Münsters Generalintendant Ulrich Peters im Sommerinterview 
„Wir sind nicht nur das Amt 46“

Münster -

Bei den AaSeerenaden moderierte Intendant Dr. Ulrich Peters humorvoll das Konzert des Sinfonieorchesters und der sieben Sänger aus dem Ensemble mit italienischer Opernmusik. In den Theaterferien wird er ebenfalls nach Italien reisen – hat aber noch ganz andere Dinge vor, wie Peters im traditionellen Sommerinterview mit unserer Redaktion erzählte.

Samstag, 21.07.2018, 14:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 21.07.2018, 14:00 Uhr
Der Intendant beim Interview: Dr. Ulrich Peters genießt im Moment noch den Sommer in Münster.
Der Intendant beim Interview: Dr. Ulrich Peters genießt im Moment noch den Sommer in Münster. Foto: Wilfried Gerharz

Herr Peters, viele Theaterbesucher fragen sich: Was macht ein Intendant im Sommer?

Ulrich Peters: Im heißen Büro sitzen und Dinge abarbeiten, zu denen er sonst nicht kommt: Ich denke über die nächsten Spielzeit und die Entwicklung des Ensembles nach, führe Einstellungsgespräche – und bereite mich zu Hause schon auf die Musical-Komödie „Sugar“ vor, hier besser bekannt als „Manche mögen’s heiß“. Aber dann geht’s in den Flieger – nach Tansania!

Klingt nicht direkt nach Kultur-Urlaub ...

Peters: (lacht) Nein, Safari! Ich gehöre nicht zu den Theaterleuten, die von Festival zu Festival reisen: Ein bisschen Abstand tut gut. Die ganz weiten Reisen unternehme ich mit meiner Tochter, während meine Frau, die zu dieser Zeit noch arbeitet, lieber in Europa bleibt. Mit ihr fahre ich anschließend nach Italien, ins Veneto.

Dann können Sie sich auch von gewissen lokalpolitischen Stürmen erholen?

Peters: Stimmt, wobei das ja doch nur ein Sturm im Wasserglas war – ich beweise es Ihnen (zeigt ein Handy-Foto, auf dem er lachend mit Oberbürgermeister Markus Lewe zu sehen ist). Das war bei Shakespeares „Sturm“, da haben wir uns lange unterhalten.

Aber hatten Sie nicht über einen Mangel an Wertschätzung Ihres Theaters geklagt?

Peters: Ein bisschen empfinde ich solch einen Mangel in der Stadt, und stark empfinde ich ihn in der Verwaltung. Da sind wir nicht das Theater, sondern das Amt 46 – tatsächlich bekomme ich Briefe, in denen nur mein Name und „Amt 46“ steht. Schauen Sie in den städtischen Kulturreport: Darin stehen wir als größte Institution ganz am Ende. Tatsächlich könnte ich mir vorstellen, dass die Anwesenheit des Oberbürgermeisters und der Kulturdezernentin, deren vollen Terminkalender ich natürlich kenne, gerade bei den Premieren ein Signal wäre. Oder denken Sie an die Situation unserer neuen Probebühne im Jovel: Wir sind immer noch nicht drin, sondern warten seit einem Jahr auf die ausstehende Baugenehmigung. Da fehlt einfach die Wertschätzung.

Aschenputtel (Cendrillon)

1/8
  • Kathrin Filip, Henrike Jacob, Opernchor

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Suzanne McLeod, Gregor Dalal, Christina Holzinger, Kristi Anna Isene

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Kathrin Filip, Henrike Jacob, Opernchor (hinten)

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Kathrin Filip, Youn-Seong Shim, Henrike Jacob

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Kathrin Filip, Henrike Jacob, Youn-Seong Shim

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Kathrin Filip (mittig), Henrike Jacob (mittig), Opernchor (hinten)

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Henrike Jacob

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster
  • Gregor Dalal, Suzanne McLeod, Kristi Anna Isene, Christina Holzinger

    Foto: Oliver Berg, Theater Münster

Fühlen Sie sich denn vom Publikum angemessen wahrgenommen? Oder wird das Theater nur Stadtgespräch, wenn Sie durch Äußerungen provozieren?

Peters: Stadtgespräch wird man hier eher mit einem Event wie dem „Sturm“ des Borchert-Theaters im Hafenbecken. Unsere Premieren sind ja immer aufverkauft, das freut mich. Manche Produktionen allerdings sind nicht so gut besucht, wie ich es gerne hätte – die Oper „Angels in America“ beispielsweise. Die Inszenierung des Stücks in Freiburg war besser besucht, obwohl mir einige Sänger berichtet haben, dass unsere Produktion viel spannender war.

