Gefangen hinter alten Gittern
Redakteur für einen Tag im Gefängnis

Münster -

Gefängnisse kennen die meisten Menschen nur aus Büchern oder Filmen. Unserem Redakteur Björn Meyer reichte das jetzt nicht mehr. Im Zuge seiner Serie „Meyer macht‘s“ ließ er sich für einen Tag in der JVA Münster einsperren.

Samstag, 26.05.2018, 14:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 26.05.2018, 14:00 Uhr
Die Kiste mit Kleidung und Alltagshelfern bekommt jeder Häftling ausgehändigt. Redakteur Björn Meyer wurde im Block für Untersuchungshaft untergebracht. Die Zelle ist karg (r.), nur wenige private Dinge dürfen mitgebracht werden (l.).
Die Kiste mit Kleidung und Alltagshelfern bekommt jeder Häftling ausgehändigt. Redakteur Björn Meyer wurde im Block für Untersuchungshaft untergebracht. Die Zelle ist karg (r.), nur wenige private Dinge dürfen mitgebracht werden (l.). Foto: Oliver Werner/Meyer

Minutenlang hat der Mann im Hintergrund geschwiegen, während Mücahit vom Leben im Gefängnis erzählt. Dann bricht es mit scharfer Stimme aus ihm heraus: „Sag doch mal, wie es hier wirklich ist! Wie lange man auf seine Therapie wartet. Sag, dass der Knast Familien auseinander bringt.“ Der Mann, der diese Worte spricht, heißt Jerome. 33 Jahre ist er alt, er stammt aus dem Ruhrgebiet. Wegen Diebstahls sitzt er im Gefängnis – Beschaffungskriminalität. Kokain habe er genommen, auch mal Heroin, erzählt Jerome. Ein gut aussehender Typ mit dunklem Teint – und Wut im Bauch. Es ist früher Nachmittag, die nächsten Stunden arbeite ich mit Jerome Hand in Hand in der Buchbinderei der Justizvollzugsanstalt Münster.

Kein guter Start

Stunden zuvor, um genau 8.06 Uhr, betätigte ich die Klingel an der unscheinbaren Pforte der zweitältesten JVA Deutschlands. Als sich die Tür öffnet, blicke ich in die Gesichter mehrerer Justizvollzugbeamter inklusive Anstaltsleiter Carsten Heim. Verabredet war mein Haftantritt für 8 Uhr. „Kein guter Start“, sagt Heim und grinst. Meine Rechtfertigungen unterbricht eine junge Beamtin. „Haben Sie metallene Gegenstände dabei?“, fragt sie. Wie am Flughafen werde ich per Handscanner gecheckt. Handy, Portemonnaie und Ausweis werden einkassiert, dazu mein Rucksack. „Dann mal los“, sagt einer der Beamten. Beim Verlassen des Pfortenbereichs, einer Schleuse, möchte ich dem Anstaltsleiter den Vortritt lassen. „Der Häftling geht immer voran“, belehrt man mich.

„Meyer macht‘s“ im Knast

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Nicht alle halten sich an die Regeln

Wenige Minuten später werde ich im Wartebereich neben der Kammer eingeschlossen. Die Kammer ist der Ort im Gefängnis, wo die „Zugänge“, so heißen die Neuen hier, eingekleidet werden. Bei näherem Hinsehen sind Schriftzüge an den Wänden auszumachen. Einige Häftlinge haben ihre Namen hinterlassen. Ein Hakenkreuz ist nicht ganz deckend weiß übertüncht. „War klar“, denke ich beim Anblick dieses Werks, „falsch herum gezeichnet“. An der Tür ist ein „Rauchen verboten“-Schild montiert. Die schwarzen Glut-Abdrücke an den Wänden zeigen, dass sich im Gefängnis nicht alle an die Regeln halten. Aber das sollte mich wohl nicht wundern.

