Serie: 1968 in Münster
Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin erinnert sich an seine bewegte Jugend in Münster

Münster -

Prof. Dr. Volker Ladenthin, Erziehungswissenschaftler an der Universität Bonn, ist in Münster aufgewachsen, im damals noch gar nicht so feinen und gerade im Aufbau befindlicher Viertel an der Sentruper Höhe. Er ging damals auf Ratsgymnasium, studierten später an der Uni Münster. Bevor er Professor in Bonn wurde, hat er unter anderem auch als Lehrer am münsterischen Overberg.Kolleg unterrichtet. 50 Jahre nach dem Jahr 1968 erinnert sich Ladenthin sehr facettenreich an seine Zeit als Heranwachsender.

Sonntag, 29.07.2018, 11:20 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 29.07.2018, 01:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Sonntag, 29.07.2018, 11:20 Uhr
Serie: 1968 in Münster: Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin erinnert sich an seine bewegte Jugend in Münster
Auf dem Domplatz eskalierte eine Demonstration gegen eine NPD-Kundgebung im Bundestagswahlkampf 1969. Das Bild rechts zeigt die Dekoration im Schaufenster von Petzhold. Foto: Hänscheid/Stadtmuseum/Petzhold KG/Stadtmuseum

Im Jahr 1968 war ich 15 Jahre alt, zu jung also für das, was man die 68er Generation nennt, aber auch schon alt genug, um die Veränderungen in der Gefühlskultur zu erfahren.

Vor 1968 suchte man etwas, aber man wusste nicht, was es war. Unbehaust fühlte man sich. Heimatlos. Blöd nur, dass dieses Lied von Freddy gesungen worden war, 1958. Der ging nun gar nicht mehr. Der trug die Haare nach hinten gekämmt.

Es war eine langweilige Zeit vor 1968, es sei denn, irgendwo gab es ein Beat-Konzert. Oder eine Beat-Messe. Dafür fuhr man auf dem schwarzen Velo Solex auch schon mal bis zur neu erbauten Stephanus-Kirche in die Aaseestadt. Oder zum Cafè Servatii, wo manchmal die Mustangs spielten. Zu denen man dann allerdings nicht durfte, weil da Halbstarke wären und Krawall machten, wie mein Vater warnte. Da stimmten schon die Worte nicht. Randale wäre passend gewesen, aber die wollten 1968 die wenigsten. Alles, was man brauche, sei Liebe, hörte ich von den Beatles.

… von 1000 Jahren

1965 waren wir noch klassenweise mit der Großen (Pest- und Brand-)Prozession gegangen, aufmerksam begleitet vom Klassenlehrer. 1968 war das vorbei. Hier brach – ohne, dass wir es bemerkten - eine Tradition ab, die im Jahre 1382 begründet worden war. Selbstverständlich gab es weiterhin die Große Prozession, aber wir gingen nicht mehr klassenweise mit.

1968 in Münster

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  • Das Protestplakat erinnert an den Hubschraubereinsatz am 6. Juni 1969. Rollhäuser war der damalige Uni-Rektor, Pape hieß seinerzeit der Polizeipräsident.

    Foto: Rudolf Krause
  • Am Tag danach: Studenten ziehen demonstrierend durch die Stadt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Auch bei der Grundsteinlegung des Kleinen Hauses am Stadtheater protestierten Studenten. Standbild aus dem Film "InterACT!on und Co - Das andere Kino 1968" (BRD 1969, Christoph Busch/Dieter Möller)

    Foto: Standbild Film
  • Eine weitere Studenten-Demonstration gegen die damalige Hochschulpolitik im Winter 1969 am Servatiiplatz.

    Foto: Rudoilf Krause
  • Der Historiker Prof. Thomas Goßbölting hat die 68er-Bewegung in Westfalen erforscht.

    Foto: Karin Völker
  • In sechs Filmforen im Cinema und in der Villa ten Hompel blickt der LWL auf die Studentenbewegung zurück.

    Foto: Matthias Ahlke

Das, was man heute unter „1968“ versteht, entstand nicht am 1. 1. 1968, und es war auch keineswegs am 31.12. 1968 beendet. Es kündigte sich ab 1966 an und lief erst 1972 und 73 aus, als aus uns Hippies Junkies und Yuppies wurden …die nach Erfolg, Geld, Karriere, Arbeit und deren Gegenteil süchtig waren.

