Interview
Innenminister Herbert Reul erinnert an die Amokfahrt in Münster

Münster -

Die Bilder von damals hat Innenminister Herbert Reul sofort vor Augen, als sein Wagen in Münsters Kiepenkerl-Viertel einbiegt. Dreieinhalb Monate nach der Amokfahrt ist er hier zum Interview mit unserer Zeitung verabredet. Auf der vom Täter als Ziel ausgesuchten Terrasse des Restaurants „Großer Kiepenkerl“ blickt der CDU-Politiker zurück. Im Gespräch mit unserem Korrespondenten Hilmar Riemenschneider geht es auch um Personalsorgen der Polizei und um Fahrradfahrer. Reul verteidigt zudem sein Vorhaben, härter gegen Hooligans oder gewalttätige Ehemänner vorzugehen.

Sonntag, 22.07.2018, 17:00 Uhr aktualisiert: 23.07.2018, 06:39 Uhr
Interview: Innenminister Herbert Reul erinnert an die Amokfahrt in Münster
Innenminister Herbert Reul im Gespräch vor dem Restaurant Großer Kiepenkerl in Münster. Foto: Gunnar A. Pier

Herr Reul , vor dreieinhalb Monaten haben Sie  den Alarm-Anruf erhalten, den Sie vielleicht bei Ihrem Amtsantritt am meisten gefürchtet haben. Wie blicken Sie heute auf die Amokfahrt vom 7. April?

Reul: Das war schon einschneidend. Ich war sehr beunruhigt, weil ich ja noch nicht wusste, was die Umstände und Hintergründe der Tat waren. Ich bin damals sofort nach Düsseldorf ins Innenministerium und  dann kurze Zeit später weiter nach Münster gefahren. Das war eine völlig andere Stadt, es war still, es war leer, überall Polizei. Das war gespenstisch. Und niemand wusste, ob noch ein weiterer Täter in der Stadt unterwegs war. Heute sehe ich hier wieder Münster, wie ich es kenne und liebe. Mit vielen Menschen, die hier fröhlich sitzen und sich am Ende durch so eine Tat nicht davon abbringen lassen.

Chronologie der Amokfahrt in Bildern

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  • Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Foto: Stephan R./dpa
  • Kurz nach der Tat herrscht Chaos auf dem Platz. Passanten leisten den Verletzten Erste Hilfe.

    Foto: privat
  • Schnell sind die Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr vor Ort. Die Erstversorgung läuft wenige Minuten nach der Tat an. Weil fast zeitgleich eine Demonstration von 1500 Kurden in Münster beginnen soll, befinden sich zahlreiche Polizeikräfte in der Stadt, die zum Einsatzort am Kiepenkerl eilen.

    Foto: Oliver Werner
  • Auf dieser Straße fuhr der Täter am Samstag mit seinem Campingbus bis zum Kiepenkerl-Denkmal. Foto: imago stock&people (Archiv) / Grafik Jürgen Christ
  • Nach der Erstversorgung werden die Verletzten in die Krankenhäuser der Stadt gebracht.

    Foto: Oliver Werner
  • Zunächst ist nur der unmittelbare Bereich um den Tatort abgesperrt...

    Foto: Oliver Werner
  • ... doch nach und nach macht die Polizei die gesamte Innenstadt zur Sperrzone. Denn die Hintergründe der Tat sind noch völlig unklar.

    Foto: Oliver Werner
  • War es ein islamistischer Anschlag? Sind weitere Täter auf der Flucht? Die Gerüchte schießen eine Stunde nach der Tat ins Kraut.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil die Einsatzlage zunächst unklar ist, mobilisiert die Polizei mehrere Hundertschaften, die sich vor dem Polizeipräsidium am Friesenring sammeln.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Domplatz wird zum Sammelpunkt der Einsatzkräfte. Auch schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Was schnell klar ist: Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt kommen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus dem Münsterland, aber auch aus Hamm, dem niedersächsischen Vechta und den Niederlanden.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auf dem Schlossplatz sind derweil einige Rettungshubschrauber gelandet. In den ersten Stunden nach der Tat sind laufend Hubschraubermotoren zu hören.

