Benjamin von Stuckrad-Barre im Jovel
Wortgewandter Beobachter

Münster -

„Die Leude woll‘n, dass was passiert“, dröhnt es durch die Boxen auf die leere, dunkle Bühne. Und bevor die nächste Zeile der Hamburger Hip-Hop-Hymne von „Fünf Sterne Deluxe“ vom Tonband ins Jovel schallen kann, passiert auch schon was. Benjamin von Stuckrad-Barre kommt auf die Bühne.

Mittwoch, 05.12.2018, 16:15 Uhr aktualisiert: 05.12.2018, 16:21 Uhr
Benjamin von Stuckrad-Barre las im Jovel aus seinem aktuellen Buch, aber auch Episoden aus älteren Romanen.
Benjamin von Stuckrad-Barre las im Jovel aus seinem aktuellen Buch, aber auch Episoden aus älteren Romanen. Foto: Pjer Biederstädt

„Willkommen beim KPdSU-Parteitag“, begrüßt der Schriftsteller die 300 in Reih und Glied sitzenden Zuhörer. Der 43-Jährige hat viele seiner Bücher mitgebracht, darunter auch sein aktuelles „Ich glaub, mir geht‘s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen: Remix 3“. Doch er liest gar nicht so viel daraus. Mindestens die Hälfte der Zwei-Stunden-Show erzählt er einfach – gewohnt wortgewandt und ziemlich lustig.

Kostprobe? Sein Sohn, von dem der Buchtitel stammt, könne manchmal „eine Arschgeige“ sein. Neulich hätte der Junge im Vorschulalter seinen Papa, als dieser am Telefon „Empathie heuchelte“, mit den Worten abgewürgt: „Ich mach dann hier mal weiter.“ Und überhaupt, so Stuckrad-Barre, wer ein Kind plane, soll wissen: „In den ersten zwei Jahren kommt da gar nichts zurück. Außer mal das Mittagessen.“

„Germany‘s Next Magersüchtige“

Von Stuckrad-Barres Seitenhiebe trafen aber vor allem Menschen des öffentlichen Lebens. Moderatorin Dunya Hayali bemühe immer Sprachbilder der Kategorie: Der Ball liegt jetzt im Feld der SPD. „Wohl etwas überintegriert, die Dame“, mutmaßte von Stuckrad-Barre. Der Anekdote, wie er sich einst unglaublich ungeschickt angestellt hat, als er Heidi Klum auf einer Party in Hollywood danach fragte, wie man ein Tattoo wegmachen lässt, folgt der knallharte Kommentar: Bei „Germany‘s Next Magersüchtige“ liefen die Tussis auf dem Laufsteg, die Jury entscheide dann. Das erinnere ihn immer an SS-Offiziere an der Rampe. Kollektives Raunen aus dem heterogenen Publikum – von etwa 27 bis 70 Jahren, von Kapuzenpulli bis Einstecktuch ist alles dabei.

Benjamin von Stuckrad-Barre im Jovel

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  • Benjamin von Stuckrad-Barre kam am 4. Dezember 2018 für eine Lesung aus seinem Buch "Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen: Remix 3" ins Jovel.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Der 43-Jährige Bremer las nicht nur aus seinen Büchern, er erzählte auch viele Anekdoten.

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  • Fast immer brannte eine Zigarette. Er durfte das. Schließlich rauche er auf der Bühne „aus dramaturgischen Gründen“. Er stellte an den Bühnenrand noch einen zweiten Aschenbecher. Falls noch jemand aus dramaturgischen Gründen rauchen wollte.

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  • Von Stuckrad-Barre sagte, man solle ihm bitte keine selbst geschriebenen Bücher schenken. Er trug dann aus einem solchen Exemplar eines Fans vor. Und man wusste prompt, warum er darum bat, von solchen Geschenken abzusehen.

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  • Der Autor und Journalist ist nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein guter Entertainer, wie er vor 300 Menschen im Jovel bewies.

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  • Kleiner Gruß auf die Insel: Von Stuckrad-Barre hängte eine Flagge von „Noel Gallaghers High Flying Birds“ auf.

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  • Die Bühne war dunkel gehalten. Nur „Remix 3“ leuchtete in Blau ins Jovel.

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  • Dann wurde gesungen.

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  • Erst „Back for Good“ von Take That.

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  • Natürlich unter Handy- und Feuerzeugeinsatz der Fans.

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  • Dann gab es noch „Angels“ von Robbie Williams.

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  • Fazit: Eine gelungene Zwei-Stunden-Show.

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Aber insgesamt kommt die oft politisch unkorrekte, immer stark wertende Art des Norddeutschen gut an. Einer, der geradeheraus ist, ohne rhetorisches Sicherheitsnetz.

Pure Freude bereitet die vorgelesene Episode aus dem Buch „Livealbum“ über eine Lesung, bei der von Stuckrad-Barre und sein Kollege Christian Kracht im Drogenrausch auftreten. Die Beschreibung eines Besuchs bei einem Madonna-Konzert in Los Angeles bekommt vor allem dadurch eine gewisse Komik, weil der Autor Madonna konsequent mit Annegret Kramp-Karrenbauer, der ersetzt. Die Schilderung der Tanzeinlagen sind dadurch besonders absurd. Von Stuckrad-Barres Beobachtungskünste sind auch nach über 20 Jahren herausragend.

Von Stuckrad-Barre redet nicht nur, er raucht auch viel auf der Bühne. „Aus dramaturgischen Gründen“. Zwinker, zwinker. Gesungen wird auch. Am Ende intoniert der Saal unter Feuerzeugseinsatz „Angels“ von Robbie Williams. Warum eigentlich? Weiß man nicht. Macht aber Spaß. So wie der ganze Abend.

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