Erzähl mir nichts vom Krieg

1968 war der Zweite Weltkrieg gerade mal 23 Jahre vorbei; die Bunker standen noch. Die neue BRD (so nannte man, was wir nie „Deutschland“ genannt hätten) war noch nichteinmal 20 Jahre alt (– die Wiedervereinigung liegt heute länger zurück als damals das Kriegsende.) Die feschen HJler und die blitzblanken Mädels vom BDM, die Soldaten und Flakhelferinnen waren zu unseren Eltern geworden. Und, so fragten wir uns, was hatten die kurzhaarigen Post-Beamten vor 25 Jahren gemacht, der dicke Polizist vorm Rathaus, die uniformierten Briefträger („Guten Tag, Herr Sparbier!“) und die O-Bus-Schaffner mit den begehrten Dr.-Alfred-Krauth-Geldwechslern vor der Brust, die Pfarrer in den lateinischen Messen und die Geschäftsleute, die Offiziere der neuen Bundeswehr (die es erst 13 Jahre gab – woher kamen die Ausbilder?)?

Und natürlich unsere Lehrer? Sie waren vor 1938 geboren. Da kam man ins Rechnen und Grübeln. Als ich wieder mal eine neue Jeans trug, sagte jemand aus der Verwandtschaft: „Hast du die etwa bei dem Jud gekauft? Bei dem Weiss?“ Ja, hatte ich. Wo denn auch sonst? Und ich war stolz darauf. Von nun an kaufte ich da immer. Wir hatten im Deutschunterricht „Andorra“ gelesen – und damit war eigentlich alles gesagt.

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Die Schaufenster-Kollektion bei Petzhold wird im Hippie-Look dekoriert Foto: Heinrich Petzhold KG/ Stadtmuseu

Die typischen 68er Studenten waren vor der Gründung der BRD geboren. Ihre Eltern und Lehrer hatten den Bombenkrieg miterlebt, Hunger und Tod in Familie und Nachbarschaft. Die Elterngeneration war im (und manchmal vom) Dritten Reich erzogen worden. Aber erzählt hatten sie uns davon wenig. Eine der erinnerten Ausnahmen war ein Deutschlehrer, der allerdings keine Anekdoten von Stalingrad bereit hielt, wie ein anderer „Pauker“, der den „verlorenen Krieg“ bedauerte. Einmal gab es, es muss 1964 gewesen sein, irgendwo eine Filmaufführung zu den gerade abgeschlossenen Olympischen Spielen. Der Film hieß: „Die deutschen Siege“. Dafür wurde in der Schule geworben. Das sei nun völlig daneben, sagte unser Deutschlehrer der feineren Art. Ohne Sprachgefühl sei das, und ob die Siege der Sportler aus anderen Ländern nicht auch sehenswert wären?

Mitten in Münster lagen immer noch Trümmer herum, die frisch gepflanzten Bäume auf dem Promenadenstück zwischen Servatiiplatz und Engelenschanze begannen erst zu wachsen, dünn und spuchtig standen sie vereinzelt und wie verloren herum. Auf der Sentruper Höhe spielten wir an dunklen, länglichen Baracken, die den „Flichtlingen von drrieben“ immer noch als Notunterkünfte dienten. Manche Väter der Mitschüler waren kriegsversehrt, hatten quälende Schmerzen in den Arm- und Beinstümpfen und lebten von Schmerzmitteln („Eudokal“), Scharlachberg und ärmlichen Renten. Das war irgendwie selbstverständlich. Zu denen ging man besser nicht nach Hause.

Nun singet und seid froh

Vielleicht war es auch ein Bruch, was geschah, als unser Rats-Chor 1966 in der Petri-Kirche bei der Mitternachtsmette mitsang, auf Latein natürlich. In den kurzen Gesangspausen, in den wir eigentlich still zu sein hatten, flüsterten wir uns zu, was wir als Weihnachtsgeschenke abgestaubt hatten. Mein Nachbar erzählte mir überglücklich, dass er die N° 2 von den Rolling Stones bekommen habe: „Mit astreinen Frisuren auf der Cover-Rückseite!“ In dulci jubilo

Ich habe damals keinen Bruch bemerkt, wohl aber ein Gefühl, dass alles immer besser würde. Das Wort Reform verhießen noch etwas Gutes: It‘s getting better all the time, dichteten die Beatles. Für mich soll’s rote Rosen regnen! Wir wollen alles, und wir wollen es jetzt, hörte ich immer wieder und wieder die Doors singen. Absolutely live sollte unser Leben sein. Und bunt: Lasst 100 Blumen blühen, las ich auf der Titelseite der Peking Rundschau (Auslandsausgabe) bei ROSTA. Alles sollte fortschrittlich sein, progressiv – wie die Popmusik. Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt! Wir waren in der Gegenwart utopisch.

