Benjamin von Stuckrad-Barre im Interview
"Vom schwarzen Schwan Petra über die Liebe lernen"

Münster -

Mit Boris Becker schaut er in Wimbledon das berühmte Finale von Wimbledon. Mit Helmut Dietl scheitert er in Berlin wegen Berlin an Berlin. In seinem Buch „Ich glaub, mir geht‘s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen – Remix 3“ erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre von Begegnungen mit berühmten Personen. Vor seiner Lesung „Remix 3 – Live“ im Jovel am Dienstag verrät der Schriftsteller, was Boris Becker zum Helden macht und warum er wie der schwarze Schwan Petra vom Aasee ist. 

Montag, 03.12.2018, 14:00 Uhr aktualisiert: 03.12.2018, 16:48 Uhr
Benjamin von Stuckrad-Barre im Interview: "Vom schwarzen Schwan Petra über die Liebe lernen"
Nach seiner Lesereise mit dem Buch Panikherz im Jahr 2016, hier in Hamburg, geht Benjamin von Stuckrad-Barre wieder auf Tour. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

In dem Pressetext zu Ihrem Buch steht, dass das Ergebnis eine Familienaufstellung sei. Das hat so etwas Therapeutisches. Das habe ich in dem Buch gar nicht herausgelesen. Können Sie mir das erklären?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Natürlich nicht – es ist ja der Text zum Buch, und ich bin ja eher zuständig für die Texte im Buch. Was da eben immer so steht, in so Pressetexten. Sie haben eigentlich Recht, ich finde das auch gar nicht so zutreffend, was Sie da zitiert haben. Naja, ist ja nur Klappentext-Gewäsch. (Überlegt) Hm, wenn wir das trotzdem mal gedanklich austesten, dieses Bild – nun, dann wäre die Familie ja praktisch: Deutschland. Das kann man sich schon so hindrehen oder auch schönsaufen, aber das Bild bleibt ein außerordentlich schiefes. Familienaufstellung also – ich habe auch schon mal eine gemacht.

Ich auch. Es war verstörend.

Benjamin von Stuckrad-Barre:  Echt? Wo stand Ihr Vater?

Mir gegenüber.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Oh Gott. Da gibt es noch was zu klären. Der steht ja sonst immer in der Ecke. Ich stand mit dem Rücken zu meiner Familie. Auch einprägsam.

Hm.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Normaler Journalismus wäre es jetzt, diesen Teil, in dem Sie selbst kurz das Visier hochklappen, herauszustreichen. Dabei wird es da doch jetzt genau interessant, weil auch Sie sich sozusagen als Mensch zu erkennen gegeben haben. Mein Ersuchen an Sie: Lassen Sie das drin. Genau da eben ließ sich Vertrauen zu Ihnen knüpfen – für mich, wie auch für die Leser. Genau darum geht es für mich tatsächlich in Begegnungen.

So wie bei den Begegnungen, die Sie in Ihrem Buch beschreiben?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Genau.

Darf ich Ihnen dann noch eine kleine Anekdote erzählen?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Gerne doch.

Als Boris Becker 1999 zum ersten Mal Vater wurde, saß ich auf dem Stuhl eines Kieferorthopäden. Mir wurde gerade ein Abdruck gemacht, ich hatte den Mund voll mit schlecht schmeckender Masse. Plötzlich wurde im Radio live aus dem Krankenhaus berichtet und mein Arzt ließ mich mit der Masse im Mund sitzen. Keiner arbeitete, alle saßen gebannt vor dem Radio. Da habe ich verstanden, welch ein Volksheld Becker ist. Sie schreiben im ersten Kapitel, dass er ein Held sei. Was macht ihn für Sie zum Helden?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Genau das: Dass ungefähr jeder zweite Deutsche, genau wie Sie jetzt mit Ihrem Zahnarztbesuch, mit Becker mindestens eine persönliche biographische Wegmarke verbindet. Das können wir alle uns gar nicht vorstellen, was das bedeutet. Und meines Erachtens erträgt er das mit relativ konstant guter Laune, dass das ganze Land eine quasipersönliche Beziehung zu ihm hat.

Er ist manchmal auch ein tragischer Held.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Das erst macht ihn doch zum vollendeten Helden! Gerade füllen wieder minderbemittelte Komiker ganze Abende mit der Nachricht, dass Becker angeblich kein Geld mehr hat. Ich verstehe den Vorwurf gar nicht, der kommt echt direkt vom Gartenzaun – kein Geld mehr zu haben, das ist doch sehr sympathisch. Die Wucht an nationaler Anteilname, an Zuneigung, aber auch an Verachtung, die Becker widerfahren ist und bis heute immer weiter widerfährt, das sind doch irrsinnige Kräfte, die da auf ihn einwirken. Und dem standzuhalten, sich davon nicht komplett umhauen zu lassen, ja das schlicht und einfach zu überleben, das macht ihn, neben seinen großen Tennisschlachten, zu einem wahren Helden. Mich interessierte in seinem Fall eine Nahaufnahme, die das berücksichtigt und widerspiegelt. Ganz simpel die Frage: Gibt es Boris Becker tatsächlich? 