    Foto: Jürgen Grimmelt
  • Ein Inder hält sich in der Sperrzone auf und versteht die Anweisungen der Polizei nicht. Da die Gefahrenlage zu dem Zeitpunkt nicht geklärt ist, fordern die in alle Richtungen ermittelnden Beamten den Mann auf, sich auf den Boden zu legen, wie in einem Video zu sehen ist, das kurz nach der Tat im Netz kursiert. Schnell stellt sich heraus: Der Mann aus Indien hat nichts mit der Sache zu tun.

    Foto: Screenshot/privat
  • Schlange stehen, um zu helfen: Das Uniklinikum ruft am frühen Samstagabend zur Blutspende für die Verletzten auf. Prompt kommen 300 Münsteraner an die Domagkstraße. Bis nach Mitternacht wird schließlich 175 Freiwilligen Blut abgenommen. Überwältigt von der Solidarität bedankt sich das UKM später bei den Helfern.

    Foto: Maren Baars
  • Noch am Samstag ist die Identität des Amokfahrers geklärt: Jens R., wohnhaft in Münster, 48 Jahre alt, Industriedesigner, geboren in Olsberg (Sauerland). Im Laufe des Abends verdichten sich die Anzeichen, dass der von der Polizei als psychisch labil eingestufte Mann allein gehandelt hat. Das Motiv bleibt jedoch zunächst unklar.

    Foto: Privat
  • Polizisten durchsuchen bereits am Samstagabend die Wohnung des Täters in der Zumbroockstraße. Am Sonntag setzen sie die Suche fort. Dabei entdeckten die Ermittler mehrere Gasflaschen, Kanister mit Bioethanol und Benzin sowie eine Deko-Waffe und Polen-Böller. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat werden nicht entdeckt.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Die Spurensicherung ist auch am späten Samstagabend noch am Tatort. Die Beamten haben außerdem Sprengstoffexperten hinzugezogen. In dem Fahrzeug befindet sich ein verdächtiger Gegenstand...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... der sich aber als ungefährlich herausstellt. Das Fahrzeug des Täters wird erst in der Nacht zu Sonntag abgeschleppt.

    Foto: David Young/dpa
  • Sichtlich mitgenommen sieht Oberbürgermeister Markus Lewe am späten Samstagabend aus. In Interviews drückt er sein Beileid aus, zeigt sich tief betroffen und lobt die Solidarität der Münsteraner.

    Foto: Oliver Werner
  • Noch am Abend werden Kerzen angezündet und Blumen für die Opfer niedergelegt.

    Foto: dpa
  • Am Tag danach dominiert Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Platz am Kiepenkerl ist am Sonntagmorgen zunächst noch abgesperrt,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der Rest der Innenstadt ist aber wieder frei zugänglich.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Als der Kiepenkerl-Platz freigegeben wird, hinterlegen die ersten Passanten Blumen. Viele können das Geschehene immer noch nicht fassen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagmittag kommt Politikprominenz zur Gedenkminute an den Tatort: (v.l.) Münsters Oberbürgermeister, Markus Lewe, NRW-Innenminister Herbert Reul, Bundesinnenminister Horst Seehofer und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet gedenken der Opfer...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... und tragen sich ins Kondolenzbuch im Rathaus ein.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Unter dem Spruch "In stiller Trauer" sieht man die Unterschriften der Politiker.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Die Amokfahrt ruft zahlreiche Medienvertreter auf den Plan. Hier ist Bundesinnenminister Horst Seehofer umringt von Kameras und Mikrofonen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagabend nehmen 1500 Menschen an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom teil.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Der Andrang ist riesig: Im Dom müssen die meisten Gottesdienstbesucher stehen.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Zu den zahlreichen prominenten Besuchern gehören auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (2.v.l.) und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.)

    Foto: Oliver Werner
  • Bischof Felix Genn (2.v.r.) und Münsters Superintendent Ulf Schlien entzünden während des Gottesdienstes Kerzen.

