Interview mit Zoo-Chef Wilms
„Wölfe sind eine Bereicherung“

Münster -

Die Wölfe kehren zurück – und mit ihnen bei vielen Menschen die Angst. Das ist nicht nötig, betont der Chef des Allwetterzoos, Dr. Thomas Wilms. Für ihn sind Wölfe eine Bereicherung für die Natur.

Freitag, 03.08.2018, 20:08 Uhr

Dr. Thomas Wilms, Direktor des Allwetterzoos, vor dem Wolfsgehege. Vier amerikanische Timberwölfe leben hier. Sie sind deutlich größer als die Wölfe, die es in Deutschland gibt.
Dr. Thomas Wilms, Direktor des Allwetterzoos, vor dem Wolfsgehege. Vier amerikanische Timberwölfe leben hier. Sie sind deutlich größer als die Wölfe, die es in Deutschland gibt. Foto: kal

Im Westfälischen Pferdemuseum im Allwetterzoo wird bis Ende September die Ausstellung „Die Rückkehr des Wolfes nach NRW“ gezeigt. Ziel der Ausstellung ist es, die „emotional aufgeladene Wolfsdebatte auf der Basis von Fakten zu versachlichen“. Ob und wie das möglich ist, darüber sprach der Direktor des Allwetterzoos, Dr. Thomas Wilms , mit unserem Redakteur Martin Kalitschke.

Herr Wilms, haben Sie Angst vor dem Wolf?

Dr. Thomas Wilms: Ganz im Gegenteil. Wenn er zurückkehrt, dann ist das eher eine Bereicherung.

Warum?

Wilms: Für mich als Biologe hat jede Art ihre Wertigkeit und steht damit nicht zur Disposition.

In Deutschland ist er wieder auf dem Vormarsch.

Wilms: In NRW wurden bislang nur Einzeltiere gesichtet. Bundesweit leben derzeit etwa 60 Rudel mit bis zu zehn Tieren.

Nicht jeder ist bei dem Thema so entspannt wie Sie.

Wilms: Richtig. So gibt es kritische Stimmen aus der Jägerschaft. Doch ich habe da ein paar Zahlen: Ein Rudel besteht aus zehn Tieren, die zusammen pro Tag 30 bis 40 Kilogramm Fleisch benötigen. Das entspricht 24 000 Rehen pro Jahr. Wenn man in die Jagdstatistik des Jahres 2013/2014 schaut, dann sieht man, dass 1,1 Millionen Rehe erlegt wurden. Bei dieser Relation sehe ich die Konkurrenz zwischen Jägern und Wölfen nicht so richtig. Wenn wir den Wolf haben wollen, dann müssen wir akzeptieren, dass er einen gewissen Teil der Jagdstrecke bekommt.

Was sagen Sie Landwirten, die Angst um ihre Schafe oder Ziegen haben?

Wilms: Auch dazu gibt es Zahlen. Zwischen 2007 und 2016 war nur bei 47 Prozent der als Wolfsrisse gemeldeten toten Nutztiere die Beteiligung eines Wolfes nicht auszuschließen – in den anderen Fällen hatten zum ­Beispiel Hunde oder Füchse die Nutztiere gerissen. Es gibt eine weitere Studie, bei der rund 2000 Kotproben von Wölfen untersucht wurden. Ergebnis: Bei 52 Prozent der Proben wurden Rehe nachgewiesen – aber nur bei 0,8 Prozent Nutztiere. Dies zeigt, dass sie nur eine kleine Rolle spielen. Nebenbei: Wenn ein Wolfsriss nachgewiesen wird, dann erhalten die Besitzer der Nutztiere eine staatliche Entschädigung.

Gutachten zum Wolf in Westfalen vorgestellt

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  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Clemens Freiherr von Oer (Vorsitzender des Verbandes der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe) bei der Vorstellung des Wolf-Gutachtens am 8. August 2017 on der WLV-Geschäftsstelle in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Im Allwetterzoo friedliche Besuchermagneten: Timberwölfe.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Dr. Matthias Quas (WLV-Vertreter im Landesjagdbeirat NRW), Laura Jacobs (WLV-Pressestelle), Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel (Diplom-Biologe, Professor für Zoologie an der FU Berlin), Johannes Röring (Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands), Clemens Freiherr von Oer (Vorsitzender des Verbandes der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe) und Jürgen Reh (Rechtsanwalt und Geschäftsführer des Verbandes der Jagdg...) bei der Vorstellung des Wolf-Gutachtens am 8. August 2017 on der WLV-Geschäftsstelle in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel (Diplom-Biologe, Professor für Zoologie an der FU Berlin), Johannes Röring (Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands), Clemens Freiherr von Oer (Vorsitzender des Verbandes der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe) bei der Vorstellung des Wolf-Gutachtens am 8. August 2017 on der WLV-Geschäftsstelle in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Johannes Röring (Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands) bei der Vorstellung des Wolf-Gutachtens am 8. August 2017 on der WLV-Geschäftsstelle in Münster.

