Amokfahrt in Münster
Tag zwei nach der Bluttat steht im Zeichen der Aufklärung

Münster -

(Aktualisiert: 19 Uhr) Der zweite Tag nach der Amokfahrt in Münster mit insgesamt drei Toten fördert weitere Details zu Tage. Unter anderem gibt es neue Informationen zu dem getöteten Mann aus Ahaus und zum Motiv des Täters. Der Tag in der Zusammenfassung. 

Montag, 09.04.2018, 19:04 Uhr

Amokfahrt in Münster: Tag zwei nach der Bluttat steht im Zeichen der Aufklärung
Unter dem Kiepenkerl-Denkmal wurden für die Opfer am Tatort Blumen und Kerzen abgelegt. Foto: Oliver Werner

Bei dem getöteten 65-Jährigen aus Ahaus handelt es sich um einen pensionierten Lehrer der Gronauer Fridtjof-Nansen-Realschule. Auch die Ehefrau von Wolfgang H. wurde bei der Tat schwer verletzt.

Der langjährige Sport- und Niederländischlehrer war zwar schon seit zwei Jahren im Ruhestand, hatte aber noch bis Ende Februar vertretungsweise zwei Klassen Sportunterricht erteilt. „An der Schule herrscht große Betroffenheit“, sagte Schulleiterin Andrea Preuß gegenüber den WN. „Herr H. war seit den 70er-Jahren Lehrer, er übte seinen Beruf mit großem Engagement und Freude aus.“

Neben dem Täter Jens R. , der sich unmittelbar nach der Amokfahrt selbst erschossen hatte, war als dritte Person eine 51-jährige Frau aus Lüneburg ums Leben gekommen. In der Universitätsklinik schwebten am Montagmittag noch drei schwerstverletzte Patienten in Lebensgefahr, berichtete Prof. Michael Raschke, Direktor der Unfallchirurgie während einer Pressekonferenz. Darüber hinaus versorgt das Clemenshospital zwei weitere Schwerstverletzte. 

Pressekonferenz der Uniklinik nach Anschlag

USC-Spielerin unter den Verletzten

Am Tatort seien insgesamt 25 Verletzte versorgt worden, zehn davon wurden ins Uniklinikum gebracht. Die restlichen Patienten wurden in andere Krankenhäuser gebracht. Der Ärztliche Direktor der Uniklinik, Prof. Robert Nitsch, dankte seinen Mitarbeitern für ihren Einsatz. Der Notfallplan habe gegriffen: "Innerhalb von 45 Minuten haben sich 250 Mitarbeiter gemeldet", berichtet Nitsch.

Schwer verletzt wurde beim Anschlag auch die Volleyball-Spielerin Chiara Hoenhorst vom USC Münster. Mit Kopfverletzungen wurde die Angreiferin des Volleyball-Bundesligisten ins Uniklinikum eingeliefert, nach einer Operation wurde die 21-Jährige in ein künstliches Koma versetzt. Hoenhorst schwebt mittlerweile nicht mehr in Lebensgefahr. 

Nach der Amokfahrt in Münster

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  • Blumen werden am Tatort niedergelegt, Kerzen angezündet: Ein Mann war am 07.04. mit einem Kleintransporter vor der Gaststätte «Großer Kiepenkerl» in der Altstadt in eine Gruppe von Menschen gerast und hat zwei von ihnen getötet.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, läuft am Sonntagvormittag zum Tatort.

    Foto: Oliver Werner
  • Foto: dpa
  • Der Täter steuerte nach vorliegenden Informationen den Platz, der dann zum Tatort wurde, über  die Straßenachse Bogenstraße/Spiekerhof an. Normalerweise ist eine Zufahrt von dieser Seite aber nicht möglich, da Poller die Zufahrt versperren.

    Erreichbar ist der Platz am Kiepenkerl sowie die benachbarte Straße „Wegesende“ nur über eine kleine Stichstraße, die zwischen der  Apostelkirche und dem Eiscafé Macellum verläuft. Diese Stichstraße ist derzeit wegen Bauarbeiten aber gesperrt. Ersatzweise wurde der Platz am Kiepenkerldenkmal nach Süden, also zum Spiekerhof hin geöffnet.

    Foto: dpa
  • Ein Moment absoluter Stille.

    Foto: Oliver Werner
  • Schweigend legen Horst Seehofer, Armin Laschet, NRW-Innenminister Reul und Oberbürgermeister Lewe Blumen am Tatort nieder.

