In der Stille
Münsters ruhige Arbeitsplätze

Münster -

Stille wird von jedem anders wahrgenommen. Wer sie gezielt sucht, empfindet sie oft als eine Art der Meditation; als Konzentration und Besinnung. Andere benötigen die Stille, um sorgfältig arbeiten zu können. Wir haben Menschen getroffen, die mit der Stille Erfahrung haben. Hoch oben über den Dächern der Stadt Münster; in einer Bibliothek, in der die großen Meister der Philosophie in aller Stille auf Publikum warten. Und in einem Stille-Raum.

Montag, 24.12.2018, 10:26 Uhr aktualisiert: 24.12.2018, 11:25 Uhr
In der Stille: Münsters ruhige Arbeitsplätze
Martje Saljé verlässt an sechs Tagen die Woche die Welt und steht auf dem Turm von St. Lamberti. Sie tutet jede halbe Stunde – nach Süden, nach Westen, nach Norden. Nach Osten tutet sie nie – wie alle Vorgänger auch nicht. Foto: Gunnar A. Pier

Über den Dächern von Münster

Martje Saljé zählt. Jede Stufe auf dem Weg nach oben. Dass es 300 an der Zahl sind, weiß die Türmerin von St. Lamberti in- und auswendig. Trotzdem liebt sie das Ritual zum Dienstantritt. Mit jeder Stufe nach oben, rauf auf den Turm, so erzählt sie später, komme sie persönlich runter. Über ihre eigene Formulierung muss die Türmerin dann allerdings schmunzeln. Und schiebt amüsiert hinterher: Sie sei ­also nicht tiefen-, sondern höhenentspannt . . .

Die Türmerstube liegt 75 Meter über dem Kopfsteinpflaster des Prinzipalmarkts. Vom Balkon hat Martje Saljé bei klarem Wetter einen wunderbaren Blick über die Stadt. An diesem Donnerstagabend pulsiert das Leben zu Füßen von St. Lamberti. An den Glühweinständen des Weihnachtsmarktes stehen Menschen. Die Geschäfte haben noch geöffnet. „Gleich wird es ruhiger“, kündigt sie an und kann sich am Mond, der wie „eine Schaukel am Himmel hängt“, gar nicht sattsehen.

Seit vier Jahren steigt Martje Saljé an sechs Tagen die Woche hinauf auf den Kirchturm. Von 21 Uhr bis Mitternacht tutet sie mit ihrem Türmer-Horn jede halbe Stunde über den Prinzipalmarkt im Süden, den Domplatz im Westen, den Drubbel im Norden. Dazwischen hat sie Zeit. Zum Lesen. Nachdenken. Musizieren. Schreiben. Alleinsein. Wer die Stille nicht aushalte, sei in der Stube fehl am Platz. „Meine Turmzeit ist meine Glückszeit“, sagt sie und weiß, dass sie einen perfekten Arbeitsplatz gefunden hat.

Wenn Martje Saljé über die Brüstung nach unten schaut, erlebt sie berührende Momente. Turmfalke Falko erweist ihr treu die Ehre. Manchmal rufen die Menschen rauf zu ihr. „Rapunzel“ oder „Zugabe“. Die Türmerin mag diesen Austausch zwischen den Welten. Mittwochs und samstags ist es zu später Stunde in der Stadt noch lebendig. Das spürt die Türmerin hoch oben über den Dächern. Sonntagabend empfindet sie die Ruhe, die die Stadt ausstrahlt, als pittoresk. Manchmal sei die Atmosphäre fast schon unwirklich. Heiligabend wird Martje Saljé die stille Nacht von ihrem Turm erleben. Sie wird tuten und es genießen, wenn die Lichter der Stadt ausgehen. Ganz bestimmt wird sie zur „Überfrau“, der Skulptur des New Yorker Künstlers Tom Otterness in der Büchereigasse, blicken. „Ich stelle mir immer vor, dass wir uns angucken“, sagt die Türmerin. Ihr letzter Gruß wird aber wie jeden Abend still und leise Richtung Tibus-Residenz geschickt. Ein friedlicher Tagesabschluss.

Kunstvolle Stille wirkt erfüllend

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Raum der Stille in Gold. Foto: Roland Weihrauch

Hildegard Stephan staunt immer wieder über die Reaktionen auf ihren Goldraum. Kürzlich schrieb eine Besucherin ihr, dass sie sich in dem Kubus wie in einem Tresor gefühlt habe. Weder gefangen, noch eingeschlossen. Vielmehr bedeutend  und wertvoll. „Das ist doch eine wunderbare Erfahrung“, findet Hildegard Stephan und fühlt sich bestärkt: Ihr Goldraum, so minimalistisch im Design, entfaltet als Raum der ­Stille und des Lichts maximale Wirkung.

