Mehrere Hundert Fälle sexueller Gewalt
Bistum Münster legt am Nachmittag Zahlen vor

Münster -

Die Katholische Kirche nicht nur in Deutschland steht an einem tiefen Krise- und Wendepunkt: Die Deutsche Bischofskonferenz legt heute die Ergebnisse zu einer in Teilen bereits durchgesickerten Studie über „Sexuelle Gewalt“ vor. Auch im Bistum Münster werden neue Zahlen bekanntgegeben, die sicher zu heftigen Debatten über die Zukunft der Kirche führen werden.

Dienstag, 25.09.2018, 13:04 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 25.09.2018, 12:44 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 25.09.2018, 13:04 Uhr
Generalvikar Dr. Norbert Köster legt am Nachmittag die auf das Bistum Münster bezogenen Erkenntnisse und Zahlen zum Thema „Sexuelle Gewalt in der Kirche“ vor. Bischof Felix Genn ist zur gleichen Zeit bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda.
Generalvikar Dr. Norbert Köster legt am Nachmittag die auf das Bistum Münster bezogenen Erkenntnisse und Zahlen zum Thema „Sexuelle Gewalt in der Kirche“ vor. Bischof Felix Genn ist zur gleichen Zeit bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda. Foto: Gunnar A. Pier

Generalvikar Dr. Norbert Köster wird am heutigen Dienstag um 15 Uhr vor der Presse in Münster die bislang im Bistum Münster bekannt gewordenen Zahlen zum Thema „Sexuelle Gewalt“ vorlegen. Zuvor, um 13.15 Uhr, stellt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, die bereits vorab durchgesickerten Ergebnisse der von den Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie zu diesem Thema in Fulda vor.

Nach Informationen unserer Zeitung soll es seit der Nachkriegszeit, also in einem Zeitraum von über 70 Jahren, mehrere Hundert Fälle und Betroffene auf Bistumsebene geben. Die Zahl der Beschuldigten liegt deutlich darunter.

Belastbare Zahlen wurden zuletzt vor zwei Jahren veröffentlicht. Damals wurde bekannt, dass von 2011 bis 2016 mehr als 6,4 Millionen Euro von Seiten der deutschen Kirche an Opfer sexuellen Missbrauchs gezahlt wurden. Im Bistum Münster wurden danach 122 Anträge von Opfern sexueller Gewalt anerkannt. An diese floss eine Summe von rund 862.000 Euro.

Erste Zahlen aus Münster 2010 offengelegt

Nach der 2010 vom deutschen Jesuiten und Schul­direktor Klaus Mertes in Berlin ausgelösten Debatte und Untersuchung zum Missbrauch in der Katholischen Kirche wurden 2010 im Bistum Münster erste Zahlen offengelegt. Zwischen 1948 und 2009 gab es im Bistum Münster nach den damaligen Erkenntnissen der Kommission unter dem langjährigen Regens und späteren Pfarrdechanten von Dülmen, Hans Döink, etwa 60 Priester von insgesamt 4000 Klerikern, die in Fälle sexueller Gewalt verstrickt waren. Das waren rund 1,5 Prozent des Gesamtklerus. Die meisten Fälle lagen schon länger zurück. Aus der Zeit von 2002 bis 2010 lagen der Kommission damals zehn Meldungen vor. Die Zahlen dürften sich nun durch die genaueren Untersuchungen noch einmal signifikant erhöhen.

Offenbar sind auch im Bistum Münster die meisten Opfer Männer. „Wir nehmen das Thema sehr ernst“, heißt es aus Bistumskreisen. Mit Hilfe einer Kölner Beratungsgruppe wurden sämtliche Personalakten von Klerikern der jüngeren Vergangenheit untersucht. Auch wurde das Geheimarchiv des Bischöflichen Generalvikariats seit dem Jahr 1946 geöffnet. Entstanden ist eine mehrere Hundert Seiten dicke Studie, deren Ergebnisse Generalvikar Dr. Norbert Kösters am Nachmittag vorstellt. Die Studie geht allerdings nicht ins Detail. Enthalten sind aber die Anzahl der Fälle und die kirchenspezifischen Ursachen des Missbrauchs.

Verändertes Verständnis von Sexualität gefordert

Aktuell gibt es im Bistum Münster mehrere Fälle, bei denen Geistliche des sexuellen Missbrauchs oder auch unangemessenen Verhaltens beschuldigt werden. So läuft unter anderem in Horstmar ein kirchenrechtlichen Verfahren gegen einen afrikanischen Geistlichen wegen angeblich unsittlicher Berührungen.

Mit Blick auf die Missbrauchsstudie fordert das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) strukturelle Reformen in der Kirche sowie ein verändertes Verständnis von Sexualität. „Nicht erst nach dieser Studie sind wir davon überzeugt, dass die Kirche ihr Verständnis von Sexualität, insbesondere auch von Homosexualität, überdenken muss“, erklärte Präsident Thomas Sternberg aus Münster vor Veröffentlichung der Studie.

Unabhängige Kommission gefordert

Er kritisierte zudem ein überholtes Amts- und Kirchenverständnis, das Missbrauch begünstigt habe. Deshalb müssten „klerikale Führungs- und Leitungsstrukturen“ aufgebrochen und synodale Elemente gestärkt werden. Die „männlich strukturierte Aus- und Fortbildung des Klerus“ und die gesamte Leitungs- und Ämterstruktur der Kirche müssten weiblicher werden.

Konkret forderte der ZdK-Präsident die Schaffung einer kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit auf der Ebene der Bischofskonferenz. Zudem solle eine unabhängige Kommission eingerichtet werden, die die Fortschritte im Kampf gegen Missbrauch in den Diözesen regelmäßig prüft und Bericht gibt. Bischof Felix Genn hatte sich vor wenigen Tagen deutlich für eine Abkehr vom Klerikalismus ausgesprochen. Dies werde dazu führen, dass Priester und Bischöfe „an vielen Stellen Macht und Einfluss abgeben“ und ein neues Verhältnis von Laien und Priestern, Haupt- und Ehrenamtlichen, Männern und Frauen in der Kirche entstehen müsse.

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