Interview
Der Verbrecher-Sprache auf der Spur

Münster -

Wie überführt man Täter anhand von Sprache? Das wissen Prof. Dr. Raimund Drommel und Patrick Rottler. Sie sind Sprachprofiler und jagen Verbrecher per Textanalyse.

Donnerstag, 06.12.2018, 10:00 Uhr aktualisiert: 06.12.2018, 11:20 Uhr
Prof. Dr. Raimund Drommel (l.) ist der Pionier der sprachwissenschaftlichen Kriminalistik und überführt als Sprachprofiler seit über 30 Jahren Täter. Sein bester Schüler ist Patrick Rottler.
Prof. Dr. Raimund Drommel (l.) ist der Pionier der sprachwissenschaftlichen Kriminalistik und überführt als Sprachprofiler seit über 30 Jahren Täter. Sein bester Schüler ist Patrick Rottler. Foto: Leo Martin

Für die Ausbildungszeitschrift für Juristen an der Universität Münster, „Ad Legendum“, haben die Sprachprofiler des Instituts für Forensische Textanalyse Prof. Dr. Raimund Drommel und sein Schüler Patrick Rottler den Fachbeitrag „Anonyme Erpressung – Einsatz für den Sprachprofiler“ verfasst. Im Gespräch mit Redakteur Pjer Biederstädt erzählen sie, wie man Täter anhand von Sprache überführt.

Herr Drommel, was für Fälle landen auf Ihrem Schreibtisch?

Prof. Dr. Raimund Drommel: Wir erstellen Täterprofile nach anonymen Angriffen. Unsere Auftraggeber sind mittelständische Unternehmen, Konzerne, Anwaltskanzleien, Sicherheitsfirmen, aber auch Staatsanwaltschaften und Gerichte. Oft geht es um Erpressung, Drohungen oder üble Nachrede, teilweise auch um Kapitalverbrechen.

Haben Sie ein Beispiel?

Drommel: Wenn in einem Unternehmen mit 5000 Mitarbeitern eine Morddrohung mit DNA-Spuren eingeht und man den anonymen Absender intern vermutet, werden nicht sofort alle 5000 Mitarbeiter zum DNA-Test vorgeladen. Durch die wissenschaftlichen Methoden des Sprachprofilings ist es uns gelungen, den Täterkreis rasch einzugrenzen. Wir waren uns sicher, dass der Verfasser eine Frau mit französischer Muttersprache war. Davon gab es im Unternehmen genau vier.

Heißt das, Frauen schreiben anders als Männer?

Drommel: Ja, Frauen leben in einer anderen Welt als Männer. Jeder Mann, der mit einer Frau zusammenlebt, weiß das. Umgekehrt natürlich auch. Oft stimmt sogar das Klischee ‚Ein Mann, ein Wort – eine Frau, ein Wörterbuch‘.

Das müssen Sie erklären.

Drommel: Frauen schreiben in der Regel ausführlicher und besser, sind tendenziell beziehungs- und problemorientiert. Erstaunlicherweise schreiben Frauen oft härter, vielleicht um ihre physische Unterlegenheit durch drastische Wortwahl zu kompensieren. Männer sind ziel- und sachorientiert. Hinter nüchternen Erpressungen stehen praktisch immer Männer. Bei Frauen steht sehr oft ein Beziehungsaspekt im Vordergrund. Deshalb ist auch klar: Wenn jemand über einen sehr langen Zeitraum Drohbriefe erhält, ist der Absender in den meisten Fällen eine Frau.

Ich bin Journalist, arbeite also professionell mit Sprache. Angenommen, ich würde einen Erpresserbrief schreiben, würden Sie mich auch enttarnen?

Drommel: Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ja. Sprache hat immer einen persönlichen Stil. Denn Sprache ist ein hochgradig schöpferischer Prozess. Ein wesentlicher Aspekt des Sprachprofilings ist, dass wir unsere gesprochene Sprache, genau wie auch geschriebene Texte, zum größten Teil unbewusst bilden. Wir folgen dabei Mustern, die tief in uns verankert sind. Diese Muster entstehen, weil unsere Sprache von Anfang an durch unser soziales und kulturelles Umfeld geprägt wird. Wir haben sie so verinnerlicht, dass wir sie bewusst nicht mehr wahrnehmen. Und verstellen können Sie eben nur, was Ihnen auch wirklich bewusst ist. Deshalb sollten Sie das mit dem Erpresserbrief besser lassen.

Wie wird man Sprachprofiler?

Drommel: Die Basis ist ein Studium, beispielsweise der Germanistik oder der Linguistik. Noch wichtiger sind Talent für Sprache, ein Gespür für Grammatik und ein hohes Maß an Motivation und Einsatzbereitschaft. Die Sprachprofiler an unserem Institut durchlaufen dann eine zweijährige Spezialausbildung. Ein Training-on-the-Job, bei dem sie an echten Fällen mitarbeiten. Patrick Rottler, der beste Schüler, den ich je hatte, hat Kommunikationswissenschaften studiert und kam schon während seines Studiums zu uns.

Wie viele Sprachprofiler gibt es?

Drommel: An den Hochschulen gibt es einige Spezialisten, die sich mit forensischer Textanalyse befassen. Wirkliche Experten, die in der Lage sind, auch einen anspruchsvollen Fall zu lösen gibt es in Deutschland geschätzt maximal zehn.

Herr Rottler, erinnern Sie sich noch, an Ihren ersten Fall?

Patrick Rottler: Das war eine große Rechtsanwaltskanzlei, die von einem Hacker angegriffen wurde. Die IT-Experten konnten die Angriffe zwar abwehren, aber den Täter nicht identifizieren. Zeitgleich sind dann in einem Bewertungsportal Einträge aufgetaucht, die unseren Auftraggeber in ein schlechtes Licht rücken sollten. Aufgrund der Abkürzung „m. E.“, die für „meines Erachtens“ steht, und für Wissenschaftler und Rechtsanwälte typisch ist, lag der Verdacht nahe, dass die Angriffe von einem Mitbewerber stammen. Daraufhin haben wir die anonymen Bewertungen mit Vergleichsschriftmaterial von einigen Mitbewerbern verglichen und konnten den Verursacher schnell stellen.     | www.forensische-textanalyse.de

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6237468?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F
Ohne „White Christmas“ geht’s nicht
David Rauterberg hat das Rudelsingen erfunden.
Nachrichten-Ticker