Meyer macht‘s: Die Warteschlange vor der Ausländerbehörde
Ein Fall von Angebot und Nachfrage

Münster -

Bereits vor gut zwei Jahren berichtete unsere Zeitung über chaotische Zustände vor der Ausländerbehörde. Es folgte ein Versprechen der Stadt, die Situation zu verbessern, sowie eine Mitteilung wenige Monate später, dass sich aufgrund verschiedener Maßnahmen die Situation deutlich entspannt habe. Nachdem unser Redakteur Björn Meyer gehört hatte, die Lage habe sich wieder verschlechtert, reihte er sich im sechsten Teil seiner Serie „Meyer macht‘s“ in die Warteschlange vor der Ausländerbehörde ein. Dort stellen sich viele schon Stunden vor Öffnung des Amtes an – um eine Chance zu haben, dran zu kommen. 

Freitag, 26.10.2018, 19:30 Uhr aktualisiert: 26.10.2018, 20:09 Uhr
Meyer macht‘s: Die Warteschlange vor der Ausländerbehörde: Ein Fall von Angebot und Nachfrage
Wie schon vor rund zwei Jahren kommt es derzeit vor der Ausländerbehörde der Stadt bereits vor Öffnung der Behörde zu langen Warteschlangen. Foto: Björn Meyer

Auf der Hammer Straße, dem südlichen Tor Münsters, ist nur selten Ruhe. Doch irgendwann in der Nacht kommt das Treiben dann doch, zumindest unter der Woche, zum Erliegen. Im „Spooky‘s“ und dem „Tom & Polly“ wird es dunkel, und sogar in den angrenzenden Ludgerikreisel verirrt sich nur noch ab und an mal eine Leeze.

Doch während es rundherum still wird, erwacht vor der Ausländerbehörde im Rechts- und Ausländeramt das Leben. In der Dunkelheit bildet sich dort derzeit Nacht für Nacht eine Schlange, weil viele längst wissen, dass sie sonst keine Chance haben, ihre Angelegenheiten zu klären.

Nachts zum Amt

Davon habe ich in der Nacht zu Dienstag (23. Oktober), als um 4.10 Uhr mein Wecker klingelt, allerdings bislang erst vage gehört. Um ganz ehrlich zu sein, ich habe arge Zweifel, als ich gegen 4.50 den nur wenige Hundert Meter langen Weg von meiner Wohnung zum Stadthaus 2 antrete, dass überhaupt jemand um diese Zeit bei sieben Grad Celsius Außentemperatur den Weg vor die Tür der Amtsstuben gefunden hat.

Weil ich bereits den vierten Tag in Folge hier stehe.

Benard Edokpolor aus Nigeria

Minuten später steht Benard Edokpolor aus Nigeria vor mir. Eingehüllt in eine Bettdecke, wartet er auf dem Platz vor dem Amt. Seit dreieinhalb Stunden ist er bereits hier. „Ich will unbedingt drankommen, weil ich bereits den vierten Tag in Folge hier stehe, aber es bislang noch nicht reingeschafft habe“, sagt der Mann, der seit drei Jahren und zwei Monaten in Deutschland lebt.

Die Warteliste ist lang

Um 1.30 Uhr war er da – mit seiner Frau steht er damit auf Position zwei einer Liste, die die Russin Elena Reising anführt. Die Programmiererin, die seit 2003 in Deutschland lebt und ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern muss, lässt mich um kurz vor 5 Uhr meinen Namen auf Listenplatz 24 schreiben. Es werde wohl schwer für mich, heute zu einem Mitarbeiter des Amtes vorgelassen zu werden, mutmaßt Remzi Hutra aus Albanien, der nach einem erfolglosen Anlauf zehn Tage zuvor ebenfalls das zweite Mal vor dem Amt wartet.

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Um kurz vor sechs Uhr, wenn sich die Lobby des Stadthauses 2 gleich für diejenigen öffnet, die keine große Lobby haben, nehmen die Wartenden Aufstellung. Ich stehe ziemlich genau mitten in der Schlange. Foto: Björn Meyer

Der Mitarbeiter eines Gastronomiebetriebs hat sich dafür extra direkt nach seinem Dienstschluss auf den Weg gemacht. Um 2 Uhr sei er vor dem Amt eingetroffen, drei Stunden Wartezeit liegen hinter ihm – noch mehr allerdings vor ihm, denn erst um 8 Uhr öffnet das Amt seine Pforten. Sein frühes Erscheinen verschafft Hutra, der wegen seiner Familienzusammenführung zum Amt muss, Listenplatz drei und damit ein fast sicheres Drankommen am Vormittag. „Mal sehen“, sagt er, ob er dann später am Tag noch schlafen könne.

