Tim Hackemacks neues Buch „More than fashion“
Kutten voller Kreativität

Münster -

Punk-Kutten und -Westen sind Ausdruck von Kreativität und verdeutlichen den Lifestyle ihrer Träger. Sie sind Alleinstellungsmerkmale mit Ästhetik. Tim Hackemack hat in seinem neuen Buch nicht nur einige davon fotografiert, sondern erzählt die Geschichten hinter den Outfits.

Mittwoch, 09.01.2019, 22:00 Uhr
Nicoles Siouxsie-Aufnäher war vorher ein zu klein bestelltes Shirt. Eines von vielen Fotos aus dem Buch von Tim Hackemack.
Nicoles Siouxsie-Aufnäher war vorher ein zu klein bestelltes Shirt. Eines von vielen Fotos aus dem Buch von Tim Hackemack. Foto: Tim Hackemack

Es ist ein kleines rotes Elektronikbauteil am Kragen einer Jacke aus sogenanntem Froschfotzenleder. So nannte man das Lederimitat im Osten des geteilten Deutschlands. Das rote Symbol ist ein Widerstand aus einem Radio und sollte genau das in der DDR symbolisieren. Jacken haben nicht nur eine Vergangenheit, sie erzählen auch eine Geschichte.

Tim Hackemack hat sie für sein neues Buch „More than fashion“ gesammelt. Es sind traurige dabei, auch lustige, immer aber emotionale. „Einige finden es toll, eine Jacke mit vielen Aufnähern zu haben, andere schaffen sich damit ihr Lebenswerk“, erzählt Hackemack.

Aufnäher von Spice Girls oder Anarcho-Sprüchen

Die Idee hatte er bereits vor zwei Jahren, als sein Bildband „Yesterday‘s Kids“ erschien. 77 Porträts über Punks. Deshalb grenzt er sich auch diesmal bewusst von anderen Kuttenträgern wie Heavy-Metal- oder Fußball-Fans ab: „Die Metal-Kutte hat nur Musikaufnäher, beim Punk geht es aber um viel mehr.“

Tim Hackemacks Buch über Punk-Kutten

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  • Zottis Weste ist aus einem Secondhandladen in Essen: "Den PVC-Backpatch auf der Weste habe ich seit circa acht Jahren und er war ursprünglich mal ein T-Shirt und gehörte meinem Kumpel, dem Mottenkönig."

    Foto: Tim Hackemack
  • Die erste Turbojugend entstand 1196 in Hamburg. Um hier eine Kutte zu bekommen, muss man in einem Chapter aufgenommen werden.

    Foto: Tim Hackemack
  • Saschas Endless Nightmare Crew auf den Schultern kam von einer israelischen Band, mit der er auf Europatour war.

    Foto: Tim Hackemack
  • Roni hat die Jacke von einem Freund bekommen und hat seitdem viel Arbeit in sie gesteckt. Er hat alles selbst gemacht, bis auf den Conflict-Schriftzug: "Den hat meine Frau Wenke gemalt."

    Foto: Tim Hackemack
  • Karl: "Die Kutte war ein gutes Erkennungsmerkmal, um Freunde wie Feinde auf sich aufmerksam zu machen."

    Foto: Tim Hackemack
  • Sarah ist stolze Besitzerin von mittlerweile vier kompletten Kutten. Die Hot-Rod-Pussy-Kutte und die Spice-Girls-Kutte sind ihre absoluten Favoriten.

    Foto: Tim Hackemack
  • Das Amebix-Artwork auf dem Rücken von Kalles Kutte hat seine Freundin Julia gemalt.

    Foto: Tim Hackemack
  • Marcos Spitzname war Kutte, irgendwann ist daraus Kutter geworden: "Was Black Flag angeht, war doch alles nach 1982 absolut scheiße."

    Foto: Tim Hackemack
  • Ainstain: "Wenn Texte oder Sprüche auf der Jacke verblassten, habe ich oft was anderes drübergeschrieben oder -gemalt."

    Foto: Tim Hackemack
  • Dirty hat seine Jacke Anfang der Achtzigerjahre bekommen: "Bemalt habe ich die Jacke mit Nitrolack (Nitrocelluloselack), damit haben wir alles draufgeschrieben."