Und?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Um das herauszufinden, habe ich den Ursprung des Mythos untersucht und mit ihm das Wimbledon-Finale von 1985 angesehen, genau 25 Jahre danach. Als wir das taten, wohnte er noch in einem Haus, das nur 100 Meter Luftlinie entfernt lag von jenem Londoner Centre Court, auf dem er als 17-jähriger diesen Sieg errang, der seine Karriere und gesamte Biographie wie nichts prägen sollte. Dieses berühmte Wimbledon-Tennisstadion wurde von floskelvernarrten Sportreportern hernach immer bezeichnet als „Beckers Wohnzimmer“ – und ich saß nun mit Boris Becker in seinem realen Wohnzimmer, nur einen Aufschlag entfernt von seinem ideellen Wohnzimmer, und wir haben uns gemeinsam mit seiner Frau und einem seiner Söhne das legendäre Match von 1985 noch einmal angesehen.

Was war die Erkenntnis?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Mich nahm sehr für ihn ein, dass es bei Beckers zuhause offenbar nicht so ist, wie wir alle das aus unseren Familien kennen, wo der Vater immer wieder seine größten Hits erzählt und man diese eine Harz-Wanderung während des Studiums oder so immer wieder aufgetischt bekommt. Nein, so stellte sich heraus, Becker hat seine Familie offenbar verschont vor gebetsmühligen Erzählungen dieses großen Siegs. Mich hat es sehr erstaunt, dass weder die Frau noch der Sohn jemals zuvor dieses Spiel gesehen hatten. Und sein Sohn fragte dann auch noch, als Kevin Curren zwischendurch einen Satz gewonnen hatte: Sag mal Papa, gewinnst du das eigentlich?

Bei Becker war es der Mythos. Was macht einen Menschen für Sie sonst noch interessant für ein Porträt? 

Benjamin von Stuckrad-Barre: Jeder Mensch ist gleich interessant. Auch wenn das erstmal so ein bisschen nach Margot-Käßmann-Gewäsch klingt. 

Stimmt.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Aber der große Schriftsteller Walter Kempowski hat mir das mal anhand eines guten Bildes erklärt: Wenn Sie an den Strand von Warnemünde gehen und auf den Sand gucken, ist der in seiner Gänze wahnsinnig langweilig. Aber wenn Sie ein Sandkorn rausnehmen und unters Mikroskop legen, wird es sofort extrem interessant, weil man plötzlich diese kristallinen Strukturen erkennt, die individuellen Besonderheiten des Einzelkorns. Und so erweist sich, bei genauer Betrachtung, auch jede einzelne Menschen automatisch als überaus interessant. Wenn man genau hinschaut, beobachtet und gut zuhört, ist wirklich jeder Mensch höchst interessant. In meinem Buch sind nun einige Porträtbetrachtungen versammelt über sehr bekannte Menschen, neben Becker noch Helmut Dietl, Christian Ulmen, Ferdinand von Schirach und so weiter – und es geht in diesen Texten immer auch darum, all die Vorurteile, die man so hat, zu überprüfen. Wie eben bei Boris Becker. Es gibt darüber hinaus aber auch Erkundungen sozialer Vorgänge, die eher in die Totale zoomen und Gemeinschaftserlebnisse untersuchen: Liebe, Urlaub, Fußball-WM und ähnliches.

Sie kennen das: Ich muss jetzt noch eine Bezug-zu-Münster-Frage stellen…

Benjamin von Stuckrad-Barre: Ich war vor zwei Wochen in Münster.

Wieso?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Auf dem Clueso-Konzert. Als Fan und Freund bin ich dahin gekommen. Wir haben sogar etwas vorgelesen zusammen, zwischen zwei Songs. Da konnte ich schon mal Münster erproben. Mit zehn Mal so großem Publikum natürlich. Zu etwa 90% bestand es aus sehr jungen Damen – nein, man kann sogar sagen: zu 100%. Denn wenn man Clueso singen hört und spielen sieht, dann wird jeder, werde auch ich zu einer sehr jungen Dame. Man steht da und ist einfach verliebt in diesen Zauberkerl. Bei mir ist das Publikum, nun ja, sagen wir so: etwas repräsentativer für unser Land. Ich freue mich jedenfalls schon auf den 4.12., denn in Münster hat es mir bislang jedes Mal sehr gut gefallen. Sowieso bin ich ja eigentlich der schwarze Schwan vom Aasee.

Wie bitte?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Eigentlich finde ich alle Tiere ekelhaft. Die gehören alle in den Wald und wir gehören alle in die Stadt. Aber wie der berühmte schwarze Aasee-Schwan sich in das schwanförmige Tretboot verliebt hat, obwohl es viel größer war und aus Holz, und obendrein Leute darin saßen, das fand ich anrührend. Aus dieser Beziehung kann man vieles, wenn nicht gar alles über die Liebe lernen. Ich jedenfalls konnte mich absolut identifizieren mit diesem schwarzen Schwan und seiner wildromantischen Verliebtheit in ein unpassendes Gegenüber.

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