Lastenrad statt Lieferwagen
Die Ökotransporter sind auf dem Vormarsch

Münster -

Postautos, die die Innenstädte blockieren, Handwerker, die für ihre Autos Parkplätze suchen, anstatt ihre Arbeit machen zu können, Getränkelieferanten auf Bürgersteigen. Das Lastenrad wird auch im gewerblichen Bereich immer öfter als Alternative zum Transporter entdeckt.

Samstag, 26.01.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 26.01.2019, 17:59 Uhr
Die verschiedensten Paketdienste testen gerade überall in Deutschland, wo und wie sie Transporter durch Lastenräder ersetzen können.
Die verschiedensten Paketdienste testen gerade überall in Deutschland, wo und wie sie Transporter durch Lastenräder ersetzen können. Foto: Hermes

Die Frage „Darf ich dich mal anfassen?“ kennt Schornsteinfeger André Weber schon. Doch seitdem er mit einem Lastenrad durch die Gegend fährt, ist eine neue dazugekommen: „Darf ich mal in deine Kiste gucken?“ Der 27-Jährige kehrt seit eineinhalb Jahren in Münster Schornsteine, misst die Daten von Gasthermen und kontrolliert Rauch­melder.

Dafür fährt er auf einem Lastenrad mit E-Motor von Kunde zu Kunde. Vorne dran eine ­Kiste, 90 mal 58 mal 53 Zentimeter groß. Die reicht aus, um zwei Leitern, die Besen, eine Tasche voller Messgeräte und all das Kleinzeug zu transportieren, das ein Schornsteinfeger für seine tägliche Arbeit braucht.

Das Potenzial der Lastenräder

Weber nutzt damit ein Verkehrsmittel, dem viele Experten noch viel mehr zutrauen. Die Bundesregierung hat schon 2016 darauf hingewiesen, dass „viele Unternehmen das Potenzial von Lastenrädern auf der letzten Meile der Transportkette unterschätzen“. Lastenräder könnten vor allem in Städten und Ballungsräumen dazu beitragen, einen Teil des Wirtschaftsverkehrs umweltschonend und effizient abzuwickeln.

Die heutigen Lastenräder könnten nicht nur Boten nutzen, sondern auch Paketdienste. Sogar für Dienstleistungsbereiche wie Pflege- oder Handwerksleistungen sei das Fahrrad als Transportmittel geeignet.

40 bis 50 Kilo Gewicht am Fahrrad

Weber fährt auch in seiner Freizeit Mountain-Bike. Die täglichen Kilometer fürs Schornsteinfegen schätzt er auf 20 bis 30, das Gewicht am Fahrrad auf 40 bis 50 Kilo. Und das bisschen Regen lässt ihn ebenfalls kalt: „Dann ziehe ich eine Regenjacke an. Und ich bin ja auch viel in den Häusern der Kunden.“

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Schornsteinfeger André Weber aus Münster fährt seine Tour jeden Tag mit dem Lastenrad, „denn es lohnt sich nicht, mit dem Auto zu fahren“, sagt er. Foto: Handwerkskammer Münster

Die Vorteile fürs Radfahren liegen auf der Hand: „Es lohnt sich einfach nicht, mit dem Auto zu fahren“, sagt er. Sein Bezirk liegt rund um den Ludgeri-Kreisel in Münster, da sind Parkplätze ohnehin rar. „Für die tägliche Arbeit habe ich alles dabei, was ich brauche.“ Selbst den Kübel mit Speis, den er braucht, um in einem Kamin eine neue Klappe einbauen zu können, bekommt er auf dem Rad mit. „Das muss ich nur vorher wissen“. Lediglich für den großen Industriesauger ist seine Kiste zu klein.

Stau verursacht erhebliche Kosten

Während der fröhliche Schornsteinfeger („Alle freuen sich, wenn ich ins Haus komme“) von Haus zu Haus radelt, suchen seine Handwerkskollegen auf der Straße nebenan einen Parkplatz oder stehen im Stau. Der verursacht angeblich ­allein für das Handwerk im Kammerbezirk Münster rund 90 Millionen Euro Kosten im Jahr. Das hat die Handwerkskammer (HWK) Münster auf der Basis einer Blitzumfrage errechnet.

Einer Mitteilung zufolge haben darin 80 Handwerksbetriebe aus dem Münsterland und der Emscher-Lippe-Region Auskunft gegeben, wie lange ihre Fahrzeuge pro Tag durchschnittlich unproduktiv im Stau stehen: 64 Prozent der Befragten verbringen weniger als 30 Minuten täglich im Stau, 22 Prozent etwa eine halbe Stunde, elf Prozent eine Stunde und drei Prozent mindestens 90 Minuten. Zu Kunden oder der Baustelle unterwegs sind ungefähr 80 Prozent aller Handwerksbetriebe.