Ärger über die Liste

Elena Reising, die Frau mit der Liste, erzählt mir, dass sie bei ihrem letzten, nicht erfolgreichen Amtsbesuch einen Streit mitbekommen habe, bei dem sich die Beteiligten nicht einig waren, wer nun zuerst dran gewesen sei. Von derart negativer Energie ist an diesem frühen Morgen nichts zu spüren – was sich allerdings schlagfertig ändert, als die Nummer 25 der Liste auf den Plan tritt.

Bestimmt und in akzentfreiem Englisch äußert die Frau, die, so vermute ich jedenfalls, aus Osteuropa stammt, ihr Missfallen darüber, dass sie sich auf eine Liste einzutragen habe. Sie zähle nur 14 Leute vor dem Amt, wo denn die 24 alle seien, die vor ihr auf dem Blatt Papier stünden. „I want every­body to stand in a line“, – ich will, dass alle in einer Reihe stehen – betont sie mehrfach mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, doch niemand macht Anstalten, darauf zu reagieren.

Jeder 25. macht halt Stress.

Elena Reising aus Russland

„Es sind alle hier“, versucht Remzi Hutra die junge Frau zu besänftigen, „einige sitzen nur in ihren Autos. Wir sind arme Menschen, wir haben kein Auto, deshalb warten wir hier“, zeigt er auf die Umstehenden.

Die Frau aber gibt keine Ruhe, auch nicht, als Elena Reising verspricht, um kurz vor 6 Uhr, also kurz vor der Öffnung des Stadthaus-2-Foyers, die Liste einmal laut vorzulesen und alle Anwesenden in einer Reihe aufzustellen. „Give me that list“, – gib mir die Liste – verlangt „der Feldwebel“, wie die Dame fortan bei mir heißt. „Geht nicht“, sagt Elena Reising freundlich, und doch spürbar genervt. „Datenschutz“, sagt sie und grinst. Dann dreht sich die Russin zu mir um und fügt leiser hinzu: „Jeder 25. macht halt Stress.“

„Welche Toilette?“

„Schreiben Sie doch mal über die Toilette“, wechselt Remzi Hutra das Thema. „Welche Toilette?“, wiederhole ich ohne nachzudenken, während ich meinen Kopf reflexartig nach links und rechts drehe. „Eben“, sagt Hutra, „es gibt keine.“ Die Toilette ist keineswegs Hutras einziger Verbesserungsvorschlag: „Man sollte den Menschen eine Nummer für den nächsten Tag geben, damit man nicht jeden Tag wieder von vorne anfangen muss“, sagt er.

„I wanna see a line“, – sie wolle eine Reihe sehen – meldet sich die „25“ wieder. Ich sage ihr, dass sie sich später lediglich an meinem Rücken orientieren müsse, worauf sie mir entgegnet, ich solle mich sofort vor sie stellen. „Für wie lange denn?“, frage ich. „Till it‘s 8 o‘clock“, sagt sie mir gegen 5.30 Uhr. Ich bin in dem Moment froh, hier nur Beobachter zu sein, ertappe mich aber trotzdem dabei, wie ich mich insgeheim ärgere, dass ich ausgerechnet ihr später den Vortritt lassen werde.

Gemeinsam warten

Drei Plätze hinter mir auf der Liste steht der Syrer Muhammed Ameen Alghanem. Als Flüchtling sei er nach Deutschland gekommen, erzählt der mir auf Anhieb sympathische 29-Jährige, der eine Ausbildung zum Mechatroniker für Kältetechnik macht – in exzellentem Deutsch. Wie so viele will auch er seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern, dafür sei er sogar krank hierher gekommen, erzählt er hustend.

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Um kurz nach 5 Uhr kommt Muhammed Ameen Alghanem zum Stadthaus – es wird für ihn nicht reichen, um dran zu kommen. Foto: Björn Meyer

Trotz seines wichtigen Anliegens geht Alghanem verhältnismäßig entspannt mit der Situation um. „Wollen wir einen Kaffee trinken gehen?“, fragt er, doch Elena Reising fängt im gleichen Moment an, die versprochene Aufstellung vorzunehmen. Als sie bei Position 13 ankommt und sich ein Mann meldet, wendet Reising kurz ein, dass auf ihrer Liste eine Frau stehe. „Meine Frau ist schwanger, ich habe sie abgelöst“, sagt der Mann.

