Gefährlicher Übereifer
Falscher Kinderschänder-Verdacht: Ermittlungen der Polizei überlassen

Münster-Roxel -

Bundesweit machte der Fall des vermeintlichen Kinderschänders aus Münster-Roxel Schlagzeilen: Die Polizei und ein Medienrechtler warnen vor den möglichen Folgen von Selbstjustiz.

Montag, 28.01.2019, 20:00 Uhr aktualisiert: 28.01.2019, 20:14 Uhr
Die Verbreitung von Infos bei Facebook ist eine Veröffentlichung und kann Konsequenzen haben
Die Verbreitung von Infos bei Facebook ist eine Veröffentlichung und kann Konsequenzen haben Foto: Jens Büttner/dpa

Angefangen hatte alles mit ein paar Schneeflocken, letztlich aber sorgte der Fall des 30-jährigen Asylbewerbers, der erst Erwachsene und schließlich Kinder angesprochen hatte, weil er sich ein Foto von sich im Schnee wünschte, am Wochenende bundesweit für Aufsehen. Eltern hatten den Mann, der kein Deutsch spricht, ausfindig gemacht, ihn fotografiert und das Bild schließlich via Messenger-Diensten verbreitet. Auch in Facebook fand das Foto Eingang – versehen mit einer Warnung vor dem vermeintlichen Kinderschänder.

Behörde ermittelt 

Das, da ist sich die Polizei Münster sicher, hätte niemals passieren dürfen. Aus einfachem Grund: „Es ist nicht Aufgabe von Privatleuten mögliche Straftaten aufzuklären. Dafür ist die Polizei zuständig“, stellte Polizeisprecher Andreas Bode am Montag gegenüber unserer Zeitung unmissverständlich klar. Aufgrund der Vorkommnisse ermittele die Behörde wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten, Beleidigung, Verleumdung und übler Nachrede.

Ähnliche Fälle gibt es in Münster immer wieder. Polizeisprecher Andreas Bode erinnert in diesem Zusammenhang an einen Fall, der ihm im Gedächtnis geblieben ist. Nach der Amokfahrt vor dem Kiepenkerl sei das Bild eines Interviewten als vermeintliches Konterfei des potenziellen Täters verbreitet worden. Und in Coerde waren im September Plakate aufgetaucht, auf denen ein Junge wegen Kindermissbrauchs angeklagt wurde.

Erstellen und Teilen solcher Inhalte kann teuer werden

Der münsterische Medienrechtler Professor Dr. Thomas Hoeren macht klar, dass sowohl das Erstellen als auch das Teilen solcher Inhalte „sehr, sehr teuer“ werden könne. „Grundsätzlich ist es so, dass eine Einzelperson nur mit Einwilligung fotografiert werden darf“, so Hoeren. Eine Ausnahme sei gegeben, wenn eine Person zufällig vor einem fotografierten Gebäude stehe. Und auch ein Foto zur Ermittlung einer Straftat sei sicher gerechtfertigt. „Wo das Foto aber garantiert nichts zu suchen hat, ist in den sozialen Medien“, sagt Hoeren. Das könne sowohl straf- als auch zivilrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Strafrechtlich seien dafür Geldbußen aber auch Bewährungsstrafen möglich. Zivilrechtlich könnten fünf- bis sechsstellige Schadensersatzforderungen die Folge sein. „So etwas“, warnt Hoeren, „kann existenzbedrohend sein – für beide Seiten.“

Was die Eltern hätten machen sollen:

Richtig wäre es dagegen gewesen, die Polizei hinzuzurufen, sagt Polizeisprecher Bode. Und sogar ein Foto sei prinzipiell in Ordnung. Das aber gehöre nur der Polizei weitergeleitet und nicht in sozialen Medien. Zudem sei das Bild wieder zu löschen. Im Falle des Falles, beim Beobachten einer Straftat, gebe es das Mittel der Jedermann-Festnahme beim Beobachten von Straftaten. Bei weniger klaren Fällen könne man dem Verdächtigen einfach hinterhergehen und die Behörde via Telefon dazurufen. „Das ist doch heutzutage mit Handys kein Thema mehr.“

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