Amokfahrt in Münster
„Die Rettungskette hat hervorragend funktioniert“

Der Rettungseinsatz nach der Amokfahrt von Münster hat nach Einschätzung von Experten sehr gut funktioniert. „Das war grandios“, sagte Prof. Joachim Gardemann vom Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe an der Fachhochschule Münster am Samstag. „Es hat in der Tat super geklappt“, bestätigte Prof. Michael Raschke, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie am Uni-Klinikum Münster (UKM), der am 7. April die Klinikeinsatzleitung hatte.

Samstag, 09.06.2018, 15:44 Uhr

Jan Klaas Landwehrt, Assistanzarzt am UKM erklärt Erste Hilfe Maßnahmen.
Jan Klaas Landwehrt, Assistanzarzt am UKM erklärt Erste Hilfe Maßnahmen. Foto: Elmar Ries

An diesem Tag, einem Samstag, war ein 48 Jahre alter, psychisch kranker Mann mit seinem VW-Bus auf dem Platz vor dem Kiepenkerl in Münster in eine Gruppe von Menschen gefahren. Vier von ihnen starben, mehr als 20 wurden verletzt, sechs von ihnen schwer. Der Täter erschoss sich anschließend.

Diese Amokfahrt - Gardemann spricht lieber von einem „Ereignis“ - war am Samstag in Münster Grundlage einer sogenannten Praxisübung Humanitäre Hilfe, die der international einsatzerfahrene DRK-Nothelfer und FH-Professor mittlerweile zum 33. Mal abhielt. 200 Studierende aller Fachrichtungen nahmen daran teil, ebenso Mitglieder der UKM-Werksfeuerwehr, der DRK-Einsatzstaffel aus Nottuln sowie der DRK-Kreisverbände aus Münster und Ahlen. Ziel des Ganzen war es, einen internationalen Rettungseinsatz zu simulieren und dabei die Grundlagen der Nothilfe kennenzulernen.

Das Wichtigste: Den Patienten zu sichten

Die zentrale Lektion an diesem Tag: Egal, ob ein Massenunfall auf der A30 mit vielen Verletzten oder eben eine Amokfahrt in Münster - das Vorgehen der Retter ist immer gleich. „Das Wichtigste ist, zuerst die Patienten zu sichten“, sagt Gardemann. Wer ist leicht verletzt, wer schwer? Wer muss sofort behandelt werden, wer kann noch warten? Für wen kommt jede Hilfe zu spät?  All das muss schnell gehen. „Man hat allenfalls ein paar Minuten pro Person“, ergänzt DRK-Helfer Tobias Tyszak.

Prof. Gardemann in Münster

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  • Foto: Elmar Ries
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  • Jan Klaas Landwehrt, Assistanzarzt am UKM.

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  • Prof Gardemann erklärt den Studierenden an einem Modell, wie ein internationaler Hilfseinsatz vonstatten geht und auf was die Helfer zu achten haben.

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  • Erste-Hilfe-Maßnahmen werden erklärt.

    Foto: Elmar Ries

Diese sogenannte Triage, bei der die Opfer mit Farbkarten von grün (unverletzt) über gelb und rot, blau (sterbend) bis schwarz (tot) versehen werden, hilft den Helfern, den Überblick zu behalten. Für den Laien hört sich das technisch, kalt, fast herzlos an. Für die Einsatzkräfte ist ein solches Vorgehen wichtig. „Es sorgt zudem dafür, dass sich das Chaos vor Ort nicht auf die Kliniken überträgt“, sagt Gardemann. Weil früh sortiert und organisiert verteilt wird. Die eigentliche Behandlung erfolgt danach.

Helfer binnen krüzester Zeit zusammengetrommelt

Obwohl ein Samstag, war Raschke zum Zeitpunkt der Amokfahrt auf dem Sprung in die Klinik. „Eigentlich stand eine OP an“, erzählt er den Studierenden. Als sich die Informationssplitter zu einer Nachricht verdichteten und klar war, was passiert ist, löste er schließlich den MANV aus. MANV steht für „Massenanfall von Verletzten“. Die Notfallmaschinerie setzte sich in Gang.

Um 15.27 Uhr war der Münsteraner mit seinem Campingbus in die Menge gefahren. „Gegen 16 Uhr hatten wir den ersten Verletzten hier“, sagt Raschke. Am Ende waren es zehn. Bis zu 40 Schwerverletzte kann das UKM in einer solchen Situation gleichzeitig versorgen, sagt Marco Beckmann von der Werksfeuerwehr.