    Foto: Oliver Werner
  • Viele weitere Gottesdienstbesucher entzünden Kerzen und stellen sie vor dem Dom ab.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auch vor dem Kiepenkerl-Denkmal werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Am Montagmorgen hält Oberbürgermeister Markus Lewe noch einmal vor dem Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Kiepenkerl inne.

    Foto: Guido Kirchner
  • Karl Hans-Joachim Kunze steht, nachdem das SEK in der Nacht zum Sonntag seine Wohnung in Pirna gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses vor seiner Wohnungstür. Jens R. hatte einst dort gewohnt. In einer anderen Wohnung des Täters, ebenfalls bei Dresden, finden Ermittler am Sonntag ein 18-seitiges Schreiben. Dabei handelt es sich um eine Art „Lebensbeichte“, die Hinweise auf suizidale Gedanken von Jens R. geben.

    Foto: Daniel Förster
  • Thomas van den Hooven (Pflegedirektor UKM, v.l.), Prof. Dr. Robert Nitsch (Ärztlicher Direktor UKM) und Prof. Dr. Michael Raschke (stellvertretender Ärztlicher Direktor UKM) informieren während einer Pressekonferenz am Sonntag über die Patienten. Drei Schwerstverletzte werden zu dem Zeitpunkt im UKM behandelt, zwei weitere im Clemenshospital. Später am Tag wird bekannt, dass auch Chiara Hoenhorst, eine Volleyballspielerin des USC Münster, durch die Amokfahrt schwer verletzt wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch am Dienstag sind vor dem Kiepenkerl Trauerbekundungen zu sehen. Die Gaststätte kündigt an, auf Wunsch der Belegschaft am Mittwoch wieder zu öffnen.

    Foto: Oliver Werner
  • Passanten halten am Dienstag am Tatort inne und gedenken der Opfer.

    Foto: Oliver Werner
  • Vor der Bezirksregierung hängen die Flaggen weiter auf Halbmast.

    Foto: Oliver Werner
  • Eine Stadt steht zusammen: Auch drei Tage nach der Amokfahrt drücken die Münsteraner an vielen Orten und auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl gegenüber den Betroffenen aus.

    Foto: Oliver Werner
  • Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden eingreifen müssen? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (2.v.l.) entschieden auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung von Lewe nicht verhindert werden können.

    Foto: Oliver Werner

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute da sitzen, wo Sie am Tag nach der Tat Blumen niedergelegt haben und direkt nach der Amokfahrt selbst die erste Betroffenheit erlebt haben?

Reul: Der Kontrast zu damals erzeugt ein merkwürdiges Gefühl. Ich frage mich: Ist es gut, dass die Leute hier in fröhlicher Sommerlaune sitzen? Ist alles vergessen? Aber eigentlich ist es ja beruhigend, dass das Leben weiter geht. Andererseits müssen wir weiter ständig damit rechnen, dass irgendwo in Nordrhein-Westfalen wieder etwas passiert. Wir dürfen nicht ängstlich sein, aber wir müssen wachsam bleiben und bewusst leben.

Sich sicher zu fühlen, vielleicht auch solche Erinnerung zu verdrängen – ist das ein trügerisches Gefühl?

Reul: Nein, die Menschen können sich in Nordrhein-Westfalen sicher fühlen. Trotzdem gibt es das, was die Juristen eine „abstrakte Gefahr eines terroristischen Anschlags“ nennen. Jeden Tag. Aber das darf uns nicht beeinträchtigen, jeden Tag raus auf die Straßen und Plätze zu gehen. Außerdem haben wir mit den Städten zusammen schon eine Menge für die Sicherheit getan.

In Münsters Alltag ist die Amokfahrt nur noch selten Thema, die Polizei hat ihre Ermittlungen abgeschlossen – ist es Zeit für einen Schlussstrich?

Reul: Man muss vielleicht irgendwann einen Schlussstrich ziehen, damit das Leben weiter geht.  Den  wird es irgendwann auch in Bezug auf das Ermittlungsverfahren geben. Aber man darf nie verdrängen, dass solche Gefahren existieren. Das wäre ein Trugschluss.

