Defizit bei Uniklinik Münster
Wende schon wieder in Sicht

Münster -

Das Uniklinikum Münster hat für das Geschäftsjahr 2017 ein Rekorddefizit abgeschlossen, nun gilt ein Konsolidierungsplan. Investitionsstau und Pflegekräftemangel beuteln das UKM. Einzelne Betten und eine ganze Station mussten zeitweise geschlossen werden. Wie kommt es zu dieser Lage?

Samstag, 21.07.2018, 10:00 Uhr

Großbaustelle Universitätsklinikum: Die großen Bauprojekte wie die Fassadensanierung der Türme und der Erweiterungsbau am Westturm (im Vordergrund) werden fortgesetzt.
Großbaustelle Universitätsklinikum: Die großen Bauprojekte wie die Fassadensanierung der Türme und der Erweiterungsbau am Westturm (im Vordergrund) werden fortgesetzt. Foto: Oliver Werner

Der Ärztliche Direktor Prof. Dr. Dr. Robert Nitsch und der kaufmännische Direktor Dr. Christoph Hoppenheit beantworteten die Fragen unserer Redakteure Ralf Repöhler und Karin Völker.

Herr Prof. Nitsch, Herr Dr. Hoppenheit, das UKM hat im Geschäftsbericht 2017 ein überraschend hohes Defizit von fast 30 Millionen Euro ausgewiesen. Ist die Bilanz als Hilfeschrei gegenüber dem Land zu verstehen, weil Millionen-Zuschüsse fehlen?

Hoppenheit: Ganz klares Nein. Verluste zu produzieren, um eine vielleicht günstigere Ausgangslage in den Gesprächen mit dem Land zu bekommen, ist nicht unser Stil. Es steckt keinerlei Strategie hinter diesem Geschäftsabschluss. Wir haben durch den Pflegemangel an einzelnen Stellen Bettensperren und OP-Ausfälle gehabt, das führte zu Erlösverlusten. Zudem hatten wir Einmaleffekte und als Dauerbrenner eine relativ hohe Eigenfinanzierung für Instandhaltung und Investitionen, die an der Spitze in NRW ist. Schon im Geschäftsjahr 2016 sind wir nur durch Einmaleffekte so gerade im Plus gelandet.

Nitsch: Was jetzt passiert ist, zeigt, was es bedeutet, wenn man viele Jahre lang mit hohen Eigenleistungen an die Reserven geht. Effizienz kommt irgendwann an die Grenzen.

Sind die 30 Millionen Euro minus das höchste Defizit, die das UKM je hatte?

Hoppenheit: Mit Abstand. Es gab im Jahr 2006 einmal ein Defizit von 16,9 Millionen Euro. Wir haben uns zügig herausgearbeitet, in dem wir an vielen Stellen die Arbeit umstrukturiert, aber vor allem mit eigenen Investitionen die Weichen für die Modernisierung gestellt haben.

 

Dr. Christoph Hoppenheit, kaufmännischer Direktor des UKM

Dr. Christoph Hoppenheit, kaufmännischer Direktor des UKM Foto: Oliver Werner

Was erwarten Sie konkret vom Land?

Hoppenheit: Wir erwarten vom Land eine kooperative Weiterentwicklung unseres Klinikums.

Nitsch: Das UKM, in dem wir heute noch weitgehend arbeiten, wurde in den 60er- und 70er-Jahren geplant. Die Medizin von damals hat nichts mehr mit der Gegenwart zu tun. Wir haben mit dem Land einen Masterplan für die Modernisierung verabredet. Das Land Niedersachsen investiert gerade in seinen beiden Universitätsklinika eine Milliarde Euro pro Standort. Wir glauben, dass wir das UKM mit weniger Geld modernisieren können. Und wir brauchen das Geld ja auch nicht auf einmal, die Umsetzung der Projekte, also der Neubau des operativen Zentrums und die Innensanierung der Bettentürme, dauert noch zehn Jahre.

Sie haben Zusagen über 370 Millionen Euro, die bis zum Jahr 2020 verbaut werden sollen. Warum reicht das Geld nicht?

Hoppenheit: Weil dieses Geld zu einem wesentlichen Teil in die technische Infrastruktur und Forschung fließt, weniger in die Krankenversorgung.

