Vor 80 Jahren: Reichspogromnacht in Münster
Die Nacht, als die Hölle losbrach

Münster -

Am 9. November 1938, also vor genau 80 Jahren, brannten in ganz Deutschland die Synagogen – auch in Münster. Das Gotteshaus an der Klosterstraße brannte in der Reichspogromnacht bis auf die Grundmauern nieder.

Freitag, 09.11.2018, 10:19 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 09.11.2018, 09:30 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 09.11.2018, 10:19 Uhr
Münster am Morgen nach dem Pogrom: Blick auf die zerstörte Synagoge von der Promenade.
Münster am Morgen nach dem Pogrom: Blick auf die zerstörte Synagoge von der Promenade. Foto: Stadtarchiv Münster

Der Abend des 9. November 1938 verläuft in Münster zunächst wie an jedem 9. November seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Ein Fackelzug der NS-Organisationen zieht durch die Innenstadt, um an den – gescheiterten – Hitler-Putsch von 1923 zu erinnern. Gegen 23 Uhr werden die neu in die SS aufgenommenen Männer auf dem Prinzipalmarkt vereidigt, danach will man den Abend in den Stammlokalen ausklingen lassen.

Doch gegen 23.30 Uhr erreicht eine im gesamten Reich per Fernschreiben verbreitete Anweisung der Parteispitze die Stadt, ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung zu inszenieren. Als Anlass dient die Ermordung eines deutschen Botschafts-Mitarbeiters in Paris durch einen jungen Juden. Daraufhin bricht auch in Münster die Hölle los.

Kurz nach 23.30 Uhr wird die Synagoge in Brand gesetzt. Einsatztruppen von SA und SS überfallen jüdische Geschäfte, Häuser und Wohnungen, zerstören, plündern. Jüdische Münsteraner werden misshandelt, verprügelt, verschleppt – unter den Augen vieler Mitbürger, die, so die Quellen, teilnahmslos zusehen.

Gegen Mitternacht trifft die Feuerwehr an der Synagoge ein. Was danach passiert, hat der münsterische Historiker Thomas Köhler, der in der Villa ten Hompel arbeitet, rekonstruiert.

„Die Einsatztruppen von SA und SS haben zunächst die Synagoge geschändet und dann das Inventar in Brand gesteckt“, berichtet Köhler. Ein Großteil der Täter ist in Zivil gekleidet, etliche sind alkoholisiert. Als sich die Flammen immer mehr ausbreiten, wird die Feuerwehr alarmiert. Sie eilt zur Synagoge, trifft Vorbereitungen, das Feuer zu löschen. „Sie folgte damit ihrem alten Rettungsverständnis“, so Köhler.

Am 10. November 1938 posieren NS-Schergen in den Ruinen der zerstörten Synagoge für ein Gruppenfoto.

Am 10. November 1938 posieren NS-Schergen in den Ruinen der zerstörten Synagoge für ein Gruppenfoto. Foto: Stadtarchiv Münster

„Aufgeheizter Mob“ attackiert Feuerwehrleute

Doch das ist in dieser Nacht nicht erwünscht. Ein „aufgeheizter Mob“ – so der Historiker – attackiert die Feuerwehrleute, sie montieren daraufhin die Schläuche wieder von den Hydranten ab, einige Feuerwehrleute werden verprügelt und mit dem Tod bedroht. Die Wehr bricht den Einsatz ab.

Gegen Mitternacht informiert die Polizei die Feuerwehr über die Anordnung aus München, von der die Wehr bis dahin noch keine Kenntnis hatte: Die Feuerwehren im Reich sollen die Synagogen brennen lassen und lediglich verhindern, dass weitere Gebäude in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Wehr kehrt zum Einsatzort zurück und besprengt nun lediglich die Dächer der benachbarten Häuser mit Wasser. „Damit wurde sie vom Helfer zum Tatgehilfen“, sagt Köhler.

In der Nacht zum 10. November brennt die Synagoge fast völlig aus, am Morgen danach bekommt die Wehr dann die Erlaubnis, letzte Brandnester zu löschen. Dies alles hat Köhler aus Prozessakten aus der Nachkriegszeit rekonstruiert.

Auch am Tag danach geht das Pogrom weiter. Das Kaufhaus Feibes in der Innenstadt wird geplündert. Parallel beginnt die lokale NS-Jugend, die Spuren der Nacht zu beseitigen. Für die Schäden müssen danach die Juden aufkommen – also die Opfer, nicht die Täter.

Seit Jahrzehnten wird im Rahmen einer Gedenkfeier in der Synagoge an das Pogrom von 1938 erinnert. Dieses Foto entstand 1968 und ist aktuell in der Ausstellung „Vor 50 Jahren - Münster 1968“ im Stadtmuseum zu sehen.

Seit Jahrzehnten wird im Rahmen einer Gedenkfeier in der Synagoge an das Pogrom von 1938 erinnert. Dieses Foto entstand 1968 und ist aktuell in der Ausstellung „Vor 50 Jahren - Münster 1968“ im Stadtmuseum zu sehen. Foto: Stadtmuseum Münster

„Nach dem 9. November 1938 kam es auch in Münster zu einer Flucht- und Auswanderungswelle“, berichtet Köhler. Denn nun ist klar: Juden haben in Deutschland keine Zukunft mehr, sie sind vogelfrei. „Wer es in der Zeit nach dem Pogrom nicht schaffte, das Land zu verlassen, der wurde 1941 deportiert“, so der Historiker.

In einer Vitrine in der Villa ten Hompel befindet sich der Schlagstock eines Hilfspolizisten, der am 9. November 1938 zum Einsatz kam. „Er wurde uns vor ein paar Jahren übergeben – unter der Bedingung, dass der Name des Hilfspolizisten nicht genannt wird“, sagt Köhler.

In ganz Deutschland brannten fast 1500 Synagogen

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 – also vor genau 80 Jahren – brannten in Deutschland fast 1500 Synagogen, Tausende Geschäfte wurden zerstört, 30.000 Juden verhaftet, 400 Menschen ermordet. Die Reichspogromnacht markiert den Übergang von der Diskriminierung der Juden zu ihrer systematischen Verfolgung und Vernichtung, dem Holocaust.

In Münster lebten 1938 492 Menschen jüdischen Glaubens unter den rund 140.000 Einwohnern. Nach dem Pogrom wurden in Münster 14 kleine Ghettos eingerichtet, die „Judenhäuser“. Ziel war die organisatorische Vorbereitung und Kontrolle der Deportationen. 1941 und 1942 verließen mehrere Transporte Münster in Richtung Riga, wo ein Großteil der münsterischen Juden den Tod fand.

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