Ausstellung: „Münster 1968“

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  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
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  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
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  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke
  • Protestkultur und Aufbruchstimmung: Ein Schlaglicht auf viele wichtige Ereignisse in Münster im 1968 wirft die neue Fotoausstellung im Stadtmuseum. Foto: Matthias Ahlke

Und wirklich: Hier und heute ging es mir jeden Tag besser. Lehrmittelfreiheit. Schülerticket. Führerschein fürs Mofa nun ab 15. Man konnte in der Öffentlichkeit knutschen – und nur ein paar alte Männer im wadenlangen Klepper-Regenmantel regte das auf. Also knutschte man grade, wenn man am Schaufenster von Radio-Hüffer stand, um danach die neuesten Schallplatten zu begutachtete: Hit oder Niete? Meine persönliche Freiheit wuchs: Ich durfte jetzt bis Mitternacht rengeln. Paradise now, wie ein Theaterstück hieß, von dem ich aufgeregt im SPIEGEL las. Alles wurde so bunt wie das Fernsehen. Wünsch Dir was! Und die Alten waren so „baff!“, wie eine andere Fernsehsendung hieß.

1966/67 kamen sogenannte Schockfarben auf. Zu kaufen gab es Frotteesocken, die grellgrün, blinkendgelb, leuchtendorange oder knallrot gefärbt waren. Mein Klassenkamerad Bobby und ich trugen solche Socken, die wir für wenig Geld in der Bilka (Salzstraße) ergattert hatten. Eines Tages musste Bobby Schillers Bürgschaft vor der Klasse aufzusagen. Kaum hatte er angefangen, unterbrach ihn der Deutschlehrer: „Was ist das denn?“ Bobby stutzte, fuhr aber mit dem Vortrag fort. Der Lehrer konnte es nicht fassen: „Was hast du denn für Socken an?“ Bobby trug tapfer weiter vor, doch unser Deutschlehrer unterbrach ihn immer wieder: „Wie die Mädchen.“ Am nächsten Tag trugen alle aus der Clique Socken in Schockfarben; und damit man sie auch sah, krempelten wir unsere Cordjeans unten um und liefen mit Hochwasser herum (wie später die Bay City Rollers). Unser Deutschlehrer schüttelte den Kopf: „Ihr tragt ja alle solche Socken!“ Die Bürgschaft eben, „hoch lebe die internationale Solidarität!“ Eine Lappalie? Ja, gewiss. Das war für mich 1968.

Guten Abend, meine Damen und Herren

1968 fand auch in der Tagesschau (mit Herrn Köpcke) statt: Als die Studenten von Paris im Mai losstürmten und Barrikaden errichteten, sah ich sie wieder, die wilden Straßen-Schlachten, wie beim Schah-Besuch 1967 in Berlin: „Alles Kommunisten! Alles Rote!“ ereiferte sich mein Vater. „Nein, die sind antiautoritär“, entgegnete ich. Ich dachte an eine Art Pop-Revolution (so hieß eine Schallplatte aus buntem Vinyl). „Hör doch einfach mal zu…“, rief mein Vater, und dann hörte man deutlich, wie die Pariser Studenten die Internationale sangen.

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Jugendtreff Lambertibrunnen: Hier trafen sich die „Pennäler“, wie man die Gymnasiasten damals nannte, samstags nach der Schule. Foto: Andreas Janning

Kommunismus? Das war für mich Stalin, Workuta und die DDR – wer wollte das schon? Zumal die Beatles auf dem weißen Doppelalbum in dem Lied Revolution gesungen hatten:

“Wenn du auf Demos Bilder von Mao mitschleppst, geh dahin, wo der Pfeffer wächst.” („But if you go carrying pictures of chairman Mao/ You ain‘t going to make it with anyone anyhow!“ Und die Rolling Stones hatte ich im Beat-Club “We love you” singen gehört, als jene Richter verkleidet, die sie wegen Drogenbesitzes zu Gefängnisstrafen zu verurteilen suchten.

Haschu Haschisch in die Taschen..

Auf dem Schulhof gab es nichts; aber auf einer Klassenfahrt hatten einige Klassenkameraden den shit gleich tütenweise dabei, weiß Gott woher. Aber da ich nicht zu dieser Szene gehörte, weiß ich nicht viel mehr, als dass einige den Unterricht schwänzten, weil sie in Ruhe auf der Promenade kiffen wollten. Manche waren im Unterricht so zugedröhnt, dass sie Klassenarbeiten nicht zu Ende schreiben konnten. Da mussten dann die Väter irgendwie gut Wetter machen.

Unsere Clique machte auch blau, ging zu Tchibo in der Salzstraße, um ein Tässchen Kaffee für 20 Pfennig zu trinken, das einige immer weiter mit heißem Wasser verlängerten, das auf den Stehtischen in Wärmekannen bereitgestellt wurde. Oder sie schaufelten 10 Zuckerklümpchen in die Tasse. 1968? Schülerrevolte?

