Vor 50 Jahren
Proteste gegen Kanzler Kiesinger als Ehrengast des Kramermahls

Münster -

Am 22. Januar 1969 war der damalige Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger Ehrengast beim Kramermahl in den politisch aufgeheizten Zeiten für die aufbegehrende Jugend war das frühere NSDAP-Mitglied Kiesinger, eine Provokation – und eine Einladung zum Protest.

Dienstag, 22.01.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 22.01.2019, 08:41 Uhr
Sitzblockade vor dem Rathaus: Auf dem Prinzipalmarkt demonstrierten am 22. Januar 1969 mehrere Tausend vorwiegend junger Menschen gegen den Ehrengast des Kramermahls, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger.
Sitzblockade vor dem Rathaus: Auf dem Prinzipalmarkt demonstrierten am 22. Januar 1969 mehrere Tausend vorwiegend junger Menschen gegen den Ehrengast des Kramermahls, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Foto: Sammlung Hänscheid, Stadtmuseum

Ein so hochrangigen Ehrengast beim Kramermahl der münsterischen Kaufmannschaft war einzigartig. Am 22. Januar 1969 – am heutigen Dienstag vor 50 Jahren – wurde dort der amtierende Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger empfangen – doch sein Kommen verbreitete in Münster nicht nur Freude.

Denn Kiesinger, seit 1933 NSDAP-Mitglied, war wegen seiner Vergangenheit in den Jahren des Nationalsozialismus in den Jahren der Studentenbewegung hoch umstritten. Am 7. November 1968 hatte die Journalistin Beate Klarsfeld Kiesinger beim CDU-Parteitag vor laufenden Kameras, sichtbar für die ganze Republik, geohrfeigt. Proteste der Studentenbewegung vor dem Rathaus waren an jenem 22. Januar also programmiert.

Draußen Lärm, drinnen Ruhe

Die Polizei und die Organisatoren der Veranstaltung hatten sich darauf eingerichtet. Die Fensterscheiben des Rathauses waren von innen mit Holzbrettern verschalt worden, um zu verhindern, dass während des Kramermahls Gegenstände in den Festsaal geworfen wurden. Mehrere Tausend, meist junger Leute, demonstrierten am Abend bei Regen auf dem Prinzipalmarkt vor den Eingängen zum Rathaus. Der Ehrengast wurde durch einen Hintereingang in den Friedenssaal gelotst, wo er vor dem Kramermahl vom damaligen Oberbürgermeister Dr. Albrecht Beckel empfangen wurde.

Die Protestchöre der Demonstranten vor dem Rathaus drangen zwar, so die damalige Berichterstattung in dieser Zeitung, schwach ins Innere des Rathauses. Die Mauern und verrammelten Türen trennten aber klar die gegensätzlichen Wahrnehmungswelten in der gerade einmal 20 Jahre alten Bundesrepublik.

Draußen die Jugend, die gegen den Bundeskanzler mit Nazi-Vergangenheit aufbegehrte, drinnen die etablierten Repräsentanten der Stadtgesellschaft, die keine Kritik an Kiesingers Person und Vita äußerten – minutenlang Beifall zollten, als dieser die Proteste vor dem Rathaus abtat: „Gehen wir mit der Gewissheit in die Zukunft, dass wir die Zustimmung des Volkes bei uns wissen“, wird Kiesinger in der Berichterstattung unserer Zeitung am Folgetag wörtlich zitiert, und weiter: „Lassen wir uns nicht durch Lärmszenen aus der Ruhe bringen.“

„Karnevalsstimmung“ bei den Demonstranten

Vor den Rathauseingängen versuchte unterdessen eine Hundertschaft der Polizei, so berichtete es ebenfalls unsere Zeitung, die Demonstranten vom Eindringen zu hindern. Einer von ihnen war der damals 22-jährige Student Winfried Nachtwei, später langjähriger münsterischer grüner Bundestagsabgeordneter in Berlin. Er nahm, wie er sich später anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen erinnert, die Situation damals als wenig dramatisch wahr. Er berichtet von „Karnevalsstimmung“, als die befrackten Ehrengäste des Kramermahls von den Demonstranten mit „Heil!“ begrüßt worden seien.

Einige Protestierenden setzten sich auf den Boden um das Vorrücken der Polizei zu verhindern, die zum Räumen des Platzes aufgefordert hatte, so Nachtweis Erinnerung: „Kampfmittel und -Ergebnisse: Körperkraft beim Drängeln, ein Ei, etwas Pfeffer, eine Polizeimütze fliegt, eine blutige Nase, irgendwo ein Armbruch, sonst nichts.“ Diese Beobachtungen decken sich im Grundsatz mit der Darstellung in den WN. Dort war von „aggressiven Demonstranten“ die Rede, die defensive Taktik der Polizei, die auf die Räumung des Prinzipalmarktes verzichtete, um eine Eskalation zu vermeiden, wurde vom damaligen Einsatzleiter im Nachhinein in der Zeitung verteidigt. Fünf Hundertschaften der Polizei seien insgesamt im Einsatz gewesen, vier standen mit einem Wasserwerfer im Hintergrund bereit.

Der strömende Regen habe dafür gesorgt, dass sich viele der Demonstranten und Schaulustigen irgendwann zerstreuten, heißt es damals in der Berichterstattung.

Drinnen nahm das Kramermahl seinen Fortgang mit „Münsterländer Schinken auf Landbrot, Mettwurst mit Grünkohl und Röstkartoffeln“ seinen Fortgang. Kiesinger hatte in seiner Rede festgestellt, dass, so der Zeitungsbericht, „bis auf zwei, drei Prozent die Bevölkerung mit der Arbeit der Regierung einverstanden“ sei. Grundanliegen des Bürgers der Bundesrepublik sei es, „gut zu verdienen und seine Familie ernähren und kleiden zu können“, zitierte die WN den Kanzler.

Die Bundestagswahlen acht Monate später brachten ein anderes Ergebnis. Die Kanzlerschaft Kiesingers, der die erste große Koalition der Bundesrepublik regiert hatte, war Geschichte.

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