    Foto: Tim Hackemack
  • Eve hat ihre Wolfpack- und Warvictims-Patches aus dem Internet. Ihre Weste und die Kutte sind für sie ein Teil "meines Übergangs in das Erwachsenenleben".

    Foto: Tim Hackemack
  • Die ersten Aufnäher, die auf Nicoles Jacke landeten, waren der mit den Augenball-Pflanzen und der Siouxsie-Sioux-Backpatch, was vorher ein zu klein bestelltes Shirt war.

    Foto: Tim Hackemack
  • Alina: "Ich habe jede einzelne Niete mit Papas Schraubendreher durchgestochen".

    Foto: Tim Hackemack
  • Tim Hackemack erzählt in seinem zweiten Buch die Geschichten von Punk-Kutten und deren Trägern.

    Foto: Tim Hackemack

Von dem Begriff Kutte distanziert sich der Journalist und freischaffende Fotograf mittlerweile etwas, er bevorzugt Punkjacke. Auch das Wort Mode mag er nicht, denn sie bedeutet Masse und eben nicht Unikat: „Mode ist etwas, was man von der Stange kauft. Mode heißt auch immer, Trends hinterherzurennen“.

Die meisten Leute, die er getroffen hat, kommen aus Deutschland. Aber auch aus Australien und Kanada. Einige haben die Idee als Hommage an ihre Jacke empfunden, andere als Ideenklau. Deshalb haben einige auch nicht mitgemacht, weil man nicht alles mit der Welt teilen muss. Gibt es Mentalitätsunterschiede bei den Punkjackenträgern in den unterschiedlichen Ländern? „Der Australier neigt meist nicht zur dicken Winterjacke, aber in der Attitüde der Menschen gibt es keinen Unterschied“, weiß Hackemack aufgrund seiner Recherchen.

Sein Bildband zeigt Fotos von Leder-, Stoffjacken und auch Jeanswesten mit Aufnähern von John Peel, Spice Girls oder Anarcho-Sprüchen. Sogar Grobi mit dem Schriftzug Speedpunk ist zu finden.

Wunderbar detailverliebt

Der jüngste Kuttenträger ist gerade mal zwei Jahre alt und heißt Con. Der münsterische Moderator Adam Riese darf seine Lederjacke präsentieren, und selbst Hackemacks für 180 DM auf einer Ledemesse in der Halle Münsterland erstandene Kutte wartet mit einer lustigen Story auf.

Welches ist seine Lieblingsgeschichte?

Es sind viele. Eine davon ist die von Fabsi, Sänger der Bremer-Punkrockband Die Mimmi‘s, den Hackemack an einer Autbahnraststätte getroffen hat und der in seiner Lederweste zufällig einen Zettel mit einer Telefonnumer findet. Er ruft die Nummer an und hat die Mutter seines alten Kumpels Aki Schneider am anderen Ende der Leitung. Sie gibt ihm dessen neue Nummer und schon gibt es einen weiteren Kandidaten, der bereitwillig seine Jacke von Hackemack abfotografieren lässt. Und auch er findet in einer seiner Kutte einen alten Brief von seinem Vater.

Tim Hackemack hat mit „More than Fashion“ seinen zweiten Bildband veröffentlicht.

Tim Hackemack hat mit „More than Fashion“ seinen zweiten Bildband veröffentlicht. Foto: Tim Hackemack

Für manch einen ist die Jacke wie eine zweite Haut. „Es gibt Leute, die haben seit 30 Jahren eine einzige Kutte, anderen dagegen haben 30 verschiedene“, sagt Hackemack.

Es gibt in dem Buch viel zu entdecken. Outfits mit abgerissene Ärmel, mit dem Schraubendreher durchstochene Nieten, Leopardenfell. Sie sind Ausdruck von Kreativität und verdeutlichen den eigenen Lifestyle, sind Mittel der Identifikation jedes einzelnen Besitzers. Es sind Alleinstellungsmerkmale mit Ästhetik. Und die präsentiert Hackemacks Buch auf wunderbar detailverliebte Weise.

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