Hair/Haare

Natürlich gab es den Kampf um die längeren Haare, jeder Zoll ein Streit bis aufs Rasiermesser; natürlich wollte ich Hosen mit Schlag, und natürlich trug man, wenn man dazugehören wollte, nur Original Levi‘s, die nach meiner Erinnerung 24 Mark kosteten. Ich setze mich in die mit heißem Wasser gefüllte Badewanne, damit die neue Hose einsprang. Danach ließ ich sie am Körper trocknen, um sie in Form zu bringen. Ich lief in Basketballschuhe herum oder in knöchelhohen Boots, manchmal mit Fransen. Und natürlich in einem dunkelgrünen US-Parka plus GI-Arbeitsmütze. Meine Freunde taten das auch. Weil wir anders sein wollten, als die Erwachsenen, sahen wir alle gleich aus: Das war die Dialektik unserer Revolte.

Einige konnten (z. B. aus finanziellen Gründen) diese kollektive Einkleidung nicht mitmachen – ihnen bot C&A Nietenhosen (wie uninformierte Mütter es ausdrückten) an, die billiger waren, aber irgendwie falsch aussahen. Mit solch einer Hose war man out. Und wenn die Haare dann zwar lang, aber ordentlich gescheitelt waren, gehörte man echt zu denen, die nur so taten, als ob sie mitmachen würden. Mitmachen? Wobei? Bei 1968.

Ausstellung: Vor 50 Jahren - Münster 1968 wird eröffnet

Die 68er waren elitär. Die ganz gut Betuchten trugen im Winter bunt bedruckte Pelzmäntel (die glatte Seite außen) und liefen mit den Konzeptalben von Jimi Hendrix, den Who, Deep Purple und Pink Floyd herum (18 Mark, mir Preisbindung – ein Brot kostete etwa eine Mark), schwarze oder grellbunte heiße Scheiben, die ganz verkratzt waren, weil sie auf wilden Feten immer wieder abgenudelt. wurden: I’m free. Aus dem Religionsunterricht kannten wir Leonard Cohen: Susanne. Damit hatte man uns beeindrucken wollen. Vergeblich. Wir waren die Avantgarde, sicherlich, nur war unklar, wovon.

Trau keinem über 30

Auffällig waren die Veränderungen bei den Referendaren im Gymnasium: Zuvor hatten meist schmächtige Kerlchen verschüchtert ihre Lehrproben vor uns abgelegt, ausgezehrt von knallharten Prüfungen und dem Mensaessen („Der Student geht so lange zur Mensa, bis er bricht“, lautete der übliche Kalauer). 1968 änderte sich das schlagartig: „Mir passt auch nicht, was einige der Kollegen hier sagen, aber Leute, was soll der Aufstand gegen einzelne. Ihr müsst das System ändern!“ Manche ließen sich in den Pausen duzen, und das war natürlich Weltrevolution.

Bei den alteingesessenen Lehrern hatte sich auch etwas verändert: Bis 1966 gab es noch Ohrfeigen. Für die Antworten hatten Schüler zackig aufzustehen, und man wurde nur mit Nachnamen angesprochen: „ Ladenthin – quatsch nicht rum!“ Und nun wuchsen bei einigen Lehrern die Haare. Sie siezten uns zwar noch in der Oberstufe, redeten uns aber mit Vornamen an. „Lesen Sie mal den Text von Marx vor, Andreas!“ Das hatte es noch nie gegeben an deutschen Gymnasien.

Die Literatur muss durchforscht werden

Bei einem jungen Lehrer, der frisch aus Berlin kam (aber zu unserem Bedauern keine antiautoritäre ENTE fuhr (Konsumverzicht!), sondern einen spießigen Käfer), besprachen wir englische Liebeslyrik aus vier Jahrhunderten: „Wie schafft er es denn, sie rumzukriegen?“ fragte er einmal. So dachten Lehrer? Unterhalb des Kopfes gab es noch etwas? Wir besprachen James Baldwin‘s Blues for Mr Charlie ... ein Theaterstück, das gleich mit Schimpfworten losging: „You ass, you!“ Und das Substantiv stand nicht im Langenscheidt.

Wir hielten Referate über Sigmund Freud („Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“), Jakob Bachofen („Das Mutterrecht“), Friedrich Engels („Ursprung der Familie“) und Wilhelm Reich („Der Einbruch der Sexualmoral“). Weil es diese Bücher in der Stadtbücherei nicht zur Ausleihe gab, kaufte ich sie bei ROSTA, einem antiautoritären Buchladen, damals in einem Hinterhof auf der Rothenburg. Da gab es massenweise preiswerte Raubdrucke, Revolutionsklassiker, die seit 1933 nicht erhältlich gewesen waren.