NRW-Innenminister Herbert Reul im WN-Interview

Die Tat von Münster war nicht das einzige erschreckende Ereignis in ihrer Amtszeit bisher. Wie haben Sie von dem in Köln gefassten Islamisten erfahren, der einen Anschlag mit biologischen Waffen geplant hat?

Reul: Die Situation war ähnlich:Ich habe mittags einen Anruf erhalten: Wir haben jemanden, der bastelt an einer  Bombe, wir kümmern uns. Der Unterschied war, dass zu diesem Zeitpunkt noch nichts passiert war. Aber es bestand eine Gefahr und die war ziemlich konkret. Deshalb war ich schon ziemlich beunruhigt, bis abends der Anruf kam, dass der Mann gefasst wurde. Das war eine Erlösung, weil die Gefahr gebannt war.

Aber so nah, so konkret hatten Sie die Gefahr vorher nicht vor Augen.

Reul: Ja. Diese Bedrohung, wie wir sie in Köln erlebt haben, hatten zwar alle theoretisch auf dem Schirm. Aber es ist etwas anderes, wenn sie realisieren, da hat tatsächlich jemand angefangen, die Substanzen für eine solche Biowaffe zu kaufen.

Haben wir da einfach Glück gehabt?

Reul: Nein, das glaube ich nicht.  Wenn Nachrichtendienste und Polizei Informationen austauschen und handeln können, funktioniert das System. Und es ist ein tolles Signal in diesem Fall, dass die Zusammenarbeit auch  international klappt.

Muss man jetzt noch einmal den Blick auf Warenverkehr, zumal im Online-Handel, schärfen?

Reul: Den konkreten Stoff, die Rizinussamen, hatte vorher niemand auf dem Schirm. Damit kann man Plantagen anpflanzen – aber auch biologische Waffen produzieren. Ab jetzt ist bei diesem und weiteren Stoffen klar: Wenn das in größeren Mengen gekauft wird, müssen wir uns drum kümmern.

Der Landtag debattiert derzeit Ihre Reform des Polizeigesetzes, mit der sie die Möglichkeiten der Fahnder im Kampf gegen die Terrorgefahr erweitern wollen. Der Kölner Fall zeigt aber, dass die Sicherheitskräfte schon jetzt erfolgreich sind. Warum reichen die Werkzeuge nicht aus?

Reul: Im konkreten Fall haben wir die Erkenntnisse aus dem Ausland bekommen, deshalb konnte der Verfassungsschutz eingreifen. Die Polizei konnte das übrigens nicht. Ich möchte erreichen, dass die Polizei bei den wirklich gefährlichen Dingen „vor die Lage kommt“ und wir die notwendigen Informationen haben, bevor etwas passiert. Wir müssen die Pläne der Terroristen kennen, bevor sie diese umsetzen können. Und dafür braucht man andere Instrumente. Diese Personen treffen sich nicht öffentlich auf einem Marktplatz, das findet anderswo im Netz statt. Und da muss die Polizei mithören dürfen. Wenn die Terroristen per WhatsApp kommunizieren, darf die Polizei nicht weiter im Zeitalter des Wählscheibentelefons verharren. Wir müssen jetzt festlegen, für welche Gefahren das gilt und was genau abgehört werden darf.

Beim geplanten Unterbindungsgewahrsam nehmen Sie auch schwere Kriminelle, Hooligans oder gewalttätige Ehepartner in den Blick. Warum macht es Sinn, die mit ähnlichen Mitteln wie terroristische Gefährder zu verfolgen?

Reul: Ähnlich ist das nicht. Wir wollen diesen Personenkreis ja längst nicht so lange in Gewahrsam nehmen wie mutmaßliche Terroristen. Das ist schon abgestuft. Wir haben aber gelernt, dass die Zeitspanne von maximal 48 Stunden für eine Ingewahrsamnahme auch bei extrem gewaltbereiten Fußball-Hooligans oder ständig schlagenden Ehemännern zu kurz sein kann.

