Wohnungsnot
Mietervereine schlagen Alarm – Dezernent warnt vor Panikmache

Münster -

Münsters Wohnungsmarkt hat eher große als kleine Probleme. Mietervereine und Caritas schlagen bereits Alarm. Auch die Stadt weiß um die kritische Situation. Dennoch warnt Dezernent Peck vor einer Panikmache.

Samstag, 22.12.2018, 12:00 Uhr aktualisiert: 22.12.2018, 12:04 Uhr
Bezahlbarer Wohnraum ist in Münster Mangelware.
Bezahlbarer Wohnraum ist in Münster Mangelware. Foto: dpa

Mietervereine schlagen Alarm, die Caritas schreibt, sie komme an ihre Kapazitätsgrenze bei Hilfsangeboten für Wohnungslose, und Linken-Politiker Rüdiger Sagel beklagt die steigende Armutsquote in der Stadt, die mit immer höheren Mietpreisen einhergehe. Münsters Wohnungsmarkt hat eher große als kleine Probleme.

Um diese Situation weiß auch die Verwaltung. Doch entgegen der Aussagen anderer Protagonisten in der Stadtgesellschaft mahnt Matthias Peck , Dezernent für Wohnungsversorgung, vor Panikmache. „Das, was nicht nur in Münster, sondern bundesweit 20 Jahre lang versäumt wurde, lässt sich nicht in zwei Jahren aufholen“, sagt Peck. Er sieht die Stadt auf dem richtigen Weg, auch wenn man sicher noch schneller und besser werden könne. Doch zum zweiten Mal in Folge habe die Stadt in diesem Jahr mehr als die 300 Sozialwohnungen bewilligt, die der Rat von der Verwaltung fordere. Mit 385 sind es sogar 75 mehr als im Vorjahr.

Das aber reicht längst nicht allen. Mindestens 500 Sozialwohnungen im Jahr fordert Sagel – sowie eine Verdreifachung des Sozialetats für arme Familien und alte Menschen. Bei Peck sorgt die erste Forderung für Verärgerung. In Münster, so Peck, konnten die im vergangenen Jahr bewilligten Wohnungen nur gebaut werden, weil neben den 25 Millionen Euro Fördergeld des Landes für Münster auch noch Fördergelder abgerufen worden seien, die andere Kommunen nicht verwendeten. 22 zusätzliche Millionen seien es 2018 gewesen. „Wir sind da nicht nur in NRW vorne, sondern auch bundesweit in der Spitze“, sagt Peck, der betont, dass das Land den Einsatz anerkenne, in dem im kommenden Jahr von vornherein zehn Millionen mehr Fördergelder für Münster zur Verfügung stünden.

Gesamtzahl der Sozialwohnungen in Münster steigt

Er widerspricht damit Caritas-Vorstand Thomas Schlickum, der geurteilt hatte, die Stadt habe in den vergangenen Jahren zu wenig für den sozialen Wohnungsbau getan. Obwohl immer wieder Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen würden, steige die Gesamtzahl der Sozialwohnungen in Münster, so Peck. Er warnt aber auch vor dem Jahr 2028, in dem über 1000 ehemalige LEG-Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen werden. „Das wird ein Schlag ins Kontor.“

Sagel richtet seine Vorwürfe nicht nur an die Stadt, sondern vor allem an das schwarz-grüne Ratsbündnis. Das mache Politik für Besserverdienende und verliere so die Probleme großer Teile der Bevölkerung aus dem Blick. In dem Punkt bekommt er indirekt Schützenhilfe von Dezernent Peck, der sagt: „Alleinerziehende, Alleinlebende, Rentner, Studenten – das ist auch die Mitte der Gesellschaft“. Sein Beleg: Die Hälfte der Menschen in NRW hätte mittlerweile Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein.

5000 Sozialwohnungen, so sieht es Rüdiger Sagel, fehlen in Münster. Die wird es trotz freier Kasernenflächen auch in naher Zukunft nicht geben. Peck ist sich dennoch sicher: Bleibt es beim pro­gnostizierten Zuzug in Münster, werde sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt mittelfristig verbessern: „Angespannt aber wird es trotzdem bleiben.“  

Kommentar

Logischer Konflikt

Nicht wenige in Münster warnen vor einer Veränderung der Stadtgesellschaft, weil sich viele im Innenstadtbereich keine Wohnung mehr leisten können. Die Stadt dagegen wähnt sich auf dem richtigen Weg, sieht die eigenen Instrumente greifen und spricht sogar davon, im bundesweiten Vergleich beispielhaft vorzugehen.

Irgendwer muss hier also Unrecht haben. Oder? Nein, in der Tat haben beide Seiten recht. Nur die Blickwinkel sind in diesem Fall völlig verschiedene. Während die einen sofort bezahlbaren Wohnraum brauchen, sind die anderen schon zufrieden, wenn die von allen festgestellte Entwicklung langsam umgekehrt werden kann.

Diese unterschiedliche Herangehensweise sorgt automatisch für Konflikte. Die große akute Not aber lässt alle Beteiligten eine Sache verkennen: Bezahlbarer Wohnraum entsteht letztlich nicht durch sozial gebundene Wohnungen. Er entsteht einzig und allein dadurch, dass genügend Wohnungen für alle zur Verfügung stehen. Wer mehr Bürger aufnehmen will, muss wachsen. Dafür braucht es bezahlbares Land. Viel – und schnell. 

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