Staus in Münster
Ein System als Ursache für den Verkehrskollaps

Münster -

Warum sind Münsters Straßen regelmäßig verstopft? Vermeintliche Gründe und Anschuldigungen kursieren viele, doch haltbar sind sie meist nicht. Der ADFC-Vorsitzende Andreas K. Bittner dagegen hat eine ebenso einfache wie deprimierende Erklärung für die Situation.

Dienstag, 13.11.2018, 07:00 Uhr aktualisiert: 13.11.2018, 07:25 Uhr
Im Bahnhofsbereich ist die Verkehrsbelastung täglich hoch. Das Ergebnis sind genervte Autofahrer, die ihren Frust in sozialen Netzwerken zum Ausdruck bringen.
Im Bahnhofsbereich ist die Verkehrsbelastung täglich hoch. Das Ergebnis sind genervte Autofahrer, die ihren Frust in sozialen Netzwerken zum Ausdruck bringen. Foto: Oliver Werner

Rege wird dieser Tage in Bürogemeinschaften, Familien und sozialen Netzwerken der Verkehr in Münster thematisiert. Vom Verkehrschaos nach einem Unfall im Süden ist da die Rede, von langen Schlangen rund um den Bahnhofsbereich im Zuge einspuriger Straßen. Und nicht zuletzt muss auch der Norden fürchten, in den kommenden Tagen einiges abzubekommen. Die ab heute von den Stadtwerken an der Steinfurter Straße eingerichtete Baustelle , wo zwischen Catharina-Müller-Straße und Orléans-Ring eine Fernwärmeleitung verlegt wird, lässt grüßen.

Ich habe das Gefühl, wir sind an einem ,tipping point‘ angelangt.

Andreas K. Bittner, Vorsitzender des ADFC Münsterland

Was all diese Diskussionen andeuten, bringt Andreas K. Bittner , Vorsitzender des ADFC Münsterland, auf den Punkt: „Ich habe das Gefühl, wir sind an einem ,tipping point‘ angelangt, also an einem Punkt, wo das Ganze System zu kippen droht“, sagt Bittner. Und das sieht nicht nur der in diesem Fall ebenso sachkundige wie nicht ganz neutrale Kämpfer für mehr Fahrradverkehr so. Selbst Oberbürgermeister Markus Lewe wählte in der Vergangenheit schon ähnliche Formulierungen und warnte offen vor einem Verkehrskollaps.

Schulterzucken beim Tiefbauamt

Wer nach schwerwiegenden, dauerhaften Gründen für die gerade zu Stoßzeiten am Limit befindliche Verkehrsbelastung sucht, der findet derzeit kaum etwas. Beim Tiefbauamt zuckt man, angesprochen auf Baustellen, mit den Schultern. Eigene Baustellen habe man derzeit eigentlich so gut wie nicht, fasst der zuständige Mitarbeiter Ludger Niehoff zusammen. Und die Hochbaustellen am Bahnhof seien lange genehmigt und somit keine Überraschung.

Etwas aktiver in puncto Baustellen als das Tiefbauamt sind derzeit die bereits angesprochenen Stadtwerke. Also jene Einrichtung, die mit ihren Maßnahmen dafür sorgt, dass die Bürger dieser Stadt Wasser, Strom und Wärme in ihre Haushalte bekommen.

Dezember könnte „Horror-Monat“ werden

30 Prozent sogenannter „Parksuchverkehr“, dazu fast 300.000 Pendlerfahrten pro Tag, für Bittner ist der Fehler im System das System selbst. Der regelmäßig eintretende Domino-Effekt, den er als „dummes Zusammenspiel verschiedener Faktoren“ bezeichnet, werde sich in der Weihnachtszeit vermutlich noch verstärken. Auch ohne besondere Ereignisse. „Das wird, was den Verkehr betrifft, ein Horror-Monat.“

Da reichten dann schon ein paar Lieferdienste, die in der zweiten Reihe parkten, um den Verkehr lahm zu legen. „Ich bin der Überzeugung, dass in den kommenden Jahren die autofreie Innenstadt kommen muss und wird, auch wenn mich manche da als Spinner abstempeln.“ Liefer-, Arzt- und ähnlich relevanten Verkehr nimmt der ADFC-Mann von dieser „großen Lösung“ betont aus.

Gründe für den Verkehrskollaps

Münsters Straßenverkehr braucht keinen großen Anstoß, um im Chaos zu versinken. Dabei kommt die heutige Situation keineswegs überraschend, wie Zahlen belegen .

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ÖPNV verbessern

Als kleinere Lösung bezeichnet Bittner die Stärkung des Umweltverbunds. Mehr Strecken zu Fuß und mit dem Fahrrad, zudem ein verbesserter ÖPNV, bedeuteten gleichzeitig weniger Verkehrsbelastung und mehr Lebensqualität für alle. Es sei doch schon ein Hohn, dass Buskosten steigen würden, weil sich die Betriebskosten der Fahrzeuge durch längere Fahrten in Folge der Verkehrsbelastung erhöhen würden.

Schwarz malen will Bittner dabei nicht: „Ich glaube, die Verwaltung hat das Problem verstanden, vielleicht mehr noch als die Politik in Münster“, sagt er inklusive Seitenhieb.

Kommentar

Fehlendes Fingerspitzengefühl diagnostiziert dem Tiefbauamt jemand, der seinen Beitrag auf Facebook mit Kommentar überschreibt. Ein anderer darunter findet, dass den Stadtplanern und der Kommunalpolitik der Verkehr eh egal sei. Der Ärger derer, die in dieser Stadt regelmäßig Auto fahren, ist groß. Und all dieser Ärger, die Suche nach Verantwortlichen, ist nur allzu nachvollziehbar. Denn auf den Punkt gebracht hat sich die Verkehrssituation in Münster in den vergangenen 15 Jahren merklich verschlechtert. Das Problem daran: Es gibt in dieser Stadt niemanden, der die Schuld daran trägt. Jedenfalls nicht alleine. Ja, Verwaltung und Politik müssen strukturelle Maßnahmen für eine weiter wachsende Stadt ergreifen. Die Verkehrssituation dieser Tage aber, mit zu vielen Autos auf zu wenig Straßenraum, wird sich nicht ohne ein Umdenken jedes Einzelnen verbessern lassen. Wer nicht in seinem Auto im Stau stehen will, der muss möglichst oft auf andere Verkehrsmittel umsteigen. Das mag profan klingen. Und man mag sich darüber ärgern. Es ist aber die Wahrheit.

Björn Meyer

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