Mobilität als Dienstleistung
Mit „Swapfiets“ für 15 Euro sorgenfrei

Münster -

Pascal Hoppe hat keine Lust mehr, sich Gedanken über kaputte Rücklichter oder schlappe Reifen zu machen. „Ich zahle hier 15 Euro und habe keine Sorgen mehr“, sagt der Swapfiets-Kunde, setzt sich aufs Rad und fährt los. 

Samstag, 15.12.2018, 10:47 Uhr aktualisiert: 15.12.2018, 17:47 Uhr
„Unser Produkt ist der Service“,sagen Alena Milte und Annika Albers von Swapfiets.
„Unser Produkt ist der Service“,sagen Alena Milte und Annika Albers von Swapfiets. Foto: Wilfried Gerharz

Der Student der Arabistik und Religionswissenschaften steht gerade im Laden von „Swapfiets“, um sich sein Rad abzuholen. Jeden Morgen pendelt er mit dem Zug von Natrup-Hagen nach Münster. Für die Fahrt vom Bahnhof zur Uni ist die Swapfiets für ihn die praktikabelste Lösung. Denn mit der Wartung will er nichts zu tun haben.

Hoppe fällt damit ziemlich genau in die Zielgruppe des jungen Unternehmens. Die Idee: Kunden bekommen für 17,50 Euro einen Monat lang Mobilität garantiert. Sind sie Studenten, sogar nur für 15 Euro. Dafür bekommen sie ein Fahrrad – und das Versprechen, bei einer Panne innerhalb eines Werktags entweder Ersatz oder den Schaden repariert zu bekommen.

Service als Produkt

„Jedes Licht, jeder Platten wird von uns repariert. Die Leute haben keine Lust mehr, sich damit herumzuärgern“, sagte Alena Milte, die den Standort in Münster leitet. „Unser Produkt ist der Service“, sagt sie. Anders als beim Leasing ist das Rad nicht irgendwann abbezahlt. „Bei uns zahlt man für den Service. Das Fahrrad ist nur ein Teil davon“, sagt Milte. Die Studierenden, die bei einer Panne früher ihr Fahrrad in den Keller stellten oder gleich am Bahnhof stehen ließen und zu Fuß gingen, rufen jetzt bei Swapfiets an und lassen ihr Problem regeln.

Seit dem 24. April ist der Laden in Münster geöffnet, inzwischen fahren dort annähernd 3300 Räder mit den blauen Vorderreifen. Gefühlt ist in Münster inzwischen jedes fünfte Vorderrad blau. Europaweit sind es nach „Swapfiets“-Angaben 80 000 Räder, die meisten davon in den Niederlanden. In Deutschland schießen die Läden wie Pilze aus dem Boden: Hierzulande sind es mittlerweile neun, weitere sind geplant.

Pascal Hoppe

Pascal Hoppe Foto: Stefan Werding

Studenten als allererste Kunden

Dass das oft Studentenstädte sind, ist kein Zufall. „Das sind unsere allerersten Kunden“, sagt Alena Milte, erste Mitarbeiterin von Swapfiets in Münster und damit auch deutschlandweit. „Unsere Kernzielgruppe ist bis Mitte 30 Jahre alt.“ Die ersten Kunden, die in ihren Laden kamen, würde sie als „First Mover“ bezeichnen, die neugierig auf etwas Neues sind.

Der Erfolg von Swapfiets ist Teil eines neuen Trends, den Fachleute als „Mobilität als Dienstleistung“ bezeichnen. „Service ist wichtiger als Besitz“, erklärt Alena Milte. „Kunden wollen etwas nutzen und nicht besitzen.“ Das sieht man an Streamingdiensten wie Spotify und Netflix, die CD und DVD bedeutungslos machen.

Verkehrsmittel effizient nutzen

Professor Christof Wetter von der FH Münster sieht das genauso: „Wer in einen Baumarkt geht und eine Bohrmaschine kauft, der will eigentlich keine Bohrmaschine, sondern ein Loch in der Wand.“ Und wer sich ein Fahrrad, ein Auto oder einen Roller kaufe, der wolle kein Fahrrad oder Auto und keinen Roller, sondern von A nach B. Anders als ­früher gebe es dafür „unendliche Möglichkeiten“.

Züge, Busse, Autos und Fahrräder gibt es schon lange, aber die Frage, wie man sie effizient nutzen kann, ist in einer digitalen Zeit deutlich einfacher zu regeln als vor 30 Jahren. Damals hat sich auch kein Mensch gefragt, welches das nachhaltigste Transportmittel sein könnte. Heute wohl. Apps wie „fromAtoB“ helfen inzwischen, die günstigsten, schnellsten und nachhaltigsten Transportmittel für eine Reise herauszufinden.

Gerade den Jüngeren geht es um diesen Mobilitätsmix, um das Zusammenspiel, wie alles funktioniert.

Alena Milte

„Gerade den Jüngeren geht es um diesen Mobilitätsmix, um das Zusammenspiel, wie alles funktioniert“, sagt Milte. Nervige Parkplatzsuche in den Großstädten, hohe Kosten, wenig Zeit und ein wachsendes ökologisches Bewusstsein führen dazu, dass nicht mehr jeder überall mit dem Auto hinfährt.

Swapfiets

Drei Maschinenbau-Studenten der niederländischen TU Delft haben „Swapfiets“ 2014 gegründet: Richard Burger, Martijn Obers und Dirk de Bruijn hatten ihre Mitstudenten auf heruntergekommenen Rädern beobachtet und sich gesagt, dass es dafür doch eine Lösung geben müsse. Sie kauften 40 gebrauchte Fahrräder, möbelten sie auf, verliehen sie und – das war das Besondere –  garantierten, vorbeizukommen und sie zu reparieren oder auszutauschen, wenn sie kaputtgingen. Swapfiets setzt sich zusammen aus dem englischen Wort to swap (tauschen) und der holländischen „fiets“. Die Niederlassung in Münster war die erste Station in Deutschland. „Unsere Erfahrung: Münsteraner sind den Holländern am ähnlichsten. Ihre Art, Rad zu fahren, ähnelt der der Niederländer mehr als in anderen deutschen Städten“, sagt Alena Milte.

...

„Wir brauchen den Umstieg, die Möglichkeit, dass jeder, der möchte, einfach und schnell über Mobilität verfügt“, sagt Professor Wetter. Die Macher von „Swapfiets“ hätten „den Kern des Zeitgeistes getroffen“, sagt er. Ziel könne es nicht sein, verstopfte Straßen voller Autos mit Verbrennungsmotoren durch verstopfte Straßen mit Autos voller E-Motoren zu ersetzen, sondern die passende Mobilität für jede Distanz zu bekommen.

Konzept muss sich beweisen

Münsters Innungsmeister Georg Weigang ist dagegen hin- und hergerissen. „Für Münster, für Studierende, für die Umwelt und gegen das Verkehrschaos in Münster ist die Idee toll“, sagt er. Für Mitgliedsbetriebe, die „in hohem Maße von Reparaturleistungen leben“ und denen „Swapfiets“ Aufträge nehmen wird, sieht er ein großes Problem. Und ob das Konzept so nachhaltig und wirtschaftlich sei, wie es aussieht, müsse sich über die Jahre zeigen.

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