Serie zu den vergangen 25 Jahren Münster
Münsters letzter Kulturkampf: Der Streit um die Madonna im Südpark 1995

Münster -

In unserer Serie lassen wir 25 Themen aus 25 Jahren Revue passieren. In der heutigen Folge geht es um den Streit um die Schutzmantel-Madonna, der 1995 in der Stadt ausgebrochen war.

Dienstag, 17.07.2018, 11:06 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 17.07.2018, 10:28 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 17.07.2018, 11:06 Uhr
Klaus Jung, Pfarrer in Gelmer, segnet die umstrittene Marienfigur.
Klaus Jung, Pfarrer in Gelmer, segnet die umstrittene Marienfigur. Foto: Matthias Ahlke

Münster gilt als Hochburg der Katholiken. 1995 erlebt die Stadt ihren letzten echten Kulturkampf, der diesen Namen verdient und bei dem es nicht um bloße Kirchenpolitik geht, sondern um eine spürbare Verletzung religiöser Gefühle.

Christliche Symbole im Stadtbild und Marienfrömmigkeit, das wird 1995 deutlich, sind in Teilen der katholischen Bevölkerung ein zentraler Teil der Identität. 

Der Vorgang ist scheinbar harmlos, die Wirkung aber umso größer. Ein kleine Gruppe eifriger Christen aus der Pfarrgemeinde St. Joseph im Südviertel, angeführt vom Diakon Heinz Linsen, sammelt 13 000 Mark und beauftragt die Künstlerin Emmi Feldmann damit, den Entwurf einer Schutzmantel-Madonna zu fertigen.

Antrag abgelehnt

Sinnbildlich, so die Intention der Initiatoren, sollen alle Kinder dieser Welt unter den Schutz der Gottesmutter gestellt werden. Sodann stellt Heinz Linsen bei der Stadt Münster den Antrag, die Madonna , die in Bronze gegossen werden soll, im Südpark aufstellen zu dürfen. Der Antrag landet auf dem Tisch der zuständigen Bezirksvertretung Münster-Mitte, wo SPD und Grüne die Mehrheit haben. Nach einer heftigen Debatte lehnen sie den Antrag ab. 

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Die Künstlerin Emmi Feldmann hat jene Schutzmantel-Madonna, deren Aufstellung in Münster zum Politikum wird, geschaffen. Foto: Matthias Ahlke

Nicht die Absage an sich erbost viele Münsteraner, zumal die sehr konventionell gestaltete Skulptur in künstlerischer Hinsicht kaum zu überzeugen vermag. Nein, es ist die Begründung, die regelrechte Proteststürme auslöst. Argument Nummer eins: Religiöse Kunst unter Verwendung christlicher Symbolik habe nichts im öffentlichen Raum zu suchen. Argument Nummer zwei: Die Madonna vermittle ein asexuelles und überkommenes Frauenbild. 

Wie die Leserbriefspalten unserer Zeitung zeigen, ist das für viele Gläubige zu viel: Sie veröffentlichen Mariengedichte und beten für das Seelenheil der vermeintlich gottlosen Kommunalpolitiker.

Ausdruck mangelnder Toleranz

Die Absage an christliche Kunst wird als neuerlicher Bildersturm und als Generalangriff auf die vielen Kruzifixe und Heiligenstatuen am Straßenrand und in der freien Landschaft gewertet. Vor allem aber sehen Kritiker die Absage als Ausdruck einer mangelnden Toleranz. 

Wie zum Trotz bieten einige Münsteraner ihre Vorgärten als Standort an, um der Madonna Asyl zu gewähren. Andere fragen sich, warum ein potthässliches und zu allem Überfluss auch noch eingezäuntes Fahrrad-Kunstwerk am Eingang des Südparks stehen dürfe, die Madonna aber nicht.