    Foto: dpa
  • Nationale und internationale Medien sind versammelt, um die Stellungnahmen der Politiker aufzunehmen.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Minister tragen sich ins Kondolenzbuch ein.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Ermittlungen der Polizei nach der Amokfahrt in Münster dauern an. Das Tatfahrzeug wurde inzwischen entfernt. Am Tatort werden weiter Spuren gesichert. Foto: Oliver Werner
  • Die Ermittlungen der Polizei nach der Amokfahrt in Münster dauern an. Das Tatfahrzeug wurde inzwischen entfernt. Am Tatort werden weiter Spuren gesichert. Foto: Oliver Werner
  • Die Ermittlungen der Polizei nach der Amokfahrt in Münster dauern an. Das Tatfahrzeug wurde inzwischen entfernt. Am Tatort werden weiter Spuren gesichert. Foto: Oliver Werner
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  • Ein Moment absoluter Stille. Schweigend legen Horst Seehofer, Armin Laschet, NRW-Innenminister Reul und Oberbürgermeister Lewe Blumen am Tatort nieder.

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  • Auf fast allen Fußballplätzen in Münster fand am Sonntag eine Schweigeminute im Gedenken an die Opfer der Amokfahrt vom Samstag statt. Mehrere Mannschaften, wie etwa Westfalenligist 1. FC Gievenbeck, trugen einen Trauerflor. auf dem Bild sind die Kicker von Westfalia Kinderhaus vor der Partie gegen den TuS Recke am Anstoßkreis zu sehen. 

    Foto: Thomas Rellmann
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  • Maria Dickmann: Ich habe heute die Stille in der Lamber-tikirche gesucht und Kerzen aufgestellt.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Hermann-Josef Danicki: Man darf nicht immer im Bewusst-sein haben, woher wohl das nächste Auto kommt.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Johanna Markmann: Ich bin das erste Mal seit Samstag in der Stadt. Es ist ein mulmiges Gefühl.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Ali Zandi: Wenn ich mit dem Taxi dort vorbeifahre, werde ich immer daran denken.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Gemischte Gefühle hat Dr. Rainer Zirbeck bei seiner Kaffeepause vor einem Café am Drubbel.

    Foto: Gabriele Hillmoth

Motiv des Täters

Über den Täter wurden im Laufe des Montags weitere Details bekannt. 92 Seiten lang soll ein Brief sein, den Amokfahrer Jens R. neun Tage vor der Tat an Bekannte, Familie und sogar Nachbarn verschickte. Laut unbestätigten Berichten der "Bild"-Zeitung, die angibt, im Besitz des Schreibens zu sein, fühlte R. sich von anderen drangsaliert, schikaniert und isoliert.

Alle hätten sich gegen ihn verschworen: allen voran die Eltern, aber auch Freunde, Nachbarn, Geschäftspartner und Ärzte. Seit einer Rücken-Operation im Jahr 2015 habe er unter starken Rückenschmerzen gelitten. Schon als Kind, so zitiert die Bild das Schreiben des Täters, sei er von seinen Eltern misshandelt worden. Er habe Angstattacken gehabt, und angefangen zu trinken.

Am Montagabend gaben die Polizei Münster und die Staatsanwaltschaft einer gemeinsamen Presseerklärung den aktuellen Ermittlungsstand bekannt: "Nach der bisherigen Analyse und Auswertung der vorliegenden Dokumente, Spuren und Aussagen sind die Ermittlungsbehörden sicher, dass der 48-Jährige in Suizidabsicht handelte", fasst Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt die bisherigen Ergebnisse zusammen.

Bei der Durchsuchung der Wohnung des ledigen und kinderlosen Münsteraners fanden die Beamten neben mehreren Behältern mit Benzin und anderen Flüssigkeiten ein über einen Balken gelegtes Hanfseil mit Henkersknoten. "Die geplante Verwendung der Stoffe durch den Täter und die Herkunft sind zum jetzigen Zeitpunkt unklar", ergänzte der Oberstaatsanwalt. "Das Seil jedoch ist ein eindeutiger Hinweis."

Für die Suizidabsicht des Täters spricht auch die Tatsache, dass sich der Täter unmittelbar nach dem Stillstand des Fahrzeugs erschossen hat. "Offensichtlich wollte sich der Täter nach der Todesfahrt direkt selber richten", erklärte Kriminalhauptkommissar Joachim Poll, der Leiter der Ermittlungskommission. "Bei einer Gesamtschau der Indizien sind wir uns sicher, der Täter handelte in Suizidabsicht." Diese eindeutige Suizidabsicht hatte der Mann vor der Tat weder dargelegt noch gegenüber Dritten geäußert. 

"Warum der Täter den Vorplatz der Restaurants als Ziel seiner Todesfahrt gewählt hat, ist unklar", sagte der Kriminalhauptkommissar. "Wir sind einigen Hinweisen dazu nachgegangen, konnten aber bislang keine Beziehung des Täters zum Tatort herstellen." 

Die Mitarbeiter der Ermittlungskommission werten weiterhin Hinweise aus, befragen Zeugen und untersuchen die sichergestellten Spuren und Beweismittel. 

