Meyer macht‘s: Ein Tag in der Schule
Ausflug in die eigene Vergangenheit

Münster -

Pisa-Studie, Lehrermangel, Inklusion, G8-Intermezzo – wie sieht der Schulalltag heute wirklich aus? Unser Redakteur Björn Meyer wollte es wissen. 21 Jahre nach seinem Abitur stand er an einem März-Morgen früh auf, um einen Tag lang die Schulbank am Johann-Conrad-Schlaun-Gymnasium zu drücken.

Samstag, 14.04.2018, 12:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 14.04.2018, 12:00 Uhr
Das Konterfei von Johann Conrad Schlaun erwartet Schüler und Lehrer nur kurz hinter dem Eingang.
Das Konterfei von Johann Conrad Schlaun erwartet Schüler und Lehrer nur kurz hinter dem Eingang. Foto: Oliver Werner

Als ich um 7.30 Uhr mein Fahrrad abschließe, bin ich der Neue, der Sonderling. Denn ich stehe an diesem Morgen nicht vor der Redaktion, sondern am altehrwürdigen Johann-Conrad-Schlaun-Gymnasium, der Schule mitten im Herzen Münsters. Statt berichten, heißt es lernen – statt Konferenz, große Pause. Dazu erwarten mich vier Doppelstunden, die Cafeteria, das Schulklo, Tafeln, Kreide, Mitschüler, Fächer und – natürlich – die Pauker.

Vor dem Verwaltungstrakt begegnet mir Schulleiter Dr. Lothar Jansen . „Na, aufgeregt?“, stellt er schmunzelnd eine Frage, die ich nur schwer verneinen kann und es deshalb auch gar nicht erst versuche. Jansen überreicht mir meinen Stundenplan mit den dazugehörigen Räumen. Stolz erzähle ich ihm, dass ich extra für den Schultag meinen alten Bundeswehrrucksack rausgekramt habe. Genau so einen trug man eben als Schüler in den 90er-Jahren. Jedenfalls, wenn man etwas auf sich oder zumindest den Rock‘n‘Roll des Zeitgeistes gab, was damals so viel wie Kurt Cobain und „Grunge“ bedeutete. „Die sind heute nicht mehr so angesagt“, entgegnet Jansen milde beim Blick auf meinen ungewöhnlichen Tornister. „Zonk“, ich verzeichne meine erste, aber keineswegs letzte Niederlage des Tages.

Kurze Zeit später weist mir der Direktor den Weg ins Lehrerzimmer. Ein Ort, den man meinen Erinnerungen nach als Schüler nur sehen durfte, wenn man entweder besonders strebsam war oder kurz vor dem Schulverweis stand. Beides traf auf mich nie zu. An meiner damaligen Schule schützte eine schwere Tür, die von alleine zufiel, die Lehrer vor neugierigen Blicken. Am „Schlaun“ steht die Tür immer offen.

Ich lerne die Biologie- und Chemielehrerin Frau Franke kennen. Die 32-Jährige geht offen mit ihrem acht Jahre älteren Schüler um. Auch ein paar andere Lehrer begrüßen mich. „Wir haben schon über Sie getuschelt“, verrät mir Frau Meier-Kolthoff, bei der ich später am Tag noch Englisch haben werde. Dann klingelt es.

1.-2. Stunde Biologie-Leistungskurs, Q1 (Stufe 11), Frau Franke:

Biologie-Leistungskurs? Schon beim Betreten des Fachraums habe ich arge Zweifel, ob mein Alltagswissen hier auch nur annähernd ausreichen wird. Ich erinnere mich daran, wie ich in der Mittelstufe einst eine Sechs wegen Pfuschens im Biologie-Test erhielt. Zu meiner Ehrenrettung sei immerhin gesagt, dass ich, als mir von meinem Lehrer wegen einer wenig versteckten Frage an meinen Sitznachbarn das Blatt entrissen wurde, nicht mal verstanden hatte, dass es sich überhaupt um einen Test handelte. Trotzdem blieb ich bis zu meinem Abschluss bei Herrn Genski, ein eigentlich eher liebenswürdiger Alt-68er, eine Persona non grata. Was vor allem vor dem Hintergrund relativ unglücklich war, dass ich besagten Lehrer seinerzeit auch in Englisch hatte und fortan bei jeder Arbeit am Einzeltisch Platz nehmen musste.

er Biologie-Leistungskurs ist fest in weiblicher Hand.

er Biologie-Leistungskurs ist fest in weiblicher Hand. Foto: Björn Meyer

Aber zurück zum „Schlaun“. Aus der letzten Reihe ist eine deutliche Überzahl an Schülerinnen festzustellen. Typisch für Biologie, wie Frau Franke später bestätigt. Ansonsten folgen schon in den ersten Minuten drei weitere Erkenntnisse. Das Hausaufgabenheft heißt jetzt „Organizer“. Overhead-Projektoren gibt es tatsächlich immer noch. Und beim von Frau Franke ausgeteilten Partnerdiktat scheitere ich genauso knallhart wie seinerzeit beim Bio-Test. „Zonk!“

Beim Partnerdiktat bekommen die beiden Partner den gleichen Text – allerdings mit unterschiedlichen Lücken.