Was Münster im vergangenen Vierteljahrhundert bewegte

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  • 1993: 1200-Jahr-Feier. Ob sich diese Schüler des Hittorf-Gymnasiums wieder erkennen? Auf diesem Foto aus dem Jahr 1993 werben sie für den Schülerfotowettbewerb. In der Hand halten sie das offizielle Logo des Stadtjubiläums, der zugleich auch das Thema des Wettbewerbs darstellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1994: Marion Tüns wird Oberbürgermeisterin. Der frühere Oberbürgermeister Jörg Twenhöven (vorne, v.r.) und Oberstadtdirektor Tilman Pünder blicken nicht gerade begeistert, als Marion Tüns erstmals die Oberbürgermeister-Kette trägt. Jubeln indes kann die grüne Bürgermeisterin Barbara Schlemann (vorne, l.), neben ihr die CDU-Politikerin Hildegard Graf.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1995: Streit um Madonna im Südpark. Die Künstlerin Emmy Feldmann hat jene Schutzmantelmadonna, deren Aufstellung in Münster zum Politikum wir, geschaffen

    Foto: Ahlke
  • 1996: Bürgerentscheid stoppt Gesamtschule. Ausgiebig feiern der CDU-Fraktionschef Werner Stolz (vorne, v.l.) sowie die Elternvertreter Eleonore Heyne, Thomas Gruschka und Renate Spitzner ihren Sieg beim Bürgerentscheid. Die Haupt- und die Realschule im Ostviertel bleiben bestehen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1997: Skulptur-Projekte erleben Durchbruch. Nicht kleckern, sondern klotzen, heißt bei den Skulptur-Projekten 1997 die Devise. Die gut besuchte Eröffnungsveranstaltung vermittelt  einen ersten Vorgeschmack auf die gewachsene Bedeutung der Ausstellung.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • 1998: 350 Jahre Westfälischer Friede. Die Jubiläumsfeier in Osnabrück und Münster beschert den beiden Städten eine sicherlich einmalige Dichte an politischer Prominenz. Nie zuvor und nie danach gab es in der jüngeren Geschichte der Stadt Münster einen solchen Auflauf von europäischen Staatsoberhäuptern wie bei der Eröffnung der Europaratsausstellung zum Westfälischen Frieden im Landesmuseum am Domplatz.

    Foto: Presseamt Stadt Münster
  • 1999: Berthold Tillmann wird Oberbürgermeister. Berthold Tillmanns Erfolg am Wahlabend 1999 ist so überwältigend, dass ihm seine Frau Cornelia Bergmann überschwänglich in die Arme fällt. Deutlich lässt der Herausforderer die Amtsinhaberin Marion Tüns hinter sich.

    Foto: Ahlke
  • 2000: Gericht kippt Preußen-Park. Im Modell gab es das ECE-Einkaufszentrum und das neue Stadion bereits. Doch daraus wurde nichts. Zur Orientierung: Im Vordergrund verläuft die Hammer Straße, im Hintergrund sind die Hochhäuser von Berg Fidel zu sehen

    Foto: Ahlke
  • 2001: Konzept für dezentrale Flüchtlingsunterbringung. 2008, also sieben Jahre nach dem Beginn des Konzepts, zeichnet der damalige NRW-Integrationsminister Armin Laschet (v.l.) das münsterische Flüchtlingskonzept aus. Projektleiter Jochen Köhnke und Sypros Marinos, Vorsitzender des Ausländerbeirates, nehmen die Urkunde entgegen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2002: Nein zur Stadtwerke-Teilprivatisierung. Otto Meyer und Marion Tüns (vorne, v.l.) werden nach dem erfolgreichen Bürgerentscheid bejubelt. 2002 werden die Münsteraner an die Urnen gerufen, um die Frage zu beantworten, ob die Stadt Münster die alleinige Eigentümerin der Stadtwerke Münster bleiben soll. Die Antwort beim Bürgerentscheid ist eindeutig: 65,4 Prozent der Wähler stimmen dem zu, nur 34,6 Prozent sind für die von der CDU-Alleinregierung geplante Teilprivatisierung des Versorgungsunternehmens. 

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2003: Müllaufbereitungsanlage am Start. In Coerde wird die MBRA eröffnet. Die vier Buchstaben stehen für Mechanisch-Biologische Restmüll-Aufbereitungsanlage. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit der Landesregierung in Düsseldorf setzt die Stadt Münster ein Abfallkonzept um, das ohne eine Müllverbrennungsanlage auskommt. 

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2004: Tiefgarage Ludgeriplatz scheitert. Der Ludgeriplatz, hier ein Foto aus dem Jahr 2001, ist ein kompliziertes Gebilde. Wo soll man hier eine Tiefgarage bauen, fragen sich 2004 viele Münsteraner. Am Ende scheitert das Projekt.