Auf der anderen Seite können mit der neuen Personalverteilung mehrere Polizeibehörden künftig weniger Beamte im Streifendienst einsetzen. Befürchten Sie dabei nicht, dass dadurch das Sicherheitsgefühl vieler Bürger mehr leidet, als es durch ein neues Polizeigesetz gestärkt wird?

Reul: Es hat keiner weniger, wenn man es genau nimmt und die 500 Tarifbeschäftigten dazuzählt, die wir seit diesem Jahr jährlich zusätzlich einstellen. Die sind ja gerade dafür da, dass wir wieder mehr Polizisten für den Streifendienst haben. Außerdem: Wir können leider nur die Polizisten verteilen, die da sind. Ich kann mir keine Beamten backen. Wir stellen jetzt deutlich mehr Anwärter ein als früher. Aber die müssen erst ausgebildet werden, wir können sie also erst in zwei Jahren einsetzen. Dann können wir ausgleichen. Bisher leiden wir darunter, dass die Vorgängerregierungen in den vergangenen Jahren zu wenige eingestellt hat. Zugleich gehen mehr Beamte in Pension. Deshalb stellen wir ja die jährlich 500 Verwaltungsassistenten ein. Die muss man jetzt dazu rechnen, dann gibt es keine Polizeibehörde, die unter dem Strich ein Minus hat. Diese Assistenten sollen ja so eingesetzt werden, damit die Beamten auf die Straße kommen. Es ist knapp, aber es wird nicht weniger. Neben der Verteilung in der Fläche verstärken wir auch die Hundertschaften und den Staatsschutz.

Ein Vorschlag zur Lösung lautete, die Polizei solle nicht mehr zu Bagatellunfällen und ähnlichem ausrücken. Ist das für Sie eine Idee, über die man nochmal nachdenken muss?

Reul: Ich bin bereit darüber nachzudenken, ob alle Aufgaben, die heute von der Polizei erledigt werden, zwingend auch in Zukunft von der Polizei übernommen werden müssen. Aber ich bin total dagegen, dass sich der Staat bei kleineren Delikten zurückzieht. Der Staat muss gegen jeden  Regelverstoß vorgehen. Allerdings: Schwerlasttransporte, Radarmessungen oder Objektschutz – das müssen nicht unbedingt studierte Polizeibeamte machen.. Bagatellunfälle kann man in fernerer Zukunft vielleicht ebenfalls mit neuen technischen Mitteln klären - ohne Polizei. Eine Pflicht, die Polizei zu rufen gibt es übrigens auch heute nicht. Aber viele Leute fürchten wohl, andernfalls vom Unfallgegner übers Ohr gehauen zu werden.

Kann die Polizei dann noch die Lücken der unterbesetzten Bundespolizei abfedern?

Reul: Ich habe Bundesinnenminister Seehofer gerade einen Brief geschrieben. Wenn die bayerische Grenzpolizei jetzt im Süden kontrolliert, können die zum Beginn der Flüchtlingskrise aus NRW abgezogenen Bundespolizisten ja zurückgeschickt werden. Die können wir an den Grenzen und den großen Bahnhöfen nämlich  gut gebrauchen. Dass die Bundespolizei verstärkt werden muss, habe ich schon mehrfach gefordert. Ich glaube aber auch, dass wir zu neuen Kooperationen aller Sicherheitsebenen kommen. Das betrifft  Partnerschaften mit den Ordnungsämtern genauso wie internationale Zusammenarbeit. Die Zeit, wo jeder sein Stück alleine spielt, ist vorbei.

In Bonn hat die Polizei einen israelischen Professor nach einem antisemitischen Übergriff für den Täter und nicht das Opfer gehalten. Der Mann ist dabei von einem Polizeibeamten geschlagen worden. Wenn Sie diesen Fall betrachten, müssen Sie innerhalb der Polizei einige Regeln zurechtrücken?

