Amokfahrer in Münster
Was wir über Jens R. wissen

Münster/Olsberg -

Nach der tödlichen Amokfahrt von Münster rücken der Täter und dessen mögliches Motiv in den Mittelpunkt der Ermittlungen. „Wir brauchen Zeit, um alle Spuren auszuwerten“, sagt ein Polizeisprecher. Einige Details sind bekannt, andere liegen im Dunkeln.

Montag, 09.04.2018, 13:04 Uhr

Jens R., der Amokfahrer von Münster
Jens R., der Amokfahrer von Münster Foto: privat

Offensichtlich hatte der Amokfahrer psychische Probleme. Er hinterließ eine Art "Lebensbeichte", derzufolge er sich von seinen Eltern, von Freunden, Nachbarn, Geschäftspartnern, aber auch Ärzten drangsaliert und schikaniert fühlte.

► Was ist bisher über den Mann bekannt?

Es handelt sich um einen 48 Jahre alten Deutschen, der 1969 in Olsberg (Sauerland) geboren wurde, aber bereits seit Jahren in Münster lebte. Sein Name wird mit Jens Alexander R. benannt. Er war Ende der 90er Jahre Student im Fachbereich Design an der FH Münster , gewann Preise und arbeitete als Industriedesigner. Er wohnte in einem Mehrfamilienhaus in Münsters Innenstadt.

► War der Mann bisher polizeibekannt?

Ja. Laut Staatsanwaltschaft liefen gegen den Mann, der 2015 und 2016 mehrere Verfahren etwa wegen Bedrohung, Unfallflucht, Betrug und Sachbeschädigung, die alle eingestellt wurden. Es habe aber „keine Anhaltspunkte auf eine stärkere kriminelle Intensität“ gegeben, hieß es aus Ermittlerkreisen. Nach Informationen unserer Zeitung kündigte der Mann Ende März in einer E-Mail an Bekannte einen möglichen Suizid an. Daraus waren aber keine Rückschlüsse auf eine mögliche Amoktat zu schließen. Es soll seit 2015 Vorfälle in der Familie des Täters gegeben haben, die mit dessen „offenkundiger psychischer Erkrankung“ zusammenhingen.

Jens R.

Der Täter Jens R. auf einem Archivfoto von 1998. Foto: WN-Archiv

► Was könnte die Tat ausgelöst haben?

Nach bisherigem Stand der Ermittlungen hat die Tat keinen politischen Hintergrund, sondern einen, "der im Täter selbst begründet ist", wie Polizeipräsident Kuhlisch und Leitende Oberstaatsanwältin Elke Adomeit sagten. Die Polizei hat nach der Tat insgesamt vier Wohnungen des Amokfahrers durchsucht, aus denen sich keine Hinweise auf ein politisches Tatmotiv ergaben. „Wir haben in der ganzen Nacht die Wohnungen des Täters durchsucht“, so Kuhlisch am Sonntag. Zwei davon lägen in Sachsen, zwei in Münster. „Die erste, doch schon etwas intensivere Durchsicht hat keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund ergeben.“ Das sei ein vorläufiger Stand.

Nach der Amokfahrt in Münster

1/60
  • Blumen werden am Tatort niedergelegt, Kerzen angezündet: Ein Mann war am 07.04. mit einem Kleintransporter vor der Gaststätte «Großer Kiepenkerl» in der Altstadt in eine Gruppe von Menschen gerast und hat zwei von ihnen getötet.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, läuft am Sonntagvormittag zum Tatort.

    Foto: Oliver Werner
  • Foto: dpa
  • Der Täter steuerte nach vorliegenden Informationen den Platz, der dann zum Tatort wurde, über  die Straßenachse Bogenstraße/Spiekerhof an. Normalerweise ist eine Zufahrt von dieser Seite aber nicht möglich, da Poller die Zufahrt versperren.

    Erreichbar ist der Platz am Kiepenkerl sowie die benachbarte Straße „Wegesende“ nur über eine kleine Stichstraße, die zwischen der  Apostelkirche und dem Eiscafé Macellum verläuft. Diese Stichstraße ist derzeit wegen Bauarbeiten aber gesperrt. Ersatzweise wurde der Platz am Kiepenkerldenkmal nach Süden, also zum Spiekerhof hin geöffnet.

    Foto: dpa
  • Ein Moment absoluter Stille.

    Foto: Oliver Werner
  • Schweigend legen Horst Seehofer, Armin Laschet, NRW-Innenminister Reul und Oberbürgermeister Lewe Blumen am Tatort nieder.

    Foto: dpa
  • Nationale und internationale Medien sind versammelt, um die Stellungnahmen der Politiker aufzunehmen.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Minister tragen sich ins Kondolenzbuch ein.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Ermittlungen der Polizei nach der Amokfahrt in Münster dauern an. Das Tatfahrzeug wurde inzwischen entfernt. Am Tatort werden weiter Spuren gesichert. Foto: Oliver Werner
  • Die Ermittlungen der Polizei nach der Amokfahrt in Münster dauern an. Das Tatfahrzeug wurde inzwischen entfernt. Am Tatort werden weiter Spuren gesichert. Foto: Oliver Werner
  • Die Ermittlungen der Polizei nach der Amokfahrt in Münster dauern an. Das Tatfahrzeug wurde inzwischen entfernt. Am Tatort werden weiter Spuren gesichert. Foto: Oliver Werner
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Ein Moment absoluter Stille. Schweigend legen Horst Seehofer, Armin Laschet, NRW-Innenminister Reul und Oberbürgermeister Lewe Blumen am Tatort nieder.

    Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Auf fast allen Fußballplätzen in Münster fand am Sonntag eine Schweigeminute im Gedenken an die Opfer der Amokfahrt vom Samstag statt. Mehrere Mannschaften, wie etwa Westfalenligist 1. FC Gievenbeck, trugen einen Trauerflor. auf dem Bild sind die Kicker von Westfalia Kinderhaus vor der Partie gegen den TuS Recke am Anstoßkreis zu sehen. 

    Foto: Thomas Rellmann
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Maria Dickmann: Ich habe heute die Stille in der Lamber-tikirche gesucht und Kerzen aufgestellt.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Hermann-Josef Danicki: Man darf nicht immer im Bewusst-sein haben, woher wohl das nächste Auto kommt.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Johanna Markmann: Ich bin das erste Mal seit Samstag in der Stadt. Es ist ein mulmiges Gefühl.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Ali Zandi: Wenn ich mit dem Taxi dort vorbeifahre, werde ich immer daran denken.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Gemischte Gefühle hat Dr. Rainer Zirbeck bei seiner Kaffeepause vor einem Café am Drubbel.

    Foto: Gabriele Hillmoth

 Was wurde in den Wohnungen gefunden?

Bei der Durchsuchung der Wohnung des Amokfahrers in Münster fand die Polizei eine nicht brauchbare Maschinenpistole vom Typ AK47. Die Beamten hätten eine Dekorationswaffe und Feuerwerkskörper gefunden. Hinweise auf politische Propganda wurden nicht entdeckt. In der Wohnung in Münster fanden die Ermittler mehrere Gasflaschen sowie Kanister mit Bioethanol und Benzin. Zu welchem Zweck der Täter die Stoffe in seiner Wohnung aufbewahrt hat, ist Gegenstand der Ermittlungen.

► Welche Informationen gibt es zum beruflichen Hintergrund?

Jens R. , der in wenigen Wochen am 1. Mai 49 Jahre alt geworden wäre, arbeitete ab 2000 als selbstständiger Designer. Während seines Studiums Ende der 1990er Jahre an der Fachhochschule Münster konzentrierte er sich auf Produktdesign und war dort gemeinsam mit zwei weiteren Studierenden bei einem Projekt erfolgreich. Auf einer Frankfurter Design-Austellung erhielt der von dem Trio geschaffene Prototyp eines Spiegelschranks den Publikumspreis und war auch bei Herstellern gefragt.
Nach rund 20 Jahren sind im Fachbereich Design die Erinnerungen an Jens R. allerdings verblasst. Bei zahlreichen Nachfragen konnte sich zunächst niemand mehr an den Studierenden von damals erinnern. Personen, die etwas sagen könnten, seien mittlerweile verstorben, hieß es. 

► Wie waren die wirtschaftliche Verhältnisse von Jens R.?

Amokfahrer Jens R. war - auch wenn jetzt von einem angeblichen beruflichen Niedergang gesprochen wird - bis zum Schluss wirtschaftlich vollkommen unabhängig. In einschlägigen Wirtschaftsauskunfteien wird der Designer, der sich im Jahr 2000 in Münster selbstständig machte, in der besten Risikoklasse geführt. Sprich: Es gibt hier keinerlei Auffälligkeiten wie zum Beispiel nicht geleistete Abzahlungen oder Rechnungen. Es genoss damit bis zum Schluss höchste Bonität. 

► Welche Informationen gibt es noch?

Es muss lange gut gelaufen sein für den Industriedesigner: Jens R. nutzte vier Wohnungen, zwei in Münster, zwei in Ostdeutschland – darunter in Pirna, dazu besaß er mehrere teure Pkw. Seine gut gehende Firma und mindestens ein erfolgreiches Design-Patent hat er vor einigen Jahren offenbar gut verkauft. Inzwischen allerdings schienen die Geschäfte nicht mehr rund zu laufen.

Medienberichten zufolge hat R. eine Art "Lebensbeichte" in Brief- und E-Mail-Form hinterlassen. Demnach fühlte er sich von vielen Menschen in seiner Umgebung verraten und betrogen, auch drangsaliert und schikaniert - allen voran von den Eltern. Schon als Kind sei er misshandelt worden. Er habe Angstattacken gehabt und angefangen zu trinken.

Nach einer Rücken-Operation im Jahr 2015 soll R. unter starken Schmerzen gelitten haben.

Die Ermittler werden versuchen müssen, diese Puzzleteile an Informationen zu einem Ganzen zusammenzufügen. Liegt darin das Motiv des Täters verborgen? Nach unbestätigten Berichten soll der Mann einen Selbstmord angekündigt haben und wollte diesen „spektakulär“ ausführen. Auch gibt es Berichte, nach denen Jens R. Drogenkontakte nach Telgte hatte. Hinweise auf Verbindungen zum rechtsextremen Milieu sind nach Einschätzung der Ermittler dagegen nicht belastbar.

Nach Amokfahrt in Münster: Seehofer und Laschet gedenken der Opfer

Hinweis: In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen – außer die Tat erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Grund für die Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Selbsttötungen. 
Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Ergänzend können Sie das Angebot der Krisenhilfe Münster (0251-519005) in Anspruch nehmen und dort bis zu zehn kostenlose persönliche Beratungstermine vereinbaren.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5646337?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F
Liveblog: Herbe Verluste für die SPD - Grüne legen deutlich zu
Europawahl: Liveblog: Herbe Verluste für die SPD - Grüne legen deutlich zu
Nachrichten-Ticker