Restaurant Elbén will ein Sprungbrett für Geflüchtete aus Syrien sein
Mit der Kraft der zwei Herzen

Münster -

Die Einrichtung ist schlicht, die Tische sind lang, damit selbst fremde Menschen sich zwangsläufig begegnen. Tee gibt es kostenlos, das einfache Fladenbrot Manakish dominiert die Speisekarte. Im Restaurant Elbén nahe des münsterischen Aasees arbeiten ausschließlich Syrer. „Ich sehe das hier als Sprungbrett für Geflüchtete“, sagt Initiator Nedal Georges. Mit seinem Projekt ist der 29-Jährige nun für einen hoch dotierten Integrationspreis nominiert.

Sonntag, 04.11.2018, 17:16 Uhr aktualisiert: 04.11.2018, 17:42 Uhr
Nedal Georges im Restaurant Elbén in Münster: Der 29-Jährige hat das Projekt ins Leben gerufen, um Geflüchteten aus Syrien ein Sprungbrett zu bieten.
Nedal Georges im Restaurant Elbén in Münster: Der 29-Jährige hat das Projekt ins Leben gerufen, um Geflüchteten aus Syrien ein Sprungbrett zu bieten. Foto: Gunnar A. Pier

„Elbén“ bedeutet „zwei Herzen“, und Nedal Georges ist selbst so etwas wie die Verkörperung dieser Idee: geboren in Münster, die Eltern stammen aus Syrien. „Beide Kulturen sind in mir“, sagt er. Da ist das Arabische, das Macher-Gen: „Die hinterfragen nicht so viel, die sind weniger risikoscheu, die machen einfach.“ Und dann steckt auch der deutsche Student in ihm, der erstmal plant und besonnen abwägt, was geht und wie es geht. Aus beiden Herangehensweisen hat sich der Münsteraner ganz bewusst seinen eigenen Weg geschaffen.

Die hinterfragen nicht so viel, die sind weniger risikoscheu, die machen einfach.

Nedal Georges

Als Nedal Georges 2015 im Fernsehen die Bilder der Flüchtlinge sah, die in Deutschland ankamen, fuhr er los. „Ich musste das tun, das war mein Bedürfnis!“ Am Hauptbahnhof in Frankfurt sah er die bekannten Szenen von ankommenden Menschen und Deutschen, die helfen wollten – aber auch nicht wussten, wie. Georges überlegte, was er sich in der Situation als Hilfe gewünscht hätte. Brücken müssen gebaut werden, war er sicher, das geht über Sprache. Und Kontakte entstehen gerne beim Essen.

Ich musste das tun, das war mein Bedürfnis!

Nedal Georges

Kurz vor dem ersten Staatsexamen machte Georges „einen radikalen Break“, wie er sagt, und entwickelte einen Plan: Einen Foodtruck wollte er gemeinsam mit Syrern auf die Straße bringen und gleich zwei Restaurants eröffnen. „Aber ich hatte ja nichts außer dem arabischen Optimismus.“ Also meldete sich der besonnene Deutsche in ihm und half bei der Skalierung auf ein noch immer ambitioniertes, aber realistisches Maß. Nur noch mit dem Foodtruck wollte er starten.

Jeder Absprung ist ein Erfolg

Per Crowdfunding sammelte Nedal Georges rund 20 000 Euro an Spenden ein. Viele Freunde halfen ihm, jeder brachte ein, was auch immer er konnte. Und so stand im August 2016 erstmals der „Elbén“-Foodtruck auf dem münsterischen St.-Joseph-Kirchplatz.

Das Konzept damals wie heute: Georges stellt Syrer ein, die vornehmlich den dortigen Fastfood-Klassiker Manakish zubereiten. Das ist ein Teigfladen ähnlich einer Pizza, der auf typische Weise belegt und gewürzt wird. Die Mitarbeiter verdienen auf diese Weise Geld, lernen die deutsche Sprache und kommen unweigerlich mit Menschen in Kontakt. „Wer wirklich hier in Deutschland ankommen will, für den ist das die richtige Plattform!“, ist Georges überzeugt. Deshalb irritiert ihn auch die hohe Fluktuation nicht: Elbén ist ein Sprungbrett. Jeder Absprung ist ein Erfolg.

Deichmann-Förderpreis für Integration

Das münsterische Projekt Elbén ist in der Kategorie „Berufliche Förderung durch Unternehmen“ für den bundesweit ausgeschriebenen Deichmann-Förderpreis für Integration nominiert. In drei Kategorien werden Unternehmen, Vereine und Schulen, die ein besonderes gesellschaftliches Engagement zeigen, ausgezeichnet. Insgesamt ist der seit 2005 verliehene Preis für Integration mit 100 000 Euro dotiert. Ob die Münsteraner oder einer der beiden Konkurrenten gewinnt, wird bei der Preisverleihung am 6. November bekannt gegeben.  

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Organisiert hat Georges das Ganze als GmbH, er ist Geschäftsführer – aber ohne Gehalt. Wie all seine Mitstreiter, die sich um Marketing, Aktionen und Kommunikation kümmern, macht er das ehrenamtlich.

Inzwischen ist Georges einen Schritt weiter. Neben dem Foodtruck, der auf Märkten und Veranstaltungen unterwegs ist, gibt es das Restaurant Elbén an der Scharnhorststraße. Die anfängliche Skepsis der potenziellen Besucher ist überwunden, seit an Aktionstagen jeder zahlen konnte, was er wollte. Interessierte kamen, zahlten – und kamen wieder. 18 Syrer beschäftigt das Elbén heute, fünf davon in Vollzeit

Ein zweiter Foodtruck?

Und die Zukunft? 2019 soll ein zweiter Foodtruck her. Die Idee möchte Georges gerne weiter verbreiten. „Social Franchise“ nennt er das. Und er denkt auch offen darüber nach, das Projekt eines Tages abzugeben. „Ich wollte eine Brücke bauen.“ Die steht dank arabischer Macher-Mentalität. Also kann er ordentlich zu Ende studieren. Besonnen. Irgendwie deutsch.  

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