Ist das nicht frustrierend für Sie?

Nitsch: Darum geht es gar nicht. Es geht vielmehr darum, eine verlässliche Perspektive für unsere Frau- und Mannschaft hier am UKM aufzuzeigen, die sagt wie es wird. Wir brauchen mit dem Land eine Verabredung für den zweiten Teil des Masterplans.

Was passiert, wenn das Land kein weiteres Geld zur Verfügung stellt?

Nitsch: Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Das Land selbst hat sich ja das Ziel gesteckt, das UKM zukunftsfähig zu modernisieren. Der Masterplan wird weiterentwickelt, da darf es gar keinen Zweifel geben.

Hoppenheit: Unabhängig von den Zahlungen des Landes machen wir natürlich gute Medizin und Pflege. Wir haben ja auch so einen ungebremsten Zulauf von Patienten. Bei einer schnelleren Umsetzung des Masterplans würde aber die Effizienz und die Zufriedenheit aller steigen, die an der Arbeit hier am UKM beteiligt sind.

Welche Baumaßnahmen kommen jetzt konkret und welche werden in die Zeit gestellt?

Hoppenheit: Es gibt keinen Baustopp am UKM. Die Fassaden-Sanierung der Türme geht weiter, und auch die Arbeit an unserem großen Erweiterungsgebäude am Westturm. Der Rohbau ist jetzt fertig. Zurückhaltender sind wir bei kleinen Maßnahmen. Das sind alle Bauvorhaben, die weniger als 1,5 Millionen Euro kosten und zu großen Teilen aus eigenen Mitteln finanziert werden müssen. Wir sprechen da über kleinere Umbauten in einzelnen Abteilungen. Für solche Maßnahmen bekommen wir vom Land eine Pauschalförderung von 19 Millionen Euro, die aber nur einen sehr kleinen Teil der Maßnahmen abdeckt. Von diesen Projekten werden einige nun verschoben.

Gibt es inzwischen einen Wirtschaftsplan für das medizinische Forschungsgebäude, das eigentlich schon fertig sein sollte, aber immer noch auf seinen Baubeginn wartet?

Hoppenheit: Die Planungskosten für dieses Großprojekt sind enorm hoch, und es war nicht klar, ob das Land die Mittel dafür bereitstellt. Darum gab es jetzt noch einmal eine Verzögerung. Es wird aber nun Mitte 2019 mit dem Bau begonnen, und das Forschungszentrum „Medforce“ wird 2021 fertig sein.

Nitsch: Das Gebäude ist enorm wichtig für die Gesamtentwicklung des UKM, denn wir müssen den Forschern, , die ja bei uns auch gleichzeitig in der Krankenversorgung tätig sind, etwas bieten.

Der ärztliche Direktor Prof. Dr. Dr. Robert Nitsch

Der ärztliche Direktor Prof. Dr. Dr. Robert Nitsch Foto: Oliver Werner

Sie haben eine Stellenbesetzungssperre für den medizinisch-technischen Dienst und die Verwaltung verkündet. Wie lange gilt diese Maßnahme?

Nitsch: Es wird am UKM keinen absoluten Einstellungstopp in diesen Bereichen geben. Wir sehen uns die einzelnen Prozesse an und überlegen, wie wir sie effizienter gestalten können. Wo Personal nötig ist, werden Stellen wieder besetzt oder gar neue Stellen geschaffen. Ein Beispiel: Wir haben jetzt einen Instrumentenmanager eingestellt. Er soll dafür sorgen, dass die medizinischen Instrumente nachhaltiger genutzt werden. Die Konsolidierungsmaßnahme im Stellenplan gilt bis 2020.

Wie viele Stellen wollen Sie einsparen?

Hoppenheit: Es geht um rund 80 volle Stellen von über 7000 am UKM. Die Personalkosten sind die höchste Ausgabeposition. Das Jahresbudget dafür liegt bei 440 Millionen Euro.

Ist der Pflegenotstand wirklich so groß, dass die Kräfte nicht mehr auf dem europäischen Markt zu finden sind und das UKM neues Personal in Brasilien und Kolumbien anwerben muss?