… gehört schon zum Establishment

Eine Welt öffnete sich, die Welt der sexuellen Revolution. Man verstand sich plötzlich selbst und drückte sich nicht mehr an den Kioskfenstern die Nasen platt, wenn konkret (mit Leitartikeln von Ulrike Meinhof), pardon oder twen mit Uschi Obermeiers befreitem Oberkörper warben. (Für’s Kaufen waren die revolutionären Blätter zu teuer, ebenso wie die Zeitschrift underground, speziell für Schüler gemacht. Mein Vater zerriss sie, wenn er sie fand.) Mit einem Schlag waren die pubertären Toilettenwitze überflüssig. Wie jener, der versprach, dass man es könne „wie ein Truthahn“, habe man nur genügend „Haschisch in der Blutbahn“. Der Spruch war in meine Schulbank eingraviert. „It’s muff“, ritzte mein Tischnachbar mit der Zirkelspitze in mühevoller Kleinarbeit daneben.

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Volker Ladenthin heute. Ein Bild aus seiner Jugendzeit habe er leider nicht, wie er bedauert. Foto: PR

„Helga“ im Kino und später die „Sexfibel“ - es gab ein aufregendes Thema und eine neue Sprechweise, wenn man Liebe machte: Make love, not war! Wessen Freundin hatte schon die Pille? („Wissenschaftlich bewiesen: ‚Die Pille enthemmt!‘ Nehmt sie!“ witzelte PARDON) Man konnte über Sexualität anders reden als in Jungenwitzen. Und das in der Schule.

Das müssen wir diskutieren

Wir müssten mal mehr machen, als nur Schulunterricht sagten wir uns, und ein junger Lehrer (den einige beim Vornamen nannten, die ihn gelegentlich privat anriefen und um Rat fragten, weil sie glaubten, ihre Freundin sei schwanger) nahm die Bemerkung auf und lud uns zu sich nach Hause ein. Zu einem Lehrer nach Hause? Als wir die Wohnung ehrfürchtig betraten, entflutschte uns der Satz: „Haben Sie die Bücher alle gelesen?“

Es gab dunkelroten Tee und rabenschwarzen Kaffee aus henkellosen Schalen, der Lehrer trank Whiskey und rauchte eine Roth Händle nach der anderen. Filterlos. Später griff er zur Gitarre und intonierte das Intro von Satisfaction.

Wir fragten ihn alles Erlaubte und Unerlaubte, und er hatte auf alle Fragen eine revolutionäre Antwort. „Die Zukunft liegt bei der SPD, nicht bei den Kommunisten. Das ist die Lehre von 1933. Die Kommunisten spalten nur die Arbeiterschaft.“ Dabei schien uns Trotzki viel schärfer als Herbert Wehner. Was unser Berliner Lehrer alles gelesen hatte! Anders als die anderen Lehrer, die man nichts fragen durfte, was nicht zum Fach gehörte. Allerdings dünnte unser revolutionärer Vor-Trupp langsam aus. Der Lehrer wollte nicht immer Satisfaction spielen, und vielen wurde es auch zu anstrengend: „Habt ihr den Text von der Rosa mal gelesen, den ich euch empfohlen habe?“

Sprücheklopfer

Wir sprachen inzwischen auch anders. Statt „Goethe ist ein bürgerlicher Autor“, sagte man: „Kannste mal ebent erklärn, wat Goethe für Dich zum bürjerlichn Autoan macht?“ Dieses Sprechen war keineswegs auf Berlin beschränkt, sondern wurde in politischen Zirkeln kultiviert. Wat und dat, das Abschleifen den Endsilben, und wenn man etwas von Gregor wollte, setzte man den Artikel vor den Namen – eine Revolte gegen den Duden: „Sagste mal dem Gregor, er soll mal ebent nen Joint dreh‘n!“ Das war die Sprache der Revolution.

Wir sprachen so auch in der neu eingerichteten Pädagogik AG (es gab bisher kein Schulfach Pädagogik), die in der kleinen Schulbücherei tagte, freiwillig und ohne Noten, mit Texten von Majakowski und Montessori und aus dem Fischer Lexikon Pädagogik. Das sei allerdings katholische Pädagogik, sagte unser Lehrer.

Drei Kugeln

Als Rudi Dutschke angeschossen wurde, bemerkte mein Schulfreund, dass es einen heißen Sommer geben werde. Das hätte zumindest der Berliner SDS versprochen. Da müssten wir eigentlich mal hin, nach West-Berlin. Und so besuchten wir dort meine Cousine (deren Mann Kohlenschlepper war, ein Knochenjob) und kauften nicht ganz so preisgünstig irre Klamotten bei Selbach am Ku-Damm. Flower Power. So vertraten wir die Arbeiterklasse.

Die neue Sprache hatten wir auch im Kino gelernt: Zur Sache, Schätzchen hieß der Film, mit einer hinreißend frechen Uschi Glas und Sprüchen, die die Welt bedeuteten: „Wird böse enden!“ Und „nicht Fummeln, Liebling!“ Später hieß es: „Man fasst es nicht!“: Dieser Spruch kam aus einem der vielen Paukerfilme (mit Hansi Kraus als Pepe Nietnagel). Sprüche dieser Art ersetzten bei uns mehr und mehr den Masemattenjargon, den wir alle bisher gesprochen hatten: „Komm lass uns schnell Schore ratzen und dann zum Pani abhaun. Wenn der Lorenz so brüllt, gehe ich nicht mehr in die Penne.“ Das war gestern. Heute war man frustriert, hatte Aggros und kam mit seinem Ego nicht zu Recht. Und Fluppen wurden sozialisiert, wenn man sie Freunden anbot.

