Tierexperimentelle Forschung
Das (Un)-Recht des Stärkeren

Münster -

Darf der Mensch Tiere für seine Zwecke nutzen? Eine hochrangig besetzte Podiumsdiskussion im Rathausfestsaal hat sich diesem Thema genähert und dabei offenbart, wie unterschiedlich die Sichtweisen bei diesem Thema sind.

Dienstag, 12.02.2019, 18:00 Uhr aktualisiert: 13.02.2019, 11:52 Uhr
So wie an diesem Rhesus-Affen werden in Deutschland jedes Jahr an über zwei Millionen Tieren Versuche durchgeführt.
So wie an diesem Rhesus-Affen werden in Deutschland jedes Jahr an über zwei Millionen Tieren Versuche durchgeführt. Foto: dpa

Dr. Johann Ach outete sich gleich zu Beginn des Abends: Er sei kein großer Freund von Tieren, räumte der Leiter des „Centrum für Bioethik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität ein. Gegen Tierversuche aber ist Ach dennoch. Dass sich der Mensch über das Tier stelle, es sogar töte, dafür habe er noch nicht viele vernünftige Gründe gehört, sagte Ach.

Nur wenige Meter von Ach entfernt saß zu diesem Zeitpunkt Dr. Kerstin Bartscherer . Im Studium habe sie mal verweigert, eine Maus zu töten. Zudem sei sie Vegetarierin, erzählte die Forscherin des Max-Planck-Instituts für Molekulare Biomedizin in Münster. Tierversuche aber hält Bartscherer dennoch für wichtig. Einerseits weil sie wissenschaftlich denke, sagte Bartscherer. Wenig später führte die junge Mutter noch einen weiteren, weitaus menschlicheren Grund an. Gerade seitdem sie Kinder habe, wolle sie, dass alles Mögliche für deren und – so war es wohl zu verstehen – auch für den Schutz anderer Kinder unternommen werde.

Um über Sinn und Unsinn von Tierversuchen zu diskutieren, kamen im Rathausfestsaal (kl. Foto, v.l.) Johann Ach, Anna Ringbeck (VHS), Moderatorin Andrea Benstein, Roman Kolar, Thomas Paal (Stadt Münster), Bettina Schöne-Seifert, Gaby Neumann, Ralf Adams und Kerstin Bartscherer zusammen.

Um über Sinn und Unsinn von Tierversuchen zu diskutieren, kamen im Rathausfestsaal (kl. Foto, v.l.) Johann Ach, Anna Ringbeck (VHS), Moderatorin Andrea Benstein, Roman Kolar, Thomas Paal (Stadt Münster), Bettina Schöne-Seifert, Gaby Neumann, Ralf Adams und Kerstin Bartscherer zusammen. Foto: Björn Meyer

Achs und Bartscherers Aussagen waren am Montagabend nur zwei von vielen interessanten bei der VHS-Podiumsdiskussion im Rathausfestsaal, der auch Ralf Adams ( Max-Planck-Institut ) und Professor Dr. Bettina Schöne-Seifert (WWU) als Tierversuch-Befürworter sowie Dr. Gaby Neumann (Ärzte gegen Tierversuche) und Roman Kolar (Leiter der Akademie für Tierschutz) als Gegner von Tierversuchen angehörten.

Wie schwierig die Beantwortung der zentralen Frage des Abends, „Darf der Mensch Tiere für seine Zwecke nutzen?“, ist, wurde deutlich. Nicht nur, weil es unterschiedliche Sichtweisen und Deutungen gibt, sondern auch weil zentrale Punkte wie das tierische Empfinden, aber auch der Nutzen von Tierversuchen nicht abschließend geklärt sind.

Um sich dem Thema so gut es geht zu nähern, sei viel Fachwissen notwendig, befand Professorin Bettina Schöne-Seifert. In der Realität sei es doch nur das Recht des Stärkeren, das den Menschen zu Tierversuchen befähige, hielt Roman Kolar, Leiter der Akademie für Tierschutz, dagegen.

Zur Sprache kamen an diesem Abend auch die 2017 aufgedeckten Vorfälle an der Medizinischen Fakultät der WWU, wo unerlaubte Tierversuche durchgeführt worden waren.

„Alle auf dem Podium sind sich zumindest in einer Sache einig: Dass es nicht egal ist, was mit Tieren gemacht wird“, so Schöne-Seifert. Die jeweilige Bewertung des Ganzen war gleichwohl sehr individuell. Es gehe darum, auf Alternativen zu setzen, war eine von vielen deutlichen Thesen von Dr. Gaby Neumann. Diese Alternativen aber seien – zumindest bislang – noch nicht immer geeignet, hielt Professor Ralf Adams vom Max-Planck-Institut dagegen. Erst kürzlich sei es gelungen, durch Versuche an Mäusen auch beim Menschen zwei Gene zu identifizieren, die für vererbliche Krankheiten verantwortlich seien.

Eine Aussage blieb zudem an diesem Abend hängen: „In Deutschland werden fast 100 Prozent aller Tierversuche genehmigt“, sagte Roman Kolar.

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