Eine Autofahrt je Münsteraner am Tag
Wachsende Verkehrsbelastung kaum zu stoppen

Münster -

Münster droht ein Verkehrskollaps - trotz einer positiven Entwicklung beim Mobilitätsverhalten der Bewohner. Das verdeutlicht ein Blick in die Statistik. Die zeigt einen Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Verkehrsdichte in Münster.

Mittwoch, 06.06.2018, 17:30 Uhr aktualisiert: 06.06.2018, 17:48 Uhr
Verkehrsteilnehmer ist nicht entgangen, dass Staus in der Stadt häufiger und länger geworden sind. Die wachsende Attraktivität belastet buchstäblich die Straßen.
Verkehrsteilnehmer ist nicht entgangen, dass Staus in der Stadt häufiger und länger geworden sind. Die wachsende Attraktivität belastet buchstäblich die Straßen. Foto: Matthias Ahlke

Manchmal hilft die Statistik, um ein Problem zu verdeutlichen. Also: Aktuell leben in Münster 310.000 Einwohner. Sie absolvieren im rechnerischen Durchschnitt 3,4 Wege pro Tag innerhalb des Stadtgebietes. Dabei benutzen sie im so genannten Binnenverkehr zu 29 Prozent ein Auto.

Trotz weniger Fahrten mehr Fahrten

Es gilt die Faustregel: Eine Autofahrt je Einwohner und Werktag. Da 1,2 Personen je Auto gezählt werden, kann man festhalten: 255.000 Mal am Tag wird ein von Münsteranern gesteuertes Auto in Münster bewegt.

Interessant ist nun Folgendes: 2007 fielen noch 1,4 Autofahrten je Tag und Einwohner an. Also müsste es doch ruhiger auf den Straßen zugehen. Tut es aber nicht. Der Grund: Das Wachstum des vergangenen Jahrzehnts hat die Verhaltensänderung aufgefressen, denn 37.000 Münsteraner bewegen sich zusätzlich auf den Straßen.

Einwohnerzahl wächst

Man kann es auch positiv ausdrücken: Würde man das Mobilitätsverhalten der Münsteraner von 2007 auf die Einwohnerzahl von heute übertragen, würden 43.000 Autofahren pro Werktag mehr anfallen.

Auch andere Wachstumsfaktoren haben unmittelbare Auswirkungen auf die Länge der Staus in Münster, so die 28.000 zusätzlichen Arbeitsplätze in Münster allein von 2008 bis 2016. Auch die Hochschulen sowie das Einzelhandels- und Freizeitangebot sind gewachsen.

Zum Binnen- kommt der Pendlerverkehr

Das Stadtplanungsamt geht von rund 300.000 Pendlerfahrten mit dem Auto pro Werktag aus. Das ist 80 Prozent des gesamten Pendleraufkommens. Die Definition dabei: Von Binnenverkehr spricht man, solange nicht die Stadtgrenze überschritten wir, ansonsten ist es Pendlerverkehr. Nimmt man Binnen- und Pendlerverkehr zusammen, sind es etwa 550.000 Autofahrten pro Tag, die Münsters Straßen ertragen müssen.

Pendeln nach Münster

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  • 4:20 Uhr: Alfred Overbergs Wecker klingelt. Er will bis halb acht im Büro in Gelsenkirchen sein. Zeit also, aus den Federn zu kommen. 5:15 verlässt der 56-Jährige sein Haus in ­Ibbenbüren-Dickenberg. Ab da beginnt eine zweistündige Reise. Täglich. Zwei Mal. Als Erstes setzt er sich ins Auto und fährt „einfach den Berg runter.“ Bereits eine Viertelstunde später beginnt seine zweite Etappe: Im Zug vom Bahnhof Ibbenbüren nach Rheine.

    Foto: privat
  • 4:30 Uhr: Richard Tenbusch (52) verlässt sein Bett. Der Justizhauptsekretär beim Oberverwaltungsgericht in Münster muss den Sprinterbus bekommen. Mit dem Auto fährt er die elf Kilometer von Borken-Weseke nach Ramsdorf, parkt auf dem Pendlerparkplatz an der B 67 n.

    Foto: privat
  • 5:15 Uhr: Raus aus den Federn. Sabrina Laukötter (27) weiß: Eine halbe Stunde später im Auto bedeutet, fünf bis zehn Minuten länger unterwegs zu sein.

    Foto: privat
  • 5:30 Uhr: Michael Bährs (56) Tag beginnt. Er muss heute wieder aus Tecklenburg nach Münster, will gegen sieben Uhr da sein. Wenn er gleich das Radio anmacht, achtet er vor allem auf Nachrichten über die A 1. Wenn er da ­etwas von Stau hört, fährt er schon mal eine Viertel­stunde früher los.