Hoppenheit: Wir gehen davon aus, so unseren momentanen Engpass zu überwinden und planen, rund 200 Kräfte aus Übersee einzustellen. Wir nutzen dabei die Kooperation mit kompetenten Personalvermittlern.

Nitsch: Es geht ja darum, dass die Pflege am UKM so organisiert wird, dass eine Bindung zwischen Patient und Pflegekraft entstehen kann. Das ist wichtig für beide Seiten, und wir sind stolz darauf, dabei Menschen aus allen Teilen der Welt zu integrieren. Die Anwerbung von Pflegekräften aus Übersee kann aber keine Dauerlösung sein. Wir haben jetzt 60 zusätzliche Ausbildungsstellen für Pflegekräfte geschaffen und bilden auch wieder Pflegehelfer aus, die sich anschließend weiterqualifizieren können.

Sie führen ein Drittel des jetzt entstandenen Defizits darauf zurück, dass wegen fehlender Pflegekräfte Leistungen nicht erbracht werden konnten. Andererseits fielen so aber auch weniger Personalkosten an . . .

Hoppenheit: Das gilt für die Pflegekräfte – aber alle anderen Ressourcen waren ja vorhanden, etwa Ärzte und andere Fachkräfte, die nötig sind, um eine Behandlung anbieten zu können. Durch das Fehlen der Pflegekräfte sahen wir uns nicht in der Lage, die komplette Behandlung in einzelnen Bereichen in der hohen Qualität anzubieten, die wir unbedingt bieten wollen. Es war absolut richtig so zu handeln – obwohl so hohe Kosten für uns entstanden sind.

Drohen dem UKM weitere Bettensperrungen und Kürzungen bei der Anzahl der Operationen?

Nitsch: Wir sind optimistisch, dass wir unsere Kapazitäten wieder hochfahren können. Wir hatten durch OP-Schließungen im Durchschnitt zwölf Prozent weniger an Operationen, eine neuromedizinische Station hatten wir ganz geschlossen und auch Betten in der Inneren Medizin. Wir arbeiten eng mit dem Personalrat zusammen und hoffen, dass wir jetzt schnell wieder unser Angebot auf das gewohnte Level aufstocken können.

Den Fragen unserer Redakteure Ralf Repöhler (3.v.l.) und Karin Völker (r.) stellten sich die UKM-Direktoren Robert Nitsch (2.v.r.) und Christoph Hoppenheit (3.v.r.). V.l. die Leiterin der UKM-Unternehmenskommunikation, Dagmar Mangels und Sprecherin Anja Wengenroth.

Den Fragen unserer Redakteure Ralf Repöhler (3.v.l.) und Karin Völker (r.) stellten sich die UKM-Direktoren Robert Nitsch (2.v.r.) und Christoph Hoppenheit (3.v.r.). V.l. die Leiterin der UKM-Unternehmenskommunikation, Dagmar Mangels und Sprecherin Anja Wengenroth. Foto: Oliver Werner

Wird das UKM weiterhin eine Universal-Medizin in Zukunft anbieten können ?

Nitsch: Wir sind als Zentrum für Spitzenmedizin Anlaufstelle für Patienten aus weiten Teilen Nordwestdeutschlands – und halten deshalb natürlich unser komplettes Angebot. Wir sind schließlich kein Wirtschaftsunternehmen, sondern ein Krankenhaus, ein Haus für kranke Menschen. Da verbietet es sich, sich allein von Rentabilitätserwägungen leiten zu lassen.

Hat die Kinderherzmedizin eine langfristige Zukunft am UKM?

Nitsch: Es gab hier keine Schließungspläne. Wir gehen davon aus, dass wir diesen Bereich weiter stärken und so mehr Patienten an das UKM binden können.

Wie realistisch ist die Prognose, dass das UKM im Geschäftsjahr 2018 wieder schwarze Zahlen schreibt?

Hoppenheit: Wir haben mit dem Aufsichtsrat ein Konsolidierungspaket verabredet und gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr einen Turnaround schaffen und eine schwarze Zahl vor Steuern und Abschreibungen schreiben. Wir haben Sonderbelastungen, die in den nächsten Jahren weitergehen und werden in den Jahren 2019 und 2020 weitere Optimierungen vornehmen, sodass dann insgesamt eine schwarze Null erreicht werden kann.

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