Chiara Hoenhorst
Bei Amokfahrt verletzte USC-Spielerin plant Comeback

Münster -

„Mir geht es tatsächlich echt gut.“ Es ist eine erstaunlich positive Nachricht, die USC-Spielerin Chiara Hoenhorst verkündet, knapp vier Monate nachdem sie bei der Amokfahrt am Kiepenkerl in Münster schwer verletzt wurde. Jetzt plant sie sogar schon ihr Comeback.

Freitag, 27.07.2018, 10:35 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 27.07.2018, 10:35 Uhr
Chiara Hoenhorst: Bei Amokfahrt verletzte USC-Spielerin plant Comeback
Schneller als erwartet kann Chiara Hoenhorst, die bei der Amokfahrt im April schwer am Kopf verletzt wurde, in der Reha schuften. Beim Auftakt der Volleyball-Bundesliga im Oktober will sie fit sein. Foto: ZaR

Den 31. Oktober, wenn der USC Münster zum Auftakt der Saison 2018/19 den Dresdner SC empfängt, hat sich Chiara Hoenhorst in ihrem Kalender markiert. Dann will die Bundesliga-Volleyballerin wieder Teil ihres Teams sein. „Ich hoffe, dass ich es schaffe. Das wäre mega“, sagt sie.

Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Doch es ist mehr als erstaunlich, wenn man die Uhr zurück in das Frühjahr dreht und auf ihre Geschichte schaut: Der 7. April war ein Tag wie aus dem Bilderbuch. 25 Grad, blauer Himmel, Sonnenstrahlen.

Die Menschen zog es an diesem Frühlingssamstag hinaus ins Freie, Münster war bevölkert mit gut gelaunten Menschen, die vor Restaurants und Eiscafés das Wetter genossen und es sich einfach gut gehen ließen.

Amokfahrt am Kiepenkerl

Doch schlagartig endete diese Idylle in der Altstadt: Ein Amokfahrer steuerte seinen Bulli auf den Platz am Kiepenkerl, tötete mit seiner Tat drei Menschen und verletzte über 20 schwer. Unter ihnen war auch Chiara Hoen­horst. 21 Jahre jung, BWL-Studentin und Angreiferin beim USC Münster.

Mit schweren Kopfverletzungen rang sie lange um ihr Leben. Doch nun, knapp vier Monate später, kann sie auf die Frage, wie es ihr gehe, antworten: „Mir geht es tatsächlich echt gut. Ich bin schmerzfrei, habe keine Kopfschmerzen mehr.“

Ein kleines Wunder

Eine gute Nachricht, die Chiara Hoenhorst da verkündet. Und ein kleines Wunder, dass der Heilungsprozess so zügig voranschreitet. „Die Ärzte sind teilweise erstaunt, dass ich so schnell wieder auf die Beine gekommen bin“, sagt die gebürtige Albersloherin. Denn eine Selbstverständlichkeit ist dies angesichts der Schwere ihrer Verletzungen nicht.

Blutungen im Kopf ließen den Druck auf das Gehirn so stark werden, dass ihr ein Teil der Schädeldecke entfernt werden musste. Für drei Tage lag Hoenhorst, die zudem Kieferbrüche erlitten hatte, im Uniklinikum Münster im künstlichen Koma, eine lange Zeit im Krankenbett folgte.

„Ich war zunächst nicht in der Lage zu gehen“, sagt ­Chiara Hoenhorst, die von den Geschehnissen des Tattages keinerlei Bilder mehr vor Augen hat. „Ich kann mich an nichts erinnern, vom Unfall weiß ich überhaupt nichts. Und auch meinen Krankenhaus-Aufenthalt habe ich nur äußerst schwammig in Erinnerung.“

Aufarbeitung der Lücken

Lücken, die sie schließen wollte – und mittlerweile geschlossen hat. Über die Amokfahrt und den Hergang hat sich Hoenhorst informiert, die Unwissenheit ließ ihr keine Ruhe.

„Der Anspruch war da, genau zu wissen, was überhaupt passiert ist. Was war das für ein Mensch? Das interessierte mich einfach, ich habe mir viel erzählen lassen und habe mich auch selber schlau gemacht. Denn es ist so, wie es ist. Ändern kann ich es ja eh nicht mehr.“

Chronologie der Amokfahrt in Bildern

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  • Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Foto: Stephan R./dpa
  • Kurz nach der Tat herrscht Chaos auf dem Platz. Passanten leisten den Verletzten Erste Hilfe.

    Foto: privat
  • Schnell sind die Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr vor Ort. Die Erstversorgung läuft wenige Minuten nach der Tat an. Weil fast zeitgleich eine Demonstration von 1500 Kurden in Münster beginnen soll, befinden sich zahlreiche Polizeikräfte in der Stadt, die zum Einsatzort am Kiepenkerl eilen.