Binnen kürzester Zeit hatte das UKM nicht nur 250 Helfer zusammengetrommelt. Innerhalb von 45 Minuten war auch eine sogenannte Notersatzstation eingerichtet, in unmittelbarer Nähe der OPs. Dort wurden die ankommenden Verletzten erneut gesichtet. Das Problem zu dem Zeitpunkt: Niemand wusste genau, wie viele es am Ende sein würden. „Wir haben aber fünf von ihnen gleichzeitig operieren können“, sagt Raschke. „Das hat hervorragend funktioniert.“

Chronologie der Amokfahrt in Bildern

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  • Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Foto: Stephan R./dpa
  • Kurz nach der Tat herrscht Chaos auf dem Platz. Passanten leisten den Verletzten Erste Hilfe.

    Foto: privat
  • Schnell sind die Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr vor Ort. Die Erstversorgung läuft wenige Minuten nach der Tat an. Weil fast zeitgleich eine Demonstration von 1500 Kurden in Münster beginnen soll, befinden sich zahlreiche Polizeikräfte in der Stadt, die zum Einsatzort am Kiepenkerl eilen.

    Foto: Oliver Werner
  • Auf dieser Straße fuhr der Täter am Samstag mit seinem Campingbus bis zum Kiepenkerl-Denkmal. Foto: imago stock&people (Archiv) / Grafik Jürgen Christ
  • Nach der Erstversorgung werden die Verletzten in die Krankenhäuser der Stadt gebracht.

    Foto: Oliver Werner
  • Zunächst ist nur der unmittelbare Bereich um den Tatort abgesperrt...

    Foto: Oliver Werner
  • ... doch nach und nach macht die Polizei die gesamte Innenstadt zur Sperrzone. Denn die Hintergründe der Tat sind noch völlig unklar.

    Foto: Oliver Werner
  • War es ein islamistischer Anschlag? Sind weitere Täter auf der Flucht? Die Gerüchte schießen eine Stunde nach der Tat ins Kraut.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil die Einsatzlage zunächst unklar ist, mobilisiert die Polizei mehrere Hundertschaften, die sich vor dem Polizeipräsidium am Friesenring sammeln.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Domplatz wird zum Sammelpunkt der Einsatzkräfte. Auch schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Was schnell klar ist: Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt kommen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus dem Münsterland, aber auch aus Hamm, dem niedersächsischen Vechta und den Niederlanden.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auf dem Schlossplatz sind derweil einige Rettungshubschrauber gelandet. In den ersten Stunden nach der Tat sind laufend Hubschraubermotoren zu hören.

    Foto: Jürgen Grimmelt
  • Ein Inder hält sich in der Sperrzone auf und versteht die Anweisungen der Polizei nicht. Da die Gefahrenlage zu dem Zeitpunkt nicht geklärt ist, fordern die in alle Richtungen ermittelnden Beamten den Mann auf, sich auf den Boden zu legen, wie in einem Video zu sehen ist, das kurz nach der Tat im Netz kursiert. Schnell stellt sich heraus: Der Mann aus Indien hat nichts mit der Sache zu tun.

    Foto: Screenshot/privat
  • Schlange stehen, um zu helfen: Das Uniklinikum ruft am frühen Samstagabend zur Blutspende für die Verletzten auf. Prompt kommen 300 Münsteraner an die Domagkstraße. Bis nach Mitternacht wird schließlich 175 Freiwilligen Blut abgenommen. Überwältigt von der Solidarität bedankt sich das UKM später bei den Helfern.

    Foto: Maren Baars
  • Noch am Samstag ist die Identität des Amokfahrers geklärt: Jens R., wohnhaft in Münster, 48 Jahre alt, Industriedesigner, geboren in Olsberg (Sauerland). Im Laufe des Abends verdichten sich die Anzeichen, dass der von der Polizei als psychisch labil eingestufte Mann allein gehandelt hat. Das Motiv bleibt jedoch zunächst unklar.

    Foto: Privat
  • Polizisten durchsuchen bereits am Samstagabend die Wohnung des Täters in der Zumbroockstraße. Am Sonntag setzen sie die Suche fort. Dabei entdeckten die Ermittler mehrere Gasflaschen, Kanister mit Bioethanol und Benzin sowie eine Deko-Waffe und Polen-Böller. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat werden nicht entdeckt.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Die Spurensicherung ist auch am späten Samstagabend noch am Tatort. Die Beamten haben außerdem Sprengstoffexperten hinzugezogen. In dem Fahrzeug befindet sich ein verdächtiger Gegenstand...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... der sich aber als ungefährlich herausstellt. Das Fahrzeug des Täters wird erst in der Nacht zu Sonntag abgeschleppt.

    Foto: David Young/dpa
  • Sichtlich mitgenommen sieht Oberbürgermeister Markus Lewe am späten Samstagabend aus. In Interviews drückt er sein Beileid aus, zeigt sich tief betroffen und lobt die Solidarität der Münsteraner.