Wertgegenstände bleiben draußen

In der Kammer sehe ich meinen Rucksack wieder. Doch er wird mir, ebenso wie das meiste, was ich darin mitgebracht habe, nicht ausgehändigt. Man nimmt mir den Großteil aus meiner Kulturtasche, den Bilderrahmen mit dem Foto meiner Familie, einen kleinen Fußball, meinen alten Gameboy und noch einige weitere Gegenstände weg. Meine Uhr, ein Geschenk meiner Frau, lässt man mir. „Nicht wertvoll genug“, sagt ein Beamter, nachdem er sich nach dem geschätzten Kaufpreis erkundigt hat. Ich verspreche ihm, das zu Hause einmal vorzubringen. Die vier Männer in der Kammer lachen. Ich werde aufgefordert, meine Bekleidung zu wechseln. Die Kabine, in der ich mich umzuziehen habe, hat auf einer Seite keine Wand. Ein Beamter schaut aus einem Meter Entfernung zu. Die für mich bereitgelegten Klamotten darf ich trotzdem erst nehmen, als ich meine Privatkleidung abgegeben habe. „Arme hoch!“, sagt der Beamte und „um die eigene Achse drehen!“

Private Jogging-Anzüge sind erlaubt

Als ich in die große, elastische Unterhose steige, schießen mir ebenso viele Gedanken durch den Kopf, wie das Baumwollkleidungsstück vermutlich Vorbesitzer hatte. Es folgen Unterhemd, T-Shirt, Jeans und Schuhe sowie ein leichter Gürtel mit Clip-Verschluss. Einen privaten Trainingsanzug dürfen die Häftlinge in die JVA mitbringen. Schließlich wird mir ein schwerer Wäschekorb mit Klamotten, Bettzeug, Handtuch, Geschirr und noch ein paar weiteren Dingen ausgehändigt. „Gut darauf aufpassen, was fehlt, müssen Sie bezahlen“, bekomme ich mit auf den Weg.

Im System zu sein ist kein Vorteil

Auf den langen Weg, wohlgemerkt. Denn aufgrund der baulichen Situation sind Teile des Gefängnisses nicht bewohnt. Im Juli 2016 mussten von den über 500 Häftlingen der JAV beinahe alle verlegt werden. Einsturzgefahr hatte eine Untersuchung dem 165 Jahre alten Gemäuer attestiert. Nach weiteren Gutachten und einigen Arbeiten sind am Tag meines Besuchs wieder 76 Strafgefangene und 139 Untersuchungshäftlinge in der JVA untergebracht. 44 weitere in der Einrichtung in Coesfeld, die zu Münster gehört. Meine Kleiderkiste muss ich aufgrund der Vollbelegung zunächst im Freizeitraum der Anstalt – einem Raum mit einem Kicker, einem Fernseher und ein paar Tischen und Stühlen – abstellen. Gegen Mittag werde eine Zelle frei, teilt man mir mit. Für mich folgen bis dahin die Aufnahme durch die Geschäftsstelle, die Verträglichkeitsprüfung sowie die ärztliche Untersuchung. „Wenn Sie nicht vergessen zu atmen, können Sie 100 Jahre alt werden“, meint der diensthabende Arzt und urteilt: „arbeitsfähig.“

Einzelzelle nur bei psychischer Gesundheit

Doch der körperliche Zustand ist keineswegs das einzige, was im Gefängnis erfasst wird. Auf ein Foto verzichtet die JVA nur in meinem Fall. „Andernfalls sind Sie hier im System. Das wäre für Sie nicht unbedingt von Vorteil“, meint der Mann hinter dem PC. Vor allem aber geht es immer wieder um meine psychische Verfassung. Wie stabil ist der Neue, hat er Suchtprobleme, Suizidgedanken. Das und noch mehr versuchen die Beamten in den ersten Gesprächen herauszufinden. Auch um die Unterbringungsart zu wählen. Wer nicht stabil ist, hat keine Chance auf eine Einzelzelle. Bevor ich die Sachen aus dem Freizeitraum in meine Zelle schaffe, treffe ich auf den katholischen Seelsorger Frank Ottofrickenstein. Sein Dienst werde gut angenommen, erzählt er. Viele Häftlinge bräuchten einfach jemanden zum Reden. „Ich muss alles für mich behalten, nur wenn jemand Fan von Bayern München ist, dann ist das so verwerflich, da wird es schwierig“, scherzt der Seelsorger.