Reul: Dafür ist es noch zu früh. Für mich war das in doppelter Hinsicht sehr beunruhigend. Erstens dass 70 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft in Deutschland eine antisemitische Straftat begangen wird. Mal wieder. Und zweitens bin ich mir nicht sicher, wie am Ende das Verhalten der Polizisten zu bewerten ist. Das Verwechseln war nicht richtig, aber vielleicht auch unvermeidbar. Und ob  die Beamten zu hart zugegriffen haben, muss geprüft werden. Ich nehme das sehr ernst. Was mich stört, ist dass daraus eine Debatte mit dem Tenor entsteht, die Polizei wende generell zu schnell Gewalt an. Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden. Aber ich sage auch ganz deutlich: Wenn das in Bonn zu weit gegangen ist, dann muss und dann wird das Folgen haben.

Befeuert hat es die Diskussion um ein robusteres Vorgehen.

Reul: Ich habe den Begriff nie verwendet, sondern eine Null-Toleranz-Strategie gefordert. Wenn Regeln verletzt werden, hat die Polizei konsequent einzugreifen.  Und natürlich kann es dabei im Einzelfall auch Situationen geben, in denen die Beamten Gewalt anwenden müssen. Dafür gibt es ja gerade das staatliche Gewaltmonopol. Aber die Polizisten müssen sich nach rechtsstaatlichen Vorgaben richten und dürfen nicht überreagieren. Wenn das trotzdem passiert, wird das natürlich sanktioniert.

Sie sind hier auch in NRWs Fahrradhauptstadt. Jüngst geraten besonders die Pedelec-Fahrer ins Blickfeld, weil die Zahl der Unfälle zunimmt und die Folgen oft verheerend sind. Wäre es nicht an der Zeit, eine Versicherungspflicht für diese E-Bikes einzuführen, wie sie auch für ein Mofa oder Segway gilt?

Reul: Es ist ein neues Problem, das in einer Quantität zunimmt, dass man sich damit befassen muss. Letztes Jahr sind 700.000 Pedelecs und E-Bikes verkauft worden. Immer mehr Ältere schätzen den eingebauten Rückenwind. Das spiegelt sich auch in der Zahl der Unfälle. Von den 21 im letzten Jahr bei Unfällen getöteten E-Bike-Fahrern waren 18 Senioren im Alter über 65 Jahren. 1400 Menschen sind 2017 insgesamt mit dem E-Bike verunglückt. Diese Entwicklung wirft Fragen auf, auf die ich noch keine abschließenden Antworten habe. Aber klar ist: Ein Pedelec fährt sich nicht wie ein Fahrrad. Darum müsste ein Fahrradhändler die Kunden aus meiner Sicht vorher Probefahren lassen, um dieses Bewusstsein zu wecken. Das kann ich nicht staatlich verordnen. Hier in der Fahrradhauptstadt fahren auch andere Radfahrer sehr zügig durch die Gegend. Wir müssen überlegen, wie man die schützen kann. Da geht es beispielsweise um die Frage der Helmpflicht. Es geht berechtigterweise auch um einen Versicherungsschutz, da habe ich noch keine abschließende Meinung zu.

Wenn Pedelecs wie Mofas bis Tempo 25 erlaubt sind, manche E-Bikes auch schneller fahren, muss man sie nicht vom Fahrradweg verbannen?

Reul: Ob wir mit immer neuen Vorgaben weiterkommen, mir widerstrebt das. Aber es ist notwendig, das Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Pedelecs sind da ein Sonderfall, weil da hohe Geschwindigkeit und Selbstüberschätzung eine fatale Wirkung haben können.

Wir haben vorhin über die dramatischen Momente Ihres ersten Amtsjahres gesprochen. Was war für Sie der berührendste positive Moment?

Reul: Die große Vereidigung unserer Kommissaranwärterinnen und Kommissaranwärter, das war der Hammer! 2300 junge Menschen in einer Halle schwören den Eid auf unsere Landesverfassung - das war wirklich berührend und schön. Für mich war aber auch beeindruckend zu sehen, welche Leute da Polizisten werden. Ich habe selten so viele junge Menschen mit einem derart geraden Charakter getroffen. Und ich war früher Lehrer, kenne mich also damit aus.

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