Kommission schlägt Alarm
Von wegen barrierefrei!

Münster -

Die Kommission zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in Münster schlägt Alarm: Behinderte werden im Straßenverkehr drangsaliert.

Dienstag, 12.02.2019, 19:30 Uhr
Wer mit dem Rollstuhl in Münsters Innenstadt unterwegs ist, hat nicht selten Probleme, sich einen Weg durch wild abgestellte Fahrräder zu suchen.
Wer mit dem Rollstuhl in Münsters Innenstadt unterwegs ist, hat nicht selten Probleme, sich einen Weg durch wild abgestellte Fahrräder zu suchen. Foto: Matthias Ahlke

Am 24. Februar ist es zehn Jahre her, dass die Bundesrepublik Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN ratifiziert hat. Deutschland hat dadurch ein neues Wort bekommen: Inklusion.

Marianne Koch , seit 15 Jahren Vorsitzende der Kommission zur Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in Münster, kurz KIB, sieht diesem Datum mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits sei auf behördlicher Ebene viel getan worden, berichtet sie. Anderseits mangele es aber an Akzeptanz in der Bevölkerung. „Besonders die Situation im Straßenverkehr wird schlechter.“

Nach vielen Gesprächen mit Behinderten hat Marianne Koch einen schier endlosen Fundus an Beispielen:

► Da werden Ampeln behindertengerecht umgebaut, aber Behinderte erleben regelmäßig Hup- und Klingelattacken aggressiver Auto- und Radfahrer, wenn sie nicht schnell genug die Straße überqueren.

► Immer mehr Piktogramme und Leitsysteme für Blinde werden im Straßenraum installiert, verfehlen aber ihre Wirkung, weil sie im Nichts enden oder zugestellt und zugeparkt sind.

► Falschparker und wild abgestellte Fahrräder schränken die Mobilität von Menschen mit Rollstuhl oder Rollator deutlich ein.

Marianne Koch muss geradezu lachen, wenn sie an die alte Pfadfinder-Tugend denkt, einmal am Tag einer alten Frau über die Straße zu helfen. Die Erfahrungen heute seien gänzlich andere: Blinde, Gehbehinderte, Senioren oder Rollstuhlfahrer müssten sich beim Gang durch die Stadt dumme Sprüche gefallen lassen. „Es herrscht ein Kampf um den Straßenraum.“

Doch auch abseits der Straßen kennt Marianne Koch viele strukturelle Benachteiligungen, bei denen sich die KIB-Vorsitzende wünscht, Deutschland würde das Vorbild anderer Länder beherzigen.

► In skandinavischen Ländern haben Gehörlose bei Arztbesuchen, Elternabenden oder bei Einkäufen ein Anrecht auf einen Dolmetscher, der die Gebärdensprache beherrscht und für den Gehörlosen eine Verständigung herstellt. In Deutschland gebe es eine entsprechende Regelung nicht.

►In Großbritannien bekommen Fernsehanstalten, die ihre Sendungen nicht untertiteln, erst gar keine Betriebserlaubnis, in Deutschland gebe es diese Vorschrift nicht.

Und was steht bei der Vorsitzenden fernab des Dauerthemas „Inklusion im Schulunterricht“ noch auf der Wunschliste?

Es sind ganz viele Kleinigkeiten: ein zweiter Handlauf in den Treppenhäusern öffentlicher Gebäude für Kleinwüchsige etwa, Selbsthilfegruppen für psychisch Kranke, mehr Bänke für Gehbehinderte in der Innenstadt – und vieles mehr. „Ich werde langsam ungeduldig“, will Marianne Koch nicht noch einmal zehn Jahre warten.  

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