Interview
"Na Alder, was geht?": Germanist Nils Bahlo über Trends in der Jugendsprache

Münster -

„Alder, was geht?“ „Chille gerade.“ „Bock, was zu starten?“ „Nee, bin total kaputt, isch schwör.“ Dialoge wie dieser sind auch in Münster ganz normaler Alltag – wären aber so vor zehn Jahren kaum abgelaufen. Wie entsteht Jugendsprache und was ist das neueste heiße Ding? Darüber sprach unser Redakteur Martin Kalitschke mit Dr. Nils Bahlo vom Germanistischen Institut der Universität Münster. Sein Spezialgebiet ist die Jugendsprache.

Dienstag, 11.09.2018, 09:22 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 11.09.2018, 07:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 11.09.2018, 09:22 Uhr
„Alder“, „chillen“, „was geht“: Für Erwachsene ist die Jugendsprache nicht selten ein Buch mit sieben Siegeln.
„Alder“, „chillen“, „was geht“: Für Erwachsene ist die Jugendsprache nicht selten ein Buch mit sieben Siegeln. Foto: colourbox.de

„Na, Alder, was geht?“ Dürfte ich Sie so begrüßen?

Bahlo: Dürften Sie, aber Sie würden sich lächerlich machen. Leute, die über 35 sind, sind ja nicht mal mehr für die Jugendorganisationen der Parteien interessant. Jugendsprache wird dort gesprochen, wo es authentisch ist – wenn Jugendliche unter sich sind. Es wäre unauthentisch, sich so anzubiedern.

Vor jeder roten Straßenampel hört man mindestens einmal das Wort „Alder“. Wo kommt das her?

Bahlo: Das gibt es schon sehr lange. Bereits im 18. Jahrhundert findet man es in Wörterbüchern der Studentensprache. Das war damals eine saloppe Anrede, so wie heute „Yo Bastard, was geht“. Wenn beleidigende Floskeln als Intimitätsbekundung benutzt werden, dann verlieren sie ihren beleidigenden Charakter. „Alder“ gibt es ja inzwischen auch als emotionalen Ausruf – „Alder“ kann so viel wie „großartig“ oder „geil“ heißen.

„Geil“ war früher deutlich provozierender, oder?

Bahlo: Es stammt aus dem biologischen Bereich, war seit den 1960er Jahren sexuell konnotiert, doch das ging verloren. Heute ist es Bestandteil der Umgangssprache, ein Wort, das sogar meine Oma sagen würde.

Wie kommt es eigentlich, dass plötzlich Wörter wie „Alder“ überall bei jungen Leuten auftauchen?

Bahlo: Die Medien spielen eine große Rolle bei der Verbreitung. Vor ein paar Jahren setzte zum Beispiel „TV total“ mit Stefan Raab solche Trends, weil dort immer die coolen Gäste waren. Und wenn etwas cool ist, dann machen das viele nach. Will man sich mit einer Gruppe identifizieren, dann passt man sich an – und übernimmt auch ihre Sprache.

„TV total“ gibt es nicht mehr – das läuft heute sicherlich über das Netz, richtig?

Bahlo: Genau. Heute setzen vor allem die Youtube-Channels Trends. Jede Schulklasse kennt „Bibi‘s Beauty Palace“ oder „Dagi Bee“. Die Videos, in denen sie Schminktipps oder Lebensratschläge geben, werden millionenfach angeklickt. Leute wie Bibi oder Dagi sind Trendsetter – auch in der Jugendsprache. Die großen Influencer sitzen heute in den Youtube-Channels.

„Chillen“, „nice“, „fail“ – aktuell sind auch viele Wörter aus dem englischen Sprachraum unterwegs.

Bahlo: Ja, „nice“ (nett) hat eine ganz steile Karriere hinter sich. Der österreichische Rapper „Money Boy“ hat das aufs Korn genommen – und das vermeintlich deutsche Substantiv „Niceigkeit“ entwickelt. Das ist übrigens auffällig: Wenn Wörter aus einem anderen – zum Beispiel dem englischen – Sprachraum stammen, dann werden sie in der Regel schnell in die deutsche Sprache integriert. So ist aus „to chill“ chillen geworden. Niemals verändern solche Wörter unsere Grammatik, im Gegenteil, die deutsche Grammatik ist sehr stark. Aber natürlich wird dadurch unser Wortschatz größer. Mit drei Millionen Wörtern haben wir einen sehr großen Wortschatz.

In Deutschland leben viele Türken, Flüchtlinge aus dem arabischen Raum sind eingewandert. Gibt es auch Jugendsprache mit Migrationshintergrund?

Bahlo: Ja, die gibt es. Der Song eines Rappers heißt „Chabos wissen, wer der Babo ist“. Das hat später sogar ein bayerischer Landtagsabgeordneter zitiert. Das heißt so viel wie: „Die Jungs wissen, wer der Chef ist“. Ein anderes Beispiel ist „çüş“. Es kommt aus dem Türkischen, heißt „Brrr“ und ist das Anhaltekommando für einen Esel. Vor allem in der Jugendsprache der Großstädte sagt man „çüş“, wenn irgendetwas toll oder super ist. Noch ein Beispiel: „Wallah“ ist im Arabischen ein Schwur auf Gott. Doch diese Bedeutung hat es mit Eingang in die Jugendsprache verloren. Da verwendet man es nun international wie „isch schwör“ oder „krass“.

Warum bedienen sich Jugendliche gerade auch in der türkischen oder arabischen Sprache?

Bahlo: Solche Wörter haben für viele Jugendliche einen Straßencharakter und strahlen eine gewisse Härte aus, die sie dann auch für sich beanspruchen.

Gibt es ein Wort, das Sie seit Ihrer Jugend benutzen?

Bahlo: Ich verwende häufig „Göppel“, ein Modewort aus der Zeit um 1993, das bezeichnete damals Outsider, die nicht zur Gruppe gehören. Heute würde man vielleicht „Vollpfosten“ sagen, das es ja längst in die Umgangssprache geschafft hat.

Haben Sie aktuell ein Lieblings-Jugendsprachewort?

Bahlo: Mega. Weil es so universell einsetzbar ist.

Womit fremdeln Sie eher?

Bahlo: Es gibt so einen Schnalzlaut, der gerade Karriere macht. Dazu macht man eine lässige Handbewegung. Das soll so viel wie „Leck mich am Arsch“ heißen. Bei mir stellen sich da die Haare hoch. Aber das ist eine Ausnahme. Als Sprachwissenschaftler soll ich schließlich nicht bewerten, sondern beschreiben.

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