    Foto: privat
  • 5:33 Uhr: Tenbusch steigt in Ramsdorf in den Bus. Nach zwei Haltestellen geht es auf die A 43. Um die Zeit sind Autobahn und Münster noch leer. „Das ist ja auch der Grund, warum ich um diese Zeit fahre“, sagt der Borkener. „Eine Stunde später sieht das ganz anders aus“. Dann ist Stau ab Nottuln wahrscheinlich, ab Senden mehr oder weniger die Regel. Der 52-Jährige versucht, noch ein paar Minuten die Augen zu schließen.

    Foto: privat
  • 6:00 Uhr: Jeanine Müller-Keukers Tag ist straff getaktet: „Wenn ich eine Viertelstunde zu spät bei der Arbeit wäre, könnte ich die Zeit nicht aus­gleichen, weil ich unseren Sohn pünktlich abholen muss.“ Darum steht sie früh auf, um einen Kaffee zu trinken und die Zeitung zu lesen, bevor sie ihren Sohn um 6:45 Uhr weckt.

    Foto: privat
  • 6:15 Uhr: Heute könnte es gut ­gehen. Keine schlechten Nachrichten aus dem Radio. Michael Bähr macht sich auf den Weg. Der Tecklenburger fährt in Lengerich auf die A 1. Wenn alles glattläuft, kommt er pro­blemlos bis zum Autobahnkreuz Münster-Süd, um von da in die Stadt zu fahren. „Heute ging es“, wird er später ­berichten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 6:15 Uhr: Sabrina Laukötter hat ein bisschen „geklüngelt“. Normalerweise versucht sie, um sechs im Auto zu sitzen. Denn: Jede Viertelstunde Verspätung bedeutet mehr Stress: Mehr nervige Autofahrer um sie herum, häufigeres Bremsen, längere Parkplatzsuche, höhere Aufmerksamkeit. Die Strafe: Zwei Staus auf der B 54. Einer vor Nordwalde, einer vor Altenberge („Da ist immer Stau“).

    Foto: Klaus Wiedau
  • 6:23 Uhr: Richard Tenbusch steigt am Ludgeriplatz in Münster aus seinem Bus aus. In fünf Minuten wird er an seinem Arbeitsplatz am Oberverwaltungsgericht ankommen. Er könnte auch mit seinem Wagen fahren und 20 Minuten sparen. Aber: „Letzten Endes ist die Busfahrt stressfreier“, sagt er. „Und wenn du was für den Umweltschutz tun willst, dann siehst du halt zu, dass du dich in den Bus setzt.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • 6:30 Uhr: Sabrina Laukötter trifft i n Steinfurt-Borghorst ihre Kollegin, mit der sie im selben Büro sitzt. Die beiden teilen sich jeden Tag einen Teil der Strecke. „Wir wechseln uns jede Woche mit dem Fahren ab“, berichtet Laukötter. Bis vor einem Jahr ist sie noch mit dem Zug gefahren. Um pro Fahrt ein halbe Stunde zu sparen, ist sie aufs Auto umgestiegen. So ist sie eine gute halbe Stunde weniger unterwegs.

    Foto: privat
  • 6:31 Uhr: Für Alfred Overberg ist gerade erst Halbzeit. In einer Dreiviertelstunde wird er am Bahnhof in Gelsenkirchen ankommen. Bis dahin wird er die Zeitung lesen, früh­stücken und „natürlich ein Nickerchen“ machen. In seinem Zug wollen fast alle ihre Ruhe haben. „Man wundert sich, wie gut man in einem Zug schlafen kann“, sagt er. Auf dem Rückweg schläft Overberg meist kurz hinter Gelsenkirchen ein und wird erst in Münster wieder wach.

    Foto: Lukas Schulze
  • 7:13 Uhr: Overbergs Zug kommt in Gelsenkirchen an. 7:23 Uhr sitzt er im Büro. Trotz der vier Stunden, die der Ibben­bürener jeden Tag im Zug sitzt, will er an der Arbeit nichts ändern. Denn: „Mir macht die Arbeit viel Spaß und ich habe Eigentum in Ibben­büren.“

    Foto: Nowaczyk
  • 7:25 Uhr: Overberg sitzt schon zwei Minuten im Büro, wenn sich ­Jeanine Müller-Keuker mit ihrem Sohn auf den Weg in den Kindergarten nach ­Warendorf-Milte macht. Zehn Minuten später sitzt sie wieder im Auto, um sich auf den Weg zum Max-Planck-Institut in Münster zu machen.

    Foto: Oliver Werner
  • 7:40 Uhr: Anna Griestop weiß sehr genau, wann sie sich am besten auf den Weg machen sollte. Eigentlich würde die Online-Redakteurin gerne um acht Uhr anfangen zu arbeiten. Aber wenn sie um 7:15 Uhr in Sassenberg startet, dauert die Fahrt in das 35 Kilometer entfernt liegende Industriegebiet in den münsterischen Loddenbüschen eine Stunde. „Dann ist in Warendorf alles total zu“, dann steht sie in einer ­Riesenschlange mit vier roten Ampelphasen. „Autos wie auf der Perlenschnur gezogen“, sagt sie. Die ­Strecke über Handorf lässt sie ohnehin schon links ­liegen. „Die würde ich nie fahren“, sagt sie.

