Experten-Warnung
Nach Amokfahrt: Angst vor falschen Rückschlüssen

Münster -

Dass der Amokfahrer von Münster ein möglicherweise psychisch kranker Mensch gewesen ist, sehen Betreuer mit Sorge. Sie warnen vor falschen Rückschlüssen und sorgen sich um die Integration dieses Personenkreises.

Montag, 09.04.2018, 21:04 Uhr

Ulrich Hohenbrink vom Förderkreis Sozialpsychiatrie
Ulrich Hohenbrink vom Förderkreis Sozialpsychiatrie Foto: Emmerich

„Psychisch krank wird mit gefährlich gleichgesetzt.“ Ulrich Hohenbrink schwant wieder mal Böses, nachdem ein womöglich psychisch kranker Mann als Täter der todbringenden Amokfahrt vom vergangenen Samstag identifiziert worden ist. Der langjährige geschäftsführende Vorstand des Förderkreises Sozialpsychiatrie (FSP) sieht mit dieser Nachricht zumindest einen Dämpfer auf dem Weg der Integration psychisch Kranker in die Gesellschaft. „Die Sorge ist da, das kann ich nicht leugnen, dass da jetzt was verwechselt wird.“

Unklar, ob Amokfahrer psychisch krank

Dabei sei dieser Personenkreis nicht gefährlicher als andere, betont Hohenbrink. Aber angesichts der Ereignisse vom Kiepenkerl „werden sofort bestimmte Bilder assoziiert, die existieren“. Obwohl noch nicht mal klar sei, ob der Täter vom vergangenen Samstag tatsächlich psychisch krank gewesen sei oder es sich um einen problembehafteten Menschen gehandelt habe, „dessen Leben nochmals eine krisenhafte Zuspitzung erfahren hat“.

Zunehmend Offenheit

Seit den 70er-Jahren leisten Hohenbrink und der FSP Hilfe für Menschen mit psychischen Störungen. Sie sollen bestenfalls ein selbstbestimmtes Leben führen, alleine wohnen und auch einer Arbeit nachgehen. In den vergangenen Jahren sei man auf diesem Weg ein gutes Stück vorangekommen, meint Hohenbrink. „Zunehmend erleben wir Offenheit“, sagt er mit Blick auf Arbeitgeber oder Vermieter, die sich nach einem persönlichen Treffen mit einem psychisch kranken Menschen offener zeigten, einem interessierten Bewerber eine Chance zu geben.

Die größte Schwierigkeit aus Hohenbrinks Sicht steckt aber noch in vielen Köpfen der Gesellschaft: „Das Problem einer psychischen Erkrankung umhüllt sofort den ganzen Menschen.“ Alle seine Ängste und Verhaltensweisen würden in diesem Sinne gedeutet. „Dann ist es schwierig für den Betroffenen, sich normal zu bewegen.“

Münster auf einem guten Weg

Allein der Förderkreis Sozialpsychiatrie kümmert sich laut Hohenbrink im Schnitt um 1300 Menschen jährlich, davon 400 im ambulant betreuten Wohnen. Zwischen einmal monatlich bis täglich liegt je nach Fall die Betreuungsfrequenz. Was die Hilfe für psychisch kranke Menschen angeht, sei Münster auf einem guten Weg, betont Hohenbrink unter Verweis auch auf Angebote der Alexianer und anderer. Diese wie auch der FSP versuchen, durch Aufklärung Hemmschwellen gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen abzubauen wie am Tag der seelischen Gesundheit.

Nach der Amokfahrt in Münster

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  • Blumen werden am Tatort niedergelegt, Kerzen angezündet: Ein Mann war am 07.04. mit einem Kleintransporter vor der Gaststätte «Großer Kiepenkerl» in der Altstadt in eine Gruppe von Menschen gerast und hat zwei von ihnen getötet.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, läuft am Sonntagvormittag zum Tatort.

    Foto: Oliver Werner
  • Foto: dpa
  • Der Täter steuerte nach vorliegenden Informationen den Platz, der dann zum Tatort wurde, über  die Straßenachse Bogenstraße/Spiekerhof an. Normalerweise ist eine Zufahrt von dieser Seite aber nicht möglich, da Poller die Zufahrt versperren.

    Erreichbar ist der Platz am Kiepenkerl sowie die benachbarte Straße „Wegesende“ nur über eine kleine Stichstraße, die zwischen der  Apostelkirche und dem Eiscafé Macellum verläuft. Diese Stichstraße ist derzeit wegen Bauarbeiten aber gesperrt. Ersatzweise wurde der Platz am Kiepenkerldenkmal nach Süden, also zum Spiekerhof hin geöffnet.

    Foto: dpa
  • Ein Moment absoluter Stille.

    Foto: Oliver Werner
  • Schweigend legen Horst Seehofer, Armin Laschet, NRW-Innenminister Reul und Oberbürgermeister Lewe Blumen am Tatort nieder.

    Foto: dpa
  • Nationale und internationale Medien sind versammelt, um die Stellungnahmen der Politiker aufzunehmen.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Minister tragen sich ins Kondolenzbuch ein.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Ermittlungen der Polizei nach der Amokfahrt in Münster dauern an. Das Tatfahrzeug wurde inzwischen entfernt. Am Tatort werden weiter Spuren gesichert. Foto: Oliver Werner
  • Die Ermittlungen der Polizei nach der Amokfahrt in Münster dauern an. Das Tatfahrzeug wurde inzwischen entfernt. Am Tatort werden weiter Spuren gesichert. Foto: Oliver Werner
  • Die Ermittlungen der Polizei nach der Amokfahrt in Münster dauern an. Das Tatfahrzeug wurde inzwischen entfernt. Am Tatort werden weiter Spuren gesichert. Foto: Oliver Werner
  • Foto: dpa
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  • Foto: dpa
  • Ein Moment absoluter Stille. Schweigend legen Horst Seehofer, Armin Laschet, NRW-Innenminister Reul und Oberbürgermeister Lewe Blumen am Tatort nieder.

    Foto: dpa
  • Foto: dpa
  • Auf fast allen Fußballplätzen in Münster fand am Sonntag eine Schweigeminute im Gedenken an die Opfer der Amokfahrt vom Samstag statt. Mehrere Mannschaften, wie etwa Westfalenligist 1. FC Gievenbeck, trugen einen Trauerflor. auf dem Bild sind die Kicker von Westfalia Kinderhaus vor der Partie gegen den TuS Recke am Anstoßkreis zu sehen. 

    Foto: Thomas Rellmann
  • Foto: dpa
  • Foto: dpa
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  • Foto: dpa
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  • Maria Dickmann: Ich habe heute die Stille in der Lamber-tikirche gesucht und Kerzen aufgestellt.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Hermann-Josef Danicki: Man darf nicht immer im Bewusst-sein haben, woher wohl das nächste Auto kommt.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Johanna Markmann: Ich bin das erste Mal seit Samstag in der Stadt. Es ist ein mulmiges Gefühl.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Ali Zandi: Wenn ich mit dem Taxi dort vorbeifahre, werde ich immer daran denken.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Gemischte Gefühle hat Dr. Rainer Zirbeck bei seiner Kaffeepause vor einem Café am Drubbel.

    Foto: Gabriele Hillmoth

Hinweis: In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen – außer die Tat erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Grund für die Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Selbsttötungen.
Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Ergänzend können Sie das Angebot der Krisenhilfe Münster (0251-519005) in Anspruch nehmen und dort bis zu zehn kostenlose persönliche Beratungstermine vereinbaren. 

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