    Foto: Oliver Werner
  • 2005: Pläne für Kanalausbau werden vorgestellt. Als 2017 die Behelfsbrücke, die während des Baus der neuen Schillerstraßen-Brücke erforderlich, wieder abtransportiert wird, liegt die erste öffentliche Präsentation der Ausbaupläne bereits zwölf Jahre zurück.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2006: Münster-Arkaden eröffnet. Von der Rothenburg bis zur Ludgeristraße führt ein Verbindungsweg lang durch die Münster-Arkaden. Seit der Eröffnung 2006 ist das Einkaufszentrum aus der Innenstadt nicht mehr wegzudenken.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 2007: Südbad schließt. Die Adresse Inselbogen 36 ist derzeit eine Brachfläche. Bis 2007 hat hier das Südbad gestanden. Zwischenzeitlich ist geplant, das Grundstück mit Wohnungen zu bebauen, wozu sich die Kommunalpolitiker aber nicht durchringen können. Zugleich aber werden die verschiedenen, bislang ins Auge gefassten Pläne zum Bau eines neuen Südbades nicht umgesetzt, so dass der Inselbogen 36 seit gut einem Jahrzehnt irgendwo zwischen Baum und Borke vor sich hin dümpelt.

    Foto: Ahlke
  • 2008: Münsteraner erteilen dem Bau einer Musikhalle per Bürgerentscheid eine Absage. Mit einer Aufführung der Carmina Burana vor dem Schloss hatten die Musikhallenfreunde noch für ein „Nein“ geworben – vergeblich. 

    Foto: pia
  • 2009: Markus Lewe wird Oberbürgermeister. Der SPD-Kandidat Wolfgang Heuer (2.v.r.) gratuliert Markus Lewe nach der Oberbürgermeisterwahl zum Sieg. Später macht Heuer als Ordnungs- und Personaldezernent Karriere unter Lewe.

    Foto: Ahlke
  • 2010: Städtebaupreis für die Stubengasse. Unter den vielen Preisen, die Münster schon gewonnen hat, fällt der Deutsche Städtebaupreis im Jahr 2010 kaum auf. Auch wenn der Preis allenfalls in Fachkreisen bekannt ist, so wird mit ihm ein städtebaulicher Wandel dokumentiert, der in Münster sehr wohl eine breite Wirkung erzielt hat. 

    Foto: Oliver Werner
  • 2011: Forensische Klinik geht in Betrieb. Nur selten ist das Tor der forensischen Klinik in Amelsbüren so seit offen wie am Tag der Offenen Tür 2011. Kurze Zeit später kommen die ersten Patienten.

    Foto: Oliver Werner
  • 2012: Abschied vom Namen Hindenburg. Beim Bürgerentscheid 2012, dem vierten überhaupt, setzen sich nicht die Ja-Stimmen durch, sondern die Nein-Stimmen. Und das auch ziemlich deutlich: 59,4 Prozent der Münsteraner entscheiden sich dafür, dass der frühere Hindenburgplatz seinen neuen Namen Schlossplatz behalten und nicht zum alten Namen zurückkehren soll.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2013: Abzug der letzten britischen Soldaten. Über Jahrzehnte hinweg sind britische Soldaten in Münster, hier eine Parade auf dem Domplatz, ein vertrauter Anblick. 2013 aber verlassen die letzten Truppenteile die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • 2014: Münster wäscht auf 300.000 Einwohner. Stefanie Luik über den Dächern von Münster. Im November 2014 wird die Studentin als 300 000. Münsteranerin begrüßt. Die junge Frau aus Reutlingen ist das Gesicht eines anhaltenden Bevölkerungswachstums in Münster.