Als sich wenig später die Tür zum Foyer des Amtshauses öffnet, nehme ich neben zwei jungen Frauen auf einer Heizungsverkleidung Platz. Die Frau, die für eine ordentliche Reihe plädierte, hat sich derweil vorgedrängelt. „Es sind halt immer die gleichen“, sagt Alina (26), eine der beiden Frauen neben mir, die wie ihre Freundin Ana aus Kuba kommt und in Münster ein Master-Studium absolviert. In Münster sei es „eigentlich ganz okay“, sagt Alina, lediglich etwas mehr internationale Atmosphäre an der Uni würden sie sich wünschen, verrät die 25-jährige Ana.

Zahlen und Fakten

Insgesamt 49 Beschäftigte gibt es in der Ausländerbehörde.

Laut Angaben der Stadt bietet die Behörde pro Tag rund 55 Terminsprechstunden an.

Es werden zwischen 20 und 30 elektronische Aufenthaltstitel vergeben sowie zwischen 15 und 30 offene Sprechstunden angeboten.

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Dann aber ziehen sich Alinas Augenbrauen ein Stück weit zusammen: „Das hier, das geht gar nicht“, sagt sie während sie mit dem Kopf auf die längst über 50 Anwesenden deutet, die größtenteils auf dem Boden im Stadthaus Platz gefunden haben. Einige starren ins Leere, andere ins Digitale und ein Mann, der weit vorne in der Reihe ist, schläft mit dem Kopf am Fenster.

Angebot und Nachfrage passen nicht 

Mir setzt mittlerweile auch der Mix aus Müdigkeit und Langeweile zu, und ich bin daher froh, dass auch die beiden Kubanerinnen neben mir deutlich gesprächiger sind als der Großteil der übrigen Wartenden. Wenn sie es dieses Mal nicht schaffen würden, dann müssten sie beim nächsten Mal wohl um 3 Uhr kommen, sagt Alina mit einem Kichern und fügt ernst an: „Ich lache, aber eigentlich ist das hier nicht lustig.“

Ich lache, aber eigentlich ist das hier nicht lustig.

Alina aus Kuba

„Im Gegenteil“, sagt die Studentin des Wirtschaftsingenieurwesens, „das hier ist kein herzliches Willkommen an die Menschen aus anderen Ländern.“ Es sei doch offensichtlich, dass hier Nachfrage und Angebot nicht zusammenpassten, zieht die junge Frau aus dem sozialistischen Kuba eine vernichtende Analyse unter die kommunale Behörde des marktwirtschaftlich geprägten Deutschlands.

Die Wartenden dürfen rein

Als um Punkt 8 Uhr die Glastür an der Seite des Foyers aufgeht, lässt ein Mitarbeiter des Amtes den ersten Schwung Wartender ein. Für den Rest heißt es wieder warten – allerdings nicht allzu lange, dann dürfen 17 weitere Personen, unter denen auch ich bin, herein. Doch wer es bis hierhin schafft, ist noch keineswegs am Ziel. Schon Alina und Ana vor mir rutschen letztlich durch das Raster.

20 Wartenummern für die offene Sprechstunde werden an diesem Tag vergeben. Trotzdem sind die Kubanerinnen später nicht unglücklich: „Wir haben einen Termin für Dezember bekommen. Ich kann mich nicht beschweren, es war besser, als ich erwartet hatte“, wird Alina später sagen. Und ich? Ich nehme mir vor, wenn ich das nächste Mal ungeduldig bin, an Benard Edokpolor zu denken, den Mann, der seine Bettdecke mit zum Amt brachte.

Zum Thema

Die Verwaltung möchte auf die Situation reagieren. Wie man unserer Zeitung im Zuge der Recherche für diese Geschichte mitteilte, geht man davon aus, dass die derzeitige Belastung des Amtes nur temporär ist. Mit zusätzlichen Terminangeboten an vier Samstagen (10. und 17. November sowie 12. und 26. Januar) will man die Situation durch insgesamt 150 zusätzliche Termine verbessern. Laut Verwaltung arbeiten die Mitarbeiter an diesen Tagen freiwillig, und es stehe bereits fest, dass sich dafür Mitarbeiter finden würden. Man werte dies als „ein Indiz für das Engagement der Beschäftigen der Ausländerbehörde“.

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Selber mitmachen

Kennen Sie etwas, das unser Redakteur Björn Meyer mal ausprobieren sollte? Dann schlagen Sie es ihm doch einfach vor. Egal ob Verein, Privatrunde oder öffentliche Einrichtung – für „Meyer macht‘s“ sind kaum Grenzen gesetzt. Wir freuen uns über eine kurze Beschreibung ihres Vorschlags unter redaktion.ms@zeitungsgruppe.ms unter dem Betreff „Meyer macht‘s“.

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