Kein Fünf-Sterne-Hotel 

Gegen frühen Mittag bin ich dann „auf Zelle“. Ob ich noch etwas brauche, fragt der Bereichsleiter freundlich, während ich meine Habseligkeiten in dem engen Raum abstelle. „Ein Glas Wasser wäre toll“, sage ich. Der Beamte ist einen Augenblick lang unsicher, wie er es mir beibringen soll, dann zeigt er auf den Wasserhahn, an dessen Ende ein kleiner Schlauch angebracht ist. „Eine Tasse haben Sie in Ihrer Kiste.“ Schon fällt die Tür ins Schloss. Das Drehen eines schweren Schlüssels ist zu vernehmen. Ich bin allein. Die einzigen Sitzmöglichkeiten in dem Raum sind das Bett und die Toilette. Hinzu kommen ein kleiner Tisch, ein Schrank mit Regal, ein Waschbecken mit kleinem Spiegel und ein Mülleimer.

Keine Möglichkeit zu entweichen

Mein erster Blick geht aus dem Fenster. Über die Gefängnismauern hinweg lässt sich zwischen den Häusern ein kurzer Ausschnitt auf die Gartenstraße erhaschen. Für eine knappe Sekunde schießen die Fahrradfahrer ins Blickfeld. Ich frage mich, wie viel Zeit ich wohl in zwei Jahren mit dem Hinausschauen verbringen würde. Zwei Jahre, das ist die Höchststrafdauer für Gefangene in der JVA Münster – jedenfalls für Deutsche. Häftlinge mit ausländischem Pass verbüßen Strafen von bis zu vier Jahren. „Weil es so viele gibt“, erklärt mir ein Beamter auf Nachfrage. Nachdem ich das Gitter vor meinem Fenster erfolglos auf Ausbruchschancen untersucht habe, und auch nirgendwo sonst eine Möglichkeit zum Entweichen entdecke, mache ich es mir auf meinem Bett gemütlich – jedenfalls so gut es geht. Doch zur Ruhe komme ich nicht. Im Minutentakt klimpern Schlüssel. Im Gefängnis sind einfach überall verschlossene Türen. Jedes Mal denke ich, dass plötzlich jemand bei mir in der Tür steht, denn angeklopft wird hier nicht. Im Knast verliert man eben nicht nur die Freiheit, sondern auch die Privatsphäre.

Alles ein Geben und Nehmen

Als ich nach Mittag zur Buchbinderei geführt werde, gibt mir ein Beamter einen Einblick in seinen Job. Alles im Knast sei ein Geben und Nehmen, sagt er. Man wolle den Häftlingen mit Respekt begegnen. Es gelte aber aufzupassen. „Kumpelei geht nicht“, sagt der hoch aufgeschossene Mann. So manchen ehemaligen Insassen habe er schon draußen auf der Straße wiedergetroffen. „War aber nie ein Problem, eher im Gegenteil.“ Dann kommen meine Mitgefangenen und mit ihnen Barbara Evels. Die Buchbindemeisterin arbeitet seit acht Jahren in der JVA. Früher, so erzählt sie, habe der kleine Betrieb keinen guten Ruf gehabt. Mittlerweile aber habe man die Qualität verbessert – zum Leidwesen der Buchbinderbetriebe außerhalb der JVA. Gerichte, die Diözesanbibliothek, die Universität, aber auch Feuerwehr, Polizei und Versicherungen nehmen die Dienste der Häftlinge in Anspruch.