In dieser Zeit können die Handwerker keine Aufträge für Kunden erledigen. Der volkswirtschaftliche Schaden der Leerzeiten ist immens.

HWK-Präsident Hans Hund

Im Durchschnitt sitzen zwei Mitarbeiter in den Fahrzeugen. Das summiere sich auf etwa 4,5 Millionen Stunden pro Jahr. „In dieser Zeit können die Handwerker keine Aufträge für Kunden erledigen. Der volkswirtschaftliche Schaden der Leerzeiten ist immens“, bewertet HWK-Präsident Hans Hund das Ergebnis.

Wie praktisch ein Fahrrad sein kann, beweisen die Briefträger schon lange. Gerade in dem Bereich wird auch viel getestet. Paketzusteller erforschen gerade in mehreren Städten, ob eine Zustellung per Lastenrad anstelle eines Sprinters sinnvoll ist. DPD hat Versuchsprojekte in Hamburg und Nürnberg, GLS in Nürnberg und Düsseldorf, TNT testet in Mailand und Turin, DHL Express unterstützt seit Anfang März ein Projekt in Frankfurt am Main. Und bei Hermes wurde Rostock für einen Testversuch auserkoren. Die Vorteile: Kein CO-Emissionen, keine Parkplatznot und auch kleine Gässchen in Altstädten können beliefert werden.

Effizienz und Transportmenge

Nach Angaben eines Hermes-Sprechers ist es für eine ­gültige Bewertung noch zu früh. „Bislang aber sehen die Vorzeichen insbesondere mit Blick auf Effizienz und Transportmenge ganz gut aus“, erklärt Unternehmenssprecher Ingo Bertram auf Anfrage unserer Zeitung. ­Rostock habe einen entscheidenden Vorteil: Dort liegt die Zustellbasis zwar am Stadtrand, ist aber vom Zentrum und den angrenzenden Stadtteilen nicht allzu weit entfernt.

Lastenrad statt Lieferwagen

Das Institut für Verkehrsforschung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat festgestellt, dass Lastenräder „in größerem Umfang“ Krafträder, Autos und leichte Nutzfahrzeuge bis einschließlich 3,5 Tonnen Nutzlast entlasten könnten. Danach könnten gewerblich genutzte Fahrräder bereits unter konservativen Annahmen ein Potenzial von rund acht Prozent der Fahrten des betrachteten Wirtschaftsverkehrs übernehmen. Dazu müssten die Nutzer allerdings von besonderem Holz geschnitzt sein. Strecken bis zu einer Länge von fünf Kilometern am Stück oder 20 Kilometer auf den ganzen Tag verteilt sollten sie nicht abschrecken – auch nicht die bis zu 50 Kilo Gewicht, die sie dabei transportieren müssen. Immerhin gehört der Elektromotor mittlerweile zum Standard.

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So können Transporter die Basis noch gut erreichen und haben es Radfahrer nicht zu weit. „Das macht es in diesem ­konkreten Fall auch ohne ein (ansonsten fast schon ­zwingend benötigtes) Mikrodepot möglich, eine adäquate Anzahl an Sendungen per Fahrrad zu transportieren“, erklärt Bertram.

Fahrrad statt Transporter

In Berlin ist die Ausgangslage eine andere. Dort testet Hermes seit Anfang Juni 2018 den Einsatz von Lastenrädern in den Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg. Fünf Paketdienste teilen sich dafür ein sogenanntes Mikrodepot am Mauerpark. Das bedeutet: Transporter bringen die Pakete zu den Containern, aus denen die Fahrradboten ihre Aufträge abholen und zu den Kunden bringen.

Da ihr Einsatzgebiet im Umkreis von zwei Kilometern rund um das Mikrodepot liegt, können die Radfahrer mehrmals am Tag dorthin zurückkehren, um neue Ladung aufzunehmen. Das klappt so gut, „dass wir hier an immer mehr Tagen einen Transporter durch ein Fahrrad ersetzen können“, meint der Hermes-Sprecher. Besser geht es nicht, findet Bertram.

Erfahrungen werden geteilt

Schornsteinfeger André Weber aus Münster hat derweil auf seinem Lastenrad Erfahrungen gesammelt, von denen bei Hermes noch gar keine Rede ist: „Ich werde viel auf mein Rad angesprochen“, erzählt er. Manchmal kommen Kunden mit nach draußen, um es sich genauer anzuschauen. Und wenn nötig, gibt er Kunden, die selbst überlegen, sich ein ­Lastenrad anzuschaffen, eine kurze Beratung. Da freuen sich seine Kunden noch mehr, wenn er wieder bei ihnen um die Ecke kommt, als sonst schon.

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