Gespaltene Gesellschaften
Historikertag diskutiert in Münster ein brandaktuelles Thema

Münster -

Geschichte kennen. Gegenwart begreifen. Bis einschließlich Freitag diskutieren 3500 Geschichtswissenschaftler das breite Feld gespaltener Gesellschaften beim 52. Historikertag in Münster. Aktueller und näher an der Wirklichkeit kann eine Konferenz kaum sein.

Dienstag, 25.09.2018, 21:42 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 25.09.2018, 21:24 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 25.09.2018, 21:42 Uhr
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble war einer der Festredner bei der Eröffnung des Historikertages in Münster
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble war einer der Festredner bei der Eröffnung des Historikertages in Münster Foto: Oliver Werner

Die Uni Münster hat an diesem Tag ihren größten Hörsaal zur Verfügung gestellt. Und der ist ziemlich gut gefüllt. Falls man die Relevanz einer Veranstaltung am Renommee ihrer Redner festmachen kann, ist der Historikertag weit oben anzusiedeln. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ist gekommen, ebenso seine niederländische Amtskollegin Khadija Arib, die Vorsitzende der Zweiten Kammer des niederländischen Parlaments. Die Niederlande sind in diesem Jahr Gastland des Historikertages. Gekommen ist auch Armin Laschet, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident.

Europaweit wichtigste Zusammenkunft

Sie alle werden an diesem Abend mal offensiver, mal eher am Rande zwei Punkte ansprechen: Zum einen das, was Gesellschaften trennte und immer noch trennt – seien es ethnische Vorbehalte oder religiöse Motive. Zum anderen die Rolle der Historiker in der Beurteilung all dessen. Schließlich galt es doch, die europaweit wichtigste Zusammenkunft von Geschichtswissenschaftlern zu eröffnen.

„Historisches Bewusstsein vermittelt einen Standpunkt – und erhellt unsere Gegenwart“, sagt beispielsweise Schäuble in seiner Festrede. „Historische Kenntnis schult nicht zuletzt unsere Kritikfähigkeit, Toleranz und Dialogbereitschaft“, meint in der Begrüßung Eva Schlotheuber, die Vorsitzende des Verban des der Historiker und Historikerinnen Deutschlands.

Die Bedeutung des Westfälischen Friedens

Während Laschet später dafür wirbt, aus dem Wissen um die Geschichte Unterschiede zu überwinden, betont Arib die Bedeutung des Westfälischen Friedens von 1648 für die Niederlande – schließlich war ihr Land danach unabhängig – und wirbt überdies für eine Demokratie, die Vielfalt zulässt. Spaltung als Vielfalt gesehen – und damit positiv gewertet.

Nun waren Gesellschaften noch nie homogen, sondern immer schon differenziert. Mit Bruchkante, die entlang ökonomischer, sozialer, ethnischer und vor allem religiös-konfessioneller Grenzen liefen. Auch wenn die Gräben früher vielleicht tiefer, breiter und schwerer zu überwinden waren als heute. Warum dann so viel Federlesen um ein Allerweltsphänomen?

Unübersichtlicher und konfliktreicher

Vielleicht, weil die Gesellschaft der Gegenwart lange Zeit glaubte, das Trennende der Vergangenheit überwunden zu haben glaubte. Und nun überrascht und sprachlos feststellt, dass das gar nicht stimmt. „Wir spüren, dass unsere Gesellschaft un­ter den Bedingungen von Globalisierung und Digitalisierung heterogener, unübersichtlicher und konfliktreicher“ geworden ist, sagt Schäuble.

Einigkeit herzustellen ist mühsamer geworden

Ein Problem? Vielleicht. Zumindest ist es mühsamer geworden, Einigkeit herzustellen, sagt der Bundestagspräsident. Und befindet sich damit im Gleichklang mit seiner niederländischen Kollegin. Auch wenn die Parteienlandschaft immer bunter werde, „sei es die Aufgabe von Politik, dafür zu sorgen, dass Demokratie funktioniert“, sagt Arib.

Wie das in aller Differenziertheit funktionieren kann und welche Lehre hier die Geschichte bietet, werden die Historiker bis einschließlich Freitag in Hunderten Foren und Vortragsreihen diskutieren. „Im Dialog mit einer anderen Zeit“, sagte zu Beginn Schlotheuber.

Kommentar: Blick zurück und nach vorn

Wie umgehen mit fremden Religionen? Wie mit Flüchtlingen? Wie schafft man Frieden nach Jahrzehnten des Gemetzels? Das Problem ist heute in Afghanistan so aktuell wie es 1648 nach dem Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa war. Bei der Beschäftigung mit Geschichte geht es nie allein um das Gestern, sondern immer auch um das Heute – darum, wo wir uns einordnen –, und damit geht es auch um das Morgen. Eben deshalb fordern Populisten wie Björn Höcke so gern die „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“: Wer den Blick einer Gesellschaft auf ihre Geschichte verändert, der verändert ihre Haltung zu Gegenwart und Zukunft.

Schon daher sind Historiker berufen, sich zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu äußern. Derzeit sind sie es umso mehr, als sie das richtige Handwerkszeug haben, um mit einem immer drängenderen Problem umzugehen: Glaubwürdige von zweifelhaften Quellen zu unterscheiden, also „fake news“ zu entlarven, ist die tägliche Arbeit des Historikers, wie Eva Schlotheuber, Vorsitzende des Fachverbandes VHD, in ihrer Rede herausgestellt hat.

Doch das Ziel darf nicht sein, nur plump Parallelen zu suchen. So gespalten uns – zum Beispiel – die Gesellschaft aktuell vorkommen mag, die Repu­blik ist weit entfernt von Weimarer Verhältnissen. Es mangelt nicht an Demokraten, die Masse der Bürger steht hinter dem demokratischen Staat. Nur eine Minderheit stellt ihn infrage. Eine starke Verfassung, fest in der Demokratie verwurzelte Juristen, eine Armee von Staatsbürgern in Uniform statt rückwärtsgewandter Militaristen – das alles trennt die Berliner Republik von Weimar. Dennoch lohnt der Blick zurück: Er schärft den Sinn für Gefahren. Von Martin Ellerich

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