Jungfilmer

Donnerstags gingen wir ins Apollo und sahen uns zum 21. Mal den Tanz der Vampire an. Wem ein witziger Kommentar einfiel, der rief ihn laut in die Dunkelheit. Das Kino tobte. So ging antiautoritäres Kino … denn Opas Kino war tot! Ulrich Schamoni hatte mit einigen Ratsschülern als Statisten den Film Alle Jahre wieder gedreht, das war dann schon was anderes. Und der Rats-Musiklehrer Dr. Allerup, persiflierte sich selbst. Großes Kino.

Mein Schulfreund und ich beschlossen, auch einen Film zu drehen. Von 1968 an schrieben wir ein Jahr lang abends in der Cavete das Drehbuch, am Ende wirkten alle Typen aus unserer Clique mit. In der Hauptszene, um die alles herum konstruiert war, trugen vier düstere Herren in Anzug und Zylinder einen Sarg über den Prinzipalmarkt. Da wurde die Vergangenheit begraben, so schien es uns. 1/9/16 hieß der Film, weil er nicht 0-8-15 sein sollte. (Wir filmten die Sargszene um 5 Uhr morgens auf einem menschenleeren Prinzipalmarkt; eine Genehmigung hatten wir bei der Polizei eingeholt, die unsere Dreharbeiten begleitete. Vorsichtshalber.)

Umfunktioniert

1968 fand für uns Jüngere in Taschenbuchkatalogen, Schallplattenläden, auf Feten und im Kleiderschrank statt, und dann erst in der Schule und auf der Straße. Aber es wurde eben auch dort ein Raucherhof eingerichtet, damit wenigstens hier Schüler und Lehrer emanzipiert gleichzogen. Der Unterricht wurde rasch politisiert: Im Fach Religion besprachen wir die Religionskritik von Feuerbach, Marx und Freud. Im Deutschunterricht lasen wir Schillers Räuber (die grad mit Rockern an den Städtischen Bühnen aufgeführt wurden), aber auch Peter Weiss („Die Ermittlung“), Franz-Josef Degenhardt („Zwischentöne sind Krampf im Klassenkamp“) und Peter Handke („Publikumsbeschimpfung“). Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen sahen wir Revolutionstheater, den DDR-Autor Peter Hacks; dort schien der Lange Marsch durch die Institutionen schon angekommen zu sein. Als der Physikunterricht wieder mal vorhersehbar war, beschwerte ich mich darüber, dass alles so langweilig wäre und empfahl dem Lehrer A. S. Neills Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Er kassierte das Buch ein und gab es mir am nächsten Tag zurück: „Manches ist ganz gut.“

Im Englischunterricht besprachen wir bei konservativen Lehrern 1984 und die Animal Farm des Spanienkämpfers George Orwell und Literatur zum alltäglichen Rassismus. Den gebe es allerdings in Deutschland nicht mehr, sagte unser Fachlehrer, doch da brachte ich ihm am nächsten Tag einen Artikel aus der HÖRZU über das „schwarze Tier“ James Brown mit – und da war er dann doch erstaunt. Aber James Brown‘s Song Sex Machine sei auch nicht gerade humanistisches Erbe, sagte er nur.

Lucky Streik

Es gab auch einmal einen Streik, aber es ist bezeichnend, dass ich nicht mehr weiß, worum es ging. Vielleicht ging es um das Recht des Streikens. Es war die ganz große Gelegenheit für die K-Gruppen, also die kommunistischen Studenten- und Schülerorganisationen, die der chinesischen Kulturrevolution unter Mao Tse Tung folgen wollten (einschließlich Arbeitseinsatz in der Produktion für Intellektuelle). Eine Demo sollte es geben, und da unser Schulleiter Mattonet angekündigt hatte, dass die Teilnahme an Streik und Demonstration wie normales unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht geahndet werden würde, hatten die K-Leute endlich ihren Anlass. Wir sollten streiken, weil uns „auf unverschämte Weise“ (so sagte man damals) das proletarische Streikrecht verweigert würde. Der „autoritäre und faschistoide Staat“, das zeige sich jetzt „in aller Schärfe“, „reiße sich damit seine liberale Maske vom Gesicht“. Er offenbare so „seine wahre, hässliche Fratze“ und „setze brutal sein spätkapitalistisches Herrschaftsinteresse durch“. Irgendwie machten wir blau, gingen zur Demo, aber das war langweiliger als jede Unterrichtsstunde.