Täter war sozialpsychiatrischen Dienst bekannt

Als Industriedesigner scheint R. zu Beginn der Karriere sehr erfolgreich gewesen zu sein und viel Geld verdient zu haben. Zuletzt allerdings liefen die Geschäfte nicht mehr, heißt es. R. habe sich verraten und betrogen gefühlt. 2015 und 2016 ermittelte die Behörden wegen diverser Delikte, unter anderem Betrug, Bedrohung und Unfallflucht, gegen ihn. Die Verfahren wurden allerdings allesamt eingestellt. Auch dem sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Münster war R. bekannt. Medienberichten zufolge soll der 48-Jährige dort noch Ende März um Hilfe gebeten haben - wenige Tage vor der Amokfahrt.

Am Vormittag verbreitete sich ein Bild im Netz, das angeblich den Täter zeigt. Die Polizei trat bei Twitter diesen Gerüchten entgegen. Die abgebildete Person sei nicht der Täter, schrieb die Polizei.

Die berufliche Situation des Täters

Jens R., der am 1. Mai 49 Jahre alt geworden wäre, arbeitete ab 2000 als selbstständiger Designer. Nach rund 20 Jahren sind im Fachbereich Design die Erinnerungen an Jens R. allerdings verblasst. Bei zahlreichen Nachfragen konnte sich zunächst niemand mehr an den Studierenden von damals erinnern. 

Der 48-Jährige war - auch wenn jetzt von einem angeblichen beruflichen Niedergang gesprochen wird - bis zum Schluss wirtschaftlich vollkommen unabhängig. In einschlägigen Wirtschaftsauskunfteien wird der Designer, der sich im Jahr 2000 in Münster selbstständig machte, in der besten Risikoklasse geführt. Sprich: Es gibt hier keinerlei Auffälligkeiten wie zum Beispiel nicht geleistete Abzahlungen oder Rechnungen. Es genoss damit bis zum Schluss höchste Bonität.

Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer

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  • Mit brennenden Kerzen und gemeinsamem Gebet...

    Foto: Friso Gentsch
  • ... haben Hunderte von Menschen im Paulusdom zu Münster am Sonntagabend der Opfer der Amokfahrt gedacht.

    Foto: Friso Gentsch
  • Die rund 700 Sitzplätze im Dom waren voll besetzt, dicht gedrängt füllten weitere Besucher das Kirchenschiff.

    Foto: Ina Fassbender
  • Zu den Gästen gehörten auch Rettungssanitäter,

    Foto: Ina Fassbender
  • ... Notfallärzte und Feuerwehrleute...

    Foto: Friso Gentsch
  • ... die am Samstag im Einsatz waren, als ein Amokfahrer in eine Menschenmenge raste, zwei Menschen in den Tod riss und sich erschoss.

    Foto: Ina Fassbender
  • „Lassen Sie sich auch in ihrem schweren Leid von dieser großartigen Solidarität stützen und tragen“, sagte Bischof Genn an die Betroffenen und die Angehörigen der Opfer gewandt.

    Foto: Ina Fassbender
  • An fünf großen Kerzen aus dem Altarraum entzündeten die Besucher Hunderte von kleinen Kerzen...

    Foto: Friso Gentsch
  • ...und trugen so das Licht in die gesamte Kirche, später wurden die Kerzen vor dem Dom abgelegt.

    Foto: Friso Gentsch
  • Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe kommt zum Dom, in dem ein Trauergottesdienst stattfindet.

    Foto: Friso Gentsch
  • Rettungskräfte und andere Gottesdienstbesucher gehen in den Dom, in dem später ein Trauergottesdienst stattfindet.

    Foto: Friso Gentsch
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner
  • Gottesdienst nach Amokfahrt in Münster in Gedenken an Opfer Foto: Oliver Werner

Opferschutzbeauftragte in Münster

Am Montag reiste die nordrhein-westfälische Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz nach Münster, um Opfer und Betroffene zu treffen. Über ihren Sprecher rief sie dazu auf, die unschuldigen Betroffenen einer Tat wie in Münster nicht zu vergessen. „Nach einer tragischen und blutigen Tat wie dieser ist es wichtig, den Opfern die Hilfe anzubieten, die sie benötigen, kurzfristig und auch auf lange Sicht“, sagte der Sprecher des zuständigen NRW-Justizministeriums, Peter Marchlewski.

Die für Dienstag von der Gewerkschaft Verdi angekündigten Warnstreikaktionen finden wegen der Amokfahrt in Münster nur teilweise statt. Demnach ist der Streik im öffentlichen Nahverkehr der Stadtwerke Münster abgesagt worden, auch die Busse des VSM und des RVM werden am Dienstag wie gewohnt fahren. Die Müllabfuhr und die Straßenreinigung der AWM werden ebenfalls nicht bestreikt. Die Warnstreiks in städtischen Kitas sollen jedoch stattfinden. Hier werde allerdings dafür gesorgt, dass in allen Stadtteilen ausreichend Notgruppen bereitstehen sollen.


Hinweis: In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen – außer die Tat erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Grund für die Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Selbsttötungen. 
Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Ergänzend können Sie das Angebot der Krisenhilfe Münster (0251-519005) in Anspruch nehmen und dort bis zu zehn kostenlose persönliche Beratungstermine vereinbaren.

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