    Foto: Oliver Werner
  • 2015: Hängepartie an der Umgehungsstraße endet. 2015 passiert das, womit niemand mehr gerechnet hat: Es erfolgt der erste Spatenstich für den vierspurigen Ausbau der Umgehungsstraße, dritter Bauabschnitt. Der jahrzehntelange Vorlauf für diesen umstrittenen Straßenbau beschert Münster einen außergewöhnlichen Superlativ: 31 Jahre lang, von 1986 ist 2017, ist die Bürgerinitiative St. Mauritz aktiv, um eben diesen Ausbau zu verhindern.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2016: Das Aus für verkaufsoffene Sonntage. Auf diesen Moment haben sie hingearbeitet (vorne, v.l.): Die Pfarrer Martin Mustroph und Jens Dechow, Bernd Bajohr von der Gewerkschaft Verdi und Jochen Lüken, Personalratsvorsitzende der Stadt Münster, feiern den erfolgreichen Bürgerentscheid.

    Foto: Oliver Werner
  • 2017: Hauptbahnhof wird neu eröffnet. Riesig ist der Andrang als der neue Hauptbahnhof im Juni 2017 feierlich eröffnet wird. Das Gebäude kommt gut an. 

    Foto: Oliver Werner

Die Spitzen von SPD und Grünen reagieren nur sehr zögerlich auf den öffentlichen Streit. Oberbürgermeisterin Marion Tüns verweist auf die Zuständigkeit der Bezirksvertretung. Da die Verantwortlichen im Rathaus aber sehr schnell merken, dass hier ein erkennbarer Tabubruch vorliegt, ändern sie ihre Argumentation.

Mangelnder künstlerischer Wert

Jetzt steht der mangelnde künstlerische Wert der Madonna im Vordergrund. Auch verweisen sie auf die geplante, internationale Skulpturen-Ausstellung 1997. Sie mache es erforderlich, öffentlich nutzbare, attraktive Flächen für die Kunstwerke vorzuhalten. 

Für die CDU ist der Streit um die Madonna im Südpark ein gefundenes Fressen, da er die Möglichkeit eröffnet, die traditionell engen Beziehungen zu den Pfarrgemeinden zu betonen und sich von SPD und Grünen abzugrenzen.

Die Retourkutsche folgt postwendend. Die Bezirksvertretung Ost, in der die CDU regiert, macht das Angebot, die Madonna auf einer städtischen Grünfläche in Gelmer aufzustellen. Das ist zwar weit draußen vor der Stadt, aber auch die dortige Pfarrgemeinde trägt den Namen St. Josef. 

Der Kunsthistoriker Martin Feltes sagt bei der Einweihung der Marienfigur in Gelmer: „Die Madonna wird wohl nie in die Kunstgeschichte eingehen, aber sie hat Stadtgeschichte geschrieben.“

Der Kunsthistoriker Martin Feltes sagt bei der Einweihung der Marienfigur in Gelmer: „Die Madonna wird wohl nie in die Kunstgeschichte eingehen, aber sie hat Stadtgeschichte geschrieben.“ Foto: Matthias Ahlke

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wird die rund 1,70 Meter große Skulptur aufgestellt. Der Kunsthistoriker Martin Feltes sagt dabei: „Die Madonna wird wohl nie in die Kunstgeschichte eingehen, aber sie hat Stadtgeschichte geschrieben.“ 

Interessanterweise gibt es genau 20 Jahre später eine neuerliche Debatte, die zuweilen als „Kulturkampf“ bezeichnet wird, gleichwohl kein Kulturkampf ist. Zumindest dann nicht, wenn man die Maßstäbe von 1995 anlegt. 

Debatte um Finanzierung des Katholikentags

Gemeint ist die Debatte, ob die Stadt Münster den Katholikentag 2018 finanziell unterstützen soll. Und wenn ja, in welcher Höhe? Natürlich wird hierüber, vorzugsweise von den Ratsparteien, gestritten, aber es wirkt eher wie ein Verhandlungspoker.

Damit nicht genug: Die Emotionalität kommt von den Gegnern eines Zuschusses, während die Befürworter sehr rational argumentieren. Frei nach dem Motto: Der Katholikentag bringt viel Geld in die Stadt, also ist ein Zuschuss eine sinnvolle  Investition. Selbst die Katholikentags-Verantwortlichen argumentieren so und vermeiden jeden Anschein, als hätte sie einen Anspruch auf einen Zuschuss. 

Zu keinem Zeitpunkt indes erweckt die Debatte den Eindruck, als hätten die Beteiligten ihre religiösen Gefühle (soweit vorhanden) nicht mehr unter Kontrolle. Das ist 1995 noch ganz anders.

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