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  • Clemens Freiherr von Oer (Vorsitzender des Verbandes der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe) bei der Vorstellung des Wolf-Gutachtens am 8. August 2017 on der WLV-Geschäftsstelle in Münster.

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  • Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel (Diplom-Biologe, Professor für Zoologie an der FU Berlin) bei der Vorstellung des Wolf-Gutachtens am 8. August 2017 on der WLV-Geschäftsstelle in Münster.

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  • Im Allwetterzoo friedliche Besuchermagneten: Timberwölfe.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Im Allwetterzoo friedliche Besuchermagneten: Timberwölfe.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Im Allwetterzoo friedliche Besuchermagneten: Timberwölfe.

    Foto: Gunnar A. Pier

Dennoch ist die Verunsicherung bei vielen Menschen groß. So gibt es immer wieder Stimmen, die die Bejagung von Wölfen fordern.

Wilms: Ich glaube, das liegt daran, dass es die Deutschen nicht mehr gewohnt sind, mit Beutegreifern in ihrer Umgebung zu leben – der Wolf galt immerhin seit etwa 1904 in Deutschland als ausgerottet. Für mich ist das eine moralische Frage: Welches Recht haben wir, von den Menschen in Afrika und Asien zu fordern, dass sie mit Tigern, Löwen oder Elefanten koexistieren sollen, wenn wir nicht in der Lage sind, die Anwesenheit des Wolfes zu akzeptieren? Er ist – Gott sei Dank! – da, und er gehört hierhin. Nur wenn wir bereit sind, das auszuhalten, dann haben wir auch das Recht, den Schutz von Tieren anderswo in der Welt zu fordern.

Wie soll man konkret mit den Wölfen umgehen?

Wilms: Jedes Bundesland hat einen Wolfsmanagementplan, der das genau ­regelt. Es gibt ein Netz von Wolfsberatern, die zum ­Beispiel bei Konflikten tätig werden. Wenn ein Wolf tatsächlich mal zu einem Pro­blemfall wird – zum Beispiel, wenn er die Scheu vor den Menschen verloren oder Nutztiere getötet hat –, dann kann er auf dieser Basis identifiziert werden und nach der Entscheidung eines Gremiums aus der Popu­lation genommen werden. Ein Jäger bekommt dann den Auftrag, genau diesen einen Wolf zu schießen.

Stellen Wölfe eigentlich auch für Menschen eine Gefahr dar?

Wilms: Seit den 1950er-Jahren hat es in ganz Europa insgesamt neun Tote durch Wolfsangriffe gegeben. In Deutschland ist seit der Rückkehr des Wolfes kein einziger Fall eines Angriffs dokumentiert. Viel gefähr­licher sind in diesem Zusammenhang nicht ordnungs­gemäß geführte Hunde. So gab es zwischen 1998 und 2007 in Deutschland 39 Tote durch Haushunde. Ich habe daher mehr Angst, durch einen dunklen Wald zu laufen, wenn mir statt eines Wolfes ein Hund, den ich nicht kenne und der nicht angeleint ist, entgegenkommt.

Also ist all dies ­Panik­mache?

Wilms: Ich bin sicherlich nicht so blauäugig, dass ich sage: „Alles ist super, es gibt keine Probleme.“ Nur: Wir müssen uns dem Wolf stellen, dazu haben wir eine moralische Verpflichtung. Das heißt: Wir müssen anerkennen, dass er ein Lebensrecht hat, und dafür die Rahmenbedingungen schaffen.

Wenn man im Ausland ist, gehen die Menschen oft deutlich entspannter mit Wölfen um. Sind die Deutschen eine Spur hysterischer?

Wilms: Das mag daran liegen, dass der Wolf hier so lange weg war und dass sich die Menschen mit ihm daher schwertun. Ich sehe in Deutschland aber noch ein anderes Problem: Das ist die weitgehende Entfremdung von der Natur. Es ist erschütternd zu sehen, wie gering die biologische Kenntnis nur noch ist. Je weiter Tiere von den Menschen weg sind, desto größer ist die Angst vor ihnen. Hinzu kommen natürlich auch Stereotype. Und auch die Grimm‘schen Märchen – Geschichten wie „Rotkäppchen und der böse Wolf“ – wirken da bis heute nach.

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