Bis Anfang März 2019 bleibt der Kubus der Künstlerin, die aus dem Taunus stammt, auf dem Burgplatz vor dem Essener Dom. Die Tür steht für jedermann offen, der Stille sucht. Wer sich auf das Kunst-Experiment einlässt, werde mit einem unerwarteten Erlebnis belohnt. Was jeder einzelne ­spüre, sei nicht vorherzusagen. „Der Raum gibt aber Impulse“, ist sich die Künstlerin ­sicher. Sie hat ihre eigenen Erfahrungen mit Stille gemacht. Sehr heilsame. Und die für den Goldraum genutzt.

Ausgekleidet ist der 3,50 mal 3,50 Meter große Raum komplett mit 23 Karat Blattgold.  Ein wertvolles Material, das, weil nicht poliert, wohlig warm strahlt. Im Innern steht ein Hocker. Auf dem darf der Gast Platz nehmen – und den Raum auf sich wirken lassen. Das Gold, die Stille. Die sei, so ist sich die Künstlerin sicher, erfüllend und schärfe das Bewusstsein für die individuelle Kostbarkeit.

Stiller Respekt für alte Meister

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Bibliothekar Norbert Mertens Foto: Jürgen Christ

Wenn Norbert Mertens abends nach Hause geht, dann verlässt er die ­Bibliotheken im Philosophikum Münster zuweilen mit Ehrfurcht. Nicht, weil das moderne Gebäude zwischen Fürstenberghaus und dem Bischöflichen General­vikariat hochgelobt und mit Preisen bedacht worden ist. „Hier ruhen so viele große Denker“, sagt er und lässt seinen Blick über die schier endlosen Bücherregale schweifen . . .

160.000 Bücher, allein 70.000 philosophische Werke, hat der Bibliothekar in seiner Obhut. Die Meister von Sokrates über Aristoteles bis Kant und Hegel verströmten für ihn eine faszinierende Aura. „Die kann es in einer naturwissenschaftlichen Bibliothek nie geben.“ Schließlich hätten die Gedanken und Aus­einandersetzungen der alten Meister Jahrhunderte überdauert: „Man muss ihnen einfach mit Respekt begegnen.“

Dieser Respekt hat für Norbert Mertens immer mit Stille zu tun. In einer Bibliothek, so findet er, sollen sich Besucher in die Arbeit versenken. Den Büchern und Inhalten Zeit und Ruhe schenken. Deshalb versteht er sich als eine Art Hüter der Stille. Das Team  der Bibliothek passt auf, dass die Besucher die Bedingungen dafür im Philosophikum vorfinden und auch respektieren. Nur so, da ist sich Norbert Mertens sicher, gelinge die Kommunikation mit den Meistern. In aller Stille eben.

Stille Arbeitsplätze

In den USA gibt es einen Ort, an dem 99,99 Prozent der Geräusche absorbiert werden. Es ist ein Labor der „Orfield Laboratories“. In dem schalltoten Raum in Minnesota hält es niemand länger als 45 Minuten aus – sagen Personen, die diesen Ort der Stille bereits betreten haben. Dicke Wände und Spezialkonstruktionen aus Glasfaser, Stahl und 30 Zentimeter dickem Beton sollen das Gefühl ­wecken, als sei man von der Welt abgeschnitten. Der Fußboden gibt wie ein Trampolin nach – damit bloß keine Geräusche beim Gehen entstehen. Noch stiller ist es im ­Building 87 auf dem Microsoft-Campus in Seattle. Das dortige Audio-Lab ist eine speziell abgedichtete Kammer – ein Raum im Raum. Die Lautstärke kommt auf minus 20,3 Dezibel. Die totale Stille ist für viele Menschen unangenehm beängstigend. Wenn das Licht ausgeschaltet wird, bekommen Besucher im Building 87 sehr schnell Schwindel­gefühle. Dieses Labor hat das in Minnesota im Guinness-Buch der Rekorde als stillsten Ort der Welt abgelöst. Still ist es übrigens auch im Weltall – obwohl jede Reise dorthin mit ohrenbetäubendem Lärm beginnt. Im All ist nichts zu hören. Das liegt daran, dass dort oben ein fast perfektes Vakuum herrscht. Dort gibt es nichts, das den Schall tragen könnte. Somit sind die Astronauten von vollkommener Stille umgeben. Wie er die empfindet, kann Alexander Gerst sicherlich bei einem seiner nächsten Interviews schildern. Denn wenn alles klappt, ist der ISS-Kommandant zur stillen Nacht wieder auf Erden!

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