    Foto: privat
  • 7:48 Uhr: Jeanine Müller-Keuker fährt bei Telgte auf die B 51. Nach der großen Ampelanlage in Handorf ist der Stau meistens nicht vorbei: Die Ampel an der Warendorfer Straße/Pleistermühlenweg ist ein wahres Nadelöhr. Heute kommt sie allerdings gut durch. Auch auf dem Ring läuft alles nach ihrem Geschmack. Von den elf Ampeln zeigen neun grün und zwei rot. „Ein super Schnitt –­ man merkt, dass die Urlaubszeit bevorsteht. „Im Herbst und Winter sieht das leider ganz anders aus. Da ist das Verhältnis eher umgekehrt“. Im Herbst und Winter dauert ihr Arbeitsweg zum Max-Planck-Institut fast eine Stunde. Im November sogar 65-70 Minuten, darum nimmt sie einen Umweg von 20 Kilometern in Kauf, ist aber nach 55 Minuten im Büro. Davon heute keine Spur: Auch bei der Ampel auf dem Ring, die sie zur Adresse ihres Arbeit­gebers führt, hat sie heute nur zwei Rotphasen. Um 8:17 Uhr kommt sie an. Nur 42 Minuten heute.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 8:00 Uhr: Florian Landwehr schwingt sich in dem Osnabrücker Viertel „Sonnenhügel“ auf sein Faltrad. Er verkauft Fahrräder in Münster. Klar, dass er mit dem Rad fährt. Nach zehn Minuten kommt er am Bahnhof in Osnabrück an, 8:19 Uhr fährt der Zug los. Heute hat die Westfalenbahn vier ­Minuten Verspätung. In der Regel ist die Fahrt problemlos. Zurzeit stört auf der Strecke eine Baustelle, die sorgt für Verspätungen („nicht so schön“), aber sonst ist die Fahrt „ohne ­besondere Vorkommnisse“.

    Foto: privat
  • Die Zeit auf dem Rad und im Zug beschreibt der 37-Jährige als „Zeit für mich“: Zeit zum Lesen, Zeit zum Entspannen. Er wüsste keinen Grund, wegen der Fahrerei umzuziehen. „Dann müsste ja meine Frau pendeln“, sagt er. Bevor er in Münster eine Arbeit fand, ist er mit dem Auto nach Lohne gependelt. „Das war mehr Stress“, sagt er.

    Foto: privat
  • 8:15 Uhr: Susanne Winkelhaus-Elsing aus Steinfurt hat alles richtig gemacht: „Heute war es super“, sagt die 50-Jährige. Ohne Behinderungen hat sie es bis zur Arbeit geschafft – und das, obwohl sich auf der B 54 sogar Arbeiter am Straßengraben zu schaffen gemacht haben. Die letzten Tage vor den Sommerferien ist es auf der Bundesstraße ruhiger als sonst. Es gibt aber auch die Tage, an denen die Steinfurterin lange Umwege in Kauf nimmt, um sich die Bundesstraße zu ersparen. „Mich stört schon, dass das so viel Zeit in Anspruch nimmt“, sagt die Mit­arbeiterin einer Stiftung. „Ich würde lieber Sport ­machen.“

    Foto: Axel Roll
  • 8:25 Uhr: Anna Griestop ist an­gekommen. In Warendorf hat sie noch fast einen Auffahrunfall gebaut, weil sie ein „testosterongesteuerter“ Autofahrer erst ausgebremst und dann angebrüllt hat. Sie ver­mutet, dass er sauer ist, weil ihr Schleichweg vor seinem Haus herführt. „Das war krass“, sagt die 52-jährige Sassenbergerin.

    Foto: privat

Das Verrückte dabei

Das Verrückte dabei: Da alle Prognosen von weiterem Wachstum ausgehen, wird die von der Stadt angestrebte Verlagerung des Autoverkehrs hin zu Bahn, Busse und Fahrrad vermutlich nur dazu reichen, die Belastung nicht weiter steigen zu lassen. Sollte Münster auf die prognostizierten 330.000 Einwohner anwachsen, sich das Mobilitätsverhalten aber nicht ändern, würde das rund 17.000 Autfahren täglich mehr bedeuten.

Massive Konflikte erwartet

Der Trend „Weg vom Auto“ ist somit vorgegeben, löst aber, wie bei Experten zu hören ist, massive Konflikte aus. Beim Bus- und beim Radverkehr setzten signifikante Zuwachsraten voraus, dass ihnen größere Flächenanteile im öffentlichen Verkehrsraum zugebilligt werden – natürlich zu Lasten des Autoverkehrs.

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