Was nicht alles geschieht, in der Carnaby -Street

Die meisten von uns blieben 68er, blieben also antiautoritär: Wir feierten Feten, hörten ausgiebig progressive Popmusik, knutschten mit unseren langhaarigen Freundinnen, die auch im Winter Miniröcke trugen, lasen Hermann Hesse im Schlossgarten, standen samstags am Brunnen, sahen Easy Rider und Wenn Kattelbach kommt in der Kurbelkiste, schwoften Sonntags in der Lila Eule bei 85 Dezibel zu Whole Lotta Love und Jingo, spachtelten 2.oo Uhr Nachts Spaghetti im Schwarzen Schaf, zogen einen am Aasee durch oder tranken Altbierbowle und Germania Pils 2000 in der Cavete und im Blauen Haus. Man war sich einig, worüber allerdings, das blieb unklar. Reaktionär waren die Anderen, die Alten, eigentlich alle, die über 20 waren. Das war der Klassenkampf. Man war gegen das, was altmodisch schien, was sehr einfach war, weil es unter den Jüngeren niemanden gab, der altmodisch sein wollte. Oder es zu sagen wagte. Dagegen oder dafür musste man nicht eigens demonstrieren. Und wirklich, es änderte sich auch viel, fast alles, aber so, dass man es gar nicht bemerkte.

Einer meiner Verwandten hatte einen Beat-Keller, und später ging das Gerücht, Ulrike Meinhof sei da mal aufgetaucht. Sie gehörte 68 noch dazu, bevor alles aus dem Ruder lief. Denn eigentlich wollten wir nur im Klammerblues zu „Nights in White Satin“ tanzen.

Das erste Beat-Konzert, das ich 1968 besuchte, bestritten die Bee Gees. Ich hatte mir durch eisernen Konsumverzicht auf Milchbrötchen (15 Pfg.) , Punschballen (10 Pfg.) und Pommes frites (50 Pfg., mit Mayo 60 Pfg.) ) 5 Mark angespart und mir die Single Massachusetts gekauft. Eine Anti-San-Francisco-Single im San-Francisco-Sound, mit der ich in meiner Flower-Power-Clique gut punktete. Wir Blumenkinder trugen jetzt Blümchenhemden, oft mit Rüschen, und Gehröcke, wie Mick Jagger später im Hyde Park. Im November 1968 spielten die Bee Gees mit dem Massachusetts-Orchester in die Halle Münsterland. Wie ich die Eintrittskarte finanzieren konnte, weiß ich nicht mehr, aber mehr als 10 DM wird sie nicht gekostet haben. Als Vorgruppe rockte Wonderland, noch mit Achim Reichel, Moscow und dann ein „Experiment“ (alle stöhnten laut bei der Ansage auf; wir wollten action und befürchteten nun monotone Klänge, womöglich auf einer Sitar.) Der Saal blieb während des Konzerts hell, eine Lichtshow gab es nicht und die Stimmung war eher ruhig. „Wenn die doch härtere Sachen spielten, dann wär was los!“ schrie ich meinem Platznachbarn zu (Bestuhlung!). Ich dachte an die Waldbühne, die von den Rolling Stones zerlegt worden war; das hatte ich in der Wochenschau im Kino gesehen. „Vielleicht wollen die das nicht“, schrie mein Nachbar zurück. Dann kamen die Bee Gees auf die Bühne, das Orchester legte mit dem Refrain von Massachusetts los. Ich konnte mich meinem Rieseln auf dem Rücken gar nicht überlassen, denn ich war etwas verwundert, weil ich dachte, dass man sich das Beste doch immer bis zum Schluss aufbewahrt. Was sollte jetzt denn noch kommen? Aber Orchester und Band spielten nur den Refrain, und dann andere Stücke. Ich kann mich an keines erinnern, nur an die weiße Gitarre von Barry. An gleißendes Licht. An bunte Samtanzüge, die die Bee Gees trugen, Hemden mit übergroßen Krägen. An ein fiedeles Streich-Orchester und viel Plüschiges. Und dann spielten sie noch einmal Massachusetts, diesmal vollständig, und ganz schnell war alles vorbei.

Mehr Demokratie wagen

Unser Deutschlehrer berichtete im Frühjahr 1968 aufgeregt von der tschechischen Revolution. Er hatte den Systemkritiker Ota Šik („Der dritte Weg“) leibhaftig gehört und gesehen, und wir schwärmten aus und besorgten uns seine Schriften (die es im TaBuLa Bader an der Lambertikirche gab.) Kleine Broschüren. Schnell zu lesen. Als die Sowjets in die CSSR einmarschierten (dabei waren auch deutsche Panzer aus der DDR) fing unsere Klasse ganz spontan an „Dubček-Swoboda“ zu skandieren, lauter, immer lauter, bis ein Lehrer aus der Nachbarklasse kam, um zu sehen, was denn da los sei. Er konnte uns nicht beruhigen. Wir waren empört und entgeistert. Realer Sozialismus. So wollten wir das nicht.