    Foto: Oliver Werner
  • Am Aasee trafen sich nach einem Aufruf in sozialen Netzwerken am Abend spontan einige Menschen, um Kerzen für die Opfer niederzulegen. Foto: dpa
  • Am Tag danach dominiert Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Platz am Kiepenkerl ist am Sonntagmorgen zunächst noch abgesperrt,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der Rest der Innenstadt ist aber wieder frei zugänglich.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Als der Kiepenkerl-Platz freigegeben wird, hinterlegen die ersten Passanten Blumen. Viele können das Geschehene immer noch nicht fassen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagmittag kommt Politikprominenz zur Gedenkminute an den Tatort: (v.l.) Münsters Oberbürgermeister, Markus Lewe, NRW-Innenminister Herbert Reul, Bundesinnenminister Horst Seehofer und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet gedenken der Opfer...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... und tragen sich ins Kondolenzbuch im Rathaus ein.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Unter dem Spruch "In stiller Trauer" sieht man die Unterschriften der Politiker.

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  • Die Amokfahrt ruft zahlreiche Medienvertreter auf den Plan. Hier ist Bundesinnenminister Horst Seehofer umringt von Kameras und Mikrofonen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagabend nehmen 1500 Menschen an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom teil.

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  • Der Andrang ist riesig: Im Dom müssen die meisten Gottesdienstbesucher stehen.

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  • Zu den zahlreichen prominenten Besuchern gehören auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (2.v.l.) und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.)

    Foto: Oliver Werner
  • Bischof Felix Genn (2.v.r.) und Münsters Superintendent Ulf Schlien entzünden während des Gottesdienstes Kerzen.

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  • Viele weitere Gottesdienstbesucher entzünden Kerzen und stellen sie vor dem Dom ab.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auch vor dem Kiepenkerl-Denkmal werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Am Montagmorgen hält Oberbürgermeister Markus Lewe noch einmal vor dem Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Kiepenkerl inne.

    Foto: Guido Kirchner
  • Karl Hans-Joachim Kunze steht, nachdem das SEK in der Nacht zum Sonntag seine Wohnung in Pirna gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses vor seiner Wohnungstür. Jens R. hatte einst dort gewohnt. In einer anderen Wohnung des Täters, ebenfalls bei Dresden, finden Ermittler am Sonntag ein 18-seitiges Schreiben. Dabei handelt es sich um eine Art „Lebensbeichte“, die Hinweise auf suizidale Gedanken von Jens R. geben.

    Foto: Daniel Förster
  • Thomas van den Hooven (Pflegedirektor UKM, v.l.), Prof. Dr. Robert Nitsch (Ärztlicher Direktor UKM) und Prof. Dr. Michael Raschke (stellvertretender Ärztlicher Direktor UKM) informieren während einer Pressekonferenz am Sonntag über die Patienten. Drei Schwerstverletzte werden zu dem Zeitpunkt im UKM behandelt, zwei weitere im Clemenshospital. Später am Tag wird bekannt, dass auch Chiara Hoenhorst, eine Volleyballspielerin des USC Münster, durch die Amokfahrt schwer verletzt wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch am Dienstag sind vor dem Kiepenkerl Trauerbekundungen zu sehen. Die Gaststätte kündigt an, auf Wunsch der Belegschaft am Mittwoch wieder zu öffnen.

    Foto: Oliver Werner
  • Passanten halten am Dienstag am Tatort inne und gedenken der Opfer.

    Foto: Oliver Werner
  • Vor der Bezirksregierung hängen die Flaggen weiter auf Halbmast.

    Foto: Oliver Werner
  • Eine Stadt steht zusammen: Auch drei Tage nach der Amokfahrt drücken die Münsteraner an vielen Orten und auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl gegenüber den Betroffenen aus.

    Foto: Oliver Werner
  • Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden eingreifen müssen? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (2.v.l.) entschieden auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung von Lewe nicht verhindert werden können.

    Foto: Oliver Werner

Effektiver Rettungseinsatz

Dass der Rettungseinsatz so effektiv war, sei so kurz vor dem Katholikentag auch ein wichtiges Signal an die Bevölkerung gewesen. Bei aller Tragik habe die Botschaft gelautet: „Wir können solche Ereignisse nicht verhindern, aber seht her, wir sind gut darauf vorbereitet.“ 

Am Montag findet bei der Bezirksregierung eine Besprechung der am Einsatz beteiligten Unfallchirurgen statt. Dabei geht es um Austausch und Manöverkritik. Zwei kleine Schwachstellen hat Raschke diagnostiziert. „Die Alarmierung der Ärzte hat nicht in jedem Fall problemlos geklappt“ und: „Die Kommunikation mit der Unfallstelle hätte besser sein können.“   

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