskus in Schneidereien gearbeitet hat und seit 2016 in Deutschland lebt. „Bayti hier“ als integratives Wirtschaftsmodell? Das Modelabel ist weit mehr. Wer mit Michael Kortenbrede in E-Mail-Kontakt tritt, ahnt es schnell. Der Student verabschiedet sich stets mit „weltoffenen Grüßen“. „Bayti hier“ – das ist der Versuch zu zeigen, dass es sich immer lohnt, offen für andere Menschen und Kulturen zu sein.

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Der Kopf des Modelabels: Michael Kortenbrede zeigt mit „Bayti hier“, dass Integration einfach angepackt werden muss. Foto: Wilfried Gerharz

Ein Vormittag im Herzstück der kleinen Firma. Tim Keckstein entwickelt gerade ein neues Regalsystem. Eines, mit dem die Sweatshirts, Kapuzenpullis und all die anderen Textilien platzsparender zu finden sein sollen. Der 26-Jährige hat vor ein paar Monaten sein BWL-Studium beendet. Demnächst tritt er seine erste Stelle in einer Unternehmensberatung an. Er freut sich darauf. „Bayti hier“ jedoch wird er vermissen.

„Bayti hier“ – was heißt das? Tim Keckstein hat die Frage ebenso gestellt wie alle anderen Mitglieder im Team und die Kunden, die online die sportliche Mode mit der weltoffenen Botschaft kaufen. Bayti, erklären Michael Kortenbrede und Pia Brillen dann, heißt auf Arabisch „Zu Hause“. „Bayti hier“: Das verspricht Zukunft, Perspektive und Willkommensein.

Westliche Schnitte, Stoffe aus Ägypten

Manchmal fragt sich das Team, ob es sich in Münster in einer vor aggressiven Einflüssen geschützten Blase befindet. „Wir bekommen nur zustimmende Reaktionen“, erzählt der 27-Jährige. Die Kunden finden die Mode originell. Westliche und arabische Einflüsse modisch zu verbinden: Für sie ist das nicht nur originell, sondern auch voller Symbolik. „Die Schnitte sind westlich, und die Stoffe kommen aus Ägypten“, erklärt Michael Kortenbrede das Konzept. Arabische Symbole, die wie Mandalas wirken, und orientalische Schmuckborten werden darauf genäht. Kürzlich hat das Team „Together united“ als Schriftzug in einer Kombination aus westlichen und arabischen Zeichen entworfen – die ersten Pullis und Shirts sind bereits verkauft worden.

Manche Freunde finden, dass sich Michael Kortenbrede verändert habe. Er kauft, wenn sie denn für ihn bezahlbar sind, nur Bioprodukte, lebt nachhaltig und hat dem Idealismus, den er schon lange empfindet, noch ein bisschen mehr Raum gegeben. Er drückt das so aus: An dem Sommertag auf Mallorca „haben sich die Synapsen zusammengefügt, die schon vorher da waren. Ich habe mich geärgert über die Ängste, die die AfD schürt. Ich teile diese Ängste nicht.“

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Das Team empfindet sich als überzeugte Gruppe von Idealisten. Idealisten, die nicht nur träumen, sondern auch handeln. Foto: Wilfried Gerharz

Im Rückblick findet er das, was dann folgte, „in Teilen schon etwas naiv“. Zunächst sprach der BWL-Student seine Cousine Pia Brillen an und musste nicht lange argumentieren, um sie zu überzeugen. Ihr Schneidertalent wollte die Lehramtsstudentin gern in den Dienst der Minifirma stellen. „In einem Welcome-Café haben wir Muhammad und Ilan kennengelernt.“ Sie seien ausgebildete Schneider? Ausgezeichnet. Und ob sie Interesse hätten, mit ihnen ein Video zu drehen, in dem sie das Projekt vorstellen? Natürlich, gerne, kein Problem. Den Kurzfilm stellten sie bei Facebook ein und freuten sich über die positiven Reaktionen. Ein Bekannter stellte die Räumlichkeiten zur Verfügung. Kostenlos – das Team findet immer wieder Gönner.

Die 30-jährige Ilan Hasan und ihr 32-jähriger Lebensgefährte Muhammad Ali Alnamons sitzen täglich nach dem Sprachkurs an ihren Nähmaschinen. Noch holpern die Gespräche zwischen den beiden mittlerweile anerkannten Flüchtlingen und den Studenten. Doch sie erfahren immer mehr voneinander.

Schwer zu ertragende Blicke

Ilan Hasan überlegt, ob sie ihr Kopftuch ablegen soll, weil die Blicke, die sie oft im Bus spürt, schwer zu ertragen sind. Ihr Lebensgefährte hat nichts dagegen, sie jedoch möchte nicht auf das für sie wichtige Symbol ihres Glaubens verzichten. Muhammad Ali Alnamons wiederum versucht, den Studenten den Koran zu erklären und weshalb Religiosität für ihn so wichtig ist. Auf seinem Handy schaltet er manchmal Musik des Islam an. Gewöhnungsbedürftige Klänge für die anderen im Raum und doch ein weiterer Weg, um sich besser kennenzulernen.

Die beiden Schneider aus Damaskus sind bislang die einzigen Mitglieder des Teams, die als Minijobber ein festes Gehalt beziehen. Michael Kortenbrede und seine Kommilitonen haben einen Teil ihres Geldes in den Kauf der Stoffe und Materialien investiert. „Zurzeit arbeiten wir plus minus null.“

Stationärer Verkauf im Bauwagen geplant

In ein paar Monaten will „Bayti hier“ mit einem umgebauten Bauwagen auch in den stationären Verkauf gehen: Verhandlungen laufen bereits über einen Marktstand an der Überwasserkirche in Münster. Der Bauwagen soll nicht nur ein Verkaufspunkt sein. „Wir wollen damit auch einen kulturellen Treffpunkt einrichten“, sagt Maike Fellmoser.

Die Studentin bereitet gegenwärtig ein Programm mit Musik und orientalischen Spezialitäten vor. Und sollte sie jemand demnächst im Bauwagen in ein Gespräch über die Frage verwickeln wollen, weshalb sich einige Flüchtlinge der Integration entziehen, dann kann es sein, dass sie von ihrem Heimatdorf im Schwarzwald erzählt. „Dort gilt man noch nach 50 Jahren als Zugezogener.“

Integration ist ein Prozess, an dem sich möglichst viele beteiligen müssen, wenn er gelingen soll.

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