Beim Partnerdiktat bekommen die beiden Partner den gleichen Text – allerdings mit unterschiedlichen Lücken. Foto: Björn Meyer

Als der erste Schock verflogen ist, nimmt mein Banknachbar, ein junger Mann, der bei unter zehn Grad Außentemperatur eine kurze Hose trägt, zu mir Kontakt auf: „Waren Sie mal bei der Bundeswehr ?“, fragt er mich. „Wegen des Rucksacks?“, entgegne ich eigentlich nur rhetorisch. „Ne“, antwortet er. „Wegen ihrer Haltung, so sitzt doch kein Mensch in der Schule“, befindet er ob meiner geraden Sitzposition, für die ich eigentlich auch eher weniger bekannt bin.

„Zonk“. Erst mal sammeln. Nix wissen und dann noch auffallen. Ich scheine auf dem Weg zum Klassenclown. Doch die Schüler widmen sich dem Unterricht – ja wirklich. Es fällt auf: Die Beteiligung im Bio-Kurs ist gut, ach was, nahezu überragend. Bei jeder Frage gehen mehrere, immer unterschiedliche Hände hoch. Die Schüler sind offenbar gut auf die Klausur vorbereitet, die in der nächsten Stunde ansteht. Irgendwann unterbricht Frau Franke. Kurze Pause, damit die Doppelstunde nicht zu lang wird. „Das fordern die Schüler auch ein“, verrät mir die Lehrerin. Am Ende der Doppelstunde schreibe ich erstaunt „90 Minuten, keine Ermahnung, kein ahnungsloser Schüler – außer mir“ in meinen Organizer, der eigentlich nur ein Block ist. Beim Pausengong werde ich noch zur Klausur eingeladen – es wird ganz offenbar Zeit, dass ich schnellstmöglich auf den Schulhof komme.

9.20 Uhr: Große Pause:

Es zieht mich zum Ballspielfeld. „Die großen Lederbälle waren zu meiner Zeit auf dem Schulhof aber nicht erlaubt“, denke ich und überlege, ob wohl so ein Glaserbetrieb in der Nähe des „Schlauns“ ein profitabler Geschäftszweig sein könnte. Die Lehrer nehmen das wilde Treiben zu meiner Überraschung derweil locker. Abseits der sportlichen Betätigung wird es zwar ruhiger, viel zu sehen gibt es dennoch. Auf den ersten Blick sind vier klassische Schülergattungen zu erspähen, die wohl auf nahezu jedem Schulhof vorkommen. Da wären „die Stillen“, die ganz weit abseits, meist zu zweit und höchstens zu dritt sitzen, ihr Butterbrot kauen und wenn, dann nur so leise reden, dass es niemand hört. Unweit davon „die Heimlichen“, häufig pubertierende Mädchen, die eher im Außenbereich, aber immer in strategisch guter Position stehen, um alles beobachten zu können – vor allem die Jungs. Dann wären da natürlich – auch heute noch – „die Qualmer“, also Schüler, die sich erlaubt oder unerlaubt vom Pausenhof entfernen, um statt Butterbrot lieber Zigarette zu konsumieren. Und dann noch die größte Schulhof-Spezies: „die Versammler“. Sie rotten sich, wie der Name schon sagt, in großen Gruppen zusammen, je geringer das Alter, umso strikter nach Geschlechtern getrennt.

Während ich noch überlege, zu welcher Spezies ich wann gehört habe, klingelt es.

3.-4. Stunde: Deutsch, Klasse 7, Frau Holtmannspötter:

Auf dem Gang treffe ich Frau Holtmannspötter. Sie erkundigt sich, wieso genau ich eigentlich hier sei. Ich wende eine beliebte Schülerstrategie an und entgegne, dass mir Deutsch besonders wichtig sei und ich nicht nur bei Fächern wie „SoWi“ mitmachen wolle. „Das ist mein zweites Fach“, sagt Frau Holtmannspötter mit einem Blick über ihre Schulter. „Doppel-Zonk“, manchmal hat man als Schüler eben einfach Pech. Gut, dass ich mich nur kurz rechtfertigen muss, dann sind wir schon am richtigen Raum. „Argumente“ ist das Thema der Stunde. „Haltbar, folgerichtig, relevant“, müssen sie sein, lerne ich. Nach der Theorie gibt es eine Gruppenübung zum „Unhöflichsein mit Handys“. Es fällt auf, auch wenn der Klassenraum eher Ruhrpottcharme als Münsterlandidylle ausstrahlt, der Unterricht ist eng an der Lebenswirklichkeit der Schüler ausgerichtet. Frau Holtmannspötters Tafelbild könnte man am Ende der Stunde zudem getrost an einen Schulbuch-Verlag schicken.