Der Wagemut, den ein solches Stück neben VerdisDon Carlo“ oder der Schauspiel-Produktion „Der Kaufmann von Venedig" hatten, wird nicht belohnt?

Peters: Zwei Seelen wohnen da in meiner Brust. „Angels“ lässt mich etwas kleinmütig werden, denn mein Standpunkt ist nicht: „Ich bin in meiner zweiten Amtszeit, da kann ich machen, was ich will.“ Die moderne Oper setzen wir aber fort, es gibt schon einen Kompositionsauftrag für das Jahr 2020. Dass wir „Don Carlo“ mit dem Requiem Alfred Schnittkes kombiniert haben, hat uns hingegen viel Lob eingebracht, es gibt sogar Leute, die sagen: „Ohne Schnittke können wir uns das Stück kaum noch vorstellen!“ Auch der „Kaufmann von Venedig“ mit der Ergänzung eines hinterlassenen Shakespeare-Textes war sehr gut besucht. Im Schauspiel sind die Leute Wagnissen gegenüber etwas aufgeschlossener.

Wie sehr schätzen Sie als Intendant es denn, wenn sich Regisseure die Stücke so stark aneignen, dass sie für Neulinge nur noch schwer verständlich sind – wie beim virtuos gestalteten „Amphitryon“?

Peters: Ich liebe zwar solche Arbeiten, aber es ist dann tatsächlich eher etwas für Insider. Bei „Andorra“ war das ein ähnlich entschlossener Zugriff, aber so klar, dass es unter die Haut ging. Wichtig ist und bleibt unser oft angesprochener „Glutkern“ des Werks, sein Gehalt, den die Regie deutlich machen sollte. Beim turbulenten „Don Giovanni“ war ich nicht so sicher, andererseits hat er das Publikum bestens unterhalten. Für dieses Stück hätte ich übrigens auch gern einen weiblichen Regie-Blick gehabt, so wie ich oft bei der Kombination von Stücken und Regisseuren überlege, ob nicht der Blick einer Frau auf das Werk wichtig wäre. Das klappt nur nicht immer wie gewünscht: So haben mich für die kommende Spielzeit eine Regisseurin und ein Regisseur um den Tausch ihrer Stücke gebeten, weil es beiden dann einfach besser passte.

Seit einem Jahr arbeiten Sie mit einem neuen Generalmusikdirektor zusammen, Golo Berg. Was hat sich verändert?

Peters: Zunächst muss man sagen, dass der langjährige GMD Fabrizio Ventura und Golo Berg sich gegenseitig sehr schätzen. Für Berg ist es natürlich eine besondere Herausforderung, in der Stadt zu arbeiten, in der sein Vorgänger weiterhin wohnt. Und für mich hat sich die Zusammenarbeit insofern geändert, als Berg unkonventioneller denkt. Ventura hatte tolle Ideen, man denke nur an „Musica Sacra“; Berg denkt schräger, das Konzept zu „Don Carlo“ kam ja wesentlich von ihm. Mit beiden habe ich als Intendant und als Regisseur großes Glück – es gab früher in meinem Leben schon Dirigenten, die mir eine Inszenierung buchstäblich zerstört haben.

Wie geht es nach den Theaterferien weiter, welche großen Linien gibt es für die Zukunft?

Peters: Ich habe mich gefreut, dass Jules Massenets „Cendrillon / Aschenputtel“ so großen Anklang fand, es war ja auch ein intelligentes, mit großem Aufwand umgesetztes Regiekonzept. Von Massenet würde ich gern noch mehr machen, etwa den „Don Quichotte“ – bei einem nicht so bekannten Komponisten hilft es immer, wenn der Stoff bekannt ist. Und Friedrich Schiller, dessen „Räuber“ und „Fiesco“ von Frank Behnke jetzt mit dem „Tell“ fortgesetzt werden, könnte unser Haus-Autor auch im Musiktheater werden, denn es gibt so viele gute Schiller-Vertonungen. War doch ein schöner Effekt, als Golo Berg bei den AaSeerenaden die Ouvertüre zu „Luisa Miller“ vorgestellt hat, Verdis Vertonung von „Kabale und Liebe“. Da gab es am nächsten Tag übrigens noch so ein typisches Münster-Erlebnis: Nachdem ich scherzhaft angekündigt hatte, man könne diese Konzert-Produktion kaufen, wenn man mir eine Waldbühne oder Ähnliches biete, sprach mich jemand auf der Straße an: „Sie haben vergessen, Ihre Telefonnummer anzugeben!“ Das mag ich an den Leuten hier: Diesen leisen Witz.

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