Thomas Nufers „West-Östlicher Diwan“ auf dem Domplatz
Um der Freiheit willen

Münster -

Derzeit stürmen Intoleranz und Misstrauen durch die Gesellschaft. Künstler Thomas Nufer will dem mit einer neuen Idee etwas entgegensetzen.

Samstag, 15.09.2018, 11:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 15.09.2018, 11:00 Uhr
Thomas Nufer lädt zum deutsch-arabisch-persischen Kulturaustausch auf den mit Teppichen ausgelegten Domplatz ein.
Thomas Nufer lädt zum deutsch-arabisch-persischen Kulturaustausch auf den mit Teppichen ausgelegten Domplatz ein. Foto: Nufer

2007 legte der Wirbelsturm „Kyrill“ Bäume der Promenade flach. Um den Wert der Natur für die Stadt mittels Kultur ins Bewusstsein zu rufen, erfand Thomas Nufer die „Grünflächenunterhaltung“ – bis heute alljährlich ein identitätsstiftendes Kulturereignis.

Derzeit stürmen Intoleranz und Misstrauen aggressiv durch die Gesellschaft. Der münsterische Künstler hat sich daher einen neuen Raum mit einer neuen Idee ausgesucht: Auf dem mit Teppichen ausgelegten Domplatz sollen sich am Samstag (20 bis 24 Uhr) und Sonntag (16 bis 20 Uhr) unter den Augen der Dichter Goethe und Hafis Menschen beim „West-Östlichen Diwan“ darüber austauschen, wie sich am schönsten mit Andersartigkeit leben lässt. Gerhard H. Kock sprach mit Nufer über sein Projekt.

Warum machen Sie diese Aktion?

Thomas Nufer: Es geht um Verstehen und Verständnis. Das ist heute wichtiger denn je. „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.” Diese fast 200 Jahre alten Worte Goethes aus seinem Gedichtband „West-östlicher Divan“ könnten aus der Gegenwart stammen. Vor Jahrzehnten fern erscheinende Regionen sind uns heute hautnah, und Geschehnisse und Entwicklungen in einem anderen Teil der Welt haben – wie wir es aktuell erneut erleben – eine rasante Auswirkung auf unsere Gesellschaft.

Umso wichtiger daher, sich selbst und andere zu kennen. Dabei hilft es, wenn man Verständnis für andere Kulturen entwickelt, wenn man Hintergründe kennt und Traditionen und Bräuche versteht, die Rückschlüsse auf menschliches Verhalten (und damit auch auf die Politik) erlauben. Das geht nur, wenn man auf Menschen einer anderen Kultur zugeht, sich einlässt.

Nicht beladen mit Vorurteilen, sondern mit Neugier. Schon ein wenig mehr Interesse schafft Vertrauen, was ein Miteinander vereinfacht. Verschiedenheit zu akzeptieren, bedeutet, das Fremde nicht länger als Gefährdung der eigenen Identität zu verstehen. Je mehr man sich abgrenzt, desto mehr nimmt man sich selbst auch die eigene innere Freiheit.

Wieso sind gerade Goethe und Hafis die Leitfiguren?

Nufer: Die Anziehungskraft des großen persischen Dichters Hafis gerade auf die deutsche Kultur ist in beiden Ländern bekannt, vor allem aufgrund von Goethes „West-östlicher Divan“, einer von Hafis inspirierten Gedichtsammlung. Goethes Hauptaugenmerk liegt dort auf dem kulturellen Austausch und der Toleranz.

Was erhoffen Sie sich von dem Kulturaustausch?

Nufer: Wer gemeinsam erlebt, beginnt anders zu bewerten und zu fühlen. Das gemeinsame Eintauchen in beide Welten, das Teilen von Freude und Stolz über die eigene Kultur und die des Gegenüber erzeugen ein Gefühl von Gleichrangigkeit und Würde. Mich fasziniert besonders die Vermischung von Traditionen bei der „Diwan”-Veranstaltung.

Dort wandert ein arabischer Kiepenkerl über den Domplatz und schenkt den Umstehenden einen Klaren ein und das Ochtruper Leineweberhaus tanzt nach kurdischer Musik. Ein syrischer Fremdenführer zeigt, wo ihn Münster am meisten an Damaskus erinnert und eine Henna-Malerin aus Kabul bringt die Käfige von St. Lamberti auf die Haut. Absicht ist, nach dem Gemeinsamen, dem Verbindenden zu fragen, auch wenn es zu Beginn nur wie ein Spiel erscheint.

Ist eine Wiederholung wie bei der Grünflächenunterhaltung denkbar?

Nufer: Das stände Münster sicherlich nicht schlecht zu Gesicht, quasi als ein Vermächtnis des Friedensjahres. Der „West-Östliche Diwan” als unterhaltsames und faszinierendes Übungsfeld versöhnter Verschiedenheit – da existieren tatsächlich Parallelen zur Grünflächenunterhaltung. Danke für den Tipp. Ich stehe bereit!

Wie ist es um Toleranz in Münster bestellt? Herrscht hier nicht eitel Sonnenschein?

Nufer: Im Großen und Ganzen kann man das so sehen. Bis auf Konflikte, die im Zusammenleben immer auftauchen – auch zwischen Deutschen und Deutschen. Dass der „Diwan” in dieser Größenordnung mitten auf dem Domplatz stattfinden kann – unterstützt vom Rat der Stadt und der Sparkassenstiftung – zeigt doch, wie kosmopolitisch die meisten Menschen in dieser Stadt denken.

Vor drei Jahrzehnten wäre das noch unvorstellbar gewesen. In der Zwischenzeit ist Münster in vielen Punkten beispielgebend in der Flüchtlingsarbeit. Das Modell der dezentralen Unterbringung hat sich als sehr klug erwiesen, darauf kann die Stadt stolz sein. Auch auf die mehr als 90 Migrantenorganisationen.

Wie sollte ein west-östlicher Austausch im Alltag aussehen?

Nufer: Das Geheimnis liegt vielleicht darin, herauszufinden, wie es sich mit der Andersartigkeit des Nachbarn am schönsten und angenehmsten leben lässt. Sich gegenseitig zu inspirieren und aufgeschlossen zu sein im freundschaftlichen Wettbewerb, mit den Unterschieden zu spielen, um Neues entstehen zu lassen, das hat jede Gesellschaft vorangebracht. Begriffe wie „Heimat“ und „Identität“ sind nichts Gegebenes, sondern etwas, was stets neu begründet und eingerichtet werden muss.  

| diwan.thomasnufer.com

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