Politik in der Schule war unser Alltag: Es hatte mit der Ermordung der beiden Kennedys begonnen. Martin Luther King. Ohne, dass wir dazu aufgefordert worden waren, diskutierten wir mit den Lehrern. Es ging uns an.

Auch Vietnam ging uns unmittelbar an. Herr Köpcke zeigte jeden Abend grausige Bilder in der Tagesschau. Man brauchte uns nicht darüber aufzuklären, dass man auf diese Art die Freiheit nicht verteidigen konnte: Flächenbombardements, entlaubte Wälder, Napalmbomben – mit denen Frauen und Kinder zu lebenden Fackeln entzündet worden waren. Oder Nguyễn Ngọc Loan, ein südvietnamesischer General, der 1968 den vietnamesischen Vietcong-Angehörigen Nguyễn Văn Lém vor laufender Kamera erschoss..... Nie wieder Krieg, das hatten wir mit Wolfgang Borcherts Kurzgeschichten eingesogen, „Sagt Nein!“, und für uns war klar, dass niemand zur Bundeswehr gehen würde, um diesen grausigen Fernseh-Krieg auch nur indirekt zu unterstützen. Wir waren keine Pazifisten, sondern antiautoritäre Kriegsdienstverweigerer: Wir alle wollten diesen Kalten Krieg nicht, diese offensichtliche Propaganda gegen die UdSSR oder auch gegen die DDR. Konnte denn da alles schlecht ein?

Manche gingen später dann doch zum Bund, das war einfacher als die Verweigerung. Und manche sagten, sie gingen zum Bund, um dort kämpfen zu lernen, für die Revolution.

Freundschaft

Hinreisen mochten wir zwar nicht, nach drüben, aber die Kritik der BILD-Zeitung (sie schrieb immer noch „DDR“, statt DDR) war so aufdringlich, dass sie nicht stimmen konnte. Einige Klassenfahrten hatten zwar Berlin oder Prag als Ziel, aber die Mitschüler kamen weniger mit Erfahrungen als vielmehr mit dicken Bücherpaketen wieder. Einige hatten ihre dort so begehrten Jeans verkauft, um Geld und im Koffer Platz zu haben für eine vollständige Meyer-Enzyklopädie (die berühmte 5. Aufl. von 1893-1901 in 21 Bänden für 50 Mark, schwarz getauscht).

Wir waren gegen das Militärische an sich, gleichwie es sich verkleidete. Catch 22. M.A.S.H. den Fixing-to-die-Rag auf dem Woodstocktripplealbum. „Soldaten sehn sich alle gleich, lebendig und als Leich“, hatte Wolf Biermann in seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 gesungen. Das Westfernsehen hatte es ausgestrahlt, denn im Ostfernsehen durfte man es nicht sehen. Die waren wohl nicht so anti-autoritär.

Auch das Private ist politisch

In den Sommerferien fuhr ich mit der Familie zum Urlaub auf dem Bauernhof nach Österreich. Die Bauersfamilie bedauerte, dass Österreich nicht „beim Reich“ geblieben war. Damit wir auch bei Schnürl-Regen wandern konnten, schenkte ich meinem Onkel, was wir in der Schule auch trugen: Eine GI-Arbeitskappe. Mein Onkel trug sie aber nicht. Er war mehrere Jahre in amerikanischer Gefangenschaft gewesen.

Zwei Jahre später beschloss ich, in den Sommerferien in einer Fabrik zu arbeiten. Sieben Uhr ging‘s los mit der Fließbandarbeit, 15 Minuten Zeit für Frühstück und Toilette. 30 Minuten Mittagspause. Nach 8 ¾ Stunden war ich völlig erschöpft. Vor dem Fabriktor verteilte die DKP Flugblätter. Ich sah einige Mitschüler, die von den maoistischen K-Gruppen kamen, und auch Flugblätter in den Händen hielten (und sich verzogen, als sie mich sahen). „Spinner sin‘ dat. Pennäler un‘ Studentenpack. Die habn nix zu tun. Da kommen die Knallköppe nur auf dumme Gedanken, woll?“, sagte mein Vorarbeiter. Ich war von der monotonen Arbeit so erschlagen, dass ich die Flugblätter nur noch überfliegen konnte. Mich überraschte, dass ich lieber in die BILD-Zeitung (10 Pfennig damals) meines Kollegen schielte. Am Ende sagte der Vorabeiter, ein liebenswürdiger älterer Mann, hager und mit schütterem, rotblondem Haar: „Du musst getz tüchtig lernen, damit du hier nicht enden tus‘.“

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