    Foto: Oliver Werner
  • Auf dieser Straße fuhr der Täter am Samstag mit seinem Campingbus bis zum Kiepenkerl-Denkmal. Foto: imago stock&people (Archiv) / Grafik Jürgen Christ
  • Nach der Erstversorgung werden die Verletzten in die Krankenhäuser der Stadt gebracht.

    Foto: Oliver Werner
  • Zunächst ist nur der unmittelbare Bereich um den Tatort abgesperrt...

    Foto: Oliver Werner
  • ... doch nach und nach macht die Polizei die gesamte Innenstadt zur Sperrzone. Denn die Hintergründe der Tat sind noch völlig unklar.

    Foto: Oliver Werner
  • War es ein islamistischer Anschlag? Sind weitere Täter auf der Flucht? Die Gerüchte schießen eine Stunde nach der Tat ins Kraut.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil die Einsatzlage zunächst unklar ist, mobilisiert die Polizei mehrere Hundertschaften, die sich vor dem Polizeipräsidium am Friesenring sammeln.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Domplatz wird zum Sammelpunkt der Einsatzkräfte. Auch schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Was schnell klar ist: Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt kommen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus dem Münsterland, aber auch aus Hamm, dem niedersächsischen Vechta und den Niederlanden.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auf dem Schlossplatz sind derweil einige Rettungshubschrauber gelandet. In den ersten Stunden nach der Tat sind laufend Hubschraubermotoren zu hören.

    Foto: Jürgen Grimmelt
  • Ein Inder hält sich in der Sperrzone auf und versteht die Anweisungen der Polizei nicht. Da die Gefahrenlage zu dem Zeitpunkt nicht geklärt ist, fordern die in alle Richtungen ermittelnden Beamten den Mann auf, sich auf den Boden zu legen, wie in einem Video zu sehen ist, das kurz nach der Tat im Netz kursiert. Schnell stellt sich heraus: Der Mann aus Indien hat nichts mit der Sache zu tun.

    Foto: Screenshot/privat
  • Schlange stehen, um zu helfen: Das Uniklinikum ruft am frühen Samstagabend zur Blutspende für die Verletzten auf. Prompt kommen 300 Münsteraner an die Domagkstraße. Bis nach Mitternacht wird schließlich 175 Freiwilligen Blut abgenommen. Überwältigt von der Solidarität bedankt sich das UKM später bei den Helfern.

    Foto: Maren Baars
  • Noch am Samstag ist die Identität des Amokfahrers geklärt: Jens R., wohnhaft in Münster, 48 Jahre alt, Industriedesigner, geboren in Olsberg (Sauerland). Im Laufe des Abends verdichten sich die Anzeichen, dass der von der Polizei als psychisch labil eingestufte Mann allein gehandelt hat. Das Motiv bleibt jedoch zunächst unklar.

    Foto: Privat
  • Polizisten durchsuchen bereits am Samstagabend die Wohnung des Täters in der Zumbroockstraße. Am Sonntag setzen sie die Suche fort. Dabei entdeckten die Ermittler mehrere Gasflaschen, Kanister mit Bioethanol und Benzin sowie eine Deko-Waffe und Polen-Böller. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat werden nicht entdeckt.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Die Spurensicherung ist auch am späten Samstagabend noch am Tatort. Die Beamten haben außerdem Sprengstoffexperten hinzugezogen. In dem Fahrzeug befindet sich ein verdächtiger Gegenstand...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... der sich aber als ungefährlich herausstellt. Das Fahrzeug des Täters wird erst in der Nacht zu Sonntag abgeschleppt.

    Foto: David Young/dpa
  • Sichtlich mitgenommen sieht Oberbürgermeister Markus Lewe am späten Samstagabend aus. In Interviews drückt er sein Beileid aus, zeigt sich tief betroffen und lobt die Solidarität der Münsteraner.

    Foto: Oliver Werner
  • Am Aasee trafen sich nach einem Aufruf in sozialen Netzwerken am Abend spontan einige Menschen, um Kerzen für die Opfer niederzulegen. Foto: dpa
  • Am Tag danach dominiert Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Platz am Kiepenkerl ist am Sonntagmorgen zunächst noch abgesperrt,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der Rest der Innenstadt ist aber wieder frei zugänglich.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Als der Kiepenkerl-Platz freigegeben wird, hinterlegen die ersten Passanten Blumen. Viele können das Geschehene immer noch nicht fassen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagmittag kommt Politikprominenz zur Gedenkminute an den Tatort: (v.l.) Münsters Oberbürgermeister, Markus Lewe, NRW-Innenminister Herbert Reul, Bundesinnenminister Horst Seehofer und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet gedenken der Opfer...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... und tragen sich ins Kondolenzbuch im Rathaus ein.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Unter dem Spruch "In stiller Trauer" sieht man die Unterschriften der Politiker.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Die Amokfahrt ruft zahlreiche Medienvertreter auf den Plan. Hier ist Bundesinnenminister Horst Seehofer umringt von Kameras und Mikrofonen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagabend nehmen 1500 Menschen an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom teil.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Der Andrang ist riesig: Im Dom müssen die meisten Gottesdienstbesucher stehen.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Zu den zahlreichen prominenten Besuchern gehören auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (2.v.l.) und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.)

