Lehrer arbeiten in rechtlicher Grauzone
Geheimsache Schulzeugnis

Münster -

Lehrer schreiben die Zeugnisse ihrer Schüler heutzutage am Computer – zu Hause, am eigenen Schreibtisch. Das gefällt der Datenschutzgrundverordnung gar nicht. Sie verlangt dafür speziell gesicherte Rechner, von denen es allerdings nicht genug gibt. Manche Schulen greifen wieder zu Papier und Tinte.

Mittwoch, 04.07.2018, 18:29 Uhr

Zeugnisse werden heutzutage am Computer geschrieben. Doch wer hat schon einen gesicherten Rechner, wie ihn der Datenschutz neuerdings verlangt?
Zeugnisse werden heutzutage am Computer geschrieben. Doch wer hat schon einen gesicherten Rechner, wie ihn der Datenschutz neuerdings verlangt? Foto: Oliver Werner

Lehrer sind kurz vor Schuljahresende vor allem mit einem beschäftigt: Sie „machen“ Noten, schreiben Zeugnisse. Doch beides hat in diesem Jahr einen anderen rechtlichen Hintergrund als sonst. Grund ist die neue Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union .

Zeugnisse auf dem eigenen Computer im heimischen Arbeitszimmer zu schreiben, hatte sich seit langem eingebürgert. Doch jetzt verlangte das Schulministerium mit Hinweis auf die neue Rechtslage, dass nur an Rechnern mit einem Sicherheitsstandard wie ein Behördencomputer die Zeugnisse geschrieben und die personenbezogenen Daten, also die Schülernoten, gespeichert werden dürften. Diesen Sicherheitsstandard an ihrem privaten PC zu garantieren – dazu sehen sich die meisten Lehrer nicht in der Lage.

Zeugnisse per Hand schreiben?

Ein Schülerzeugnis zu schreiben – zumal in den ersten Jahren der Grundschule, in denen keine Noten, sondern ein ausführlicher Text die Leistungen dokumentiert – ist ein gutes Stück Arbeit. Ungefährt zwei Stunden brauche man pro Kind, sagt Michael Kaulingfrecks , Leiter der Annette-von-Droste-Hülshoff-Grundschule Nienberge und Stadtverbandvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Nehme man es mit den neuen Richtlinien ganz genau, wäre es sinnvoll, die Zeugnisse wieder per Hand zu schreiben, mit dokumentenechter Tinte. Das tun, wie andere Medien bereits berichteten, diesmal die Lehrer einer Grundschule in Düsseldorf-Kaiserswerth.

Das Land macht sich einen schlanken Fuß.

Ulrich Thoden, Vorsitzender des Stadtverbands Münster der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GWE)

Soweit sei es seines Wissens in Münster und auch an der eigenen Schule nicht, sagt Kaulingfrecks – auch, weil das Schulministerium mit seiner strengen Auslegung zurückruderte. Nach der neuen Auslegung sind zwar weiter die Lehrer verantwortlich, wenn ihr Computer mit den Schüler-Noten gehackt würde. Das Arbeiten am eigenen Gerät aber wird im Grundsatz weiter geduldet, wie aus einer Information des Schulministeriums hervorgeht.

Datenschutzrecht führt zu "bizarren Situationen"

Ulrich Thoden, Vorsitzender des Stadtverbands Münster der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GWE) sagt es so: „Das Land macht sich einen schlanken Fuß." Das neue Datenschutzrecht führe an Schulen zu „bizarren Situationen“, wie er erzählt: Lehrer führen wie früher ihre Notenlisten am eigenen Computer. Um das aber gegenüber der Schulleitung nicht zu zeigen, würden lediglich Namenslisten ausgedruckt und die Noten dann wieder handschriftlich ergänzt, erzählt er von einer „völlig weltfremden“ Praxis.

Zu wenige Computer in Schulen

Die GEW fordert, dass das Land, wie andere Arbeitgeber auch, ihren Lehrern gesicherte Laptops für die Arbeit zur Verfügung stellen solle, ein Appell, den auch der VBE unterstützt, wie Michael Kaulingfrecks sagt. Sein Fazit für dieses Schuljahr: Lehrer machten notgedrungen weiter wie bisher, nach dem Motto, man dürfe sich halt nicht erwischen lassen.

Die Zeugnisse an gesicherten Computern in der Schule zu schreiben, sei auch kein Ausweg: Es gibt viel zu wenige Geräte in den Schulen. Wenn hier die Zeugnisse geschrieben werden müssten, bekämen die Kinder sie voraussichtlich erst im kommenden Herbst.

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