11.15 Uhr, 2. Pause:

Ein Abstecher in die Cafeteria macht deutlich, dass sich an der Ernährung von Schülern in den vergangenen Jahrzehnten wenig geändert hat. Hauptsächlich Gebäck und Schoko-Produkte kaufen die Schüler an diesem Tag. Nicht gesund – aber lecker.

5.-6. Stunde: Englisch, Klasse 6, Frau Meier-Kolthoff:

„Good morning“, sagt Frau Meier-Kolthoff zur Begrüßung und fragt den Gast, ob er sich denn vorstelle. „German or english?“ Der Neue belässt es beim Deutschen. Chance zu glänzen: eindeutig verpasst – dafür aber auch nicht völlig blamiert.

Der Unterricht startet mit „workbook and grammar. It´s like twenty years ago“, sagt die Lehrerin schmunzelnd in meine Richtung. Wie ich wenig später merke, ist es nur der Auftakt einer ganzer Reihe amüsanter Sprüche, die Frau Meier-Kolthoff, die ganz offenbar schnell denkt und ebenso schnell spricht, immer wieder in ihren Unterricht einbaut. Ich erwähne im Gegenzug lieber nicht, dass mir die Auffrischung in „present perfect“ durchaus ganz gut tut. Wieder fällt auf, viele Schüler machen lebhaft mit. Höhnische Lacher, wenn jemand mal etwas falsch betont, gibt es nicht. Im Gegenteil, Frau Meier-Kolthoff lässt mit beiläufiger Finesse immer mal wieder ein Wort wiederholen. „Perfect“, lobt sie dann, „wenn die Aussprache passt“. Das hat System: „Wir schauen, dass keine Ängste aufkommen, denn dann kann man Fremdsprachenunterricht in die Tonne kloppen“, sagt die Lehrerin in Stunde zwei, während die Klasse mittlerweile in den Computerraum gewechselt ist. Dort werden Poster über die Region Dartmoor erstellt. Das schult neben Vokabel- und Recherchekenntnissen vor allem erste Präsentationsfähigkeiten. Dass die Schüler die Computer in unbeobachteten Momenten auch für andere Zwecke gebrauchen, gefällt mir im ersten Moment weniger. Dann denke ich daran, was ich so in der sechsten Klasse gemacht hätte, und überdenke meine Wertung ganz schnell.

13 Uhr, Mittagspause:

In der Kantine stehen zwei Gerichte zur Auswahl, ich entscheide mich zwar nicht dagegen, aber trotzdem für den Mittagstisch in meinem nahe gelegenen Stammrestaurant. Wieder zurück an der Schule kommt es zum Äußersten, der Gang auf die Schultoilette steht mir bevor. Ich öffne die Türe vorsichtig, erwische aber niemanden beim Rauchen. Der Anblick des Klopapiers, das jemand auf dem Boden verteilt hat, lässt mich grinsen. Manche Dinge ändern sich also wirklich nie.

7.-8. Stunde, Politik, Klasse 9, Frau Görzen:

Das Thema „Berufswahl“ steht an. Welchen Beruf es denn heute nicht mehr gebe, will Frau Görzen wissen. Als Mann der Zeitung denke ich sofort an den Schriftsetzer. Und tatsächlich ist die Stunde genau um diesen Beruf und die ihm nachfolgenden Tätigkeiten aufgebaut. Im Zuge der Diskussion sagt ein Schüler, dass etwas selbst Gemachtes doch eigentlich viel wertvoller sei, als etwas schnell Gedrucktes. Der Gedanke begleitet mich durch die Stunde, zumal er umso bemerkenswerter ist, da er aus dem Munde der sogenannten „Digital Natives“ kommt, einer Generation, der von klein auf eingetrichtert wurde, dass es eigentlich nicht schnell genug gehen kann. Irgendwann klingelt es, und ich erlebe, dass Langsamkeit nun keine Rolle mehr spielt. Schulschluss war zu jeder Zeit ein erhebendes Gefühl.

Auf dem Weg zur Redaktion bemerke ich eine Entwicklung. Waren mir am Morgen beim Gedanken an die Schule noch sämtliche kleinen und großen Katas­trophen meiner Schulzeit in den Sinn gekommen, hat mir der Tag am „Schlaun“ eine gänzlich andere Gefühlswelt beschert. Es ist die wohlige Erinnerung an eine Zeit, in der der Sieg beim Schulhofspiel, die Einladung zur nächsten Party, das Lächeln eines Mädchens oder einfach nur der Klang eines Gongs die Welt bedeuten konnten.

So holen Sie sich den Autor

Kennen Sie etwas, das unser Redakteur Björn Meyer unbedingt mal ausprobieren müsste? Dann schlagen Sie es ihm doch einfach vor. Egal ob Verein, Privatrunde oder öffentliche Einrichtung – für „Meyer macht‘s“ sind kaum Grenzen gesetzt. Wir freuen uns über eine kurze Beschreibung ihres Vorschlags unter redaktion.ms@zeitungsgruppe.ms unter dem Betreff „Meyer macht‘s“.

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