    Foto: Oliver Werner
  • Bischof Felix Genn (2.v.r.) und Münsters Superintendent Ulf Schlien entzünden während des Gottesdienstes Kerzen.

    Foto: Oliver Werner
  • Viele weitere Gottesdienstbesucher entzünden Kerzen und stellen sie vor dem Dom ab.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auch vor dem Kiepenkerl-Denkmal werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Am Montagmorgen hält Oberbürgermeister Markus Lewe noch einmal vor dem Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Kiepenkerl inne.

    Foto: Guido Kirchner
  • Karl Hans-Joachim Kunze steht, nachdem das SEK in der Nacht zum Sonntag seine Wohnung in Pirna gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses vor seiner Wohnungstür. Jens R. hatte einst dort gewohnt. In einer anderen Wohnung des Täters, ebenfalls bei Dresden, finden Ermittler am Sonntag ein 18-seitiges Schreiben. Dabei handelt es sich um eine Art „Lebensbeichte“, die Hinweise auf suizidale Gedanken von Jens R. geben.

    Foto: Daniel Förster
  • Thomas van den Hooven (Pflegedirektor UKM, v.l.), Prof. Dr. Robert Nitsch (Ärztlicher Direktor UKM) und Prof. Dr. Michael Raschke (stellvertretender Ärztlicher Direktor UKM) informieren während einer Pressekonferenz am Sonntag über die Patienten. Drei Schwerstverletzte werden zu dem Zeitpunkt im UKM behandelt, zwei weitere im Clemenshospital. Später am Tag wird bekannt, dass auch Chiara Hoenhorst, eine Volleyballspielerin des USC Münster, durch die Amokfahrt schwer verletzt wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch am Dienstag sind vor dem Kiepenkerl Trauerbekundungen zu sehen. Die Gaststätte kündigt an, auf Wunsch der Belegschaft am Mittwoch wieder zu öffnen.

    Foto: Oliver Werner
  • Passanten halten am Dienstag am Tatort inne und gedenken der Opfer.

    Foto: Oliver Werner
  • Vor der Bezirksregierung hängen die Flaggen weiter auf Halbmast.

    Foto: Oliver Werner
  • Eine Stadt steht zusammen: Auch drei Tage nach der Amokfahrt drücken die Münsteraner an vielen Orten und auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl gegenüber den Betroffenen aus.

    Foto: Oliver Werner
  • Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden eingreifen müssen? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (2.v.l.) entschieden auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung von Lewe nicht verhindert werden können.

    Foto: Oliver Werner

Rückkehr in den Sport

Diese Aufarbeitung ist eine Teiletappe auf ihrem Weg zurück in den Alltag. „Und ich bin für die Kürze der Zeit auf einem sehr guten Weg“, erklärt Hoenhorst, die sich derzeit in ihrer zweiten Reha befindet. Im „Zentrum für ambulante Rehabilitation“ in Münster arbeitet sie fünf Tage in der Woche nicht nur im neurologischen Bereich, auch körperlich schuftet die Volleyballerin für eine Rückkehr in den Sport.

„Ich bin im Kraft- und Leistungsaufbau. Aber ich starte ja praktisch bei null, das ist jetzt viel Arbeit“, sagt die Außenangreiferin, die nach ihrer Jugendzeit bei der SG Sendenhorst im Sommer 2015 vom Drittligisten Moerser SC zum USC gewechselt und im Sommer 2017 in den Bundesliga-Kader aufgerückt war.

Zuspruch nach Amokfahrt

Und dorthin will sie zurück, am liebsten schon zum Start der neuen Saison. „Aber der Verein und der Trainer machen mir keinen Druck und geben mir alle Zeit. Das ist so viel wert“, sagt Hoenhorst, die in den ersten Tagen nach der Amokfahrt viel Zuspruch besonders aus dem Volleyball-Lager erhalten hat – nicht nur vom USC, von Coach Teun Buijs oder der kompletten Mannschaft, aus dem ganzen Land gingen Genesungswünsche ein.

„Das hat mir super viel bedeutet und ich bin unheimlich dankbar dafür. Es gibt mir die Kraft weiterzumachen. Auch wenn es ein langer Weg zurück ist.“

Einen beachtlich großen Teil davon hat Hoenhorst, die im Wintersemester zudem ihr BWL-Studium im dann siebten Semester fortsetzen wird, bereits hinter sich gelassen.

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