Geplante Verdichtung
In der Aaseestadt kehrt keine Ruhe ein

Münster -

Die Bürgerinitiative Aaseestadt will sich mit dem geplanten Abriss von Wohnungen nicht abfinden. Unsere Zeitung sprach mit ihrem Sprecher Prof. Bertels.

Freitag, 28.12.2018, 19:00 Uhr aktualisiert: 28.12.2018, 19:16 Uhr
Luftbild der Aaseestadt 
Luftbild der Aaseestadt  Foto: Cengiz Sentürk

Gewiss: Lothar Bertels wohnt an der Mierendorffstraße. Er ist also Betroffener, wenn das städtische Unternehmen Wohn- und Stadtbau im kommenden Jahrzehnt in der Aaseestadt eine sehr weitreichende Nachverdichtung umsetzen möchte.

Zugleich ist Pensionär Bertels promovierter Soziologe, der sich jahrzehntelang mit Raumplanung und Stadtforschung beschäftigt hat. Was er in den letzten Monaten vor seiner Haustür erlebte, treibt ihn auch fachlich um: „Aufwand und Ertrag stehen bei der angestrebten Nachverdichtung in keinem vernünftigen Verhältnis“, so sein Urteil. Dass ganz nebenbei „die intakte Sozialstruktur eines bestehenden Quartiers zerstört wird“, lässt der Sprecher der Bürgerinitiative Aaseestadt nicht unerwähnt.

Abriss von 63 Wohnungen geplant

Zu den Fakten: In dem Quartier der Wohn- und Stadtbau existieren aktuell 192 Wohnungen, von denen das Unternehmen in einem mehrjährigen Prozess 63 abreißen und 125 neu bauen will. Seit Mai wird öffentlich über die geplante Veränderung diskutiert. Bertels ist dabei nach eigenem Bekunden auf Fragen gestoßen, „die von der Wohn- und Stadtbau wie auch von der Stadt bislang nicht beantwortet wurden“.

Prof. Dr. Lothar Bertels, Bürgerinitiative Aaseestadt

Prof. Dr. Lothar Bertels, Bürgerinitiative Aaseestadt Foto: kb

Es fange damit an, dass die geplante Nachverdichtung begründet werde mit bestehenden Problemen im Quartier. Zugleich habe die Bürgerinitiative in den betroffenen 192 Haushalten 277 Unterschriften gegen den geplanten Abriss von Wohnungen gesammelt. Das führt Bertels zu der Frage: „Auf welcher Basis wird die Planung vorangetrieben?“

Eigene Vorschläge eingebracht

Bertels war als Anwohnervertreter (ohne Stimmrecht) auch dabei, als ein Preisgericht über den Siegerentwurf für die Neugestaltung des Quartiers entschied. Dabei sei stets von dem Erfordernis einer generationengerechten Weiterentwicklung des Quartiers die Rede gewesen, so der Soziologe. „Einen Preisrichter, der genau auf diesen Aspekt sein Augenmerk legte, gab es aber nicht.“ Vielmehr seien die Befürworter einer Nachverdichtung unter sich gewesen.

Kommentar: Wohnen auf Abruf

Nachverdichtung ist in dieser Stadt eine Realität, zugleich aber auch eine Sorge. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass die Stadt Münster das anhaltende Bevölkerungswachstum bewältigen kann, ohne den Menschen in vielen bestehenden Quartieren Veränderungen zuzumuten.

In der Aaseestadt ist geplant, in dem Quartier an der Mierendorffstraße von 196 vorhandenen Wohnungen 63 abzureißen und in dem Areal dann 125 neue zu bauen. Teilweise, indem man zwischen bestehende Wohnblöcke neue schiebt und so die Abstandsflächen dramatisch verringert. Einen solchen Eingriff kann man nur schwerlich eine Veränderung nennen, es ist eher eine komplette Umwälzung, ein „Kahlschlag“, wie es Anwohner formulieren.

In der Aaseestadt ist die aktuelle Nachverdichtungsdebatte an einem entscheidenden Punkt angelangt: Darf die politisch gewollte Schaffung neuer Wohnungen als Rechtfertigung dafür herhalten, existenzielle Ängste bei (häufig älteren) Mietern auszulösen? Genau das ist eingetreten.

Bei dem Vorhaben des städtischen Unternehmens   Wohn- und Stadtbau läuft irgendetwas schief. Das erkennt man auch daran, dass bereits jetzt eine massive Verängstigung eingetreten ist, obwohl erst in drei oder vier Jahren gebaut werden soll. Ist das ein Trost für Menschen im Pensionsalter, denen noch zwei Umzüge bevorstehen und die quasi auf Abruf in ihrer Wohnung leben? Klaus Baumeister

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Zu der elfköpfigen Jury gehörten seinerzeit vier Ratsmitglieder und zwei Mitarbeiter der Stadtverwaltung, für die neue Wohnungen oberste Priorität haben. Weiter saßen in der Jury drei Vertreter der Wohn- und Stadtbau, die diesen Wunsch der Stadt erfüllen soll.

Damit die Bürgerinitiative nicht bloß als Blockierer erscheint, hat sie laut Bertels einen eigenen Vorschlag erarbeitet. Sie plädiert dafür, das Dachgeschoss aller infrage kommenden Gebäude in der Aaseestadt auszubauen und so bis zu 40 zusätzliche Wohnungen zu schaffen. „Die Anwohner sperren sich nicht gegen Veränderung, wohl aber gegen einen Abriss.“

Jaeger: "Konversion hat Vorrang"

Der städtebauliche Wettbewerb für die Umgestaltung der Aaseestadt ist mittlerweile abgeschlossen – Eile, das Ergebnis umzusetzen, hat das städtische Tochterunternehmen Wohn- und Stadtbau jedoch nicht. „Die Konversion hat Vorrang“, betont Geschäftsführer Dr. Christian Jaeger gegenüber unserer Zeitung, also die Bebauung der 2018 von der Stadt erworbenen Kasernen in Gremmendorf und Gievenbeck.

Das für die Umgestaltung der Aaseestadt erforderliche Bebauungsplanverfahren werde es „irgendwann“ geben, „wenn wir dafür mehr Zeit haben“. Die für die Neubauten erforderlichen personellen Ressourcen seien nun erst einmal an die Kasernen-Projekte gebunden. In der Aaseestadt habe zunächst die Modernisierung von 70 Wohneinheiten Priorität – ab 2020/2021.

Der Abriss und Neubau mehrerer Häuser solle frühestens ab 2022/2023 erfolgen. Schiebt die Wohn- und Stadtbau damit das umstrittene Projekte auf die lange Bank? Nein, sagt Jaeger, man wolle das Projekt auf jeden Fall umsetzen. -kal-

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