Arbeiten muss jeder

Acht bis zwölf Euro gibt es im Knast für Arbeit – pro Tag. Arbeiten muss jeder Strafgefangene, andernfalls trägt er seine Haftkosten selber. Ein Knastplatz in Münster sei bei vielen Straftätern begehrt. Wegen der vielen Arbeitsplätze und der relativ geringen Gewalt unter den Häftlingen, erzählt Mücahit, der sich selber als GMV-Sprecher vorstellt. GMV steht für Gefangenmitverantwortung. Strafen für Vergehen seien milde, und auch das Verhältnis zu den Beamten sei überwiegend gut. „Vor allem zu den Älteren“, sagt Mücahit und fragt: „Hast Du den Anstaltsleiter schon getroffen?“ Ich bejahe. „Ein sehr netter Mann“, sagt Mücahit. Ich bin überrascht und beinahe enttäuscht vom zerstörten Klischee, sage aber nichts. Überrascht zeigt sich auch Heim später von der Einschätzung des Häftlings: „Ich würde sagen, unsere Strafen sind angemessen. Vom Verweis bis zum Arrest ohne Fernseher nutzen wir die gesamte Bandbreite.“

Backpulver ist verboten

Mücahit erzählt auch von den Sorgen der Insassen. Zu wenige Einzelzellen und auch die Einkaufslisten für Güter gelte es zu überarbeiten. Backpulver etwa gebe es nicht. „Dabei haben wir eine Küche“, findet Mücahit das wenig logisch. Vorsicht ist allerdings geboten, weil aus Backpulver Sprengsätze hergestellt werden können. Drogen dagegen gibt es unter der Hand zu kaufen, bestätigen die Häftlinge. „Wir fangen viel ab, aber nicht alles“, sagt Carsten Heim, der kurz vor Feierabend in die Buchbinderei gekommen ist.

"Ich habe viel Zeit verloren."

Toll sei das Leben im Knast nicht, aber er habe es verdient, sagt Mücahit, ein ehemaliger Systeminformatiker. Diese Einsicht aber habe er nicht direkt gehabt. „Am Anfang eckt man hier immer an. Man muss sich erst in das System eingliedern“, findet Mücahit, der sagt, dass er nun zufrieden sei. Bei Jerome ist das merklich nicht der Fall. Im August wird er aus der Haft entlassen. Drei Mal sei er im Knast gewesen. „Jetzt ist Schluss damit. Ich habe viel Zeit verloren“, formen Jeromes Lippen eine Hoffnung, die seine Gestik konterkariert.

Alle haben ihre eigenen Probleme

Nach der Arbeit beginnt die Freistunde, so heißt der Hofgang hier. Neben der Arbeit und zwei Sportangeboten pro Woche die einzige Chance, vor die Zellentür zu kommen. Zudem besteht die Möglichkeit des zeitlich begrenzten Umschlusses, also des Besuchens der Zelle eines Mitgefangenen. Mich aber lässt man nicht zu allen anderen in die Freistunde. „Zu gefährlich“, bleibt der Anstaltsleiter hart. Andere Beamte verdrehen ob meines Wunsches die Augen. Ohne mich, aber mit vielen anderen strömt Jerome daher in den Innenhof des Strafgefangenen-Blocks. Was er nach dem Gefängnis machen will, weiß er noch nicht. Seine Frau hat ihn während der Haft verlassen. Kein Einzelfall, sondern eher eine traurige Regel hier. Irgendwo bei seiner Familie werde er erstmal unterkommen. „Die haben aber natürlich auch alle ihre eigenen Probleme“, erwartet er keinen großen Empfang. „Vielleicht kann ich an einem Marktstand arbeiten, das habe ich schon mal gemacht“, schmiedet er vage Pläne.

Eine Prise Hollywood

Ich dagegen muss schon gehen. In der Anstalt zu schlafen, hat mir die Justiz nicht erlaubt. Auf der Gartenstraße frage ich mich kurz, ob mich gerade jemand aus seinem vergitterten Fenster beobachtet. Es wäre eine Prise Hollywood an einem realen Ort.

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